Informieren Sie sich:
* Erklärung „Für die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
    mit Unterzeichnerliste vom Dezember 2008

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 9./10. Mai 2009 (Printausgabe - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Paulinum: Scheiben werden montiert

Im August entsteht zwischen Andachtsraum und Aulabereich die umstrittene Trennwand aus Plastik

Für den Innenausbau der Universitätsgebäude am Augustusplatz wird die nächste Etappe eingeläutet: Ab Juni sollen im Hauptgebäude und in den Räumen über der Aula des Paulinums die Trockenbauer und Fußbodenleger loslegen. Die umstrittene Trennwand aus Plexiglas – die den Andachtsraum vom Aulabereich trennen und so die klimatischen Bedingungen optimieren soll – wird Ende Juli/Anfang August in Teilen angeliefert und dann im Verlauf des August zusammengebaut.

Parallel dazu sind Bauarbeiter dabei, die Großbaustelle Paulinum abzudichten. Am Giebel auf der Innenhof-Seite sind bereits Glaspanele eingebaut. Das Glas ist mit grünen Punkten bedruckt, um in dem neuen Aula-/Kirchenbau den Sonnenschutz zu gewährleisten und ein zu starkes Aufheizen des Gebäudes zu verhindern. Die Kirchenfenster am Augustusplatz-Giebel würden ab August angeliefert und von September bis Oktober eingebaut, heißt es. Erklärtes Ziel der Bauarbeiter ist es, das Paulinum zur 600-Jahr-Feier der Universität am 2. Dezember 2009 von außen fertig und komplett abgerüstet zu haben. Der Innenausbau von Paulinum und Hauptgebäude soll bis Ende nächsten Jahres geschafft sein.

Auch die Hülle des neuen Auditorium maximum – ein großer Hörsaal mit 790 Plätzen, dessen Außenhaut sich architektonisch wie der Panzer einer Schildkröte vom Hauptgebäude in den Innenhof schieben wird – soll noch vor der 600-Jahr-Feier fertig sein. Ende September/ Anfang Oktober werde dort die Montage der Außenhaut beginnen, heißt es auf der Baustelle. Voraussichtlich Ende Oktober werde auch dieser Gebäudeteil von außen fertig sein.

Nicht zur 600-Jahr-Feier fertig sein wird die zweite Hälfe des Innenhofes, der inzwischen Leibnizforum heißt. Er werde voraussichtlich im Frühjahr 2010 komplettiert, heißt es. Noch in diesem Monat sollen dagegen die Mensa und die Uni-Bibliothek in Betrieb gehen. Ihre feierliche Einweihung ist für den 4. Juni geplant. Dann sollen auch das neue Hörsaalgebäude sowie das bereits genutzte, umgebaute Seminargebäude und das an der Grimmaischen Straße entstandene Gebäude der Wirtschaftswissenschaften eröffnet werden.

Andreas Tappert

Leipzig, Jahreswechsel 2008/2009

Paulinerverein
Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von
Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V.

Liebe Mitglieder des Paulinervereins,
liebe Freunde der Universitätskirche,

am Augustusplatz entsteht am Ort der gesprengten Universitätskirche ein neues Haus. Trotz aller Schwierigkeiten sind wir dankbar für dieses Zeichen des Wiedererstehens. Wir sind aber nach wie vor auch in Sorge.

Am 21. Oktober fand unter Ausschluss der Leipziger Bürgerschaft das Richtfest statt. Der sächsische Finanzminister, Professor Georg Unland, nahm die Bedenken auf und fand klare Worte für die Zukunft der Universität und ihrer Kirche: "Deutschland schaut auf diese Baustelle.
[...] Diese Universität repräsentiert die Glaubensund Wissenschaftsfreiheit und vor allem auch die 1989 in Leipzig errungene politische Freiheit. Ich würde es mir also wünschen, wenn diese drei Freiheiten gemeinsam und nicht getrennt ihre Widerspiegelung in der Gestaltung des Innenraumes finden würden." Er mahnte, die Universität sei "kein Elfenbeinturm" und könne "nicht isoliert von der Gesellschaft" entscheiden.

Der derzeit vorgesehene Innenraum weicht nach wie vor von dem ursprünglichen Entwurf erheblich ab. Die Kirche und Aula soll nach den Wünschen der Universitätsleitung und den dementsprechenden Vorstellungen des Architekten eine von teilweise hängenden Lichtsäulen dominierte Gestalt erhalten. Eine den Chorraum und das Schiff trennende, nur teilweise verschiebbare Glaswand ist vorgesehen. Dadurch sind funktionale und akustische Probleme zu befürchten.

Wir erinnern in diesem Zusammenhang an die von der Staatsregierung des Freistaates Sachsen und der Universität vorgegebene Aufgabenstellung für den Architektenwettbewerb und das ihm folgende Qualifizierungsverfahren. Darin hieß es, der Bau soll als "Ort akademischer Veranstaltungen, der Universitätsgottesdienste und der universitären Musikpflege eine lebendige Begegnungsstätte werden". Weiterhin hieß es: "Wesentlich ist dabei die Nutzung als Aula und als Kirche". Für diese, der Tradition des Ortes angemessene, und für keine andere Lösung hat der Freistaat die entsprechenden Mittel der Steuerzahler zur Verfügung gestellt.

Im Jahre 2004 war unter Mitwirkung des Paulinervereins ein Kompromiss erzielt worden. Die nachträglichen Veränderungen am Entwurf entsprechen nicht mehr den damaligen Zusagen. Eine Rückkehr zum einmal gefundenen Kompromiss ist nicht nur möglich, sondern dringend notwendig, Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie der Raum künftig aussehen und wie er genutzt wird.

Auf Einladung der Generalbundesanwältin, Frau Professor Harms, fanden jüngst zwei Gespräche zwischen Landesbischof Jochen Bohl, dem Rektor der Universität, Professor Häuser sowie weiteren Vertretern der Universität, des Freistaates und der Stadt zu diesen Fragen statt. In deren Ergebnis wurde vereinbart, dass das Gebäude im Untertitel als "Aula. Universitätskirche St. Pauli" bezeichnet wird sowie eine regelmäßige Durchführung der Universitätsgottesdienste "grundsätzlich" gewährleistet ist. Beschlüsse über die Wiederaufstellung von Kanzel und Altar sind uns nicht bekannt. Trotz aller Proteste besteht die Universitätsleitung auch nach den Gesprächen, zu denen wir nicht eingeladen waren, auf der Errichtung der Trennwand.

Für uns bleibt es dabei: Nur eine klare Entscheidung für die Universitätskirche St. Pauli, die als Kirche - mit Altar und Kanzel - und als Aula genutzt werden kann, ohne Trennwand zwischen Chorraum und Kirchenschiff, überwindet faktisch die Unrechtsentscheidung von 1968. Dafür treten wir weiter ein und bitten auch Sie, dies zu tun.

Wir haben gerade in jüngster Zeit sehr viel Zuspruch und Unterstützung für das Anliegen der Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli erfahren. Wir danken Ihnen für Ihre Briefe an den Ministerpräsidenten, an Zeitungen und an uns.
Wir bedanken uns bei all denen herzlich, die uns durch Spenden unterstützt haben. Für unsere weitere Arbeit ist Ihre finanzielle Hilfe zwingend erforderlich. Wir vertrauen weiterhin, gerade im entscheidenden Jahr 2009, auf Ihre Unterstützung.

Am 12. Januar 2009 um 17 Uhr veranstaltet das Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli" ein Friedensgebet für die Universitätskirche in der Nikolaikirche, wozu wir Sie hiermit herzlich einladen.

Die Universitätskirche soll ein Ort des Friedens und der Versöhnung werden. In herzlicher Verbundenheit und mit den besten Wünschen für ein gutes Jahr 2009.

Ihre

Christoph Michael Haufe
Christian Jonas
Ulrich Stötzner
Gerd Mucke

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"Gerade die christliche Kirche soll und kann ein Ort für ehrliche Selbstinfragestellung und Selbsterkenntnis, für gelingende Selbstverwirklichung, für Wahrheit, die in der Tiefe liegt wie für eine Weltveränderung sein, die aus der Selbstveränderung kommt. [...]
Eine Universitätskirche mitten im Campus mag fortan - unter den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts - als ein Ort profilierten Dialoges und der vergegenwärtigenden Aneignung großer Traditionen, als Ort der Selbstbesinnung, der Selbstklärung, der Orientierung und der Handlungsmotivation fungieren. [...]
Die Kirche als Ort befreiender und gefährlicher Erinnerung reflektiert unseren Umgang mit Macht, unsere Unterwerfung unter die Macht selbstkritisch.
Sie thematisiert Machtanmaßungen der Mächtigen und Machtmißbrauch der Diktatoren. [...] Sie ermutigt zum offenen Wort: Schreit, was euch ins Ohr geflüstert wird, herab von den Dächern. [...]
Was geschehen ist, ruft nach Wiedergutmachung - so gut das noch möglich ist. Das bedeutet, dass nun durch die Innenarchitektur das Christliche nicht wieder zu einer Art Sonderbereich für sonderbare, gar vorgestrige Leute gemacht wird. [...]
Was wir Heutigen entscheiden, ist nicht "für die Ewigkeit". Doch es soll schon Bestand haben, nicht kurzzeitig-zeitgeistigem Geschmack mit einer absperrenden Durchsichtigkeit und leuchtenden Säulenattrappen entsprechen, vor denen schon eine nächste Generation den Kopf schütteln mag. [...]
Leipzig braucht die Universitätskirche als eine störende, als eine heilsame Erinnerung, in der Vergegenwärtigung geschieht, damit menschliche Zukunft gefördert wird, immer das bedenkend, worüber wir als Menschen nicht verfügen können. Kirche als ein Störfaktor, ein innerer Kraftquell, ein Orientierungsort."

Friedrich Schorlemmer am 30. Mai 2008
auf dem Augustusplatz in Leipzig


Dezember 2008

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Magirius

Denkmalpflegerische Gesichtspunkte bei der Innenraumgestaltung des sogenannten "Paulinums" im Universitätscampus der Universität Leipzig

Der Innenraum des "Paulinums" an der Stelle der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli ist vom Bauherrn, dem Freistaat Sachsen, und vom entwerfenden Architekten Erick van Egeraat als "Erinnerungsarchitektur" konzipiert. Der langgestreckte, dreischiffige und mit der Andeutung eines Gewölbes versehene Raum soll an den spätgotischen Zustand der Kirche erinnern. Auch die zukünftige Nutzung lehnt sich an diese Tradition an: Der Raum soll als Gottesdienststätte, als Konzertraum und als Universitätsaula dienen. Nicht zuletzt aber werden hier die 1968 unter schwierigen Bedingungen aus der Kirche geretteten Kunstwerke, vor allem mehr als 50 Epitaphe, Bilder und Skulpturen, die zur Zeit mit großem Aufwand restauriert werden, museal gezeigt werden. Dazu gehört nicht zuletzt die 1738 von Valentin Schwarzenberger geschaffene Barockkanzel. Denkmalwert im Sinne des Denkmalschutzgesetzes sind allein diese historischen Kunstwerke. Sie müssen in dem neuen, aber dem historischen Zustand angenäherten Raum nicht nur konservatorisch verantwortbar, sondern auch ihrer kunsthistorischen Bedeutung entsprechend zur Wirkung gebracht werden. Seit dem 18. Jahrhundert waren die Epitaphe und Bildwerke vor allem im Chorbereich konzentriert aufgesellt. Die Kanzel stand an einem der nördlichen Pfeiler. Im Sinne der beabsichtigten Erinnerungsarchitektur wäre es falsch, den Chor als Gottesdienstraum und "Museum" vom Langhaus als "Aula" und "Konzertraum" durch eine Glaswand abzutrennen. Es käme vielmehr gerade darauf an, den gesamten Raum als einen historisch geprägten erlebbar zu machen. Dabei hat - das zeigen die Fotos aus der Zeit vor 1968 - die Kanzel eine entscheidende Rolle als Bindeglied zwischen dem Chor und dem Langhaus gespielt. Eine andere Stelle als die historisch vorgegebene ist für die Kanzel kaum denkbar. Es scheint völlig unverständlich, wenn heute die historische Kanzel nicht aufgestellt werden dürfte.

Selbst in der Zeit der DDR gelang es, liturgische Ausstellungsstücke in zu Konzertsälen umgestalteten Kirchenräumen zu erhalten. Verstärkt wird der "historische" Charakter des neuen Raums auch durch die auf einer Westempore vorgesehene Orgel. Deren Klangentfaltung wird allen Erfahrungen mit ähnlichen Glaswänden in Kirchenräumen zufolge wesentlich beeinträchtigt. Auch wenn die beabsichtigte Verwendung von Plexiglas (Polymetaacrylat) die zu erwartende Härte der Akustik vielleicht etwas mildern könnte, wird sicherlich die Wirkung der Raumakustik durch eine Wand ungünstig beeinflusst werden. Nicht zuletzt ist auch die Vorstellung, dass der Baustoff Glas deshalb, weil er durchsichtig ist, keine trennende Wirkung hervorriefe, völlig falsch. Das ist durch die Rolle, die "Glas" in der modernen Architektur gespielt hat, zu belegen. Bleibt das Argument für die Glaswand, nur mit einer solchen sei eine Klimatisierung des den Denkmälern zugestandenen Chorbereichs zu realisieren. Zu hoch geschraubte Anforderungen an ein konstantes Raumklima dieses Bereichs sollte man aber nicht stellen. Alle Erfahrungen lehren, dass gerade auf diesem Gebiet angeblich perfekte Lösungen häufig versagen. Je größer die Raumvolumina sind, desto eher sind Schwankungen der Luftfeuchtigkeit abzupuffern. In sehr vielen Kirchenräumen, die durch Menschenansammlungen beeinflusst und im Winter oft seit mehr als hundert Jahren in unterschiedlicher Weise aufgeheizt werden, befinden sich Kunstgegenstände aus Holz. Nirgendwo ist eine Vollklimatisierung möglich gewesen, auch wenn selbstverständlich alles getan werden muss, in jedem Falle möglichst verträgliche Bedingungen zu schaffen. Aber es wäre ein Irrglaube, perfekte Bedingungen auch nur für einen beschränkten Bereich schaffen zu können, zumal dann jedes einzelne Objekt eigentlich sein eigenes Klima benötigte.

Schließlich möchte ich mich als Denkmalpfleger noch einmal entschieden für das Anbringen der Epitaphe an Wänden aussprechen. Die großenteils riesigen, in der Mehrzahl aus Stein gearbeiteten und stark in den Raum hinein wirkenden Objekte benötigen als Fond Wände, wie sie einst in der Universitätskirche mit den Chorabschrankungen vorhanden waren. Die Vorstellung des Architekten, die überlieferten Denkmale gleichsam freischwebend im Raum zu zeigen, widerspricht jeder Einsicht in ihre adäquate ästhetische Wirkungsweise. Hätte der Architekt ein Bauwerk geschaffen, das von jeder Erinnerung an die historische Vorgegebenheit absähe, könnte man sich vielleicht ein solches Spiel mit neuartigen ästhetischen Effekten vorstellen, nicht aber in einem Bauteil, der auch durch seine Nutzung als Kirchenraum ausdrücklich an die ehemalige Universitätskirche St. Pauli erinnern soll.

Prof. Dr. Heinrich Magirius

Professor Dr. Dr. h.c. Heinrich Magirius war von 1994 bis 1999 Landeskonservator in Sachsen


Kundgebung und Thesenanschlag

Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ hat am Reformationstag ab 12.30 Uhr einen Thesenanschlag vor dem Bauzaun am Augustusplatz durchgeführt. Auf der Kundgebung mit einer Beteiligung von über 1000 Personen haben gesprochen: Superintendent Martin Henker, SPD-Bundestagsabgeordneter Gunter Weißgerber und Studentin Tina Binder. Musikalisch wurde die Veranstaltung umrahmt vom Bläserchor der Kirchgemeinde St. Nikolai-St. Johannis. Im Verlauf der Kundgebung wurden auch die Thesen am Bauzaun befestigt.

Es rufen auf:
Prof. Dr. Rainer Eckart - Rainer Fornahl
Martin Henker - Regina Schild - Rolf Sprink
Walter Christian Steinbach
Dr. Ulrich Stötzner - Gunter Weißgerber
Christian Wolff

Wir wollen der Forderung Nachdruck verleihen, dass die neue Universitätskirche auch so benannt wird und keine trennende Glaswand erhält.

Fünf Leipziger Thesen

  1. Das SED-Regime ließ 1968 die Universitätskirche sprengen, um einen Ort des freien Wortes zu beseitigen. Auch heute brauchen Stadt und Universität einen solchen Ort.
  2. Die Trennung von Kirche und Staat regelt, aber verhindert nicht die Begegnung von Glauben und Wissenschaft im kritischen Dialog. Wir fordern die dreifache Nutzung der Universitätskirche: gottesdienstlich, akademisch, musikalisch.
  3. Namen sind mehr als Schall und Rauch. Darum "Universitätskirche St. Pauli".
  4. Die vorgesehene Glaswand trennt künstlich, was zusammengehört: Aula und Kirche. Wir fordern, auf den Bau der Trennwand zu verzichten.
  5. Am Augustusplatz entsteht eine neue Kirche. Sie findet ihre Vollendung in der Aufstellung von Altar und Kanzel. Das steht der vielfältigen Nutzung der Universitätskirche nicht im Wege.

Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli"
31. Oktober 2008

Lesen Sie die Redebeiträge:

Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Trennwand (13. Oktober 2008)
* Weihepredigt von D. Martin Luther zu Leipzig am 12. August 1545 geschehen
* Die Angst vor der Kirche

* Erklärung christlicher Studentinnen und Studenten in Leipzig zur Nutzung des universitären Neubaus am Campus Augustusplatz
* Offener Brief an den Rektor und die Senatoren/-innen der Universität Leipzig
der studentischen Mitglieder von Chor, Orchester und BigBand der Universität Leipzig


Quelle: http://www.lvz-online.de/aktuell/content/81920.html
© LVZ-Online, 11.12.2008, 21:29 Uhr

Bundestagsvize Thierse kritisiert geplante Glaswand in Paulinum

Leipzig. Im Streit um das Paulinum auf dem Leipziger Uni-Campus hat Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) die geplante Glaswand zwischen Altarraum und Aula kritisiert. "Man hat sich ausdrücklich für den Entwurf eines Kirchenraums entschieden und nun fürchtet man sich vor der eigenen Konsequenz", sagte der Politiker. Sollte die frühere Verbindung von Kirche, Aula und Musikraum aufgelöst werden, sei dies ein "radikaler Traditionsbruch". Deshalb unterstütze er das Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli", die eine solche Trennwand ablehnten. Die Initiative setzt sich zudem für den Namen "Universitätskirche" ein.
"Die Sprengung war damals von ungeheurem Gewicht für die Geschichte der DDR, heute ist es ein ähnlicher Vorgang", sagte Thierse. Er wünsche sich, dass die Universität und die Stadt Leipzig ihre eigene Geschichte rund um den "kulturbarbarischen Akt" der Sprengung 1968 stärker reflektierten. Der Streit um die Glaswand zeige, dass hier noch immer eine "ideologische Barriere" vorliege. "Was würde man denn machen, wenn die Kirche damals nicht gesprengt worden wäre?". Es wäre gut, wenn manche Blockade in der Debatte aufgelöst würde, sagte der Bundestagsvizepräsident.

dpa
Konferenz des Aktionsbündnisses Neue Universitätskirche St. Pauli gestern im Gemeindesaal der Nikolaikirche
Foto: Norman Rembarz

„Radikaler Traditionsbruch“

Bundestagsvize Wolfgang Thierse kritisiert Umgang der Universität mit ihrer Kirche

Lob für den neuen Aula-Kirche-Bau und zugleich heftige Kritik an der Uni für ihren Umgang mit Geschichte: Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) besuchte gestern die Campusbaustelle und sprach sich für den Namen Universitätskirche aus. Es entstehe „ganz klar ein Gotteshaus“, das aber als solches von der Alma mater nicht anerkannt werde. „Das erzeugt den Eindruck einer ideologischen Barriere.“

Thierses Parteigenossen, die Leipziger Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber und Rainer Fornahl, hatten ihn eingeladen. Beide gehören dem Aktionsbündnis Neue Universitätskirche St. Pauli an. „Ich hatte Freunde in Leipzig, die sich gegen die Kirchensprengung 1968 engagierten. Die Stasi befragte mich damals nach ihnen“, erzählte der Berliner Politiker. Die Sprengung sei der „sichtbarste Akt des antikirchlichen Kampfes der SED“ gewesen. Damit habe die DDR-Regierung zeigen wollen, eine Kirche gehöre nicht in ein sozialistisches Stadt-, und auch nicht in ein wissenschaftliches Zentrum. „Ich sage das ohne Berliner Arroganz: Die Uni Leipzig galt als roteste der Republik.“ Er habe jetzt vor Ort Antworten auf folgende Fragen finden wollen: „Wie geht die Uni mit der Geschichte um? Und: Wird die Entkirchlichung noch als Argument verwendet?“ Rektor Franz Häuser war allerdings nicht zur Thierse-Runde in den Gemeindesaal der Nikolaikirche gekommen. „Wir haben ihn eingeladen. Er hat nicht darauf reagiert“, so Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff.

Antworten fand Thierse aber offenbar auch so. „Ich habe die Diskussion verfolgt und Augen im Kopf: Das ist eindeutig ein Kirchenneubau – mit Bezug auf den Vorgänger.“ Er, Thierse, unterstütze deshalb die Forderungen des Aktionsbündnisses: Dreifachnutzung als Kirche, Aula, Musikraum. Diese Einheit aufzulösen und sich von einem Kirchengebäude zu verabschieden, sei ein „radikaler Traditionsbruch“. Zudem müsse der „sehr beeindruckende“ Bau des Architekten Erick van Egeraat Universitätskirche heißen. Er überwinde ideologische Schranken, „die offensichtlich aber immer noch da sind“. Wer damit argumentiere, die Uni sei ein reiner Ort der Wissenschaft, reiße Gräben auf, wo keine seien. Wer ein Gotteshaus betrete, müsse doch nicht automatisch Ja zum Glauben sagen. Campus und Kirche seien historisch miteinander verwoben, das Argument der Trennung zwischen Staat und Religion greife nicht. „Was würde der Rektor tun, wenn die Kirche noch stünde – sie sprengen lassen?“ Die „unnötige Glaswand“ zwischen Chor und Aula erzeuge „den Eindruck einer ideologischen Barriere“.

Die Bürgerinitiative pro Uni reagierte gestern auf ein LVZ-Interview mit Landesdirektionspräsident Walter Christian Steinbach (CDU). In einem offenen Brief kritisierte sie dessen Plädoyer gegen die Glaswand. Ohne letztere entstünde „ein monofunktioneller Neubau“. Der sei ein „klarer Fall von missbräuchlicher Verwendung staatlicher Mittel für religiöse Zwecke – Stoff für jedes Parlament.“ Was sagt der Parlamentsvize Thierse dazu? „Soweit ich weiß, gibt der Staat für allerhand Gotteshaus-Neubauten Geld, zum Beispiel für Moscheen. Warum sollte das bei der Unikirche nicht der Fall sein?“

Peter Krutsch

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Quelle: http://www.leipzig-fernsehen.de
© Leipzig Fernsehen - Freitag, 12. Dezember 2008 18:01

Streit um die Plexiglaswand

Erst der Streit um den Namen, jetzt um eine Glaswand.

Ursache für die erhitzten Gemüter: der Bau der Plexiglaswand zwischen Aula und Andachtsraum im Paulinum. Für das Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli", ein radikaler Traditionsbruch. Und für die Universität eine nicht-enden-wollende Diskussion.

Wie früher, sollte hier im Innenraum der Kirche Wissenschaft und Religion friedlich in einem Raum vereint werden. Doch was einst verbunden war, soll nun durch eine Wand getrennt sein. Genau das kann das Aktionsbündnis nicht verstehen. Zur Unterstützung wurde nun extra Wolfgang Thierse zur Gesprächsrunde nach Leipzig geholt.

Interview: Wolfgang Thierse, SPD Bundestagsvizepräsident

Man spricht von starren Trennwänden, mit Vorhängen verdunkelt und sogar von ideologischen Barrieren ist die Rede. Der Rektor der Universität nennt es schlichtweg einen transparenten, flexiblen Raumteiler.

Interview: Prof. Dr. Franz Häuser, Rektor Universität Leipzig

Einigkeit herrscht darüber, dass der Neubau des Paulinums kein Kirchenersatz ist, sondern an die mutwillig zerstörte Kirche erinnern soll. Momentan wohl der einzige Punkt, in dem die Parteien übereinstimmen.

Interview: Prof. Dr. Franz Häuser, Rektor Universität Leipzig

Verhärtete Fronten werden Kompromisse und Gespräche wohl zukünftig weiter erschweren.

Interview: Wolfgang Thierse, SPD Bundestagsvizepräsident

Also auf in die nächste Runde. Oder doch nicht?

Interview: Prof. Dr. Franz Häuser, Rektor Universität Leipzig

 

Schauen Sie sich das Video an.

