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Bürgerinitiative zum Wiederaufbau
von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V.

Paulinerverein
Brühl 76 * D-04109 Leipzig
Email: paulinerverein@t-online.de
Internet: www.paulinerverein.de

Leipzig, im Advent 2007

Weihnachtsbrief

Liebe Mitglieder des Paulinervereins, liebe Freunde der Universitätskirche,

nun sehen wir sie also schon wachsen, die Universitätskirche und Aula. Das Kellergeschoss ist fertig betoniert, mit achteckigen Pfeilern am alten Ort. Wenn man in den noch offenen Keller hineinschaut, kann man erahnen, welch schöner Raum die Kirche einmal war und wie sie wieder aussehen könnte!

Ja, könnte, denn noch gelten die veränderten Vorstellungen über die Innengestaltung, mit einer Trennwand zwischen Chor und Schiff und mit gläsernen Leuchtsäulen anstelle der Pfeiler, die zum Teil nicht bis zum Boden reichen.

Wir haben auf Anregungen aus der letzten Mitgliederversammlung die Ihnen bekannte Reihe von Diskussionsforen geplant und teilweise auch schon durchgeführt, um die Debatte zu versachlichen und zu retten, was noch zu retten ist. Die beiden bis jetzt stattgefundenen Podiumsgespräche verliefen in sachlicher Atmosphäre und brachten deutlich zum Ausdruck, dass es so wie geplant nicht geht.

Unter reger Anteilnahme Leipziger Bürgerinnen und Bürger fand am 23. Oktober in der Evangelisch-Reformierten Kirche das Gesprächsforum "Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Bachstätte. Die Zukunft der Universitätsmusik" statt. Die Podiumsteilnehmer - u.a. Thomaskantor Georg Christoph Biller, der Organist Matthias Eisenberg, Universitätsmusikdirektor David Timm und Universitätsprediger Martin Petzoldt - waren sich darin einig, daß im zukünftigen Bau am Ort der gesprengten Universitätskirche gerade auch für die Leipziger Universitätsmusik, die 1968 durch die Sprengung der Universitätskirche auf brutale Weise ihre angestammte Heimstatt verloren hat, wieder optimale Bedingungen geschaffen werden müssen. Nach dem jetzigen Stand der Dinge seien akustische Beeinträchtigungen zu befürchten. Diese wären mit einer einstigen Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs, Felix Mendelssohn-Bartholdys und Max Regers unvereinbar. "So wie es derzeit geplant ist, kann es nichts werden", äußerte sich der sechzehnte Nachfolger Bachs im Amt des Leipziger Thomaskantors, Professor Georg Christoph Biller. "Ich glaube an das Gotteshaus" sagte der Universitätsmusikdirektor, und Matthias Eisenberg brachte es auf den Punkt: "Entscheidend ist der Geist des Hauses: Soli Deo Gloria".

Am 27. November schloß sich in der Alten Börse in Leipzig das zweite Diskussionsforum über "Die Universitätskirche St. Pauli", diesmal zu dem Thema "Gotteshaus und Kunstwerk" an. Das Podium war mit ausgewiesenen Architekten und Kunstwissenschaftlern kompetent besetzt. Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch von der Zeitung DIE WELT moderierte das Gespräch. Zweihundert interessierte Bürger füllten den Saal. Gegenstand der Debatte war, ob und wie die gerettete Ausstattung aus der gesprengten Kirche in dem Neubau einen ihr angemessenen Platz finden kann.

Professor Heinrich Magirius, Landeskonservator in Sachsen, machte deutlich, dass der Wiederaufbau der Universitätskirche nach der Barbarei der Zerstörung eine moralische Pflicht sei, da die Kunstwerke für genau diesen Raum gestiftet sind und ein Recht auf Wiederaufbau besteht, auch wenn die politische Entscheidung anders gefallen ist. "Was ist unter den gegebenen Umständen noch machbar? Der Innenraum, die exakte Wiederherstellung seiner Dimensionen und der ursprünglichen Strukturen." Angesichts des skandalösen Umgangs mit den in der Kirche bestatteten Persönlichkeiten und der Plünderung ihrer Gräber sei eine Architektur nötig, "die den Epitaphien und damit den Toten eine gewisse Würde zurückgibt."