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Quelle: http://www.lvz-online.de/aktuell/content/81926.html
© LVZ-Online, 11.12.2008, 21:31 Uhr

Vorstand der Thomaskirche bietet Kirche für Universitätsfeier an

Leipzig. Der Vorstand der Thomaskirche in Leipzig bietet für die geplante Jubiläumsfeier der Universität die eigene Kirche an. Wie die Gemeinde am Donnerstag mitteilte, könne das Gebäude genutzt werden, falls die neue Universitätskirche zum Zeitpunkt der Festlichkeiten noch nicht fertig ist. Im Dezember nächsten Jahres will die Universität ihr 600-jähriges Bestehen im Paulinum, dem Herzstück des Campus-Neubaus am Leipziger Augustusplatz, begehen. Trotz Bauverzögerungen und Mehrkosten hatte Architekt Erick van Egeraat im Sommer zugesichert, den Termin einzuhalten.

dpa

Quelle: http://www.l-iz.de/
© Leipziger Internet Zeitung - 12. Dezember 2008

Plädoyer für St. Pauli: Wolfgang Thierse unterstützt das Aktionsbündnis für die Universitätskirche

Ralf Julke

Das Aktionsbündnis “Neue Universitätskirche St. Pauli“ hat wortgewaltige Verstärkung bekommen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat am gestrigen Donnerstag nicht nur das Aktionsbündnis, sondern auch die Campus-Baustelle der Universität Leipzig besucht. Er war beeindruckt.

„So etwas hätte ich nicht erwartet", sagt der Berliner Sozialdemokrat, der bekannt dafür ist, dass er Situationen beim Namen nennt und um den heißen Brei nicht herumredet. Er prägte 2001 den Satz "Der Osten steht auf der Kippe" und störte damit eine politisch zufriedene Gesellschaft auf. Wenig später legte er qua Amt nach: Als Bundestagspräsident verhängte er die Strafzahlung in der Spendenaffäre der CDU.

Nach Leipzig kam der Germanist und Kulturwissenschaftler eher, um sich vor Ort ein Bild zu machen über eine Debatte, die nicht nur auf die Leipziger Universität und auch nicht auf die Stadt Leipzig beschränkt ist. „Ich hab ja die Debatte um die Kirche von Berlin aus verfolgt. Auch aus Neugier, denn ich kann mich noch gut an die Sprengung der Paulinerkirche erinnern. Auch das war kein Ereignis, das allein auf Leipzig beschränkt war", sagte er auf einer Pressekonferenz nach einem einstündigen Rundgang über die Campusbaustelle. Dass er dabei auch den künftig als Aula vorgesehenen Raum bestaunte, lag auf der Hand. „Dieser Bau überwindet ideologische Grenzen, die in den Köpfen erstaunlicherweise immer noch da sind", sagt er. Und spricht seine Bewunderung für "den holländischen Architekten" und seine architektonische Lösung aus. Den Rektor der Uni Leipzig, Prof. Franz Häuser, hätte er gern getroffen, sagt er. „Einfach um seine Argumente zu verstehen", so Thierse. Und provokativ stellt er die Frage: „Wer braucht warum überhaupt eine Glaswand?" Und wenn es etwas abzutrennen gäbe, welche Gefahr befürchte man von dem, was da abgetrennt werde.

Die Paulinerkirche kennt er aus seiner eigenen Studienzeit. „Ich hatte einige Freude, die sich damals gegen die Sprengung engagiert haben", erinnert er sich. „Da hatte ich, weil ich mit ihnen befreundet war, auch ziemlich schnell Besuch von der Stasi."

Wer heute über die Nutzung der neuerbauten Kirche diskutiere, dürfe die Geschichte gar nicht ausklammern. Denn was da 1968 an der Universitätskirche St. Pauli exekutiert wurde, war ein "spektakulärer Akt im antikirchlichen Kampf des SED-Regimes." Im sozialistischen Stadtumbau hatten Kirchen keine Platz gehabt.

Das wird auch gern ausgeklammert in den heftigen Diskussionen um Benennung und Nutzung des Neubaus: Dass die Sprengung von St. Pauli auch Teil einer Stadtplanung war, die auch andere Teile der historischen Stadt opferte. Sogar quartiersweise. Dass sich die Universitätsleitung der 1960er Jahre sogar vehement darum bemüht hatte, die alte Universitätskirche vom Gelände zu tilgen, auch das gehört zur Geschichte.

Thierse fragt da schon einmal nach: „Wie gehen die Leipziger Universität und die Stadt Leipzig nun um mit der Erinnerung an ihre eigene Rolle bei dieser Sprengung?"

Die ja bekanntlich keine Stadtkirche traf, sondern die Kirche der Universität. Die über Jahrhunderte dreifach genutzt wurde: als Kirche, als Aula und als Musikort. Auch Bach dirigierte hier seine Thomaner. „Diese Verbindung aufzulösen", so Thierse, „ist tatsächlich ein radikaler Traditionsbruch." Den er schon gar nicht verstehe, weil die Universität mit dem viel diskutierten "Marx-Relief" und Tübkes Wandbild "Intelligenz und Arbeiterklasse" augenscheinlich keine Probleme gehabt hatte. Nun gar zu argumentieren, man müsse universitäre Lehre und Religion trennen, hält Thierse nicht für nachvollziehbar.

Nicht bei dieser architektonischen Lösung, bei der gleich neben der Kirche ein auditorium maximum mit 800 Plätzen entstünde. „Da frage ich mich doch, wo hier der wissenschaftliche Betrieb gestört wird."

Natürlich sei er dafür, dass der Raum, der sichtlich als Kirche gebaut wurde, auch wieder St. Pauli heiße und als Kirche fungiere. Welche Funktion die Trennung durch eine Glaswand erfülle, wo doch Chor und Langhaus der neuen Kirche optisch durch einen großartigen Lichtspalt getrennt seien, verstünde er beim besten Willen nicht. Er hätte es sich gern vom Rektor der Universität erklären lassen. Aber das hat diesmal nicht geklappt. Vielleicht ein andermal, so Thierse.

Am Montag tagt erneut die Schlichtungskommission unter Leitung von Generalbundesanwältin Prof. Monika Harms. Die ersten Gespräche wurden vom Aktionsbündnis positiv eingeschätzt. Auch inneruniversitär sei in der Diskussion einiges in Gang gekommen.

„Diese Diskussion ist unbedingt notwendig", sagt Thomaspfarrer Christian Wolff, der übrigens den Universitäts-Gottesdienst bislang als Gast in seiner, der Thomaskirche weiß. Denn der hat sich dort eingemietet, weil die Universität keine Kirche mehr hat. Da schmunzelte auch Thierse, als das Wort von der "unerbetenen Einmischung in universitäre Angelegenheiten" fiel. Man fühle sich sehr erinnert an die Breshnewsche Nichteinmischungs-Doktrin.

Was natürlich auch zur Vorgeschichte der Kirche gehört, an der 1968 ein republikweit diskutiertes Exempel statuiert wurde.

„Man hat sich eigentlich schon entschieden", sagt Wolfgang Thierse. "Das vernünftige Ergebnis ist durch die Architektur schon vorgeprägt. Es ist de facto ein Kirchenbau."

Das Ziel des Aktionsbündnisses, diesen Bau auch wieder St. Pauli zu nennen, den barocken Altar aus der Thomaskirche und die einstige Kanzel wieder aufzustellen, unterstützt er. Und dass der Umgang mit diesem Stück ganz spezieller Leipziger Geschichte zu kompliziert sei, sei nicht wirklich ein Grund, eine Barriere aus Glas zu bauen.

„Das sind die unordentlichen Verhältnisse, die die Geschichte erzeugt hat", sagt er. Es ist der eigentlich wichtige Satz in der Debatte, der daran erinnert, dass reine Lehren praktisch immer in Konfrontation, Bevormundung und systematischen Sprengungen enden.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22./23. November 2008 (Printausgabe - Lokalseite)
© LVZ vom: Samstag, 22. November 2008

LESERBRIEF

Nutzung als Kirche und als Aula

Reaktion des Paulinervereins zu Veröffentlichungen von Leserbriefen zum Thema Paulinerkirche:
Die Ausschreibung sah von Anfang an einen Bau vor, der gleichermaßen als Kirche und als Aula genutzt werden soll: Wesentlich ist dabei die Nutzung als Aula und als Kirche. Eben für diese, der Tradition des Ortes angemessene, und für keine andere Lösung hat der Freistaat die entsprechenden Mittel der Steuerzahler zur Verfügung gestellt. Der Paulinerverein war an der Entscheidung für den so genannten Kompromissentwurf van Egeraats beteiligt und hat dem Entwurf im März 2004 zugestimmt. Danach wurde der so genannte Kompromiss einseitig von der Universitätsleitung verlassen und der Entwurf im Innern weitgehend verändert, was unter anderem zu erheblichen funktionalen Problemen führt.
Die Gestaltung der neuen Universitätskirche hat sich – vor dem Hintergrund ihrer Sprengung im Jahre 1968 – allein nach ästhetischen, sachlichen und funktionalen Gesichtspunkten zu richten. Wenn in verschiedenen Leserzuschriften von Minderheiten gesprochen wird, ist auf die Umfrage der Leipziger Volkszeitung vom 11. Oktober des Jahres zu verweisen, wobei sich 68,9 Prozent der Befragten gegen eine Teilung des Innenraumes ausgesprochen haben.
Die Bürgerinitiative Paulinerverein und die ihr nahe stehenden Freunde der Universitätskirche in Leipzig und in ganz Deutschland werden sich weiterhin für die Einhaltung des einmal gefundenen Kompromisses einsetzen. Diese Bemühungen sind allein auf die Rettung eines auf brutale Weise verloren gegangenen Baudenkmals der Stadt und nicht gegen die Universität gerichtet. Letzteres belegen die Stellungnahme („Zehn offene Worte“) der Theologischen Fakultät vom 17. Oktober, die Erklärung christlicher Studentinnen und Studenten der Universität Leipzig vom 5. November sowie der Offene Brief der studentischen Mitglieder von Chor, Orchester und Big Band der Universität Leipzig vom 6. November.

Ulrich Stötzner, Christian Jonas, Gerd Mucke, Mitglieder des Paulinervereins


Quelle: www.Jesus.de (Reformationstag 2009)

Kommt der Glaube in die Glasvitrine?

Von Denise Böhlke

Ein auf den ersten Blick unscheinbar wirkender Konflikt um eine Glaswand erhitzt seit Monaten die Gemüter in Leipzig. Es geht um die Trennung von Aula und Gottesdienstraum in der neuen Universitätskirche in Leipzig. Seitdem das Land die Genehmigung für den Bau gegeben hat, sträubt sich die Universität gegen eine gemeinsame Nutzung der Räumlichkeiten. Die vermeintliche Lösung: Eine riesige Glaswand. Ein Bürgerverein protestiert dagegen.

Mit Posaunenklängen wird die Protestveranstaltung des Paulinervereins am Reformationstag eingeleitet. Mehrere hundert Menschen haben sich auf dem Augustusplatz in Leipzig versammelt, um der Kundgebung und dem Thesenanschlag, in Anlehnung an Martin Luther, beizuwohnen. Der Rohbau der Universitätskirche wirkt eindrucksvoll als Kulisse für die kleine Bühne, die davor aufgebaut wurde, um den Rednern mehr Aufmerksamkeit geltend werden zu lassen. Sie versuchen vor allem eins: Den Zuhörern die Situation deutlich zu machen. Was würde es bedeuten, wenn die Universitätsleitung mit ihren Forderungen durch käme? Die Gegner dieser Initiative halten sich im Hintergrund. Natürlich sind einige von ihnen erschienen um zu hören, was sich auf dem Augustusplatz abspielt. Hin und wieder nur machen sie sich mit Zwischenrufen wie „Paulinum“ bemerkbar, wenn von der Universitätskirche St. Pauli die Rede ist. Das ist allerdings auch das Einzige, was an diesem Tag von der Gegenseite zu hören ist. Die Leitung der Universität protestiert schon seit längerem mit Stillschweigen.

Seit 1709 gehörte die Kirche St. Pauli der Universität an. Lange Zeit bildete sie Zentrum des Campus, der sich um das Gebäude herum erschloss. Bis sie am 31.Mai 1968 dem SED-Regime zum Opfer fiel. Dem System war die Religion ein Dorn im Auge: Um konkurrierende Ideologien zu vernichten, sollten die Universitätsgottesdienste ausgemerzt werden. Die Kommunisten wählten das drastischer Mittel der Kirchensprengung. Ihr Ziel erreicht haben sie damit jedoch nicht. Heute ist der Universitätsgottesdienst in der Nikolaikirche zu Gast.

Auf Initiative des Landes und der Universität wird die Kirche jetzt neu aufgebaut. Das führt zu Konflikten in der Frage um die Raumaufteilung und die Namensgebung. Während die Universitätsleitung darauf beharrt, dass der Gottesdienstraum von der Aula durch eine Glaswand getrennt wird, kann die Gegenseite dafür kein Verständnis aufbringen. Rektor Häuser argumentiert unter anderem, die im Gottesdienstraum gelagerten Kunstwerke müssten ohne Klimatisierung innerhalb von ein bis zwei Jahren erneut restauriert werden. Eine Klimatisierung von Aula und Gottesdienstraum ohne die trennende Wand wäre auf Dauer zu kostspielig. 600.000 Euro würde das trennende Bauvorhaben kosten, auf das die Universitätsleitung besteht.

Prof. Dr. Petzold, Universitätsprediger der theologischen Fakultät hat die Sprengung selbst miterlebt. Er kennt die Geschichte dieser Kirche ab dem 13. Jahrhundert. An Maria Himmelfahrt 1968 war er der letzte Student, der dort seine Kandidatenpredigt halten durfte. Eine Woche später, am 31. Mai 1968 um genau 10 Uhr, wurde die Kirche gesprengt. Der kleine Mann in seinem langen Professorenmantel findet offene Worte gegen die Argumentation der Universitätsleitung. So hat er auch für die Rechtfertigung der Universitätsleitung in Hinsicht auf die Klimatisierung kein Verständnis: „Mir leuchtet nicht ein, warum dieses Argument so stark gemacht wird, dass es gegen Ende sogar gegen eine regelmäßige Nutzung des Kirchenraumes spricht. Man kann einen solchen Raum nicht in seiner Nutzung einschränken. Das ist kein Museum.“ Notfalls müsse man die Kunstwerke woanders hinbringen, fordert Petzold, „so leid uns das täte.“ Um das verhindern zu können, hofft der Theologe auf Kompromisse – nur sind die bislang nicht artikuliert worden.

Rektor Häuser hält Kompromisse für unzumutbar. International besetzten Lehrkörpern und der ausländischen Studentenschaft sei es schwer vermittelbar, einer Religion den Vorrang bei der Raumnutzung zu geben, kritisiert er Pläne zur gemeinsamen Nutzung des Raums. Prof. Dr. Petzold zieht den Vergleich zu anderen Kulturen: „Sehen Sie, wenn Sie in ein islamisches Land kommen und eine Moschee betreten, dann werden sie gar nicht gefragt, wenn sie die Moschee betreten: Sie müssen ihre Schuhe ausziehen. Der Argumentation folgend müsste ich mich als Christ schon deshalb beleidigt fühlen.“ Er sieht es als selbstverständlich an, dass Studierende anderer Religionen akzeptieren, mit der christlich geprägten Kultur in Berührung zu kommen.

Gunter Weißgerber, SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Leipzig II sieht den Konflikt in einem tieferen Zusammenhang. Für ihn geht es um die Bewertung des Volksaufstandes in der DDR(1953), das Einmauern der Ostdeutschen(1961) und die friedliche Revolution (1989).“ Gunter Weißgerber ist 1989 Gründungsmitglied der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) gewesen. Er hat seine persönlichen Erfahrungen mit der Kirche auf eine ganz spezielle Weise gemacht. Denn für die Gründung der Partei bot damals nur die Kirche Raum. Außerdem war er Redner auf den Montagsdemonstrationen in Leipzig, bei denen Kirchenleute und religiöse Menschen Einsatz zeigten, um die Veranstaltung der Öffentlichkeit kundzutun. Darum verlangt er diesen Menschen ihr Gotteshaus und das Widerstandssymbol von 1968, in angemessener Form zuzugestehen. Insgesamt misst er den Kirchen eine hohe Bedeutung für die Revolution bei. Darum interpretiert er das Verhalten der Universitätsleitung als Segnung des damals geschehenen Unrechts. Gunter Weißgerber geht es nicht in erster Hinsicht um eine Rechristianisierung, ihm ist es wichtig den Pluralismus unserer Gesellschaft zu fördern und auch den Religionen Raum zu lassen.

Auch Tina Weißbinder hat sich eine Meinung zu diesem Thema gebildet. Die forsche Studentin vom Typ Klassensprecherin verleiht der Studentenschaft der theologischen Fakultät eine Stimme. Traditionen, so sagt sie, hätten für die Universität Leipzig eine wesentliche Bedeutung - und dazu zählt sie auch die Universitätskirche St. Pauli. Für Weißbinder steht die Kirche wie auch die theologische Fakultät für das gesunde Verhältnis von Glaube und Wissenschaft. Dieses in Frage zu stellen, ist für sie ein Affront. Theologie müsse und will wissenschaftlich hinterfragbar sein und bleiben.„Wir brauchen diesen Ort des freien Wortes!“, proklamiert die Studentin deshalb auf dem Augustusplatz. Aula und Gottesdienstraum zu trennen setze die Sprengung von 1968 fort.

Der Paulinerverein besteht auf den Namen Universitätskirche St. Pauli und darauf auf die Trennwand zwischen Aula und Kirche zu verzichten. Der Anschlag der fünf Leipziger Thesen, die als Banner am Bauzaun der Universitätskirche befestigt wurden, verdeutlicht die Forderungen des Vereins. Er kämpft für den „Ort des freien Wortes“, der 1968 mit der Sprengung beseitigt wurde. Die Universitätskirche soll zu einer Begegnungsstätte von Glauben und Wissenschaft werden, die den kritischen Dialog fördert.

Um die vertrackte Situation zu bewegen, fordert auch die Theologische Fakultät in ihren zehn offenen Worten die Rückkehr zum Gespräch. Zunächst müsse eine Nutzerkonferenz einberufen werden, um „tragfähige Lösungen und notwendige Kompromisse zu erarbeiten“. Die Universität habe eigenständige Nutzungsszenarien entwickelt, sagt Prof. Dr. Petzold berichtet. Seiner Auffassung nach können diese nur von jemandem entwickelt worden sein, der keine Ahnung von der Nutzung dieses Raums hat. „Man verwendet das Wort kleine und große Andacht. Das erinnert alles fatal an Zeiten, die wir hinter uns haben vor 1989, wo man auch das Wort Theologie, Kirche oder Gottesdienst nicht in den Mund nahm.“ Ein Ende des Konflikts ist also noch nicht in Sicht.

Egal wie der Streit um die Glaswand ausgeht, in einem ist sich Prof. Dr. Petzold sicher: „Der Universitätsleitung wird es nicht gelingen Vernunft und Glaube zu trennen. Glaswand hin oder her.“


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25. November 2008 (Printausgabe - Lokalseite)
© LVZ vom: Dienstag, 25. November 2008

„Engagement kommt zu spät“
Gründungsvorsitzender des Pauliner-Vereins will Wogen um Unikirche glätten

In der Auseinandersetzung um das neue Paulinum hat sich nun erstmals der Gründungsvorsitzende des Paulinervereins, Franz-Viktor Salomon, zu Wort gemeldet, „in der Hoffnung, die Wogen etwas zu glätten“. Ihm falle es schwer, die Schärfe des Streits zu verstehen. Letzterer hätte in den frühen 90er-Jahren geführt werden müssen, so der Professor, der dem Veterinär-Anatomischen Institut der Universität vorsteht.

„Der Paulinerverein ist bei seiner Gründung für den Wiederaufbau der Universitätskirche und des Augusteums in ihrem alten Gewand eingetreten. Zumindest aber wollten wir erreichen, dass der Augustusplatz die großartigen Roßbachschen Fassaden wiederbekommt.“ Dafür habe es aber von keiner Seite Unterstützung gegeben, auch die Kirchen hätten dies abgelehnt. „Jetzt, da die Universitätsneubauten vor ihrer Vollendung stehen, kommt das Engagement für die neue Paulinerkirche zu spät“, so Salomon.

Es käme nicht zu spät, die Diskussion müsse genau jetzt geführt werden, hält Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff dagegen. „Und sie wird so heftig geführt, weil es um Inhalte geht.“ Er selbst engagiere sich unter anderem, weil die Thomaskirche die Keimzelle der Alma mater sei. „Die Uni wurde im Refektorium des Thomasklosters 1409 gegründet. Das ist ja auch der Grund, warum bei uns der Paulineraltar steht.“

Wolff kritisierte Aussagen des Bauleiters der neuen Universitätskirche, Ekkehard Krainer, in der LVZ. Wie könne Krainer behaupten, dass er zur Frage über die zentrale Funktion des neuen Gebäudes als Ort der Diskussion noch keine einzige Aussage gehört habe? Er brauche nur an den Bauzaun zu gehen und die Thesen des Aktionsbündnisses „Neue Universitätskirche St. Pauli“ zu studieren, so Wolff. Und das seien nur die Extrakte vieler Beiträge innerhalb und außerhalb der Universität. „Aber offensichtlich ist auch der Bauleiter Opfer der universitären Meinungsquarantäne geworden.“

kru

NORDWEST-ZEITUNG NR. 267 SEITE 12 - 12. NOVEMBER 2008

Atheist verteidigt Kirchenbau

ARCHITEKTUR Autor Erich Loest über den Leipziger Paulinerkirchen-Streit

Soll die DDR nachträglich recht behalten? Loest setzt sich für die Paulinerkirche in Leipzig ein, die das Ulbricht-Regime 1968 demonstrativ sprengen ließ.

VON REINHARD TSCHAPKE

FRAGE: Sie sind bislang nicht religiös in Erscheinung getreten.
LOEST: Ich bin nicht gläubig. Aber das Christentum mit seinen Werten der Friedfertigkeit und Barmherzigkeit gehört zu unserer Geschichte und Lebensphilosophie.

FRAGE: Sie haben schon vor Jahren immer wieder von der Sprengung der Paulinerkirche 1968 in Leipzig erzählt. War das Ereignis für Sie persönlich so einschneidend?
LOEST: Ich sah die Sprengung vom Grassi-Museum aus, ungefähr 300 Meter entfernt. Ich habe das Türmchen der Kirche kippen sehen, die Fassade ist geborsten, dann stieg die Sprengwolke auf. Ein schreckliches Erlebnis.

FRAGE: Warum liegt es Ihnen so am Herzen, dass ein steinernes Zeugnis, das die DDR unter Ulbricht sprengen ließ, wieder aufgebaut wird?
LOEST: Wenn man das jetzt nicht macht – und man baut die alte Kirche ja nur zum Teil wieder auf –, gibt man Ulbricht noch nachträglich recht. Was im Moment geschieht, ist eine Form geschichtlicher Wiedergutmachung.

FRAGE: Der Streit in Leipzig entzündet sich nun an der Glaswand, die den Andachtsraum von der weltlichen Aula der Universität Leipzig abtrennen soll.
LOEST: Der Neubau ist ein gelungener Kompromiss, er erinnert deutlich an die alte gotische Kirche. Damit sind alle zufrieden. Aber jetzt will der Rektor der Universität, Franz Häuser, eine Plexiglaswand dazwischen. Er sagt: Staat und Kirche seien getrennt.
Das stimmt, aber philosophisch- geistig ist man doch miteinander verbunden! Deshalb ist eine Trennung aberwitzig.

FRAGE: Wie wird der Streit ausgehen?
LOEST: Es geht ständig hin und her. Gremien debattieren, man versucht einen Kompromiss zu finden. Es kann aber keinen Kompromiss geben: Entweder gibt es eine Wand oder keine Wand!

FRAGE: Zudem streitet man um den Namen der Kirche.
LOEST: Unser Pauliner-Verein sagt, es soll wieder Paulinerkirche heißen, Häuser möchte es Paulinum nennen. Am meisten ärgert mich, dass die Linken frohlocken. Alles, was in Leipzig um das Marx- Monument oder um das Kleinhalten des Kirchengedankens geschieht, nutzt den Linken – das ist schon Wahlkampf für das nächste Jahr!

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INFORMATION

Die „Paulinerkirche“ war eine Kirche in der Innenstadt Leipzigs; sie wurde 1968 gesprengt. Seit 2004 wird an der Stelle (Entwurf: Erick van Egeraat) eine moderne Version errichtet. Umstritten ist, dass die Aula der Uni Leipzig durch eine Glaswand vom Andachtsraum getrennt werden soll. Die Uni hält die Wand für nötig; sie meidet auch den Namen „Kirche“. Das Gebäude wird 2010 fertig.

Erich Loest (82) gehört dem Paulinerverein an, der sich für den alten Kirchennamen und gegen die Trennwand ausspricht. Autor Loest („Nikolaikirche“, „Völkerschlachtdenkmal“) wurde in der DDR verfolgt und eingesperrt. 1981 durfte er in den Westen. 1990 kehrte er nach Leipzig zurück.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 8. November 2008 (Printausgabe - Lokalseite)
© LVZ vom: Samstag, 8. November 2008

Studenten: Uni gefährdet ihren kulturellen Ruf

Musiker-Kritik an Glaswand / Steinbach-Lob für Harms

Im Namen von 200 Studenten, die in den Klangkörpern der Uni musizieren, haben sich Mitglieder der Leipziger Universitätsmusik in einem offenen Brief an Rektor Franz Häuser gegen die geplante Glaswand zwischen Andachtsraum und Aula des neuen Paulinum-Gebäudes ausgesprochen. Sie fordern eine technische Lösung, die das Haus als Ganzes für Konzerte nutzbar macht „und den Ansprüchen an einen modernen Konzertsaal im Herzen der Musikstadt Leipzig gerecht wird“. Die Musiker von Universitätschor, -orchester und -bigband befürchten, „der Einbau einer nur zur Hälfte zu öffnenden Glaswand“ beeinträchtige die Akustik so stark, „dass sie für Konzerte nicht oder nur eingeschränkt nutzbar wäre“. Damit widerspreche die Alma mater ihrem eigenen Qualifizierungsverfahren. „In dem heißt es: Der Raum soll über eine offene Bühnenfläche und über eine hervorragende Akustik verfügen.“ Von den Problemen seien dann auch Klangkörper von Gewandhaus, Oper und Mitteldeutschem Rundfunk betroffen, ebenso Konzerte im Rahmen des Bach-Festes. Der kulturelle Ruf von Uni und Musikstadt sei gefährdet, „wenn nationale und internationale Gastmusiker und Besucher durch eine mangelhafte Akustik des Neubaus zwischen Oper und Gewandhaus abgestoßen werden.“

Auch die christlichen Studenten haben jetzt eine gemeinsame Position zum Paulinum formuliert – und sie an die Universitätsleitung und die Teilnehmer der Schlichtungsrunde von Generalbundesanwältin Monika Harms geschickt. Die Kommilitonen hoffen, „dass sich in diesem Raum Veranstaltungen etablieren, die den Austausch zwischen Religion und Wissenschaft im akademischen Diskurs fördern“. Um die Nutzergruppen zu koordinieren, bitten sie um baldige Einberufung einer Konferenz.

Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ begrüßte gestern die Schlichtungsrunde von Harms, die damit den Streit um den Namen Paulinum und die Glaswand beenden will. Durch das Gremium werde gezeigt, dass der Neubau nicht nur eine Angelegenheit der Uni, sondern aller Leipziger sei. „Ich kann jedoch noch keinen Ausweg bei den Gesprächen erkennen“, so Landesdirektionspräsident Walter Christian Steinbach, Mitglied des Bündnisses. Er wolle zudem klarstellen, „dass in den ersten Entwürfen keine Glaswand vorgesehen war“.

Peter Krutsch

Internet: www.paulinum-glaswand.de


Universität Leipzig, am 4. November 2008

Offener Brief von fünf Mathematikprofessoren an den Rektor der Universität Leipzig

"Magnifzenz, sehr geehrter Herr Professor Häuser,

mit diesem offenen Brief möchten wir uns zum einen deutlich von der von Professor Seiwert verfassten und durch das Dezernat für Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsförderung publizierten Resolution vom 14. Oktober distanzieren und uns zum anderen für eine Universitätskirche als gemeinsam genutztes geistig-geistliches Zentrum unserer Alma mater ohne Trennwand aussprechen.

Mit Befremden haben wir die Form des auf der Hauptseite des Öffentlichen Internet-Auftritts unserer Universität dargestellten Postulats einer "breiten Unterstützung für den Kurs des Rektors" wahrgenommen. Von diesem Postulat und der in dem Resolutionstext "verdeutlichten Position der Hochschulöffentlichkeit" möchten wir uns nach gegenwärtigem Stand explizit ausgenommen sehen.

..."

Lesen Sie auch:
* Zehn offene Worte
Stellungnahme der Theologischen Fakultät zum Neubau auf dem Augustusplatz
* Uni-Professoren Kiess und Brähler schalten sich in Diskussion um Paulinum ein
* Die Angst vor der Kirche


FAZ Nr. 257, 03. November 2008, S. 7:

Ein Symbol schäbiger Gesinnungsart in Leipzig

Danke für Ihren Artikel "Glaubenskampf um Plexiglas" (F.A.Z. vom 23. Oktober) zum "letzten Gefecht" um die Paulinerkirche in Leipzig. Ich war dort von 1994 bis 2004 als Pfarrer der größten katholischen Pfarrgemeinde St. Laurentius tätig. Der Beschluss zum Wiederaufbau provozierte bei den "Ostalgie-Funktionären" damals lautes Zähneknirschen. Mit Erfolg haben sie es nun geschafft, den Urkern der Alma Mater Lipsiensis zu entchristlichen, die Dominikanerkirche, die dem von den Hussiten vertriebenen Lehrkörper der Prager Universität eine neue Heimat und Leipzig eine Universität gab. Sie führen allerdings bis heute das altehrwürdige Siegel des heiligen Laurentius, Bistumspatron von Merseburg, dessen Bischof Kanzler der Universität war. Sie täten besser daran, die Herren vom akademischen Beirat, dennoch heute Laurentius durch Hammer und Sichel zu ersetzen, gerade heute.

Seit der Gleichberechtigung der Religionen und Konfessionen, auch in Sachsen, ist die Leipziger Universität überkonfessionell. Warum nun wurde überhaupt nicht erwähnt, dass die St.-Pauli-Kirche als Simultankirche der Studentengemeinde der Universität zur Verfügung stand und nach der Zerbombung der katholischen Propsteikirche am Nauen Rathaus für mehrere Gottesdienste der Katholiken genutzt wurde? Der Dresdener Bischof nutzte die Kirche häufiger als "Quasi-Kathedrale" für Leipzig. Es wird überliefert, dass Ulbricht sah, wie aus der Kirche über tausend Jugendliche strömten. Er sei weiß geworden vor Wut und habe mit seiner Fistelstimme gerufen: "Die muss weg, die muss weg!"

Die heute noch in der Alma Mater wirkenden "roten Geister", die eine Universitäts-kirche nicht ertragen können, höchstens ein Auditorium maximum mit "Plaste-Elaste-Vorhang", die werden's Walter Ulbricht und Paul Fröhlich, seinem Leipziger Satrapen und Abreißer der Kirche, danken. Der "Plaste-Vorhang" von St. Pauli wird zum "schäbigen Symbol" einer schäbigen Gesinnungsart, unbelehrbar und unbekehrbar, wie sie ist.

Was die katholische Gemeinde der Innenstadt macht, interessiert nicht: Sie musste sich neben dem zoologischen Garten in einem Sumpfgrundstück etablieren. Mittlerweile ist der Bauschaden so groß, dass nur noch eines hilft: abreißen. So bedingt ein Abriss den anderen zur Freude der Totengräber des Christentums.

PATER BERNHARD TRILLING, ARNSBERG


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. November 2008 (Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Aktionsbündnis formuliert Leipziger Thesen

Kundgebung vorm Uni-Neubau

Mag sein, dass Luther weniger Publikum hatte, als er am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen anschlug. Seine Botschaft feiern evangelische Christen noch immer. Ob das jenen fünf Thesen ähnlich ergeht, die am gestrigen Reformationstag Thomaspfarrer Christian Wolff an den Bauzaun der neuen Leipziger Uni anschlug, bleibt abzuwarten. Mehrere 100 Interessierte waren jedenfalls am Mittag zum Augustusplatz gekommen, um dem Anschlag der Thesen des Aktionsbündnisses „Neue Universitätskirche St. Pauli“ beizuwohnen.

Wie berichtet, spricht sich das Bündnis für eine stärkere geistliche Nutzung des Uni-Neubaus in der Innenstadt aus und fordert vor allem, dass das Gebäude wieder Universitätskirche St. Pauli genannt und der Andachtsraum nicht mit einer Glaswand abgetrennt wird.

Superintendent Martin Henker betonte, dass der Disput um die Innengestaltung „keine innere Angelegenheit“ der Uni sei, sondern eine Grundsatzfrage, über die öffentlich diskutiert werden müsse. SPD-Bundestagsabgeordneter Gunter Weißgerber sprach von einem „Terrarium“, in dem die Gläubigen dann von außen in unwürdiger Weise betrachtet werden könnten, wenn die Glaswand bliebe. Für den Fall, dass die Uni-Leitung beim Namen nicht nachgebe und auf Paulinum beharre, prophezeite er, dass der Volksmund es richten werde. Die Uni sei schließlich „ein Kind der Kirche“. Für den wunderbaren Anblick des Bauwerks sei er schon jetzt „sehr dankbar“, so Weißgerber.

Studentin Tina Binder mahnte an, dass eine Universität Traditionen brauche, „die eigene und europäisch-christliche“. Mit der Sprengung der Unikirche 1968 sei sie aber eines Teils dieser Tradition beraubt worden. „Ich will keinen getreuen Wiederaufbau, fordere aber, sich der Tradition zu stellen und angemessen mit ihr umzugehen“, so Binder.

Pfarrer Christian Wolff, der zum Abschluss der Kundgebung die fünf Thesen am Bauzaun befestigte, mahnte, den Reformationstag nicht zu einer Banalität verkommen zu lassen, sondern ihn für Wesentliches zu nutzen.

-la

Quelle: http://www.lvz.de/
© LVZ-Online, 31.10.2008, 16:58 Uhr

„Neue Universitätskirche St. Pauli“ veranstaltet Kundgebung und Thesenanschlag

Leipzig. Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ hat am Mittag des Reformationstages einen Thesenanschlag vor dem Bauzaun am Augustusplatz durchgeführt. Auf der Kundgebung sprachen Superintendent Martin Henker, SPD-Bundestagsabgeordneter Gunter Weißgerber und Studentin Tina Binder. Musikalisch wurde die Veranstaltung vom Bläserchor der Kirchgemeinde St. Nikolai-St. Johannis umrahmt. Im Verlauf der Kundgebung wurden auch die Thesen am Bauzaun befestigt.

Dem Aktionsbündnis gehören unter anderem an: Rainer Eckert (Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums), Rainer Fornahl (SPD-Bundestagsabgeordneter), Walter Christian Steinbach (Präsident der Landesdirektion) sowie Ulrich Stötzner (Vorsitzender des Paulinervereins).

kru / ast, LVZ-Online

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Bilder der LVZ-Reporter von der Kundgebung.


Offener Brief an Franz Häuser, den Rektor der Universität Leipzig

Leipzig, den 30. September 2008

Universitätskirche

Magnifizenz, sehr geehrter Herr Professor Häuser,

die Baukommission beschloss in ihrer Sitzung am 26. September 2008 den Einbau einer Plexiglaswand zwischen Chorraum und Hauptschiff der neuen Universitätskirche St. Pauli. Diese Entscheidung geht auf die alleinige und ausdrückliche Forderung der derzeitigen Universitätsleitung zurück. Vor dem Hintergrund der im "Aula-/Kirchengebäude" beabsichtigten universitären Nutzung halten Sie eine Trennung des Gesamtraumes für unbedingt erforderlich, wobei Sie dies neuerdings u.a. damit begründen, dass es dem international besetzten Lehrkörper und der ausländischen Studentenschaft schwer vermittelbar sei, der christlichen Religion den Vorrang zu geben.
Eine Doppelnutzung des Gesamtraumes als Gottesdienststätte und als Aula ist historisch begründet und war über Jahrhunderte lang nicht strittig. Eine aufwendige Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Teil wird von vielen Leipziger Bürgerinnen und Bürgern abgelehnt. Es gibt keine zwingenden funktionalen Gründe, eine solche Trennung vorzunehmen. Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, sie zerstört die Ästhetik des Raumes und verschlechtert die Akustik erheblich.
Tausende Bürgerinnen und Bürger der Stadt und des Landes haben sich für eine Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli ausgesprochen. Bitte bedenken Sie, dass dieses Haus nicht allein der Universität, sondern auch den Leipzigern und ihren Gästen gehören soll und nehmen Sie Ihre Forderung endlich zurück.

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„Der Vorstand des Paulinervereins stimmt dem offenen Brief an den Rektor der Universität Leipzig Prof. Häuser zu.
Wir bitten um weitere Unterstützung durch Ihre Zustimmung per E-Mail (paulinerverein@t-online.de oder Christian.steinbach@ldl.sachsen.de)
oder Post (Paulinerverein, Brühl 76, 04109 Leipzig).“

Hier können Sie den Brief als PDF-Datei abfordern und ausdrucken.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. Oktober 2008 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Leipziger protestieren gegen Glaswand in Unikirche

Elf Prominente unterzeichnen Brief an Hochschulchef / Thomaskirchenpfarrer spricht von „rektoralem Schwachsinn“

Gegen den Einbau einer 16 Meter hohen Plexiglaswand im entstehenden Universitätsneubau am Augustusplatz haben gestern elf prominente Leipziger ihre Stimme erhoben. In einem offenen Brief an den Rektor der Hochschule, Franz Häuser, fordern sie, die räumliche Trennung von weltlichem und geistlichem Teil aufzugeben.

Wie die Fassade ist auch das Innere des Gebäudes der vor 40 Jahren gesprengten Universitätskirche St. Pauli nachempfunden. Während die Universität das Haus offiziell Paulinum nennt, sehen viele Leipziger darin längst ihre Unikirche wieder. Die Baukommission hatte am vergangenen Freitag die Ausschreibung des Auftrages für die Trennwand auf „ausdrücklichen Wunsch“ der Uni beschlossen.

„Die Doppelnutzung des Gesamtraumes als Gottesdienststätte und als Aula ist historisch begründet und war über Jahrhunderte lang nicht strittig“, heißt es in dem Protestbrief. „Eine aufwändige Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Teil wird von vielen Leipziger Bürgerinnen und Bürgern abgelehnt. Es gibt keine zwingenden funktionalen Gründe, eine solche Trennung vorzunehmen. Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, sie zerstört die Ästhetik des Raumes und verschlechtert die Akustik erheblich.“ Zu den Unterzeichnern zählen Thomaskantor Georg Christoph Biller, der Erste Universitätsprediger Martin Petzoldt, der Präsident der Landesdirektion Leipzig, Walter Christian Steinbach, CDU-Stadtvorsitzender Hermann Winkler, SPD-Bundestagsabgeordneter Rainer Fornahl, Thomaspfarrer Christian Wolff und der Vorsitzende des Paulinervereins, Ulrich Stötzner.
„Der Freistaat als Bauherr wollte die Wand nicht haben, aus technischen und Kostengründen“, sagte Stötzner. „630 000 Euro soll sie kosten. Wenn Geld so zum Fenster raus geworfen wird, dann krempeln sich mir die Fingernägel hoch“, so der Pauliner-Chef.

Dass die Universität die Notwendigkeit der Abtrennung des Andachtsraumes mit betriebswirtschaftlichen Aspekten und der Schaffung eines besonderen Raumklimas begründet, hält Thomaskirchenpfarrer Wolff nur für vorgeschoben. „Dann können sie doch gleich alles Sakrale in dem Glaskasten einbunkern und ihn atomwaffensicher verschließen“, wetterte Wolff. Es entstehe schließlich kein Museum. Mit ihrer Haltung, so der Pfarrer, „igelt sich die Universität nun endgültig in einen säkularistischen Neutralismus ein“. Er fragt sich, wann an der Uni jemand „endlich den Schneid aufbringt und gegen diesen rektoralen Schwachsinn aufsteht“.

Klaus Staeubert

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Informieren Sie sich:
* Schriftwechsel mit dem Sächsischen Finanzministerium
  (Standpunkt des Sächsischen Finanzministeriums)


Quelle: JUNGE FREIHEIT
Nr. 45/08 - 31. Oktober 2008 - 23. Jahrgang

Mehr Wirtschaft, weniger Kirche

Eine Glaswand zwischen Wissenschaft und Gottesdienst: In Leipzig trumpft der geistige Provinzialismus auf

Am 21. Oktober wurde in Leipzig am Augustusplatz das Richtfest für ein neues Universitätsgebäude, das sogenannte Paulinum, begangen. Der Neologismus "Paulinum" leitet sich von der Pauliner- bzw. Universitätskirche her, die 700 Jahre bis zu ihrer Sprengung 1968 an der Stelle stand. Der Termin hatte Brisanz, sogar die ARD-Tagesschau berichtete ausführlich darüber. Der Streit um eine Trennwand aus Plexiglas, die nach dem Willen der Universitätsleitung einen kleinen Sakral- vom Profanbereich der Aula trennen soll, ist in den letzten Wochen eskaliert und überlagerte auch das Richtfest. Zugelassen waren lediglich 200 geladene Gäste. Selbst gestandene Professoren wurden am Stahlgitter-Eingang zum Innenhof des Campus zurückgewiesen, wenn sie keine Einladung vorweisen konnten. Ein studentisches "Aktionsbündnis Freiheit von Lehre und Forschung" hatte sich postiert und ein zynisches Transparent entrollt. Die Studenten verteilten Flugblätter mit einem Sprengungsfoto von 1968 und der Aufschrift "Mehr Uni, weniger Kirche" und "Vergeßt nicht die Jahrtausende der Herrschaft der Pfaffen und ihrer Schergen".

Die Gegner der Glaswand sehen in ihr die Entweihung des Ortes und die Amputation universitärer Traditionen. Der sächsische Finanzminister Georg Unland (parteilos) nahm die Bedenken auf und mahnte, die Universität sei "kein Elfenbeinturm" und könne "nicht isoliert von der Gesellschaft" entscheiden. Rektor Franz Häuser wies umgehend jede "intransparente, informelle Einflußnahme von außen" zurück. Längst ist es ein gesellschaftspolitischer Konflikt, der hier ausgetragen wird. Auf der einen Seite steht das Post-68er Juste milieu, das sich mit den geistigen Nachlaßverwaltern der DDR vermischt hat, die Institutionen besetzt hält und die Tabula-rasa-Situation als Voraussetzung ihrer kulturellen Hegemonie verteidigt. Auf der anderen Seite stehen letzte Ritter eines kultur- und stadtbürgerlichen Erbes und die christliche Diaspora, deren halbherzige politische Verbündete keine klaren Worte finden.

Die Paulineraula soll als exklusiver Tagungsort dienen

Eine unreflektierte Fortschrittsideologie schafft auch in Leipzig Platz für die Ökonomisierung des öffentlichen Lebens. Das Argument der Trennung von Religion und Wissenschaft, das die Universitätsleitung anführt, dient, wie man inzwischen weiß, als Büchsenöffner, der die künftige Paulineraula als exklusiven Tagungsort für finanzkräftige Unternehmen und für die Leipziger Messe aufschließen soll. Feuchtfröhliche Bankette oder Modenschauen für Unterwäsche wären mit dem Anblick sakraler Gegenstände in der Tat schwer zu vereinbaren.

Am 30. September haben Politiker, Kirchenvertreter und der Vorsitzende des Paulinervereins in einem Offenen Brief an Rektor Franz Häuser nochmals Protest gegen die Bauplanung erhoben und darauf hingewiesen, daß "die Doppelnutzung des Gesamtraumes als Gottesdienststätte und als Aula (...) historisch begründet (...) und über Jahrhunderte nicht strittig" war. Für eine Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Teil gebe es keine zwingenden funktionalen Gründe. "Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, sie zerstört die Ästhetik des Raumes und verschlechtert die Akustik erheblich."

Laut Umfragen stimmen mehr als zwei Drittel der Leipziger diesem Standpunkt zu. Ein neues, regionales Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli" hat sich konstituiert. Am 9. Oktober schrieb Christian Wolff , Pfarrer der Thomaskirche, in einem pointierten Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit, die Universität schüre die Angst "vor einem kritisch-heiligen Geist, ohne den wir Menschen verrohen". Im Gewande weltanschaulicher Neutralität werde ein "ethischer Analphabetismus" verbreitet und eine Auseinandersetzung um jene Werte blockiert, "von denen unsere Gesellschaft getragen ist und die ein menschenwürdiges Zusammenleben erst ermöglichen".

Die Bestätigung seiner Diagnose erfolgte prompt durch den Studentenrat. Mit der Kritik der Frankfurter Schule an der instrumentell reduzierten Vernunft weiß man dort nichts anzufangen. Statt Wolff´s Vorwurf im Sinne des klassischen Diktums des Verfassungsrechtlers Wolfgang Böckenförde zu interpretieren, wonach der liberale Verfassungsstaat aus Voraussetzungen schöpfe, die er selber nicht schaff en könne, nahm sie den Satz: "Wer eine Trennung zwischen Glauben und Vernunft propagiert, sollte bedenken, daß die Zerstörung von Synagogen, Kirchen und Moscheen immer der Ausdruck der Verkommenheit einer Gesellschaft ist", zum Anlaß, dem Thomas-Pfarrer eine "unglaubliche Verharmlosung der nationalsozialistischen Verbrechen" vorzuwerfen. Entsprechend arrogant und dumm verlief am 20. Oktober der Auftritt der Studentensprecher auf einer Diskussionsveranstaltung im überfüllten Gemeindesaal der Thomaskirche. Am 14. Oktober verabschiedete der Senat der Universität eine Resolution, in der er sich gegen die "ideologische Vereinnahmung" und gegen Angriffe auf die "1989 wiedergewonnene Autonomie" der Universität verwahrte. Eine sakral geprägte Aula "würde die Bindung der Wissenschaft an eine Konfession" symbolisieren. Aus dem Text stach eine zunächst sinnfrei scheinende Formulierung hervor, in welcher der Senat die Übereinstimmung mit sich selber erklärt ("Wir teilen die Meinung des akademischen Senats und des Rektorats ..."). Die Resolution wurde dann als elektronisches Rundschreiben an die Universitätsangehörigen verschickt. Im Begleittext teilte ein Mitarbeiter der Universitätsleitung namens Staas die Erwartung mit, daß "auch Sie sich der Resolution anschließen wollen". Dabei ist zweifelhaft, ob sie überhaupt zustande gekommen ist, weil der Entwurf erst gegen Ende der Sitzung völlig überraschend und unvermittelt vorgestellt wurde und mehrere Dekane, sich überrumpelt fühlten, die Unterzeichnung verweigerten. Professoren, die eine gegenteilige Position vertreten, wurde es untersagt, diese auf der Internetseite der Universität darzustellen.

26 Nobelpreisträger gegen einen Landtagsfraktionschef

Zwei Tage vor dem Richtfest holte die Universitätsleitung zu einem Gewaltschlag gegen ihre Kritiker aus. Die Wochenendausgabe der Leipziger Volkszeitung (LVZ) erschien mit einer Sonderbeilage, in der die Universität vorgab, über den Fortgang der Bauvorhaben informieren und auf ihr 600jähriges Jubiläum im nächsten Jahr einstimmen zu wollen. In Wahrheit ging es um die brutale Diskreditierung ihrer Kritiker.

Es fiel allerdings auf, daß die Universität keine auswärtige Prominenz für ihren Standpunkt gewinnen konnte. Während der Paulinerverein das Gewicht von 26 Nobelpreisträgern auf seiner Seite weiß, mußte hier ein Interview mit dem Alt-Rektor und SPD-Politiker Cornelius Weiss als Höhepunkt genügen. Weiss bezeichnet die Kritiker als "merkwürdige Bruderschaft" und nannte die Ankündigung des Thomas-Pfarrers, am 31. Oktober einen Thesenanschlag am Bauzaun vorzunehmen, einen Mißbrauch von "historischen Bildern, an die er (Wolff Th. H.) niemals heranreicht".

An die Jahrtausendgestalt Luthers und seine reformatorische Tat reicht niemand heran. Weiss indes ist es nicht einmal gelungen, das bescheidene Amt des Fraktionschefs im sächsischen Landtag auszufüllen. Keine einzige Rede, kein einziger Denkanstoß von Professor Cornelius Weiss sind vermerkt, die überregional beachtet wurden. Wie schon der Senat und der Studentenrat wirft er den Verfechtern des Kirchenraums eine "Ideologisierung" vor, was impliziert, daß er die eigene Meinung für ideologiefrei hält. Für diese Art von Ideologiefreiheit werden auch Begriffe wie "Toleranz", "Weltoffenheit", "Modernität", "Vielfalt" synonymisch verwandt - Leerformeln, mit denen ein geistiger und kultureller Provinzialismus machtvoll auftrumpft.

Mit Spannung wird nun ein Vermittlungsgespräch am 6. November erwartet, das von Generalbundesanwältin Monika Harms als neutrale Vermittlerin moderiert werden soll. Daran teilnehmen sollen neben anderen Uni-Rektor Franz Häuser, Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Vertreter des Paulinervereins sind zu dem Gespräch nicht geladen.

THORSTEN HINZ

Info: Paulinerverein - Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V., Am Brühl 76, 04109 Leipzig, Tel. 03 41 / 9 83 99 76, Internet: www.paulinerverein.de


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 30. Oktober 2008 (Hauptseite / Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Augustusplatz

Kundgebung und Thesenanschlag

Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ wird am Reformationstag ab 12.30 Uhr einen Thesenanschlag vor dem Bauzaun am Augustusplatz durchführen. Auf der Kundgebung werden sprechen: Superintendent Martin Henker, SPD-Bundestagsabgeordneter Gunter Weißgerber und Studentin Tina Binder. Musikalisch wird die Veranstaltung umrahmt vom Bläserchor der Kirchgemeinde St. Nikolai-St. Johannis. Im Verlauf der Kundgebung werden auch die Thesen am Bauzaun befestigt.