Professor Peter Findeisen, Landeskonservator in Sachsen-Anhalt, berichtete von der Bergung Ende Mai 1968, die er selbst miterlebt hat. Nicht einmal ein Gerüst habe ihm zur Verfügung gestanden. Unter extremem Zeitdruck - das Datum der Sprengung wurde zunächst geheim gehalten und sei vermutlich von der für das Bohren der Sprenglöcher benötigten Zeit bestimmt worden - musste er eine Auswahl treffen. Er habe mit weißer Farbe an nicht sichtbaren Stellen die z. T. zerbrochenen Teile fortlaufend bis über 80 nummeriert.

Die so geborgenen, künstlerisch sehr wertvollen Epitaphien aus Holz, darin waren sich die Sachverständigen einig, würden in einem nicht klimatisierten Raum Schaden nehmen. Für eine dementsprechende Klimaanlage und auch für die Restaurierung der geretteten Ausstattung fehle aber das Geld, so Dr. Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität. Der Bauherr habe dafür bisher nichts zur Verfügung gestellt.

Kontrovers wurde diskutiert, was sachgemäß ist, wenn der Raum, für den die Kunstwerke geschaffen waren, verloren geht: von der archäologischen Rekonstruktion der Kirche bis zur musealen Präsentation und Aufteilung des Bestandes. Sowohl aus dem Podium als auch aus dem Publikum wurde die Wiederaufstellung sämtlicher geborgener Kunstwerke, vor allem der Barockkanzel und des Paulineraltars, gefordert. Dankwart Guratzsch lenkte den Blick auf andere Bauten mit vergleichbaren Problemen und auf die noch andauernde Debatte über den Wiederaufbau untergegangener Symbolbauten, die immer öfter zugunsten der Rekonstruktion entschieden wird, besonders dort, wo Unrecht zur Zerstörung geführt hatte. In diesem Sinne soll die Debatte zur Universitätskirche am 10. Januar 2008 im Zeitgeschichtlichen Forum unter dem Thema "Gotteshaus und Politikum" fortgesetzt werden.

Trotz aller Bedenken sehen wir dennoch mit Zuversicht und Hoffnung vor unseren Augen die Universitätskirche wieder erstehen. Auch dies grenzt fast an ein Wunder. Es wäre deshalb unverzeihlich, wenn durch ideologische Verbohrtheit, Inkompetenz und die Eitelkeit eines Architekten das wenige, was uns noch verblieben ist, verunstaltet würde.

Am 30. Mai 2008 begehen wir den vierzigsten Jahrestag der verbrecherischen Sprengung. Über der Verzweiflung und dem Zorn, die uns heute noch in der Erinnerung bewegen, wollen wir nicht den Blick nach vorn verstellen. Es gibt noch eine Chance, jetzt die Entwicklung am Bau in vernünftige Bahnen zu lenken und die Blamage von der Stadt und der Universität abzuwenden.

Bitte helfen Sie uns dabei. Die Zeit drängt! Kommen Sie am 10. Januar ins Zeitgeschichtliche Forum. Und kommen Sie am 30. Mai nach Leipzig. Um 10 Uhr zum Zeitpunkt der Sprengung 1968 werden in der Stadt alle Glocken läuten. In der Nikolaikirche erleben wir einen Universitätsgottesdienst, und danach gehen wir auf den Augustusplatz. Unser Landesbischof Jochen Bohl, Professor Ludwig Güttler und die Teilnehmer am Deutschen Evangelischen Posaunentag haben ihr Kommen bzw. ihre Mitwirkung zugesagt. Am Abend gibt es ein Konzert des Universitätschores. Außerdem ist im Neuen Rathaus eine Ausstellung über Lebenswege, die in Verbindung mit der Sprengung der Universitätskirche stehen, zu sehen.

Im Juni 2008 wird Richtfest sein. Wenn im Dezember 2009 das Haus in Dienst gestellt werden sollte, ist Advent. Johann Sebastian Bach lässt in seiner Kantate zum 1. Advent (BWV 61) singen: "...befördre Deines Namens Ehre, erhalte die gesunde Lehre, und segne Kanzel und Altar." Dies sei unser Wunsch zum neuen Jahr.

Wir wünschen Ihnen allen eine gesegnete Adventszeit und ein frohes Weihnachtsfest.

Christian Jonas    Gerd Mucke    Ulrich Stötzner