Dem Aktionsbündnis gehören unter anderem an: Rainer Eckert (Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums), Rainer Fornahl (SPD-Bundestagsabgeordneter), Walter Christian Steinbach (Präsident der Landesdirektion) sowie Ulrich Stötzner (Vorsitzender des Paulinervereins). kru

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„Im Vergleich zur Polemik Luthers bin ich ein Waisenknabe“

Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff über seinen Thesenanschlag und den Streit mit der Uni

Er vermisse eine offene Auseinandersetzung der Uni „mit ihrem Versagen 1968“, sagt Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff. Die Kirche im neuen Andachtsraum hinter einer Glaswand in eine „Grabkammer“ zu „verbannen“, betrachte er als „letzte Gemeinheit“.

Frage: Sie planen für den Reformationstag einen Thesenanschlag am Paulinum-Bauzaun. Werden es auch 95 Thesen sein – so wie bei Martin Luther?
Christian Wolff: Nein, es sind fünf, in denen wir unsere Forderungen für die neue Uni-Kirche deutlich machen. Da geht es auch um den Namen: Universitätskirche St. Pauli. Dort, wo jetzt gebaut wird, stand die gesprengte Uni-Kirche – und nichts anderes.

Befürchten Sie nicht, dass Ihnen als Luther-Nachahmer Größenwahn vorgeworfen wird?
Wenn sich jemand auf Luther – der das Gotteshaus 1545 geweiht hat – beziehen kann, dann ja wohl die evangelische Kirche. Deshalb feiern wir auch einen großen Gottesdienst. Da kommt auch keiner und sagt: Was maßt Ihr euch an! Und: Es muss auch den Bürgern, die die Pläne der Uni ablehnen, Gelegenheit gegeben werden, ihre Position klar zu machen.

Indem sie Ihnen beim Thesenanschlag zusehen?
Indem sie sich am Ort des Geschehens versammeln.

Peter Gutjahr-Löser, Alt-Kanzler der Uni, hat ihre Aktion als „einfach lächerlich“ bezeichnet und Ihre „Wortwahl und Heftigkeit“ beim Streit mit der Uni kritisiert. Halten Sie die Schärfe der Debatte wirklich für angemessen?
Die Debatte ist grundsätzlich und nötig. Da halte ich mich nicht lange mit Etikette auf. Sie kann auch scharf geführt werden, weil nur so die Positionen wirklich deutlich werden. Ich werfe niemandem vor, sich im Ton vergriffen zu haben. Ich kann allerdings aus der Darstellung Gutjahr-Lösers nicht wirklich herauslesen, was eigentlich seine Meinung ist. Im Übrigen rührt meine Deutlichkeit daher, dass ich eine offene Auseinandersetzung in der Uni um ihr Versagen 1968 und ihr Schweigen 1989 vermisse.

Viele Leipziger sind mittlerweile von der Debatte nur noch genervt.
Natürlich gibt es immer Leute, die fragen: Habt Ihr nichts Besseres zu tun? Da antworte ich: Es geht hier um den angemessenen Umgang mit der Geschichte eines Verbrechens. Es kann doch nicht sein, dass das Marx-Relief restauriert wird, und von der Uni-Kirche bleibt nicht einmal der Name übrig. Das ist so, als ob ich den Namen eines verstorbenen Menschen nicht mehr benutzte. Das ist ein würdeloser Umgang mit der eigenen Tradition. Übrigens: Die Uni-Kirche ist trotz Zerstörung eine existente Einrichtung der Alma mater, der Uni-Gottesdienst eine ihrer Veranstaltungen.

Was steht bei Ihrer Uni-Agenda ganz oben – der Name oder die Glaswand zwischen Aula und Andachtsraum?
Ganz oben steht für mich das, was eine Uni leisten sollte: Bildung, die ohne Wertevermittlung nicht auskommt. Ich habe kürzlich einen guten Satz gehört: Bildung ist das, was bleibt, wenn ich nichts mehr weiß. Es geht hier um Grundsätzliches: ethische Grundlagen für menschliches Zusammenleben und die gesellschaftliche Verantwortung von Wissenschaft. Letztere findet ja nicht um luftleeren Raum statt. Die Uni-Kirche als Gottesdienststätte und Aula ist dafür ein Symbol. Wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht, wohin er geht.

Aber der neue Bau auf dem Gelände des 1968 gesprengten Gotteshauses weist doch deutliche Bezüge zum Vorgänger auf. Auch die alten Epitaphe kommen wieder hinein. So agiert doch kein Bauherr, der Geschichte ausblenden will.
Da frage ich: Wenn das Haus schon wie eine Kirche aussieht, warum heißt es dann nicht so? Kirche ist nicht Vergangenheit, sie ist Sauerteig für die Gesellschaft – wie 1989. Was die Epitaphe als Vorwand für die Glaswand betrifft: Es gibt viele Kirchen, in denen solche Grabplatten hängen – ohne Glaswand. Wenn die Epitaphe so geschützt werden sollen wie die Mona Lisa, dann müssen sie woanders aufgestellt werden. Es kann doch nicht sein, dass sie Raumnutzung und Gestaltung bestimmen. Und dann will man in diese Grabkammer auch noch die Kirche verbannen. Das betrachte ich als die letzte Gemeinheit.

Um drastische Ausdrücke war ja auch Luther nicht verlegen. Ist er in dieser Beziehung ebenfalls ein Vorbild?
Ach wissen Sie, im Vergleich zur Polemik Luthers bin ich ein Waisenknabe. Würde ich seinen Ton anschlagen, wäre ich schon längst nicht mehr hier. Aber manchmal hilft ein starkes Wort, um etwas zu verdeutlichen. Das Problem ist nur, dass die Uni dem öffentlichen Disput aus dem Weg geht. Sie hat keine einzige Diskussionsveranstaltung angeboten. Aber mit der Haltung kommt sie nicht durch. Zur Demokratie gehört nicht nur das Entscheiden in Gremien, sondern auch die öffentliche Meinungsbildung. Deshalb bin ich froh darüber, dass wir über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, Kirche und Staat streiten. Es gereicht der Stadt zur Ehre.

Welche Chancen geben Sie dem Vermittlungsangebot von Generalbundesanwältin Monika Harms??
Ich schätze Frau Harms sehr und hoffe, dass es durch ihr Geschick zum Durchbruch kommt: die neue Uni-Kirche als geistig-geistliches Zentrum für Universität und Stadt.

Interview: Peter Krutsch

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Noch Chance für Paulinum-Korrektur

Bernd-Lutz Lange über den Namen Universitätskirche und die umstrittene Glaswand

In Dresden geht wegen der Waldschlößchenbrücke der Riss durch manche Familie. Freunde wechseln die Straßenseite, weil sie im jeweils gegnerischen Lager stehen. Leipzig hat auch eine Art Waldschlößchenbrücke: die Glaswand im Paulinum, also der Aula, also der Universitätskirche.

Während die Dresdner Brücke vorerst gestoppt wurde, weil die Kleine Hufeisennase dagegen flattern würde, könnte es wegen der Glaswand bei Konzerten zu Flatterechos kommen. Oder aber vielleicht auch nicht. Der Akustiker sagt so, der Musiker so. Die Glaswand trennt aber vor allem den Glauben von der Wissenschaft, obwohl die Menschen, die dort hinter der Wand ihren Glauben praktizieren wollen, auch Wissenschaftler sind. Der Streit wird teilweise von kirchlicher Seite vehement geführt – mitunter bleibt sogar die christliche Nächstenliebe auf der Strecke.

Die Fachleute an der Universität sagen, die ausgestellten Epitaphe brauchen ein bestimmtes Klima, das Klima selbst ist aber bei dem ganzen Streit überhaupt nicht förderlich. Also, um etwas grundsätzlich zur Geschichte der Universität festzustellen: am Anfang war die Kirche. Die Universität erhielt den Besitz des säkularisierten Dominikanerklosters St. Paul, finanzielle Mittel und Grundbesitz. Dann ging es sozusagen richtig los mit der Leipziger Universität. Nach der Reformation weihte Luther die Kirche zu einem protestantischen Gotteshaus.

Vor 40 Jahren stand ich kurz vor der Sprengung in dieser Uni-Kirche im letzten Gottesdienst und konnte es nicht fassen, dass der spätgotische Bau, der den Krieg ohne jeglichen Schaden überstanden hatte, nachträglich in Trümmer verwandelt werden sollte. Um den Boden in die Gegenwart zu bekommen, wollen wir also festhalten, dass kein Paulinum von Walter Ulbricht und der SED gesprengt wurde, sondern die Universitätskirche. Deshalb wird auch von der Form her innen und außen an diesen Bau erinnert. Aber nun scheut bekanntlich der Rektor mit seinen Mannen den Namen Universitätskirche wie der Teufel das Weihwasser (der Rektor soll übrigens katholisch sein – grämt ihn etwa immer noch, dass Luther persönlich ein einstmals katholisches Gotteshaus umwidmete?).

In einem Gespräch mit Rektor Franz Häuser brachte ich wegen der Dauerquerelen der verschiedenen Beteiligten und Engagierten ins Gespräch, ob denn der Bau nicht einfach „Aula und Universitätskirche St. Pauli“ genannt werden könnte. Diesem Gedanken schien er mir eigentlich nicht ganz abgeneigt zu sein, aber längst wird nur noch vom Paulinum – der Aula mit einem Andachtsraum gesprochen.

In der Unikirche feierte bis 1968 auch die katholische Gemeinde, die ihr Haus im Krieg verloren hatte, ihre Gottesdienste – das war seinerzeit ein schönes Zeichen für gelebte Ökumene. Und nun haben mit dem entstehenden Neubau Christen und Nichtchristen der Universität und der Stadt unter diesem Dach ein neues Zuhause, das in vielfältiger Form genutzt werden soll – und Kirchenmusik wird ja sogar von beiden Lagern genossen: Was wäre ein Atheist ohne sein Weihnachtsoratorium?

Natürlich lachen sich die alten Funktionäre der Partei kaputt, dass die gewählten Vertreter der Universität aus den alten Ländern partout nicht wollen, dass der Begriff Kirche beim Neubau auftauchen soll. Dabei muss man ehrlicherweise sagen, dass Leipzig keine neue Kirche braucht. Weder an der Thomas- noch an der Nikolaikirche kommt es vor den Gottesdiensten zur Schlangenbildung am Eingang.

1989 haben aber die Demonstranten (die Männer und Frauen der ersten Stunde kamen bekanntlich aus kirchlichen Gruppen für Frieden, Umwelt und Gerechtigkeit) auch dafür gesorgt, dass der Begriff Universitätskirche, dieser ausradierte Name, wieder möglich wird. Deshalb sollte man überlegen, ob es nicht der Respekt vor dem Schicksal dieses Gottehauses einfordert, dass der Name Universitätskirche nicht für ewig aus der Geschichte Leipzigs getilgt wird.

Wir haben im Leipziger Zentrum zwei Kirchen durch den Krieg verloren. Daran erinnern noch der Matthäikirchhof und der Johannisplatz. Deshalb sollten wir die Chance der Korrektur nicht verpassen. Egal, was alles unter diesem Dach stattfindet.

Und warten wir’s ab: wenn aus der Finanzkrise noch eine richtige Wirtschaftskrise wird – die Chancen dafür stehen ja leider sehr gut und wir lernen gerade mit der Bankenkrise bildhaft den Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus kennen: Im Sozialismus wird erst verstaatlicht und dann ruiniert, im Kapitalismus ist es gerade umgekehrt –, dann sind auch eines Tages vielleicht die Kirchen wieder voll wie im Herbst 1989, denn die alte Volksweisheit gilt noch immer: Not lehrt beten.

Bernd-Lutz Lange

* Der Autor ist Gründungsmitglied des Kabaretts Academixer. 1989 engagierte er sich öffentlich für die friedliche Revolution. Seit Anfang der 90er-Jahre widmet sich Lange seiner zweiten Leidenschaft, dem Schreiben.

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Michael Weichert

Diskussion „provinziell und geschmacklos“

Der Leipziger Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Weichert hat sich hinter den ursprünglichen Kompromiss zum Universitätsneubau gestellt. Die anhaltende Diskussion um die Glaswand im Paulinum und um den Namen sei „provinziell und geschmacklos, sie schädigt die Außenwirkung Leipzigs“, kritisierte der Stadtrat. Der Entwurf des Architekten Erick van Egeraat sei ein „wunderbarer Kompromiss“. Er werde der Nutzung des Gebäudes ebenso gerecht wie der Zukunft der Universität und der Erinnerung an die „barbarische Sprengung der Universitätskirche vor 40 Jahren“. Er sei im Übrigen damals vor Ort gewesen und habe „mit eigenen Augen gesehen, wie zur Strafe Leute abtransportiert wurden – in den Braunkohlentagebau“.
Weichert sagte, er gehe davon aus, dass das Gebäude („es wird das schönste in der Stadt werden“) zu vielen Fragen und Debatten auch über die Vergangenheit führen und viele Besucher von außerhalb anlocken werde. Für ihn persönlich als Leipziger gebe auch der Name Paulinum genügend Hinweise auf die Paulinerkirche. Ebenso sei der Kompromiss mit der Glaswand zu akzeptieren. „Glas ist schließlich auch transparent.“
Scharf kritisierte Weichert Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff. „Ich kann es überhaupt nicht verstehen, warum er sich so polemisch, ideologisch und unterhalb der Gürtellinie äußert.“ Das werde der Würde seines Amtes nicht gerecht. Weichert sagte, er gehöre der Thomaskirchgemeinde an, fühle sich von Wolff aber nicht mitgenommen. „Ich verwahre mich auch dagegen, dass er in meinem Namen spricht.“ Er wundere sich, dass die Landeskirche diesem Treiben keinen Einhalt gebiete.
Allerdings habe in dem Streit auch die Universität „nicht genügend Sensibilität“ bewiesen. Sie sei „nach wie vor“ nicht im Schoß der Stadt angekommen. Hoffentlich bessere sich das nach Fertigstellung des neuen Gebäudes am Augustusplatz. Weichert: „Ich würde mir das sehr wünschen.“

Ulrich Milde

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LVZ - Seite 18

LESERBRIEFE

Zum Streit um den Neubau der Universität:

Warum widerspricht nicht endlich jemand dem Pseudoargument der Klimatisierung der Epitaphien in der Paulinerkirche? Weltweit sind alle Epitaphien unklimatisiert und zum Teil unter widrigsten Umständen jahrhundertelang aufbewahrt worden!

Jens Rosigkeit, A-3400 Klosterneuburg

Man rüstet sich zum letzten Gefecht. Wieder werden Prominente eingespannt. Ein Pfarrer erklärt sie zu Aktionskünstlergehilfen und sich selbst zu Luther II. Für 95 Thesen reicht der Stoff sicher nicht, um den es ja auch gar nicht geht. Läge es am Inhalt, würden sie eventuell fordern, die Glaswand zu verdoppeln, damit im Andachtsraum jederzeit die gebotene Stille herrscht, studentisches Treiben oder Veranstaltungen in der Aula nicht etwa stören.

Günter Arndt, 04105 Leipzig

Neuer Ruf aus Leipzig. Deutschlandweit sollte der Einbau von Klimaschutz-Wänden in Kirchen und Konzertsälen ab einer Größe von 550 Sitzplätzen gesetzlich vorgeschrieben werden. Durch neue, bahnbrechende Erkenntnisse führender Klima- und Naturforscher der Universität Leipzig sind diese heutzutage zwingend erforderlich. Allerdings mit der Einschränkung, dass dies ab einer Kapazität jenseits der 1000 zum Beispiel Gewandhaus, Thomas- und Nikolaikirche sowie Oper wiederum nicht mehr erforderlich ist. Gott bewahre die Welt vor derlei.

Olaf Olschewski, 04109 Leipzig

Herr Hitschfeld hat recht: Der Wiederaufbau der Paulinerkirche wäre „eine Geste des Triumphes“ – des Geistes über den Ungeist gewesen, ein absolut aktuelles Thema. Wenn Herr Hitschfeld eine „sehr restaurative Erinnerungskultur“ sieht, so gebe ich ihm auch hierin recht. In diesem Fall würden die Symbole besten geistigen und geistlichen Lebens restauriert werden.

Klaus Plätzsch, 04157 Leipzig

Was sich mittlerweile um den Neubau des Paulinums und die Glaswand für ein Streit entbrannt hat, dafür muss man sich als Leipziger schämen. Dass der Paulinerverein unter anderem gegen die Wand im Paulinum ist, war vollkommen klar. Der ist seit seiner Gründung doch gegen alles, was mit dem Neubau am Augustusplatz zu tun hat, ist pausenlos beleidigt, unfähig Kompromisse einzugehen, nervt gewaltig die Bevölkerung und macht sich permanent lächerlich.

Reinhard Schilde, 04328 Leipzig

Im Übrigen sollte man sich einfach an dem fantastischen Gebäude erfreuen, was da hochgezogen wird. Das ist endlich mal eine Architektur, auf die die Stadt Leipzig stolz sein kann und nicht solch liebloser Murks wie das Bildermuseum.

Reinhard Schilde, 04328 Leipzig

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 5. November 2008 (Hauptseite / Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Kirche-Aula-Streit

Initiative pro Universität wächst

Die vor wenigen Tagen gegründete Bürgerinitiative (BI) „Für eine weltoffene, weltliche und autonome Universität Leipzig“ wird immer größer. Inzwischen seien ihr mehr als 100 Leipziger beigetreten, sagt Initiator Johannes Schroth. „Und es kommen immer mehr hinzu, die Unterschriften sammeln und sich engagieren wollen.“ Als Hauptgrund würde das „aggressive Auftreten“ der Vertreter des Paulinervereins genannt, der ja nicht für die Mehrheit der Leipziger spreche. Derzeit plane die Initiative pro Universität Aktionen, „die denen Gelegenheit zum Protest geben, die im Sinne unserer Initiative denken“.

Die BI hat einen Brief an Generalbundesanwältin Monika Harms geschrieben, die am Donnerstagabend bei einer geschlossenen Gesprächsrunde im Streit um Namen und Gestaltung des Kirche-Aula-Baus der Universität schlichten will. Unter anderem werden Uni-Rektor Franz Häuser, Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) dabei sein. Die BI bittet, an der Unterredung beteiligt zu werden, da sie für ein Gros der Leipziger Bürgerschaft spreche und davon ausgehe, dass mehrere Vertreter des „Aktionsbündnisses für eine Universitätskirche St. Pauli“ eingeladen sind. Letzteres ist aber nach LVZ-Informationen offensichtlich nicht der Fall.
Auch an Häuser hat die BI einen Brief geschickt und ihn über ihre Unterschriftensammlung informiert. „Mit Sicherheit stehen viele Bürger hinter der Uni-Leitung und dem gefundenen Kompromiss“, heißt es darin.

Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff, der dem „Aktionsbündnis für eine Universitätskirche St. Pauli“ angehört – und ebenfalls nicht zur Gesprächsrunde eingeladen ist – sieht die Unterschriftensammlung der BI mit Gelassenheit. „Im Augenblick ist so etwas unerheblich. Die Argumente sind ja nun wirklich ausgetauscht sowie klar und deutlich dargestellt worden. Jetzt sind die handelnden Personen wieder an der Reihe.“ Am Freitag wolle das Aktionsbündnis zusammenkommen, um über weitere Schritte zu beraten.

kru

Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Trennwand (13. Oktober 2008)


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 7. November 2008 (Hauptseite / Lokales - Seite 15)
© Leipziger Volkszeitung

Schlichtungsversuch ohne Ergebnis

Paulinum-Streit: Harms kündigt zweites Gespräch an – und Debatte geht im Internet weiter

Das Schlichtungsgespräch über den Namen des Kirche-Aula-Baus der Universität und die umstrittene Glaswand ist ohne Ergebnis geblieben. Deshalb gibt es eine zweite Sitzung. Auch die öffentliche Auseinandersetzung um das Gebäude, das die Uni Paulinum nennt, geht weiter – im Internet.

Als Generalbundesanwältin ist Monika Harms eine Frau des offenen Wortes, als Diplomatin in Leipzig zeigt sie sich von einer anderen Seite. Schließlich zählt Verschwiegenheit zu den Erfolgsrezepten geschickter Verhandlungsführer, und so ist Harms nach dem gestrigen, ersten Schlichtungsversuch im Paulinum-Streit wenig zu entlocken. Es sei gut gewesen, sich getroffen zu haben, sagt sie. Konstruktiv sei das Gespräch gewesen. Die Runde – der unter anderem Uni-Rektor Franz Häuser, Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) angehören – werde sich ein weiteres Mal zusammensetzen und danach eine gemeinsame Erklärung abgeben. Nach LVZ-Informationen wird die nächste Sitzung in drei Wochen stattfinden.

Derweil ist die Zahl der Unterzeichner der Resolution, in der sich Uni-Mitarbeiter und Studenten gegen den Namen Universitätskirche St. Pauli und für die Glaswand zwischen Aula und Gottesdienstraum aussprechen, auf über 1000 gestiegen. Den Text präsentiert die Alma mater auf ihrer Homepage. Darin heißt es: „Wir teilen die Meinung des akademischen Senats und des Rektorats der Universität Leipzig, dass der Neubau des Paulinums am Augustusplatz die Aula der Universität und keine Kirche sein wird.“ Der von „einer lauten, aber durch nichts legitimierten Minderheit“ gestellten Forderung, das Gebäude als Gotteshaus zu weihen, dürfe die Uni nicht nachkommen. „Damit würde die Bindung der Wissenschaft an eine Konfession symbolisiert.“

Fünf Professoren der Fakultät für Mathematik und Informatik haben allerdings einen offenen Brief an den Rektor geschickt, mit dem sie sich deutlich von dem Text auf der Homepage distanzieren. Sie sprechen sich „für eine Universitätskirche als gemeinsam genutztes geistig-geistliches Zentrum unserer Alma mater ohne Trennwand“ aus. Weiterhin heißt es: „Der Standpunkt der weltanschaulichen Neutralität der Universität ist uns in diesem Zusammenhang zu formalistisch gewählt. Die Freiheit von Lehre und Forschung muss heute nicht mehr ernsthaft vor konfessioneller Einflussnahme geschützt werden.“

Was die Uni kann, kann das Bach-Archiv auch – und setzt eine Stellungnahme zum Paulinum-Streit auf seine Homepage. Für den Inhalt sind Direktor Christoph Wolff und Geschäftsführer Dettloff Schwerdtfeger verantwortlich. Die Verfasser verweisen auf eine Disputation „in der alten Universitätskirche/Aula“ Amsterdams am 3. Oktober 2008. Dabei sei der Eindruck entstanden, dass sich „die Würde des historischen Raumes positiv auf die Veranstaltung auswirkt“. Die Frankfurter Paulskirche werde ja auch ohne Namensänderung „seit langem ‚weltlich‘ genutzt“. Mit Ausblick auf das Bachfest, „das ab 2010 wieder in der Universitätskirche Einzug halten möchte“, weist das Bach-Archiv-Team auf „höchst negative Auswirkungen“ durch die Glaswand hin. Für die unterzubringenden Epitaphe sollte deshalb nach Alternativen zur Glaswand gesucht werden. „Denn es gibt zahlreiche Kirchen, in denen Kunstschätze ohne Raumtrennung aufbewahrt werden.“

Armin Görtz/Peter Krutsch

 

DREI FRAGEN AN … … Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig

Wie beurteilen Sie das erste Mediationsgespräch?
Als eine intensive Diskussion, in der zahlreiche Aspekte des Baus und verschiedene Nutzungsszenarien und Probleme zur Sprache kamen – auch der transparente flexible Raumteiler. Was ich mitgenommen habe: Es war eine sinnvolle Diskussion, losgelöst vom öffentlichen Meinungskampf. Es ging um Sachverhalte. Und dabei wurde deutlich: Unsere Auffassungen liegen gar nicht so weit auseinander.

Warum soll ein Gebäude, das wie eine Kirche aussieht, nicht auch so heißen?
Ein Gebäude, das wie eine Kirche aussieht, muss nicht unbedingt eine sein. Nicht der äußerliche Eindruck ist entscheidend, sondern das, was in seinen Mauern geschieht. Wir wollen mit der Fassade an die 1968 gesprengte Universitätskirche erinnern, wobei über die genaue Bezeichnung des Andachtsraumes noch keine Festlegung getroffen wurde. Das Paulinum ist nicht nur das geistig-geistliche Zentrum, sondern auch Sitz der Fakultät für Mathematik und Informatik und bietet Raum für die Kustodie, Computerpools und Büros.

Kritiker werfen der Uni vor, sie drücke sich um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Was entgegnen Sie?
Ich orientiere mich an Fakten, die da sind: 2003 hatten wir zwei große Veranstaltungen zum „Erinnerungsort Leipziger Universitätskirche“, woraus gleichnamiges Buch entstand. Am Hauptgebäude war deutlich sichtbar eine Tafel zum Gedenken an die Unikirche angebracht, und gegenwärtig wird die Universitätsgeschichte im Kontext des 600. Jubiläums erarbeitet. Im Herbst 2009 wird ein Symposium mit Zeitzeugen über den Herbst 1989 stattfinden.

Interview: Peter Krutsch

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Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Trennwand (13. Oktober 2008)
* Weihepredigt von D. Martin Luther zu Leipzig am 12. August 1545 geschehen
* Zehn offene Worte
Stellungnahme der Theologischen Fakultät zum Neubau auf dem Augustusplatz
* Die Angst vor der Kirche

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Bemerkungen zur Berichterstattung der Leipziger Volkszeitung in den Print- und Online-Medien

Es muss festgestellt werden, dass in der heutigen (7. November 2008) Printausgabe der Leipziger Volkszeitung (LVZ) der Offene Brief der fünf Professoren der Fakultät für Mathematik und Informatik an den Rektor der Universität genannt, jedoch auch nicht ausgedruckt wird.
In der heutigen Online-Ausgabe der LVZ ist dieser Brief dann nicht einmal erwähnt, geschweige denn per Link einsehbar.
Das ist eine gezielt gesteuerte Berichterstattung bzw. Desinformation.

Wolfgang Wischer

LVZ vom 9. November 2008

Gestern am Telefon
Dass der offene Brief von fünf Professoren der Fakultät für Mathematik und Informatik zu diesem Thema nicht bei LVZ-Online nachzulesen ist, bemängelte Wolfgang Wischer. Das wird nachgereicht. Mathias Orbeck


© LVZ-Online, 06.11.2008, 18:39 Uhr

Leipziger Uni-Campus: Generalbundesanwältin Harms versucht Schlichtung im Paulinum-Streit

Leipzig. Im Streit um das Paulinum auf Leipzigs neuem Uni-Campus haben sich am Donnerstag Vertreter der Hochschule, der Kirche und der Staatsregierung zu einem Vermittlungsgespräch getroffen. Eingeschaltet in die Runde war Generalbundesanwältin Monika Harms als Mediatorin. Konkrete Ergebnisse habe das Gespräch nicht gebracht, sagte ein Sprecher der Universität. Voraussichtlich soll es Ende November fortgesetzt werden.

Rektor Franz Häuser sagte, es sei eine "sehr sinnvolle" Diskussion gewesen, bei der Argumente und nicht Meinungen ausgetauscht worden seien. Monika Harms, die in Leipzig jahrelang den 5. Strafsenat des Bundesgerichtshofes leitete und sich der Stadt noch immer verbunden fühlt, machte zunächst einen Baustellenrundgang. Besichtigt wurde auch das Paulinum - der Mehrzweckbau mit deutlicher sakraler Anmutung, der derzeit anstelle der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli entsteht. Dass im Inneren des Baus eine Plexiglaswand den Andachtsraum und die Aula trennen soll, erbost Kirchenvertreter mit dem Thomaskirchen- Pfarrer Christian Wolff an der Spitze. Der Pauliner Verein fordert zudem, den Neubau wieder Universitätskirche zu nennen. Dabei war das Paulinum zunächst ein von allen Seiten begrüßter Kompromiss gewesen.

Die Trennung von weltlichem und religiösem Bereich durch eine transparente Wand erhitzt aber die Gemüter in der Stadt Leipzig immer aufs Neue. Uni-Rektor Häuser hatte vor allem für die Schärfe und den Ton der Debatte kein Verständnis. Der 200 Millionen Euro teure Campus-Neubau mit dem Paulinum im Zentrum sollte eigentlich 2009 fertiggestellt werden. Das Projekt ist aber im Zeitverzug. Es ist ungewiss, ob die Uni ihr 600-jähriges Bestehen im Dezember 2009 auf dem Campus feiern kann.

dpa

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. Oktober 2008 (Hauptseite / Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Harms in heikler Mission

Generalbundesanwältin lädt zu Tagung ein – und will danach im Paulinerstreit schlichten

Monika Harms wirbt für Leipzig: Kommende Woche hat die Generalbundesanwältin zu einer internationalen Tagung in die Stadt eingeladen. Im Anschluss will sie sich um Frieden im Pauliner-Streit bemühen.

Eine heikle Mission hat sich Monika Harms für den 6. November in Leipzig vorgenommen. „Vorher äußere ich mich dazu gar nicht, denn sobald ich etwas sage, bin ich für die Mediatorenrolle verbrannt“, erklärt die Generalbundesanwältin. Sie wird – wie berichtet – versuchen, im Streit um das künftige Paulinum der Universität zu vermitteln. Der Bau soll auch an die zu DDR-Zeiten gesprengte Unikirche erinnern. Die Auseinandersetzung dreht sich vor allem um eine Glaswand zwischen Uni-Aula- und Andachtsbereich.

Nach außen hin wirke der Streit für die Stadt imageschädigend, bedauert Harms. „Leipzig ist meine große Liebe“, sagt die 62-Jährige, die bis 2006 Vorsitzende des Leipziger Senats des Bundesgerichtshofes war. Leipzig blieb sie seither auf vielfältige Weise verbunden. In den Bau-Streit mischt sie sich selbstverständlich nicht in ihrem Amt als oberste Anti-Terror-Ermittlerin ein. Die Vermittlungsbitte kam nach LVZ-Informationen aus dem Bereich des Denkmalschutzes, für den die umtriebige Juristin sich gleichfalls engagiert.

In den drei Tagen vor dem Schlichtungsversuch ist sie ohnehin in Leipzig. In jedem Herbst lädt sie sämtliche Generalstaatsanwälte Deutschlands und zahlreiche ausländische Kollegen zu einer Tagung ein, die sonst in Karlsruhe, nun aber erstmals in Leipzig stattfindet. „Ich möchte allen Gästen zeigen, wie schön es hier ist.“

Getagt wird im einstigen Reichsgericht, zu dessen Zeiten Leipzig als Hauptstadt des Rechts galt. „Nur durch die deutsche Teilung haben sich die Gewichte nach Karlsruhe als Residenz des Rechts verschoben. Ich habe bei den Oberbürgermeistern beider Städte angeregt, partnerschaftliche Beziehungen aufzunehmen. Leipzig hat als Sitz des Bundesverwaltungsgerichts, des 5. Strafsenats, des Sächsischen Verfassungsgerichtshofes, eines Landgerichts, eines großen Amtsgerichts und einer bedeutenden juristischen Universitätsfakultät auf dem Gebiet des Rechts wieder eine hohe Bedeutung erlangt“, betont sie. Das Tagungsprogramm befasst sich unter anderem mit dem Anti-Terror-Kampf, lässt aber Raum für eine Stadtrundfahrt, ein Gespräch mit Christian Führer in der Nikolaikirche und einen Besuch in Auerbachs Keller. Weil die rund 50 Gäste zur Aufführung der Rossini-Messe mit Riccardo Chailly bereits abgereist sein werden, dürfen sie ausnahmsweise die Generalprobe im Gewandhaus miterleben.

Der Skandal um den Fliegenden Holländer an der Oper stimmt Leipzig-Werberin Harms traurig. „Freiheit der Kunst ist Freiheit in Verantwortung. Sich zerfleischende Kampfhunde auf einer Videowand zu zeigen, das ist Krawall um des Krawalls willen. Wer ein Werk auf die Bühne bringt, der muss seine Aussage dem Publikum vermitteln können, muss die Menschenwürde wahren, und er muss bedenken, dass er mit unser aller Geld arbeitet.“ Zu den ultrakonservativen Opernbegeisterten zählt Harms keineswegs. Die 62-Jährige, langjähriges Mitglied in der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, betont, dass ihr der dort neuzeitlich inszenierte Parsival großartig gefallen hat.

Armin Görtz

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STANDPUNKT

Von Armin Görtz

Beherzter Harms-Einsatz

Monika Harms ist eine beherzte Frau. Nein, nicht weil sie viele Male am Richtertisch über Schuld oder Unschuld mitentschieden hat. Das ist vor allem eine Frage des juristischen Sachverstands. Besonders mutig ist es auch nicht, wenn die Generalbundesanwältin die Fahndung nach Terroristen dirigiert. Da muss sie vornehmlich Entschlusskraft und logistische Fähigkeiten beweisen. Wer sich aber zwischen die verhärteten Fronten des Unikirchen-Streits stellt, der wagt das beinahe Aussichtslose.
Harms wird dabei wohl nur ein einziges, schlichtes Argument einbringen können: ihre Liebe zu Leipzig. Eine Hingabe, wie sie Zugereiste oft sogar stärker empfinden als Einheimische. Wer diese Stadt liebt, so wird Harms den Konfliktparteien zu verdeutlichen versuchen, der muss bereit sein, den nach außen hin schädlichen Zwist zu beenden. Wenn die Vorkämpfer der beiden Fronten diese Friedensbotschaft nach dem Gespräch in die eigenen Reihen tragen, ist schon viel gewonnen. Dann wird sich zeigen, bei wem die Leipzig-Liebe größer ist als die Selbstverliebtheit.

eMail: a.goertz@lvz.de


Quelle: http://www.bach-leipzig.de/
© Bach-Archiv Leipzig - 28.10.08 12:00

Universitätskirche St. Pauli

Das Bach-Archiv Leipzig unterstützt eine sachliche und besonnene Diskussion um die Benennung und Ausstattung der Universitätskirche auf dem neuen Universitätscampus in Leipzig. Für das Bachfest, das diesen Raum in Zukunft einbeziehen will, wünschen wir uns optimale Konzertbedingungen und eine auch im Namen erkennbare Erinnerung an die authentische Wirkungsstätte des Thomaskantors.

Aus unserer Perspektive geben wir zwei Punkte zu bedenken.
(1) Zur Frage der Benennung: Am 3. Oktober 2008 fand in der alten Universitätskirche/Aula der Universiteit van Amsterdam eine interdisziplinäre Disputation (DNA-Forschung an Musikergebeinen mit Powerpoint-Präsentation) statt. Es entstand der Eindruck, dass sich die Würde des historischen Raumes positiv auf die Veranstaltung auswirkte. Man denke auch an die Frankfurter Paulskirche, die ohne Namensänderung seit langem nur noch „weltlich“ genutzt wird. Die Bezeichnung des Raumes als „Universitätskirche“, die zugleich auch als Aula genutzt wird, sollte keinen Anstoß erregen, sondern auf ihre angestammte Rolle in der langen Universitätsgeschichte hinweisen.
(2) Zur trennenden Glaswand: Hier ist zu verweisen auf die akustischen Probleme des riesigen Glas-Raumteilers in der Petrikirche zu Freiberg/Sachsen und dessen höchst negative Auswirkungen auf den Klang der dortigen Silbermann-Orgel. Das wollen wir für das Bachfest Leipzig, das ab 2010 wieder in der Universitätskirche Einzug halten möchte, vermeiden. Da die für die Universitätskirche geplante Glaswand nicht dazu dienen soll, gleichzeitige Veranstaltungen zu ermöglichen, sondern dem Schutz der unterzubringenden Kunstschätze dienen soll, sollten für die konservatorischen Belange Alternativen in Betracht gezogen werden. Denn es gibt zahlreiche Kirchen, in denen Kunstschätze ohne Raumtrennung aufbewahrt werden.

Im Interesse der 600 Jahre alten Universität hofft das Bach-Archiv auf eine emotionslose, rationale Entscheidung. In diesem Sinne verweisen wir auch auf folgenden Aufruf: „Um dem Interesse vieler Leipziger Nachdruck zu verleihen, dass die neue Universitätskirche auch so benannt werde und keine trennende Glaswand eingebaut würde, ruft das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche“ die Bevölkerung zu einer Kundgebung mit Thesenanschlag am 31. Oktober 2008 um 12.30 Uhr auf dem Augustusplatz vor dem Bauzaun auf. Dem Aktionsbündnis gehören an Prof. Dr. Rainer Eckert, Rainer Fornahl, Martin Henker, Regina Schild, Rolf Sprink, Walter Christian Steinbach, Dr. Ulrich Stötzner, Christian Wolff.“


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4./5. Oktober 2008 (Hauptseite / Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Generalbundesanwältin vermittelt im Uni-Streit

Leipzig (K. S). Bewegung im Streit um die geplante Glaswand in der neuen Unikirche: Nach LVZ-Informationen hat Generalbundesanwältin Monika Harms jetzt die Initiative ergriffen und die Spitzenvertreter der Streitparteien Universität, Kirche und Land zu einem Konsensgespräch für den 6. November eingeladen. Dies wurde von mehreren Seiten bestätigt. Er hoffe, „dass sich da etwas bewegt“, sagte Landesbischof Jochen Bohl, der an dem Treffen teilnehmen wird. Bohl gehört zu den Kritikern der von Uni-Rektor Franz Häuser geforderten Glaswand, die in dem Neubau am Augustusplatz die Universitätsaula von einem Andachtsraum trennen soll.

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© LVZ - Seite 17

Uni-Glaswand: Harms vermittelt

Konsensgespräch mit Generalbundesanwältin / Vertreter von Uni, Kirche und Stadt dabei

Im Konflikt um den Universitätsneubau am Augustusplatz will Generalbundesanwältin Monika Harms vermitteln. Nach LVZ-Informationen lud sie die Streitparteien zu einem Gespräch am 6. November ein. Daran teilnehmen sollen von der Uni Rektor Franz Häuser und Musikdirektor David Timm, Landesbischof Jochen Bohl, Finanzstaatssekretär Wolfgang Voss und Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD).

„Herr Jung hat gegenüber Frau Harms seine Teilnahme erklärt“, sagte Rathaussprecher Steffen Jantz, ohne weitere Details und Hintergründe des Treffens zu nennen. Harms selbst ist derzeit im Urlaub und stand für eine Erklärung nicht zur Verfügung. Dem Vernehmen nach wird es um die umstrittene Teilung des kirchenähnlichen Inneren des Neubaus durch eine Glaswand gehen. Die Uni besteht auf deren Einbau – aus betriebs- und klimatechnischen Gründen. Die 16 Meter hohe Plexiglaswand wird die Aula vom Andachtsraum trennen, in dem die Uni ihre Kunstschätze ausstellen will.

Elf prominente Leipziger haben inzwischen jedoch einen offenen Brief an den Rektor geschrieben (die LVZ berichtete). Sie lehnen darin die Wand aus ästhetischen Gründen ab, sie würde den kirchlichen Charakter des imposanten Bauwerks zerstören. Ihr Anliegen findet immer mehr Unterstützung. Es hätten bereits weitere Persönlichkeiten angekündigt, den Brief mit zu unterzeichnen, hieß es aus dem Umfeld von Landespräsident Walter Christian Steinbach, einem der elf Erstunterzeichner.

Das sächsische Finanzministerium hat sich eigenen Aussagen zufolge dem Wunsch der Uni gebeugt und wird die Glaswand finanzieren. Geschätzte Kosten: 630 000 Euro. Die Ausschreibung soll noch in diesem Monat erfolgen.

Auch Landesbischof Jochen Bohl gehört zu den Gegnern der Glaswand. Er bestätigte seine Teilnahme an dem von der Generalbundesanwältin initiierten Treffen und drückte seine Hoffnung aus, „dass sich da etwas bewegt“. Allerdings schätzt er die Lage als „sehr kompliziert“ ein. „Im Grunde geht es hier um unterschiedliche Auffassungen in grundsätzlichen Fragen“, so Bohl, „in diesem Gebäude hat über Jahrhunderte eine Doppelnutzung von Kirche und Universität stattgefunden, und das soll unserer Meinung nach auch so bleiben.“ David Timm, Musikdirektor und Leiter des Chores der Universität, wird ebenfalls bei dem Spitzengespräch dabei sein. Auch er hatte sich bereits öffentlich gegen die Glaswand bekannt. „Ich hoffe, dass sich die beiden Seiten im Gespräch aufeinander zu bewegen werden. Trotzdem werde ich meine Position deutlich formulieren“, sagte er.

Der Studentenrat der Uni stellte sich derweil hinter die von Rektor Häuser geforderte Raumteilung. „Zum einen finden wir die Entscheidung inhaltlich gut“, kommentierte Sprecherin Dorothee Riese ihre Einwände gegen den offenen Brief. „Zum anderen kritisieren wir, dass etwas jetzt wieder aufgerollt wird, was schon längst auf demokratischem Wege verabschiedet wurde“. Einzelne mögen die Glaswand nicht schön finden, aber die Trennung von Kirche und Wissenschaft sei in der Verfassung festgeschrieben, so Riese weiter. Die optische Erinnerung an die Paulinerkirche und der Andachtsraum im Innern sei bereits ein Entgegenkommen gegenüber den Kirchenvertretern. Zudem sei der Raum im neuen Gebäude knapp, und es sei in erster Linie ein Universitäts- und nicht ein Kirchengebäude.

Klaus Staeubert/Florian Bamberg

Offener Brief unter www.lvz-online.de/download

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© Standpunkt

Von Klaus Staeubert

Paulinerkirche wird sich als Name durchsetzen

Es gibt wohl kaum jemanden, den dieser Anblick kalt lässt, so überwältigend ist das, was am Augustusplatz aus dem Boden wächst. Jeder erkennt darin die vor 40 Jahren zerstörte Paulinerkirche wieder. Portal, Fenster, Säulen – alles erinnert daran. Dabei wird der Rohbau des Paulinums – nach Wortungetümen wie Aula-Kirche-Bau nun die offizielle Sprachregelung der Uni für das Bauwerk – erst in drei Wochen fertig sein. Seinen Aufstieg in den architektonischen Olymp ist ihm dagegen längst sicher – etwas Vergleichbares wurde in den vergangenen Jahrzehnten in Leipzig nicht realisiert.
Angesichts dessen mutet der Streit um Ausstattungsdetails wie den von der Uni verlangten gläsernen Raumteiler zur Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich geradezu skurril an. In Freiberg reißt man gerade eine Glaswand wieder aus der St.-Petri-Kirche heraus. Sie war zu DDR-Zeiten eingebaut worden, um einen Raum für die Kinderbetreuung zu gewinnen. Das wird, egal was das Konsensgespräch mit Generalbundesanwältin Harms bringt, früher oder später auch in Leipzig geschehen. Und dann wird sich – allen ideologischen Bedenken zum Trotz – auch ein Name durchsetzen, der das auf den Punkt bringt, wonach das Gebäude aussieht: Paulinerkirche.

eMail: k.staeubert@lvz.de


Quelle: http://www.lizzy-online.de/
© Leipziger Internet Zeitung (LIZ) - am Samstag, 4. Oktober 2008

veröffentlicht von: Redaktion

Kirche als Störfaktor: Leipziger Prominente schreiben einen offenen Brief an den Rektor der Uni Leipzig

Briefe gehören immer mehr zum neuen politischen Diskurs in Leipzig. Das hat Gründe. Manchmal durchaus christliche, wie im Fall der künftigen neuen Universitätskirche, die im Uni-Campus entsteht, und die der Rektor der Universität, Prof. Dr. Franz Häuser, gern nur noch als Paulinum tituliert. Als sei es wirklich nur eine neue Aula, in der es eine kleine Andachtsnische für gläubige Christen geben soll.

In einem offenen Brief wandten sich am 30. September mehrere namhafte Leipziger an den Rektor, die eine Entscheidung der Baukommission vom 26. September für nicht mehr nachvollziehbar halten:
"Magnifizenz, sehr geehrter Herr Professor Häuser,

die Baukommission beschloss in ihrer Sitzung am 26. September 2008 den Einbau einer Plexiglaswand zwischen Chorraum und Hauptschiff der neuen Universitätskirche St. Pauli. Diese Entscheidung geht auf die alleinige und ausdrückliche Forderung der derzeitigen Universitätsleitung zurück. Vor dem Hintergrund der im “Aula-/Kirchengebäude“ beabsichtigten universitären Nutzung halten Sie eine Trennung des Gesamtraumes für unbedingt erforderlich, wobei Sie dies neuerdings u. a. damit begründen, dass es dem international besetzten Lehrkörper und der ausländischen Studentenschaft schwer vermittelbar sei, der christlichen Religion den Vorrang zu geben.

Eine Doppelnutzung des Gesamtraumes als Gottesdienststätte und als Aula ist historisch begründet und war über Jahrhunderte lang nicht strittig. Eine aufwendige Trennung in einen sakralen und einen weltlichen Teil wird von vielen Leipziger Bürgerinnen und Bürgern abgelehnt. Es gibt keine zwingenden funktionalen Gründe, eine solche Trennung vorzunehmen. Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, sie zerstört die Ästhetik des Raumes und verschlechtert die Akustik erheblich.

Tausende Bürgerinnen und Bürger der Stadt und des Landes haben sich für eine Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli ausgesprochen. Bitte bedenken Sie, dass dieses Haus nicht allein der Universität, sondern auch den Leipzigern und ihren Gästen gehören soll und nehmen Sie Ihre Forderung endlich zurück."

Unterschrieben haben den Brief: Achim Achminow, Vorsitzender der CDU-Fraktion, Stephan Bickhardt, Polizeiseelsorger, Prof. Georg-Christoph Biller, Thomaskantor, Rainer Fornahl, Mitglied des Bundestages, Prof. Dr. Rüdiger Lux, Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, Prof. Dr. Martin Oldiges, Vorsitzender der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig, Prof. Dr. Martin Petzold, Erster Universitätsprediger, Walter Christian Steinbach, Präsident der Landesdirektion Leipzig, Dr. Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, Hermann Winkler, CDU-Kreisvorsitzender Leipzig, und Christian Wolff, Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig.

Letzterer hat sich am 30. September noch deutlicher geäußert: „Unabhängig davon, ob der Einbau “nur“ bautechnisch vorgesehen werden soll oder tatsächlich ausgeführt wird, was bekanntlich fast eine halbe Millionen Euro kosten soll, ist dieser Beschluss ein weiterer Meilenstein der Universität Leipzig ins Abseits. Nun baut sie sich innerhalb der neuen Universitätskirche St. Pauli eine Aula als Glaskasten – um, wie zu hören ist, die ausländischen Studierenden und den international zusammengesetzten Lehrkörper nicht unnötig christlichen Einflüssen auszusetzen.

Nach dieser Lesart möchte doch der Rektor der Universität dem Universitätsmusikdirektor verbieten, geistliche Kompositionen einzustudieren und aufzuführen, und Universitätskongressen untersagen, Kirchenräume wie die Nikolaikirche und die Thomaskirche zu nutzen und gleich die Auflösung der theologischen Fakultät betreiben. Auch sollte die Kustodie der Universität doch am besten alle Sakralkunst unsichtbar einbunkern und zu diesem Zweck auch den Paulineraltar aus der Thomaskirche zurückfordern."

Es ist die wunde Stelle, die er benennt. Denn die Entschuldigung mit den ausländischen Studenten und dem internationalen Lehrkörper kann im besten Fall nur eine Ausrede sein. Wer nach Sachsen kommt, um hier zu studieren und zu lehren, weiß um die christlich geprägte Geschichte und christlich beeinflusste Kultur der Region. Christliches Denken hat selbst die Montagsdemonstrationen von 1989 begründet. Auch wenn die meisten der Demonstranten und der heutigen Leipziger sich eher als Atheisten begreifen. Offiziell rechnen sich 60.000 Leipziger der evangelischen Kirche zu, rund 21.000 der katholischen.

Doch schon die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli 1968 galt – neben der Kirche – auch dem bürgerlich-christlichen Selbstverständnis der Universität und der Stadt. „Mit diesem Beschluss igelt sich die Universität Leipzig nun endgültig in einen säkularistischen Neutralismus ein und betreibt weiter die gesellschaftspolitische Verantwortungslosigkeit, die ihr schon in zwei Diktaturen im 20. Jahrhundert zum Verhängnis geworden ist", kritisiert Wolff. „Und nun darf man gespannt sein, ob es wenigstens einen Angehörigen des Lehrkörpers der Universität Leipzig gibt, der endlich den Schneid aufbringt und gegen diesen rektoralen Schwachsinn aufsteht und dieser verhängnisvollen Selbstisolation der Universität Leipzig widerspricht."

Und vor allem der augenscheinlich institutionalisierten Angst vor den (bislang überhaupt noch nicht geäußerten) Vorwürfen ausländischer Gäste, sie würden hier mit christlicher Kultur konfrontiert. Es ist der vorauseilende Gehorsam, der so verblüfft, das ängstliche Versteckspiel: Steht diese Universität nun zu ihrer christlich geprägten Vergangenheit oder wird die gläubige Gemeinde, die es selbst in den nüchternsten Fakultäten noch gibt, als Störfaktor empfunden, den man separieren muss? Schämt man sich dieser "Überbleibsel" gar? – Dann wird es schwierig. Dann kann es nicht weit her sein mit dem Selbstbewusstsein dieser Universität, die 2009 ihren 600. Geburtstag feiern will.


Lesen Sie auch:


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25./26. Oktober 2008 (Lokales - Seite 21)
© Leipziger Volkszeitung

Streit um Unikirche: Professor ruft zum Protest auf

Paulinerverein kritisiert fehlende Gesprächsbereitschaft der Hochschulleitung / Leipziger Restauratoren warnen vor Verzicht auf Glaswand

Ein Professor der Leipziger Uni lehnt nicht nur die offizielle Hochschulhaltung zum Campus-Neubau am Augustusplatz ab. Er hat jetzt an der Uni zum Protest aufgerufen. Eine Resolution (die LVZ berichtete), in der sich mehr als 500 Mitarbeiter und Studenten gegen den Namen Universitätskirche St. Pauli und für die umstrittene Glaswand zwischen Aula und Gottesdienstraum aussprechen, empfinde er als „peinlich und einer Universität unwürdig“, schrieb Helge Löbler vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an seine Fakultätskollegen und warb um Unterstützung für seine Haltung.

Der Verantwortung für die 1968 gesprengte Unikirche könne die Alma mater nur gerecht werden, „wenn wir einerseits offen für alle sind und uns gleichzeitig zu unserer Geschichte bekennen“. Ein Gebäude, das Aula und Kirche beherberge, werde „dieser Verantwortung vor Vergangenheit und Zukunft gerecht“. Zudem dürfte die Uni „den Bürgern dieser Stadt die Legitimität ihrer Wünsche“ nicht absprechen“.

Wie die Resolution wollte Löbler auch seinen Brief auf der Internetseite der Universität veröffentlichen. „Das wurde abgelehnt“, so Löbler verwundert. Denn auch bei der die offizielle Unimeinung stützenden Resolution handele es sich um die private Aktion eines Professors, die von keinem Hochschulgremium beschlossen worden sei.

Der Paulinerverein kritisierte die fehlende Gesprächsbereitschaft der Uni, obwohl Sachsens Finanzminister Georg Unland sie zum Diskurs aufgefordert hatte. Weder ein Angebot des Aktionsbündnisses Neue Universitätskirche St. Pauli noch des Paulinervereins habe Rektor Franz Häuser angenommen. „Beim Richtfest fragte er mich: Worüber sollten wir noch reden?“, so Vereinsvorsitzender Ulrich Stötzner.

Unterdessen haben 25 Leipziger Restauratoren in einer Erkärung die Notwendigkeit einer Plexiglaswand in dem kirchenähnlichen Gebäude begründet. Hintergrund: Die Uni will den Gottesdienstraum damit von der 800 Personen fassenden Aula trennen, um ein besonderes Klima für die Ausstellung restaurierter Grabmale aus Stein und Holz zu schaffen. Christian Jürgens, Chefrestaurator im Grassi-Museum: „Ohne konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit werden die Objekte spätestens in ein, zwei Jahren wieder sichtbare Schaden nehmen.“ Im Holz bildeten sich dann Risse und die Farbe platze ab.

Klaus Staeubert

Der Wortlaut des Restauratoren-Briefes steht im Internet unter www.lvz-online.de/download


Quelle: Deutscher Bundestag - Pressedokumentation

© Frankfurter Allgemeine, 23.10.2008

Glaubenskampf um Plexiglas

In der Leipziger Universitätskirche St. Pauli soll eine Wand Geistliches und Weltliches trennen

Von Reiner Burger

LEIPZIG, 22. Oktober. Ist das nicht doch ein Wiedersehen nach langer Zeit? Mächtig reckt sich der Giebel auf dem Augustusplatz in den Himmel. Zwar ist er noch aus rohem Beton, doch er gehört zweifellos zu einem Gotteshaus. Vierzig Jahre nachdem die Leipziger Universitätskirche St. Pauli auf Geheiß des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht gesprengt wurde, hat die Alma mater lipsiensis Richtfest für den Zentralbau ihres neuen Campus gefeiert. Eine Kirche aber will sie in dem Bau nicht mehr sehen. Rektor Franz Häuser spricht lieber vom "Paulinum". Erst vor kurzem hat die Universität noch einmal bekräftigt, dass im Innenraum eine große Wand errichtet werden soll, der die Aula von einem geistlichen Raum trennen soll. Das Geistliche und das Weltliche, das jahrhundertelang in St. Pauli fruchtbar ineinanderüberging, soll nun fein säuberlich durch Plexiglas getrennt werden.

Der sächsische Finanzminister Georg Unland (parteilos) redet der Universität deshalb beim Richtfest ins Gewissen. "Wissenschafts- und Glaubensfreiheit haben die gleiche Wurzel im europäischen Wertekanon. Keine Wissenschafts- ohne Glaubensfreiheit", sagt Unland, der bis vor kurzem noch Rektor der TU Bergakademie Freiberg war. Durch die friedliche Revolution sei in Leipzig der Triumph der politischen Freiheit hinzugetreten. "Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, in dem Gebäude die großartige Tradition der Glaubens, der Wissenschafts- und der politischen Freiheit gemeinsam und nicht getrennt Architektur werden zu lassen." Die Frage der Innenraumgestaltung erfordere eine Wertediskussion, die nicht isoliert von der Gesellschaft innerhalb der Universität geführt werden könne. Rektor Häuser reagiert auf der Baustelle verschnupft. Den "Stil intransparenter, informeller Einflussnahme von außen" empfinde er als unangenehm.

Es ist ein letztes Gefecht um St. Pauli. Jahrelang rangen Stadt, Land und Hochschule um die angemessene Bebauung des Augustusplatzes. Zunächst war geplant, der zerstörten Paulinerkirche in einer Art Mehrzweckhalle zu gedenken. In einem weiteren Architektenwettbewerb konnte sich der Leipziger Paulinerverein zwar abermals mit seinem Anliegen durchsetzen, das Gotteshaus originalgetreu aufzubauen. Doch immerhin gewann mit dem Vorschlag des niederländischen Architekten Erich von Egeraat ein Entwurf, bei dem der Kirchenbau wenn auch modern interpretiert ins Leipziger Zentrum zurückkehrt.

Mit der Sprengung der Paulinerkirche statuierte Ulbricht 1968 auch in Reaktion auf den Prager Frühling ein Exempel gegen das christlich-bürgerliche Selbstbewusstsein in der DDR. In dem Gotteshaus hatte einst Luther gepredigt. Bach spielte auf seiner Orgel. Zugleich war die Universitätskirche Ort deutscher Geistesgeschichte; Namen wie Schumann, Leibniz oder Heisenberg sind mit ihr verbunden. Zehntausende studierten nach 1968 an der in Karl-Marx-Universität umbenannten Hochschule, ohne je ein Foto von der Kirche gesehen, ohne je von der Sprengung gehört zu haben. Nach der Wende gelang es dem Paulinerverein mit einem aus Stahlbeton angedeuteten Giebel auf dem Augustusplatz, das Bild der Kirche wieder weiten Teilen der Bevölkerung vor Augen zu führen. Doch wie erfolgreich die SED mit ihrer Politik der Entchristlichung gewesen war, zeigt sich, als der Streit über die Bebauung immer antikirchlichere Züge annahm. Die damals noch als PDS firmierende Linkspartei bezeichnete Anhänger des Wiederaufbaus als Revisionisten, also in der Terminologie der SED als "ideologische Handlanger zur Eindämmung des Klassenkampfes".

Auch nachdem sich der moderne Entwurf von Erik van Egeraat durchgesetzt hatte, blieb der Grundkonflikt ungelöst. Die Universität will nicht wie früher den Kirchenraum als Aula mitbenutzen, sondern genau umgekehrt: Die Kirche soll in der Aula zu Gast sein. Zunächst galt der Universität als zentrales Argument für den Einbau der Plexiglaswand, dass alte Kirchenschätze im Andachtsraum ein anderes Klima benötigten. Doch am 15. Oktober hat der akademische Senat eine Resolution veröffentlicht, aus der deutlich wird, worum es letztlich geht: Der Neubau des "Paulinums" werde "die Aula der Universität und keine Kirche sein", heißt es in dem Text. In seiner Architektur halte das Gebäude die Erinnerung an die Paulinerkirche wach, die in einem Akt kultureller Barbarei und ideologischen Eifers mit Zustimmung der damaligen Universitätsleitung gesprengt worden sei. Dann versucht der Autor der Resolution - der Direktor des Religionswissenschaftlichen Instituts - ausgerechnet die Sprengung gegen die Kirche ins Feld zu führen. Aus ihrer Unterwerfung 1968 habe die Universität "historische Lehren gezogen" und verteidige nun "die als Folge der friedlichen Revolution von 1989 wiedergewonnene Autonomie und Freiheit der Wissenschaft entschieden gegen Versuche der Instrumentalisierung oder ideologischen Vereinnahmung jedweder Art".

Unterdessen wenden sich immer mehr Prominente gegen die Glaswand. Darunter sind der Schriftsteller Erich Loest, die beiden Leipziger Bundestagsabgeordneten Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber (beide SPD) und der Trompeter Ludwig Güttler, der sich einst erfolgreich für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche eingesetzt hatte. Vor kurzem bezeichnete er die geplante, 600 000 Euro teure Plexiglaswand als "Proletenkult" und warf der Universitätsleitung "Gestaltungs- und Machtmissbrauch" vor. Er forderte die Hochschule auf, sich zu ihrer Geschichte, also auch zur Sprengung ihrer Paulinerkirche zu bekennen. In dem Neubau 19 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer eine 16 Meter hohe ideologische Trennwand zu errichten sei ein "Irrwitz der Geschichte".


Presseinformation des Paulinervereins

23.10.08

Gesprächsbereitschaft

Nach der klaren Ansprache des Sächsischen Staatsministers der Finanzen, Professor Georg Unland anlässlich des Richtfestes, in der dieser am Ort der gesprengten Universitätskirche unmissverständlich darauf hinwies, dass "die Innenraumgestaltung eine Wertediskussion erfordere, die nicht allein die Universität selbst, sondern auch die Stadt und ihre Bürger zu führen hätten", gibt es seitens der Universitätsleitung offenbar weiterhin keine Gesprächsbereitschaft. Diesbezügliche Angebote des Paulinervereins, auch an die Dekane, wurden schon in der jüngsten Vergangenheit abgewiesen bzw. nicht beantwortet. Auch auf eine Einladung des Landesdirektors Christian Steinbach an den Rektor Professor Häuser zu einem Gespräch mit dem Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli" gab es keine Antwort, und auf mehrfaches Drängen die Entschuldigung, er sei jetzt sehr überlastet. Auch ein Gesprächsangebot des Vorsitzenden des Paulinervereins auf dem Richtfest wurde von Rektor Häuser mit der Bemerkung "Worüber sollten wir noch sprechen?" abgewiesen.
Der "Thesenanschlag" am Reformationstag ist deshalb nicht "lächerlich" (Zitat Dr. Gutjahr-Löser), sondern es ist leider sehr bedauerlich und bezeichnend, dass es einer Meinungskundgebung wie dieser bedarf, um überhaupt Gehör zu finden.

gez. Dr. U. Stötzner      Dr. Chr. Jonas


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 23. Oktober 2008 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Thesenanschlag am Paulinum

Das Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ lässt nicht locker. Um seine Forderung zu untermauern, dass das Paulinum des Universitätsneubau offiziell Universitätskirche genannt wird, wird zu einem Aktionstag aufgerufen. Am 31. Oktober, dem Reformationstag, soll es ab 12.30 Uhr auf dem Augustusplatz vor dem Bauzaun eine Kundgebung mit Thesenanschlag geben, teilte Thomaskirchen-Pfarrer Christian Wolff gestern erneut mit.

Am Reformationstag erinnern Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation durch Martin Luther vor fast 500 Jahren. Ob Luther seine gegen den Ablasshandel gerichteten 95 Thesen am 31. Oktober 1517 tatsächlich an die Tür der Wittenberger Schlosskirche schlug, ist zwar historisch nicht gesichert. Die öffentliche Wirkung seiner Thesen ist jedoch unumstritten. Der damalige Augustinermönch wollte die bestehende Kirche erneuern. Weil sich die mittelalterliche Papstkirche einer Reform verweigerte, kam es zu der von Luther zunächst nicht beabsichtigten Bildung der evangelischen Kirche.

Der Uni-Neubau – am Dienstag wurde Richtfest gefeiert (die LVZ berichtete) – löste in der Stadt heftige Diskussionen aus. Während die Hochschule darauf pocht, dass das Paulinum in erster Linie als Aula dient, will das Aktionsbündnis nicht nur den Namen Universitätskirche haben, sondern auch die Glaswand, die im Paulinum die Aula von einen Andachtsraum trennen soll, verhindern. 1968 wurde die Universitätskirche St. Pauli auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt.

mi

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Lesen Sie auch den
Offenen Brief von Dr. Peter Gutjahr-Löser an Pfarrer Wolff


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. Oktober 2008 (Hauptseite/Lokales - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung

Streit überschattet Campus-Richtfest

Finanzminister: Innenraumgestaltung keine interne Frage der Uni / Rektor rügt Einflussnahme

Leipzig (A. T.). Scharfe Töne überschattete gestern das Richtfest für das neue Hauptgebäude und das Paulinum der Universität Leipzig: Uni-Rektor Franz Häuser verwahrte sich in seiner Rede gegen eine „intransparente, informelle Einflussnahme von außen“, die er als unangenehm empfinde. Gemeint war offensichtlich Sachsens Finanzminister Georg Unland (CDU).

Dieser hatte zuvor in seiner Richtfest-Rede im Innenhof des neuen Campus-Areals erklärt, die Universität sei „kein Elfenbeinturm“ und könne deshalb die Innenraumgestaltung ihrer neuen Paulineraula „nicht isoliert von der Gesellschaft“ entscheiden. Der Landespolitiker griff damit in den heftigen Streit ein, ob der Innenraum des neuen Paulinums möglichst vollständig mit den geretteten Kunstschätzen der alten Paulinerkirche ausgestattet werden sollte. Das Paulinum entsteht am Standort der 1968 gesprengten Kirche und ihr Äußeres ist dem Gotteshaus architektonisch nachempfunden.

Sachsens Finanzminister sagte gestern vor rund 200 geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft, die DDR-Führung habe mit der Sprengung des Gotteshauses „auch das geistige Selbstverständnis der Universität zerstört“. Gleichzeitig betonte er, dass Deutschland auf Leipzig schaue. Nicht nur, weil am Augustusplatz für 190 Millionen Euro der derzeit größte Universitätsneubau der Bundesrepublik entstehe, sondern auch, weil das Bauwerk politisch geworden sei. „Glaubensfreiheit und Wissensfreiheit stehen im deutschen Wertekanon ganz vorn“, erklärte der Minister. „Ohne Wissenschaftsfreiheit gibt es keine Glaubensfreiheit. Und Glaubensfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit vom Glauben, sondern auch Freiheit zum Glauben.“ Deshalb sei die Frage der Innenraumgestaltung „nicht nur eine interne Frage der Universität, sondern auch der Stadt und ihrer Bürger“. Und jede Universität müsse sich überlegen, „ob ihre Entscheidungen Bestand für die Zukunft haben werden“.

Rektor Franz Häuser betonte in seiner anschließenden Rede, dass für die Universität Leipzig öffentliche Diskussionen eine Selbstverständlichkeit darstellten und auch erwünscht seien. „Aber als unangenehm empfinde ich den Stil intransparenter, informeller Einflussnahme von außen“, so Häuser.

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© Leipziger Volkszeitung - Seite 20

Richtfest mit Dissonanzen

Sachsens Finanzminister Georg Unland fordert Diskussion um Innenraumgestaltung

Kurz vor 17 Uhr wird die Richtkrone für den zentralen Universitätsneubau, auch Paulinum genannt, am Augustusplatz hoch gezogen. Die Tradition ist Schlusspunkt des Richtfestes, das aber nicht ohne Kontroversen und Dissonanzen über die Bühne geht.
Zur Musik der Oldtime-Jazz-Enthusiasten schwebt die Richtkrone in die Höhe, nachdem der Mauerpolier Michael Behrendt auf zünftige Art den Richtspruch verkündete. Die Leipziger Jazzer spielen nicht das erste Mal bei der Universität zu so einem Anlass. „Das Richtfest für die neue Aula ist aber schon was ganz Besonderes“, sagt der Bassist Thomas Moritz, der einst an der Karl-Marx-Universität Physik studierte und dann doch lieber in die Musik wechselte.
Polier wie Musikanten haben zuvor bei genauem Hinhören einen feierlichen Akt erlebt, der erstaunlich offen die aktuellen Streitigkeiten um die Innengestaltung des Kirche-Aula-Baues thematisiert. Sachsen Finanzminister Georg Unland (parteilos) kommt in seiner Rede natürlich auch auf sein ureigenes Gebiet, den Umgang mit dem Geld zu sprechen, sagt, dass vor wenigen Tagen bei ihm das Telefon klingelte und weitere 25 Millionen Euro für den Leipziger Uni-Neubau benötigt wurden. Weil dieses Projekt in Leipzig das wichtigste des Freistaates nach dem Dresdner Residenzschloss sei, habe er auch diese Summe bewilligt, ohne dass andere freistaatliche Bildungseinrichtungen darunter leiden müssten.

Vor den Anmerkungen zum Thema Geld spricht Herr Minister aber sehr nachdrücklich über die politische Rolle der neuen Leipziger Universität. Er würdigt die besondere Bedeutung dieser Alma Mater als sächsische Landesuniversität, er verweist auf ihre historischen Wurzeln und wird konkret: „Diese Universität repräsentiert die Glaubens- und die Wissenschaftsfreiheit und vor allem auch die 1989 in Leipzig errungene politische Freiheit. Ich würde mir es also wünschen, wenn diese drei Freiheiten gemeinsam und nicht getrennt ihre Widerspiegelung in der Gestaltung des Innenraumes finden würden.“ Nein, das ominöse Wort Glaswand fällt nicht, doch alle wissen, was gemeint ist. Die Innenraumgestaltung erfordere eine Wertediskussion, die nicht allein die Universität selbst, sondern auch die Stadt und ihre Bürger zu führen hätten, so der Minister. Uni-Rektor Franz Häuser vernimmt diese Worte mit ziemlicher Überraschung, während die beim Richtfest ebenso anwesenden Mitglieder des Paulinervereins Rückenwind für ihre Forderung nach Aufhebung der viel diskutierten Trennung verspüren. Häuser widerspricht in seinem Grußwort dem Minister, in dem er die Diskussion zwar generell für gut heißt, eine direkte Einmischung in die Belange der Alma Mater aber von sich weist. Thomas Dudzak, der Sprecher des Studentenrates, verteidigte in Diskussionen die Position der Universität: „Die Beschlüsse der Hochschule wurden demokratisch gefasst und haben Gültigkeit.“

Architekt Erick van Egeraat ist überzeugt, dass die Streitigkeiten um seinen Entwurf bald der beendet werden. Auch er steht zur Glaswand, die doch in völlig neuer Qualität eingebaut würde. „Ich habe immer gesagt, dass ich keine Kirche, aber einen wunderbaren Kompromiss baue. Dieser Raum wird eine große Kraft haben, weil er hell sein und leuchten wird.“
Van Egeraat ist nicht nur angetan von seinem Bau, er lobt auch das Richtfest selbst: „So gut organisiert gibt‘s so etwas nur in Deutschland.“ Der Architekt ist übrigens noch immer überzeugt, dass der größte Teil der Arbeiten bis zum Dezember 2009, wenn Leipzigs Universität in dem Neubau ihren 600. Geburtstag feiern will, fertig sein wird: „Dafür bedarf es aber einer großen Kraftanstrengung aller Beteiligten, keines weiteren Streites und vor allem auch eines milden Winter, in dem ohne Pause gebaut werden kann.“

Thomas Mayer

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Unversöhnliche Gegensätze im Gemeindesaal

Tief ist der Graben zwischen dem Studentenrat der Universität und den Anhängern der Unikirche. Auch ein Streitgespräch am Montagabend im mit mehr als 150 Zuhörern überfüllten Saal der Gemeinde St. Thomas konnte daran nichts ändern. Es ging dabei längst nicht mehr nur darum, ob der Neubau künftig Unikirche heißen und eine Plexiglaswand im Inneren den akademischen Veranstaltungssaal von einem Gottesdienstraum trennen soll. Einziger Trost nach zweieinhalbstündiger, hitziger Debatte: Das Gespräch zwischen den Studenten und Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff fand überhaupt statt. Studentenratssprecher Thomas Dudzak warf dem Pfarrer vor, die „nationalsozialistische Keule“ geschwungen und damit einen Dialog quasi unmöglich gemacht zu haben. Es sei völlig inakzeptabel, dass Wolff die Zerstörung von Synagogen durch die Nazis 1938 mit der Sprengung der Unikirche St. Pauli 1968 vergleiche. Der Pfarrer relativierte schließlich seine Aussage und stellte klar: Eine Gesellschaft, die jüdische und christliche Gotteshäuser vernichte, sei nicht überlebensfähig.

Der Neubau gebe der Uni die Chance, sich zu ihrer christlichen Geschichte zu bekennen. „Doch es wird verschwiegen, dass die Dinge so sind, wie sie sich jetzt in der Architektur widerspiegeln“, so Wolff. „Warum soll ein Ort des freien Wortes nicht für Gottesdienste da sein. Warum muss das Ding unbedingt Kirche heißen“, fragte Dudzak kopfschüttelnd, „alle Veranstaltungen, ob akademisch oder kirchlich, werden im Eindruck eines sakralen Raumes stattfinden“. Denn die Glaswand, redete Architekturstudentin Ilka Hausmann dem Pfarrer ins Gewissen, „verursacht nicht die Trennung, die Sie befürchten.“

K. S.

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Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/76498.html
© LVZ-Online, 21.10.2008, 21:42 Uhr

Richtfest für Kernstück des neuen Uni-Campus in Leipzig gefeiert

Leipzig. Für das Herzstück des neuen Leipziger Universitäts-Campus, das Paulinum, ist am Dienstag Richtfest gefeiert worden. Ein Kran zog die Richtkrone über den Rohbau des Paulinums, des Hauptgebäudes sowie des großen Hörsaals. "Die Universität erhält wieder ein eigenes bauliches Antlitz in der City", sagte Rektor Franz Häuser. Überschattet wurde das Fest von erneuten Protesten von Kritikern des Paulinums. Sie monieren, dass im Inneren des Baus eine Aula und ein Andachtsraum durch eine transparente Plexiglaswand getrennt werden sollen.

Der Neubau entsteht an der Stelle der 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengten Paulinerkirche. Der Mehrzweckbau nach einem Entwurf des holländischen Architekten Erick van Egeraat ist ein Kompromiss, der nach jahrelangen Debatten um einen möglichen Wiederaufbau der Kirche gefunden wurde. "Die Universität erhält wichtige Räumlichkeiten zurück, wie einen Aularaum, auf den sie sechs Jahrzehnte verzichten musste", sagte Häuser.

Sein gotischer Giebel erinnert deutlich an den zerstörten Sakralbau, im Inneren ist eine Aula und ein Andachtsraum vorgesehen. Dass beide Bereiche durch einen Plexiglaswand getrennt werden sollen, hatte erneut Streit ausgelöst. Die Universität begründet die Trennung mit speziellen Klimaanforderungen für die restaurierten Kunstwerke aus der einstigen Paulinerkirche begründet. Persönlichkeiten wie Thomaskantor Georg Christoph Biller, Schriftsteller Erich Loest, Theologe Friedrich Schorlemmer und Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler hatten sich gegen die Glaswand ausgesprochen.

Auf Flugblättern im Namen des Thomaskirchenpfarrers Christian Wolff, die vor dem Bauzaun verteilt wurden, war zum Richtfest von einem "Akt der Schmach" die Rede. Hochschulrektor Häuser fand dagegen deutliche Worte: "Es kann nicht überraschen, dass der Bau Aufmerksamkeit auf sich zieht und dass darüber öffentlich diskutiert wird", sagte er. "Als unangenehm empfinde ich aber die Art und Weise, den Stil der Diskussion." Zuvor schon hatte Häuser betont, es sei nicht Aufgabe des Staates oder der Uni, eine Kirche zu bauen.

Die Universität Leipzig, zweitälteste Uni mit durchgehendem Betrieb in Deutschland, feiert 2009 ihr 600-jähriges Bestehen. Bis dahin soll der komplette Campus - zumindest weitgehend - fertig sein. Unter anderem wird auch eine Mensa gebaut und das alte Seminargebäude wurde grundlegend saniert. Die größten Teile des neuen Campus sollen bereits im Sommer 2009 bezugsfertig sein. Die Bauten kosten nach aktuellen Erhebungen insgesamt 190 Millionen Euro und werden von Bund und Land Sachsen im Rahmen der Hochschulbauförderung getragen.

Am Donnerstag wird in der Grimmaischen Straße die Ladenpassage, die in dem dort neu gebauten Universitätsgebäude untergebracht ist, eröffnet.

tom/dpa

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Leserbrief

Die Fassade hat eine Feigenblattfunktion
Zum Streit um den Neubau der Universität:

Leider wurde in der LVZ der besagte offene Brief an Rektor Häuser stark verkürzt wiedergegeben. Die Pointe ist doch des Rektors neues Argument für die Glaswand; sie müsse errichtet werden, weil es „dem international besetzten Lehrkörper und der ausländischen Studentenschaft schwer vermittelbar sei, einer Religion den Vorrang zu geben“. Welcher ausländischer Studenten? Viele von ihnen, besonders aus afrikanischen Ländern, studieren ja gerade in Deutschland oder anderen europäischen Ländern, weil sie Christen sind.
Die Wurzeln unserer Kultur liegen nun einmal im Christentum, und kein vernünftig denkender Mensch wird es anstößig finden, dass in einer traditionsreichen, jahrhundertelang auch als Aula genutzten Universitätskirche christliche Symbole zu finden sind. Was für welche denn sonst? Zu DDR-Zeiten wollten die Genossen keine Kirche im Zusammenhang mit der Universität und ließen sie 1968 sprengen. Heute soll möglichst erst gar keine entstehen. Die Fassade, die an eine Kirche erinnert, hat Feigenblattfunktion. Im Inneren soll nach wie vor die kahle Mehrzweckhalle mit „zuschaltbarem“ museumsartigen Andachtsraum entstehen. Die Trennwand ist der Schlüssel für dieses ideologische Vorhaben, an dem Ulbricht seine Freude hätte. Sie darf nicht gebaut werden.

Pfarrer i. R. Gerd Mucke, 04103 Leipzig

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Informieren Sie sich:
* Schriftwechsel mit dem Sächsischen Finanzministerium
  (Standpunkt des Sächsischen Finanzministeriums)
* Universitätskirchen an Eliteuniversitäten

Lesen Sie die Stellungnahme der Theologischen Fakultät zum Neubau auf dem Augustusplatz
Zehn offene Worte

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Tagesschau der ARD vom 21. Oktober 2008 - 20 Uhr
zum Richtfest der Universitätskirche St. Pauli


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. Oktober 2008 (Hauptseite/Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Heute Richtfest am Augustusplatz

190 Millionen Euro teurer Uni-Bau / Architekt: „Leipziger können froh sein“

Leipzig (tom). In Leipzig wird heute Richtfest für den Neubau des Paulinums auf dem früheren Standort der Universitätskirche gefeiert. Aula und Andachtsraum sollen Anfang Dezember kommenden Jahres eingeweiht werden. Dann feiert die Universität Leipzig ihren 600. Geburtstag. Die größten Teile des neuen Campus sollen bereits im Sommer 2009 bezugsfertig sein. Die Bauten kosten nach aktuellen Erhebungen insgesamt 190 Millionen Euro und werden von Bund und Land Sachsen im Rahmen der Hochschulbauförderung getragen. Die Universitätskirche St. Pauli war am 30. Mai 1968 auf Geheiß des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht gesprengt worden, was eine Welle des Protestes ausgelöst hatte. Die Bemühungen um einen originalgetreuen Wiederaufbau scheiterten in den vergangenen Jahren.

Der derzeit entstehende Neubau, der an die Kirche erinnern wird, wurde vom niederländischen Stararchitekten Erick van Egeraat entworfen. „Mein architektonisches Konzept bietet nicht nur Referenz an die Vergangenheit, sondern eröffnet auch gleichzeitig eine Vision für die Zukunft“, sagt der Architekt gegenüber der LVZ. Höhepunkt seines Neubaus werde zweifellos der Innenraum der Aula, der mit der Materialwahl von weißem Putz, Glas und Porzellanelementen eine helle und würdevolle Ausstrahlung erzeuge. Van Egeraat: „Ich bin fest davon überzeugt, dass mit diesem Raum alle Diskussionen über das Befürworten oder Ablehnen des Wiederaufbaus der Kirche beendet werden und die Leipziger froh sein können mit der Erinnerung an die Paulinerkirche.“

Für Streit hatte zuletzt der Beschluss der Baukommission der Universität gesorgt, Aula und Kirchenraum durch eine Glaswand voneinander zu trennen, was die Universität mit speziellen Klimaanforderungen für die restaurierten Kunstwerke aus der einstigen Paulinerkirche begründet. Persönlichkeiten wie Thomaskantor Georg Christoph Biller, Schriftsteller Erich Loest, Theologe Friedrich Schorlemmer und Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler hatten sich gegen die Glaswand ausgesprochen. Am Donnerstag wird in der Grimmaischen Straße die Ladenpassage, die in dem dort neu gebauten Universitätsgebäude untergebracht ist, eröffnet.

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© Leipziger Volkszeitung - Seite 19

Erster Institutsbau am Campus fertig

Übermorgen öffnen zehn Geschäfte mit Volksfest in der Grimmaischen Straße / Brunnenanlage kommt im Frühjahr

In der Grimmaischen Straße wird am Donnerstag ab 10.30 Uhr gefeiert. Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Einerseits ist das erste Gebäude vom neuen Universitäts-Campus fertig – inklusive zehn Läden im Erdgeschoss. Andererseits schließt die Stadt den Umbau der Grimmaischen Straße ab und stellt zugleich ihre Pläne für ein großes Wasserspiel vor.

30 Millionen Euro haben der Freistaat Sachsen und der Projektentwickler MIB AG in das moderne Institutsgebäude investiert, dessen Glasfront an der Grimmaischen Straße stolze 102 Meter lang ist. Im Erdgeschoss öffnen am Donnerstag zehn Geschäfte. „Wir haben jahrelang nach schönen Flächen an der wichtigsten Leipziger Einkaufsmeile gesucht“, erzählt Maria Leinweber, die aus Portugal stammende Inhaberin der Tamaris-Schuhboutique, in der sich gestern noch schwarze Kartons stapelten. „Wir räumen gerade ein. Am Donnerstag werden Sie unseren Laden nicht wieder erkennen.“

Viele Leipziger, die an dieser Stelle noch die alte Uni-Mensa und Buchhandlung vor Augen haben, dürften sich dann die Augen reiben. Schon im Jahr 2001 hatte der Freistaat Sachsen als Finanzier der Uni einen Wettbewerb zur baulichen Neugestaltung des gesamten Campus ausgerufen – den Zuschlag erhielt das Architekturbüro Behet & Bondzio. „Nach diesen Entwürfen durften wir dann im Juli 2007 mit dem Neubau beginnen“, sagt MIB-Vorstand Alexander Schlag. „Und haben sowohl den Zeitrahmen als auch die Kosten absolut eingehalten.“

In öffentlich-privater Partnerschaft entstand ein 5,5-geschossiger Neubau. Er ragt zum Teil über die große Tiefgarage hinweg, die bereits unter dem Hof des Campus ruht. Im Erdgeschoss wurden gestern vietnamesische Holzstühle für ein Starbucks-Café angeliefert, auch nebenan bei Backwerk, Puma oder Levi’s gewerkelt. „Wir konnten einige internationale Marken gewinnen, die die Leipziger sonst nur aus dem Urlaub kennen“, berichtet MIB-Geschäftsführer Uwe Laule. Bestes Beispiel sei das junge französische Modelabel Promod. „Gemischt ist das mit Alltagsbedarf für die Studenten wie McPaper.“

Ebenfalls so gut wie fertig sind die Obergeschosse mit etlichen Seminarräumen und einer riesigen Freiterrasse. Sie umfasst 250 Quadratmeter, bietet den Studenten künftig einen fantastischen Blick über den Campushof und auf das Paulinum. Allerdings wird die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ihre vier Etagen erst im April 2009 beziehen, bestätigt Uni-Sprecher Tobias D. Höhn auf LVZ-Anfrage. „Die Außenanlagen sind noch nicht soweit. Auch könnte es Probleme mit den Datenleitungen oder beim Umzug geben. Ringsum ist ja noch Baustelle.“ Deshalb wolle die Alma Mater das Institutsgebäude erst in der nächsten Semesterpause übernehmen – im April gemeinsam mit dem benachbarten Seminargebäude, dem ebenfalls umgestalteten Hörsaalbau und der Mensa eröffnen.

Für Ilka Hausmann, baupolitische Sprecherin beim Studentenrat, geht das in Ordnung. „Es wäre ein zu hoher Aufwand, jetzt mitten im Semester umzuziehen. Außerdem genießen die Wirtschaftswissenschaften in ihrem Übergangsquartier an der Jahnallee noch recht gute Bedingungen“, sagt sie.

Zu Füßen der „Lochfassade“ von Behet & Bondzio, die aus Glas und Naturstein besteht, verlegt die Beuchaer Firma UBL nun letzte Platten in der Grimmaischen Straße. Deren Neugestaltung soll ebenfalls gewürdigt werden zu dem Fest am Donnerstag, bei dem etliche Stände, die Leipziger Spielkiste und die Hamburger Band Undercover Percussion für Unterhaltung sorgen. Bei der Party will die Stadt erstmals ihre Pläne für ein großes Wasserspiel vor dem Institutsneubau im Detail vorstellen. Etliche Düsen für die bis zu 1,80 Meter hohen Fontänen liegen schon im Erdboden. Auch acht Sitzbänke, die abends leuchten, wurden montiert. Jedoch fehlen noch die Bäume und eine „steinerne Landschaft“ aus Fichtelgebirgsgranit, die ab Frühjahr 2009 aus dem Brunnenareal einen Spielraum für Kinder machen sollen. Jens Rometsch

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Thomaskirche bietet Uni Paulineraltar an

Er reitet seit Tagen heftige Verbalattacken gegen Uni-Rektor Franz Häuser. Doch hat Thomaspfarrer Christian Wolff im Eifer des Gefechts um die ihm verhasste Glaswand im Uni-Neubau am Augustusplatz womöglich zu hoch gepokert? Immerhin besitzt Häuser ein wertvolles Pfand: Der Paulineraltar in der Thomaskirche ist nur eine Leihgabe. Er stammt aus der 1968 gesprengten Unikirche St. Pauli und gehört heute noch der Universität. Was, wenn die ihr Eigentum nun zurückverlangt?
„Wir müssten dann entscheiden, ob wir unseren alten neugotischen Altar rekonstruieren oder einen neuen anfertigen lassen“, meinte Wolff. Dass es nach dem 31. Dezember 2012 – zu diesem Zeitpunkt kann die Uni erstmals den Vertrag kündigen – dazu kommt, damit rechnet der streitbare Pfarrer ohnehin. Doch seine Gemeinde ist offenbar bereit, sogar viel früher auf den Altar zu verzichten. Nach LVZ-Informationen hat der Vorstand der Thomaskirche bereits einstimmig die Möglichkeit einer vorzeitigen Rückführung beschlossen und der Uni Ende Juli unter drei Bedingungen Verhandlungen darüber angeboten:

  1. Der bislang Paulinum genannte Neubau erhält den Namen Universitätskirche St. Pauli.
  2. Die Uni lässt keine Trennwand zwischen dem Gottesdienstraum und der Aula errichten.
  3. Paulineraltar und Kanzel der alten Unikirche werden aufgestellt.

Teile des Hochaltars stehen seit 1982 aufgrund eines Leihvertrages in der Thomaskirche. Nach einer Restaurierung wurde der komplette Altar 1993 im Chorraum aufgestellt. Wann ihn die Uni zurück haben will, darüber hält sich Rektor Häuser noch bedeckt. „Es gibt eine Übereinkunft mit der Theologischen Fakultät, dass der Altar zu gegebener Zeit in den Gottesdienstraum des Paulinums zurückkehren wird“, sagte er der LVZ. Klaus Staeubert

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Bürgerinitiative pro Universität

Morgen ist die Gründungsversammlung

Schützenhilfe für die Universität: Morgen will sich eine Bürgerinitiative „Für eine weltoffene, weltliche Universität Leipzig“ gründen. Initiator ist der Leipziger Johannes Schroth. Er setzt sich für die Glaswand ein, die den weltlichen vom kirchlichen Teil des Paulinums der Universität am Augustusplatz trennen soll.
„Wir verteidigen den gefundenen Kompromiss und wenden uns gegen alle Versuche einer einseitigen geistigen oder geistlichen Beeinflussung und Ausrichtung der Universität“, sagt der Architekt, der im Bekanntenkreis mehrere Mitstreiter gefunden hat. Seine Initiative wolle denen einen Stimme geben, die die Trennung von Kirche und Staat in einer modernen Universität für unabdingbar hielten.

Die Gründungsversammlung findet morgen (22. Oktober 2008) statt. Sie beginnt um 18 Uhr in der Liebigstraße 27a, Raum S04. Das Gebäude gehört zur Uni.

mi

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 18. Oktober 2008 (Hauptseite/Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Theologen kritisieren Uni-Senat

Fakultät fordert Einberufung einer Konferenz zur künftigen Nutzung des Neubaus am Augustusplatz

Nicht nur die Leipziger spaltet der Uni-Neubau am Augustusplatz in Kirchenbefürworter und -gegner. Jetzt droht auch die Universität in zwei Lager zu zerfallen. Erstmals distanzierte sich die Theologische Fakultät öffentlich vom Senat der Hochschule. Gleichzeitig riefen die Theologen zu einer Konferenz über die künftige Nutzung des an die gesprengte Universitätskirche St. Pauli erinnernden Neubaus auf. Sie mahnten zudem eine sachliche Diskussion ohne persönliche Diffamierungen an.

Lange schwiegen die Theologen. Doch die jüngste Resolution des Senats brachte das Fass offensichtlich zum Überlaufen. Das Papier widerspreche den Zielen des Landes, das den gesamten Neubau finanziert. In der Aufgabenstellung für die Errichtung des Hauptgebäudes stehe:
„Wesentlich ist dabei die Nutzung als Aula und als Kirche.“ Für diese, der Tradition des Ortes angemessene Lösung habe der Freistaat die entsprechenden Mittel der Steuerzahler zur Verfügung gestellt, erklärten gestern Dekan Jens Herzer und Erster Universitätsprediger Martin Petzoldt. Der Senat hatte dagegen erklärt, dass das von ihm Paulinum benannte Gebäude „die Aula der Universität und keine Kirche sein wird“ (die LVZ berichtete) .

Herzer und Petzoldt bekannten sich zu der verfassungsrechtlich verankerten Trennung von Staat und Kirche und begrüßten die multifunktionale Nutzung des Neubaus – als Ort für akademische Veranstaltungen, für Gottesdienste und Konzerte. Sie stellten klar, dass die Theologen „keinen alleinigen Besitz- und Nutzungsanspruch“ erheben. 99 Prozent der Uni würden für Forschung und Lehre zur Verfügung stehen. „Warum“, fragten Herzer und Petzoldt, „sollte es nicht gerechtfertigt und erträglich sein, dass mit dem Neubau von Aula und Kirche weniger als ein Prozent der Flächen für einen Gesamtraum mit einem erkennbar sakralen Charakter geschaffen wird?“

Während sich die Theologische Fakultät nicht zum künftigen Namen für den Neubau und die umstrittene Glaswand, die den großen kirchenähnlichen Veranstaltungssaal von einem Andachtsraum trennen soll, äußerte, lehnten die Studierenden der Fakultät in einer Stellungnahme die Glaswand ab. Sie sprachen sich dafür aus, dass „der nach außen deutlich als Kirche konzipierte Bau auch seinen Namen Universitätskirche St. Pauli behält und damit an jene jahrhunderte alte Tradition anschließt.“ Die Universitätsgottesdienste an allen Sonn- und Festtagen seien eine historische Größe.

Die Uni hatte Mitte des 16. Jahrhunderts die damalige Paulinerkirche von den Dominikanermönchen übernommen. Das Gotteshaus wurde von Martin Luther eingeweiht und umbenannt. Seit 1710 fanden dort Uni-Gottesdienste statt. Nach der Sprengung 1968 fanden die Gläubigen in der Nikolaikirche eine zweite Heimat.

Ein Aktionsbündnis pro Unikirche, dem Dutzende Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens der Stadt und des Landes angehören, wirbt inzwischen für den alten Kirchennamen und den Verzicht auf die Glaswand. Aus den Reihen der Hochschule wird das Bündnis nicht mehr nur von Theologen unterstützt. Zu den Befürwörtern zählt auch Michael Korn, Professor am Institut für Geophysik und Geologie.

Die Theologische Fakultät rief zu einer bereits mehrfach geforderten Konferenz mit allen künftigen Nutzern des Neubaus und des Architekten auf. „Nur auf diesem Weg lassen sich tragfähige Lösungen und notwendige Kompromisse erarbeiten“, hieß es.

Klaus Staeubert

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Lesen Sie die Stellungnahme der Theologischen Fakultät zum Neubau auf dem Augustusplatz
Zehn offene Worte

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Leserbriefe

Zum Streit um die Trennwand im Neubau des Paulinums:

Leider wurde in der Stellungnahme Ludwig Güttlers ein wichtiger Begriff falsch wiedergegeben: Der Terminus „Proletkult“ (nicht Proletenkult) war uns, die wir unser Musikstudium in Leipzig mit dem ersten Hauptfach Marxismus-Leninismus absolvieren mussten, wohl bekannt. Im Fremdwörterbuch – erschienen 1959 beim Verlag Enzyklopädie Leipzig – steht folgende Erklärung zu Proletkult: „falsche Bestrebungen (besonders nach dem ersten Weltkrieg), eine proletarische Kultur ohne Anknüpfung an das nationale Kulturerbe zu schaffen“.
Im Sinne dieser Definition ist es dem in Marxismus-Leninismus malträtierten ehemaligen DDR-Studenten sehr gut möglich, im übertragenen Sinn diesen Begriff anzuwenden, da die historische Bedeutung der wiedererstehenden Universitätskirche räumlich und begrifflich verfremdet werden soll. Ich sehe darin eine Mutation von DDR-Beton in rektorales Plexiglas. Möge dies bitte nie geschehen!

Siegfried Pank, 04416 Markkleeberg

Wenn die Universität bei der Glaswand nachgeben muss – das Argument der Akustik scheint nachvollziehbar –, so sollte sie aber bei dem zweiten Streitpunkt, dem Namen hart bleiben. Das neue Gebäude soll eine Aula werden – mit integriertem Andachts- und Gedenkraum. Eine Kirche im eigentlichen Sinn ist hier nicht nötig, denn keine fünfhundert Meter entfernt befindet sich ja die Nikolaikirche. Die Bezeichnung Paulinerkirche ist für Fremde sogar irreführend. Deshalb klares Votum für Paulinum.

Gudrun Antosch, 04107 Leipzig

Als ehemaliger langjähriger SPD-Stadtrat und Befürworter des Wiederaufbaus der Universitätskirche St. Pauli möchte ich meine aufrechte Unterstützung für den Offenen Brief gegen die Glaswand zum Ausdruck bringen. Die Nutzung des Gesamtraumes als Aula und Gotteshaus ist seit Jahrhunderten begründet, die finanziell aufwändige Trennung ist abzulehnen. Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, zerstört den Gesamteindruck des Raumes und und wirkt sich äußerst störend auf die Akustik aus.
Die neuerdings vom Rektor hervorgebrachte Begründung, dass es dem international besetzten Lehrkörper und den ausländischen Studenten schwer vermittelbar sei, der christlichen Religion den Vorrang zu geben, mit anderen Worten den Anblick des Altars zu ersparen, ist eine unverzeihliche Unterstellung, Beleidigung und diffamierende Aussage gegenüber unseren ausländischen Mitbürgern in Leipzig.

Christian Jonas, 04316 Leipzig

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Informieren Sie sich:
- Universitätskirchen an Eliteuniversitäten


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 17. Oktober 2008 (Hauptseite/Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Uni-Rektor verteidigt Glaswand

Häuser: Es gibt kein Zurück / Aktionsbündnis empört

Leipzig (tom). Der Streit um das neue Leipziger Paulinum spitzt sich zu: Während heute auf dem Uni-Campus in der Jahnallee das Marx-Relief als eigenständiges Kunstwerk übergeben wird, setzt sich der Streit um die Glaswand, die Aula und Andachtsraum im Neubau trennen wird, vehement fort. Am Dienstag findet das Richtfest für den Bau des holländischen Stararchitekten Erick van Egeraat statt.
„Die Universität bekennt sich zu ihrer Geschichte und stellt das Marx-Relief wieder auf“, sagt Rektor Franz Häuser. Das geschieht allerdings nicht ohne die entsprechende Erläuterung. Eine aus Edelstahl gefertigte Schautafel zeigt eine Bildfolge – beginnend bei der historischen Universitätskirche St. Pauli und deren Zerstörung im Jahr 1968, gefolgt vom Neubau des Hauptgebäudes zu DDR-Zeiten mit der monumentalen Plastik der Künstler Rolf Kuhrt, Frank Ruddigkeit und Klaus Schwabe sowie der zeitweiligen Installation Paulinerkirche, bis hin zum Entwurf von Erick van Egeraat für das neue Hauptgebäude am Augustusplatz. „Die Schautafel soll den Betrachtern helfen, das Marx-Relief in den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Das Kunstwerk ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis, mit dem man sich aktiv auseinander setzen muss“, so Häuser.

Die Leipziger Universität trug von 1953 bis 1991 den Namen von Karl Marx. Nach intensiver Beratung verständigte sich eine Arbeitsgruppe – zu der neben dem Rektor unter anderen der Theologe Rüdiger Lux, Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, und Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche, gehörten – über die jetzige Lösung. Für Diskussionen sorgt die Universität aber nicht nur mit dem Marx-Relief. Über eine Glaswand, die den Aula- vom Andachtsraum im neuen Hauptgebäude trennen wird – die Bau-Ausschreibung ist veröffentlicht – erhitzen sich die Gemüter. Laut Häuser „gibt es kein Zurück von der von der Baukommission festgelegten Entscheidung“, die auch vom Akademischen Senat und den meisten der Dekane getragen wird.

Das ruft erneut die in einem Aktionsbündnis vereinten „Wandgegner“ auf den Plan. Christian Wolff, Pfarrer der Thomaskirche: „Nun also ist die Katze aus dem Sack: Die Universität Leipzig baut keine Kirche, sondern eine Aula. So hat es der Senat am Dienstag beschlossen.“ ©

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Leitartikel/Seite 17

Die Alma Mater und die Kirche

Rektor Franz Häuser im Interview über Schlagzeilen, die auch seine Universität produziert

Die Universität Leipzig ist in den Schlagzeilen. Die Glaswand für das neue Paulinum polarisiert. Heute wird auf dem Sportcampus in der Jahnallee die Karl-Marx-Plastik, die Jahrzehnte am ehemaligen Rektoratsgebäude prangte, als eigenständiges Kunstwerk übergeben. Kommenden Dienstag findet das Richtfest für den Uni-Neubau am Augustusplatz statt. Grund genug, mit Rektor Franz Häuser zu sprechen.

Frage: Schlagzeilen können nicht schaden, oder etwa doch?
Franz Häuser: Es wäre viel schöner, wenn sich die Öffentlichkeit für unser wissenschaftliches Engagement interessieren würde.

Gerade wurden 5200 Studenten immatrikuliert. Ein gutes Zeichen?
Ja, und das für die Alma Mater und für die Stadt Leipzig. Die Resonanz auf die Veranstaltung war erfreulich. Leider konnten auf Grund der großen Zahl der neuen Studenten nicht alle die Feier im Gewandhaus erleben.

Stichwort Gewandhaus: Gibt es nach wie vor die Buchung des Großen Saales für den 2. Dezember 2009, wenn die Universität 600 Jahre alt wird?
Es ist kein Geheimnis, dass der van-Egeraat-Bau mit Verzögerung von statten geht. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass die Jubelfeier auf einer Baustelle über die Bühne geht, pla- nen wir auch mit dem Gewandhaus. Viel wird davon abhängen, wie im kommenden Winter gearbeitet werden kann.

Die Möglichkeit, dass der Neubau doch nicht fertig wird, ist zwar ärgerlich, aber derzeit wohl nicht das primäre Thema, das Sie aufregt. Mit der Glaswand quasi als Synonym für den nicht unumstrittenen Egeraat-Bau sieht es ganz anders aus?
Es gibt in der Öffentlichkeit unterschiedliche und oft abstruse Argumentationen. Da wird beispielsweise festgestellt, Leipzig brauche keine neue Kirche, die Universität aber schon. Ich finde es erstaunlich, dass man sich in diesem Kontext nicht vergegenwärtigt, was die Universität für Vorstellungen entwickelt hat. Es ist doch dramatisch falsch zu sagen, die Universität sei gegen jegliche kirchliche Form der Nutzung. Sie hat aber, wie es geschichtlich begründet ist, zwei Interessen zu vertreten: kirchliche auf Basis der Theologischen Fakultät und der Studentengemeinden und weltliche mit dem repräsentativen Versammlungsraum. Wenn jemand von Spaltung redet, müsste man das auf die Historie beziehen, als es noch Augusteum und Paulinerkirche gab. Nun sollte man aber bitteschön zur Kenntnis nehmen, dass zwei Interessen unter einem gemeinsamen Dach beheimatet sein werden.

Die überwiegende Anzahl der Dekane verwahrt sich gegenüber Einmischungen in die Angelegenheiten der Universität. Auf welcher hochschulpolitischen Grundlage geschieht das?
Es gibt den verfassungsrechtlichen Aspekt, dass wir in einem säkularen Staat leben. Das Bundesverfassungsgericht betont ja immer wieder die religiös-weltanschauliche Neutralität. Auch muss gesagt werden, dass in Leipzig mit beträchtlichen Hochschulbauförderungsmitteln und nicht etwa mit Kirchenbauförderungsmitteln eine neue Universität entsteht. Ein Drittel des neuen Festraumes wird dabei geistlich genutzt, weil eben die Universität eine Theologische Fakultät besitzt. Dieser Teil legitimiert sich ebenso aus unserem Anspruch, die restaurierten Kunstwerke aus der Paulinerkirche auszustellen, wofür ein spezielles Klimaregime benötigt wird.

Womit wir bei der Glaswand sind. Sie wird gebaut?
Die Ausschreibung ist raus, ein Zurück kann es nicht geben.

Akustische Fragen werden als Kritikpunkte bemüht.
Jeder Fachmann verneint etwaige Probleme. Zudem ist die Glaswand bei Bedarf über die Breite des Mittelschiffs zu öffnen.

Das Aktionsbündnis der so genannten Wandgegner plant wohl mit Blick auf den Reformationstag, seine Thesen an den Bauzaun am Augustusplatz zu nageln. Darf man das überhaupt?
Das Sächsische Immobilien- und Baumanagement als Bauherr müsste dafür seine Zustimmung geben.

Was wird aus dem Paulineraltar, der bis 2013 auf Grundlage eines Leihvertrages der Thomaskirche überlassen wurde?
Es gibt eine Übereinkunft mit der Theologischen Fakultät, dass der Altar zu gegebener Zeit in den Gottesdienstraum des Paulinums zurückkehren wird. Dafür wie übrigens auch für den künftigen Einbau der geretteten Kanzel werden im Neubau die baulichen Vorbereitungen getroffen.

Jüngst gab es einen offenen Brief des genannten Aktionsbündnisses, in dem angemerkt wird, der zentrale Uni-Neubau sei für die Bürger dieser Stadt und ihre Gäste da.
Es hat, um es vorsichtig auszudrücken, schon Irritationen ausgelöst, dass ein Gebäude, das der Freistaat zuvorderst für die Forschung und die Lehre zu errichten hat, nun der Universität sogar streitig gemacht werden soll. Das ist so abwegig wie die Meinung eines namhaften Pfarrers dieser Stadt, der auch in Bezug auf unsere Universität von „ethischem Analphabetismus“ und „angepasstem Duckmäusertum“ spricht. Woher weiß er das? Müsste er diese Maxime nicht erst mal mit seiner, der Theologischen Fakultät, bereden, bevor er zu so einem Rundumschlag ausholt?

Interview: Thomas Mayer

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Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Glaswand.
* Schriftwechsel mit dem Sächsischen Finanzministerium
  (Standpunkt des Sächsischen Finanzministeriums)


Quelle: http://www.lizzy-online.de/
© Leipziger Internet Zeitung - 16. Oktober 2008

Eine Aula und keine Kirche: Senat der Uni Leipzig schreibt eine gepfefferte Resolution

Der akademische Senat der Universität Leipzig hat in seiner Sitzung am Dienstag, 14. Oktober, über eine Resolution beraten, die die Position der Hochschulöffentlichkeit über die künftige Nutzung und Innengestaltung des Paulinums verdeutlicht. Fast alle Senatoren haben dem Text zugestimmt. Das gibt zu denken.

So heißt es in der Resolution: "Die in jüngster Zeit verstärkt und in zum Teil diffamierender Weise gegen die Universität Leipzig und ihren Rektor geführte Kampagne mit dem Ziel, den zentralen Neubau der Universität zur Kirche zu erklären, stößt auf unseren entschiedenen Widerspruch. Wir teilen die Meinung des akademischen Senats und des Rektorats der Universität Leipzig, dass der Neubau des Paulinums am Augustusplatz die Aula der Universität und keine Kirche sein wird. Deshalb bestärken wir den Rektor in seiner Entschlossenheit, Versuche zurückzuweisen, die Autonomie der Universität durch Intervention von außen in Frage zu stellen."

Starke Worte. Man fühlt sich an die Wortschlachten des Kalten Krieges erinnert.
"Als ihr symbolisches Zentrum repräsentiert das Paulinum die Universität als Stätte wissenschaftlichen Forschens, Lehrens und Lernens mit einer sechshundertjährigen Tradition", heißt es weiter in der Resolution. Ein Satz, der zu denken gibt. Denn die Paulinerkirche stand 800 Jahre lang nicht für Forschung und Lehre an der Universität Leipzig, sondern für ihren christlich-humanistischen Geist. Manchmal, so scheint es, bringen auch gestandene Wissenschaftler die Dinge gern durcheinander.

"In seiner Architektur hält das Gebäude die Erinnerung an die Paulinerkirche wach, die in einem Akt kultureller Barbarei und ideologischen Eifers mit Zustimmung der damaligen Universitätsleitung gesprengt wurde", heißt es weiter im Text.

"Diese Unterwerfung der Universität unter den Willen politischer Machthaber war Ausdruck des Verlustes ihrer Autonomie und Wissenschaftsfreiheit. Die Universität hat daraus historische Lehren gezogen und verteidigt die als Folge der friedlichen Revolution von 1989 wiedergewonnene Autonomie und Freiheit der Wissenschaft entschieden gegen Versuche der Instrumentalisierung oder ideologischen Vereinnahmung jedweder Art."

Man fühlt sich an die starken Worte auf der Schautafel fürs "Marx-Relief" erinnert. Doch warum bekam Erik van Eegerat den Auftrag, den Innenraum des Paulinums dem Innenraum der Paulinerkirche nachzuempfinden? Hat def Holländer da seinen Auftrag falsch verstanden?

"Der von einer lauten, aber durch nichts legitimierten Minderheit gestellten Forderung, das zentrale Bauwerk der Universität als Kirche zu weihen, darf die Universität nicht nachkommen. Damit würde die Bindung der Wissenschaft an eine Konfession symbolisiert. Die Forderung verkennt den privaten Charakter jedes religiösen Bekenntnisses in einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

Die Universität kann und darf sich nicht von der Gesellschaft isolieren, indem sie ihr symbolisches Zentrum zum Gotteshaus erklären lässt. Die aggressive Form, mit der manche Vertreter dieser Forderung Rektor Häuser diffamieren und versuchen, der Universität ihren Willen aufzuzwingen, ist Ausdruck eines ungehörigen Machtanspruchs, den wir zurückweisen."

Verfasst hat die Resolution Prof. Dr. Hubert Seiwert, Direktor des Religionswissenschaftlichen Institutes. Da kann man nur fragen: Durch was lassen sich Minderheiten überhaupt legitimieren? Oder nach ein wenig anders gefragt: War da nicht ein christlicher Impetus in den 1989er Protesten gegen die Beschneidung von Autonomie und Wissenschaftsfreiheit? War da nicht ein lutherischer Protest, der heutige Universitäts-Autonomie erst möglich gemacht hat?

Die "historischen Lehren", die die Universität gezogen hat, wirken zuweilen beklemmend vertraut. Auch in der Wortwahl.

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Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Glaswand.
* Schriftwechsel mit dem Sächsischen Finanzministerium
  (Standpunkt des Sächsischen Finanzministeriums)


BILD Leipzig vom 15. Oktober 2008

Plexiglas-Streit
Neuer offener Brief

Leipzig – Im Streit um die Plexiglas-Wand in der Unikirche hat sich der Thomaskirchen-Verein an Messe-Chef Wolfgang Marzin gewandt. Die Unterzeichner des offenen Briefes (u. a. Thomaskantor Prof. Georg Biller) bitten ihn darin „sehr herzlich und dringend“, den Kirchenraum nur für Veranstaltungen anzumieten, wenn keine Wand eingebaut wird und die Nutzung für Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen sichergestellt ist.

BILD Leipzig vom 15. Oktober 2008

Marx-Relief aufgebaut, Pauliner-Glaswand durchgesetzt

Warum kriegt der Uni-Boss immer, was er will?
(...und ganz Leipzig ablehnt?)

Von ERIK TRÜMPER

Leipzig - Die Messestadt wollte kein Marx-Relief! - Aber es wurde für 300 000 Euro aufgebaut. Leipzig will keine Plexiglaswand in der Paulinerkirche. Doch derzeit ist das 630 000 Euro teure Monstrum beschlossene Sache. Was Leipzig nicht gefällt, setzte ein Mann durch – Unirektor Franz Häuser (63).
WIE SCHAFFTE ER DAS?
Häuser, geboren in Limburg an der Lahn, verheiratet, Katholik. Lieblingsfarbe: schlichtes Grün. Jene Farbe, die neuerdings die Front der Paulinerkirche am Augustusplatz prägen soll (Bild berichtete)...
„Ein freundlicher Jurist aus Hessen“ – so beschrieben ihn Journalisten, die mit ihm können. Unbequeme Reporter müssen schon mal sein Büro verlassen. „Cholerisch“ ist das am meisten verwendete Attribut über Häuser auf den Uni-Gängen. Einmal in Rage, wird die Kanzel von ihm schon mal als „das barocke Scheißding“ bezeichnet. Oder: „Schauen Sie doch mal in die Diaspora. Da finden Gottesdienste in Gaststätten statt, wo vorher Tanzveranstaltungen waren.“
Einer der oft mit dem Uni-Boss zu tun hat ist der Thomaspfarrer Christian Wolf (59): „Man fragt sich schon: Ist es Borniertheit?“ Walter Christian Steinbach (64), Chef der Landesdirektion: Nach dem offenen Brief an ihn hatten wir uns erhofft, dass er auf uns zukommt“. Nichts geschah.
Im Gegenteil. Häuser sagte am Montag: „Ich sehe keinen Sinn in der neuen Debatte.“ So setzte er auch die Plexiglaswand durch. „Wir haben sie mehrfach zur Diskussion gestellt. Wir haben sie mehrfach zu überdenken gegeben. Und mehrfach hat der Rektor auf ihr bestanden“, heißt es aus dem ‚Finanzministerium. „Im Konfliktfall muss man auf den Nutzer hören.“
An der Uni kommt der sture Chef nicht mehr gut an. 2003 wurde Häuser zum Rektor gewählt - mit 179 der 290 Stimmen. Zur Wiederwahl 2006 bekam er erst im 2. Anlauf überhaupt die nötige Mehrheit zusammen...
Eine dritte Amtszeit wird es nicht mehr geben. Häuser will in den Ruhestand : „Wenn man die Chance zur Veränderung im Guten sieht, kann das für die Universität nur hilfreich sein.“

Die neue Unikirche soll eine 630 000 Euro-Glas-Trennwand bekommen. Die Aufstellung des Marx-Reliefs kostete 300 000 Euro


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 16. Oktober 2008 (Lokales - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung

„Leipziger Freiheit eben, ganz einfach“

Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte, über die Glaswand-Debatte und die große Chance für Toleranz

Die Glaswand, die in das neu entstehende Paulinum am Augustusplatz eingebaut werden soll, polarisiert. Im Interview: Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte und Direktor des gleichnamigen Instituts der Leipziger Universität.

Frage: Ein Aktionsbündnis der so genannten Wandgegner hat sich konstituiert. Der Hauptvorwurf der Uni-Kritiker lautet, mit der Glaswand würde die Trennung von Staat und Kirche vollzogen. Was meinen Sie?
Frank Zöllner: Die Wand geht von der Intention her auf die konservatorische Notwendigkeit zurück, im Andachtsraum mit seinen restaurierten Grabepitaphen ein anderes Klima zu schaffen als in der Aula mit ihren unterschiedlichen Nutzungsanforderungen und der Orgel. Erst in der unsachlich geführten Diskussion ist die Trennwand zu einem Symbol der Trennung von Staat und Kirche gemacht worden. Erinnert sei im Übrigen daran, dass seit 1919 mit der Weimarer Reichsverfassung diese Trennung festgeschrieben ist. Die heutigen Grundgesetzartikel 4 und 140 dokumentieren diesen Geist der einstigen Reichsverfassung und damit die Freiheit des Glaubens und die Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses.

Überrascht Sie die Schärfe der Auseinandersetzung?
Es geht hauptsächlich um Rückzugsgefechte im Rahmen der Auseinandersetzung, ob auf dem Universitätscampus eine Kirche rekonstruiert oder etwas Neues gebaut wird. Die Diskussionen der letzten Monate tragen diesen Charakter. Das ist zunächst einmal legitim, denn wir leben in einer Demokratie. Ich wünschte mir nur, dass die Diskussion sachlicher und reflektierter wäre. Es fehlen Gelassenheit und Offenheit in der Debatte, weil der Aula-Kirchen-Raum so ungeheuer viel Erinnerungsarbeit zu leisten hat. Man sollte aber einem Bauwerk, auch wenn es noch so stabil scheint, nicht zu viel Ideologie aufbürden.

Leipzig sollte froh sein, dass solch eine Debatte stattfindet?
Ja, und es ist sogar gut, dass sie am Beispiel der Universität geführt wird. Sie ist nun mal die Institution, an der sich Erinnerungsarbeit und Erinnerungskultur und auch konkret Sühne des DDR-Unrechts kristallisieren, beispielsweise in Bauten, Diskussionen, Forschungsarbeiten. Die Universität hat als Leitinstitution diese Diskussion zu führen. Deshalb ist der Sühneprozess, das heißt auch die Abwicklung von bis dato 3000 belasteten Mitarbeitern, noch immer nicht abgeschlossen.

Die Universität erfüllt die Funktion des Sündenbocks?
Natürlich, und warum auch nicht. Ich kenne keine andere öffentliche Institution, in der so konsequent vorgegangen wurde und wird, in der so radikal mit der Vergangenheit gebrochen wird. Zurück zur Debatte, die im Streit um eine Glaswand gipfelt. Es können sich dabei alle äußern, Pfarrer, Menschen des öffentlichen Lebens, auch Politiker, die sich wichtig machen wollen.

Was, wen vermissen Sie?
Den Aufschrei der schweigenden Mehrheit. Ich darf daran erinnern, dass 70 Prozent der Neu-Bundesländler Nichtchristen sind.

Was sagen eigentlich die Studenten?
Jetzt sind wir bei einem wichtigen Punkt. Der eigentliche Skandal ist doch, dass die berechtigten Anliegen der Studenten ausgeblendet werden, dass im Prinzip zumeist ältere Herren mit Blick auf ihre Befindlichkeit und Vergangenheit die Debatte bestimmen. Dabei haben sich die Studenten klug geäußert und gefordert, dass es für das Paulinum einen überkonfessionellen Ansatz geben müsse.

Was hat das mit der Glaswand zu tun?
Viel. Die Glaswand ist, wie gesagt, den unterschiedlichen klimatechnischen Regimen von Andachtsraum und Aula geschuldet. Wenn sie aber doch fallen sollte, wenn man sie unbedingt als Symbol der Trennung von Staat und Kirche verstehen und nicht errichtet sehen will, muss man sich fragen, was an dieser Radikalforderung christlich ist. Als Christ hingegen sage ich, das Christentum ist eine Religion der Versöhnung und damit der Toleranz, daher sollte eine christlich verwurzelte Gemeinschaft einen konfessionell offenen Raum tolerieren, ja sogar fordern, das unterscheidet uns von den Taliban. Oder, als Alternative, könnten die Wandgegner sagen: Wir öffnen uns, und wenn die Wand fällt, dann bezahlen wir die extrem teure Klimatisierung des gesamten Raumes.

Man eröffnet Aula und Andachtsraum unter dem Motto „Offen für alle“, weil gerade dieses Motto in Leipzig eine so herausragende Bedeutung hat?
Natürlich, daher haben die Studenten einen überkonfessionellen Andachtsraum ins Gespräch gebracht – dem kann ich mich nur anschließen, und das aus guten Gründen: Denn in Ostdeutschland mit seinem reichen Bestand an alten, oft ungenutzten Sakralbauten, sind neue Sakralbauten ja nicht wirklich oberste Priorität. Hier gibt es ganz andere Probleme wie Abwanderung junger und gebildeter Eliten, Arbeitslosigkeit, Ausländerfeindlichkeit. Die Universität hätte in Zusammenarbeit mit den christlichen Glaubensgemeinschaften die Chance einer wegweisenden Geste, sie könnte sagen: Wir sind tolerant, wir sind offen, also definieren wir den ganzen Raum überkonfessionell. Das wäre wirklich in die Zukunft gedacht. Damit würde man nämlich genau das tun, was uns fehlt: Ein Signal setzen für junge, global und offen denkende Eliten.

Leipzig hat als Stadt viele Anknüpfungspunkte für neue Toleranz?
Nur soviel: Diese Stadt wirbt mit dem Slogan „Leipziger Freiheit“. Unter diesem Motto kann die Universität eine zukunftsmächtige gesellschaftliche Entwicklung anstoßen.

Und wenn die Wand gebaut wird?
Auch dann ist der Andachtsraum überkonfessionell zu definieren: Offen für alle, Leipziger Freiheit eben, ganz einfach.

Interview: Thomas Mayer

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Resolution der Universitäts-Senatoren

Der akademische Senat der Universität hat in seiner Sitzung am Dienstag eine Resolution verabschiedet, in der die Position der Hochschulöffentlichkeit über die Nutzung und Innengestaltung des Paulinums verdeutlicht wird. Fast alle Senatoren haben einem Text zugestimmt, der von Hubert Seiwert, dem Direktor des Religionswissenschaftlichen Institutes, verfasst wurde. Es heißt unter anderem:
„Die in jüngster Zeit verstärkt und in zum Teil diffamierender Weise gegen die Universität Leipzig und ihren Rektor geführte Kampagne mit dem Ziel, den zentralen Neubau der Universität zur Kirche zu erklären, stößt auf unseren entschiedenen Widerspruch. Wir teilen die Meinung des akademischen Senats und des Rektorats der Universität Leipzig, dass der Neubau des Paulinums am Augustusplatz die Aula der Universität und keine Kirche sein wird.“
Als ihr symbolisches Zentrum repräsentiere das Paulinum die Universität als Stätte wissenschaftlichen Forschens, Lehrens und Lernens mit einer sechshundertjährigen Tradition. In seiner Architektur halte das Gebäude die Erinnerung an die Paulinerkirche wach, die in einem Akt kultureller Barbarei und ideologischen Eifers mit Zustimmung der damaligen Universitätsleitung gesprengt wurde. Diese Unterwerfung der Universität unter den Willen politischer Machthaber war Ausdruck des Verlustes ihrer Autonomie und Wissenschaftsfreiheit.
Die Universität habe daraus historische Lehren gezogen und verteidigt die als Folge der Friedlichen Revolution von 1989 wiedergewonnene Autonomie und Freiheit der Wissenschaft entschieden gegen Versuche der Instrumentalisierung oder ideologischen Vereinnahmung jedweder Art.
Der von einer lauten, aber durch nichts legitimierten Minderheit gestellten Forderung, das zentrale Bauwerk der Universität als Kirche zu weihen, dürfe die Universität nicht nachkommen. „Die aggressive Form, mit der manche Vertreter dieser Forderung Rektor Häuser diffamieren und versuchen, der Universität ihren Willen aufzuzwingen, ist Ausdruck eines ungehörigen Machtanspruchs, den wir zurückweisen“, heißt es abschließend.

r.

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. Oktober 2008 (Lokales - Seite 7)
© Leipziger Volkszeitung

Uni-Neubau

Aktionsbündnis gegen Trennwand

Gegen den Einbau der Plexiglaswand in den Uni-Neubau am Augustusplatz hat sich gestern das regionale Aktionsbündnis „Neue Universitätskirche St. Pauli“ gegründet. „Es ist unverantwortlich, gegen den Willen vieler tausend Leipziger eine Trennwand in die neue Universitätskirche einzubauen“, hieß es in einer Erklärung des Gremiums.

Gründungsmitglieder sind der Vorsitzende des Paulinervereins Ulrich Stötzner, der Leiter der Volkshochschule, Rolf Sprink, Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff, die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Leipzig, Regina Schild, Landesdirektionspräsident Walter Christian Steinbach, der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums, Rainer Eckert, und Superintendent Martin Henker.

K. S.

Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Glaswand.

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Leserbriefe

Heldentat wider jeglicher Vernunft

Zum Streit um die Trennwand im Neubau des Paulinums:

Die strikte Trennung von Aufgaben einer staatlichen Bildungsstätte von den missionarischen Anliegen der an unwissenschaftlichen Glaubensdogmen orientierten Religionsgemeinschaften sollte doch ein unverrückbarer Grundsatz eines modernen Staates sein. Wenn der Rektor der Universität Leipzig – ausgehend von diesem Grundsatz – eine Glaswand zur Trennung von Räumen für die wissenschaftlichen Universitätsaufgaben von den der religiösen Glaubensverbreitung dienenden Raumteilen des neu zu bauenden Paulinums durchsetzt, zeigt das doch nur die persönliche und wissenschaftliche Glaubwürdigkeit dieses Rektors, die nicht von einigen, offensichtlich gering wissenschaftlich gebildeten und mehr „glaubenden“ Personen beschäftigt werden kann.

Peter Jacob, 04249 Leipzig

Gratulation an Professor Häuser für seine „Heldentat“ wider jeglicher Vernunft! Sicher sollen wir auch noch dankbar sein, dass er nicht eine Ziegelmauer mit einem kleinen Türchen einsetzen lassen will, um die Kirche auszugrenzen. In wenigen Jahren wird er wieder in den Westen zurückgehen, Leipzig vergessen und von seiner Tat stolz berichten.
Wir können nur hoffen, dass eines Tages klügere, die Historie achtende Würdenträger das Sagen haben werden und erforderliche Korrekturen veranlassen. Leider haben auch die Oberen unserer Stadt zum Thema Paulinerkirche versagt. Klare Worte und Forderungen hätten die jetzige Situation verhindern können.

Günter Schumann, 04103 Leipzig

Der offene Brief an Rektor Häuser zeigt wieder einmal eines; es wird wohl niemals ein Ende der Diskussion um die ehemalige Uni-Kirche geben. Dabei ist jetzt wirklich ein Punkt erreicht, an dem sichtbar wird, dass bestimmte Personen im Umfeld des Paulinervereins die erzielten Kompromisse akzeptieren sollten. Bei einem Anteil von elf Prozent Evangelen und vier Prozent Katholiken an der Gesamtbevölkerung Leipzigs ist endlich Realismus angebracht, was den Vertretungsanspruch der erneut protestierenden, übrigens allesamt christlichen Glaubens angehörenden, elf Leipziger Prominenten betrifft.
Eine Universität ist zu allererst ein Ort der Wissenschaft und Bildung. Dazu gehören unter anderem Natur- und Geisteswissenschaften. Die Theologische Fakultät ist dabei eben nur eine von vielen und sollte deshalb auch nur das Gewicht einer einzigen bekommen. Wer von den Studenten praktizierender Christ ist und sich nach einer Uni-Kirche gesehnt hat, wurde noch nicht erfasst. Sollte man aber vielleicht mal tun.

René Schubert, 04277 Leipzig

Informieren Sie sich:
* TED-Abstimmung der Leipziger Bevölkerung zur Glaswand.


Quelle: http://www.lvz-online.de/aktuell/content/75771.html
© LVZ-Online, 14.10.2008, 12:07 Uhr

Erbitterter Streit um Glaswand in neuem Leipziger Paulinum

Leipzig. Ein transparenter Raumteiler aus Plexiglas hat in Leipzig einen erbitterten Streit entfacht. Im Paulinum, das derzeit an der Stelle der 1968 zerstörten Paulinerkirche entsteht, soll er den weltlichen vom sakralen Bereich trennen. Die Theologen laufen Sturm und werden damit von einiger weltlicher Prominenz unterstützt. „1989 fiel in Berlin die Mauer. Doch in Leipzig wird ein neuer Schutzwall errichtet“, meint Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Studentenrat und Rektor sind empört über den Ton der Debatte. „Die Diskussion wird unendlich niveaulos, es ist Schmähkritik“, sagt Rektor Franz Häuser.

Mit dem überlieferten Ausspruch „Das Ding muss weg“ hatte DDR- Staatschef Walter Ulbricht das Schicksal der Paulinerkirche in Leipzig besiegelt, die der DDR-Führung als geistig-geistliches Zentrum der Stadt ein Dorn im Auge war. Am 29. Mai 1968, ausgerechnet zu Himmelfahrt, wurde das Baudenkmal dem Erdboden gleich gemacht. Nur einiges Inventar konnte noch gerettet werden.

2009 feiert in Leipzig die nach der Ruprecht-Universität Heidelberg zweitälteste deutsche Universität ihren 600. Geburtstag. Aus diesem Anlass wird derzeit der Campus für mehr als 170 Millionen Euro modernisiert. Der Neubau, um den es seit jeher die meisten Diskussionen gibt, ist das Paulinum nach dem Entwurf des Holländischen Architekten Erick van Egeraat. Nach jahrelangem erbitterten Streit um einen möglichen Wiederaufbau der Kirche war mit dem Mehrzweckbau ein von allen begrüßter Kompromiss gefunden worden.

Gebaut wird nun ein Gebäude aus Stahl, Glas und Naturstein mit dominantem gotischem Giebel und gotischem Fenster. Am 21. Oktober ist Richtfest. Im Innern entstehen eine Aula und ein Andachtsraum. Der Architekt selber habe den transparenten Raumteiler vorgeschlagen, nachdem eine für das Projekt zuständige Jury ihn gebeten hatte, den Charakter der Aula deutlicher zum Ausdruck zu bringen, sagt Rektor Häuser. „Das Paulinum hat von außen eine deutlich sakrale Anmutung, aber wir als Universität sind auch zu religiös-weltanschaulicher Neutralität verpflichtet“, sagt der Rektor.

Der Paulinerverein, der um ein Comeback für die Paulinerkirche gerungen hatte, will die Plexiglaswand verhindern. Prominente aus Sachsen unterstützen die Forderung, darunter Thomaskantor Georg- Christoph Biller, der ehemalige Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer und Trompeter Ludwig Güttler, der sich einst erfolgreich für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche einsetzte. In einem Offenen Brief fordern sie von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) „deutliche Aktivitäten, um endlich den Streit zugunsten einer Lösung ohne Installation der Plexiglaswand ... zu beenden.“

Der Studentenrat bezeichnet es als nicht nachvollziehbar, dass das Thema mit aller Gewalt wieder in die Öffentlichkeit gezerrt werde, obwohl die Entscheidung längst gefallen sei. „Die Mehrheit in den zuständigen Gremien hat sich für die Glaswand ausgesprochen. Dieses demokratische Votum müssen auch die Gegner endlich anerkennen“, heißt es.

Sophia-Caroline Kosel, dpa

BILD Leipzig, 11. Oktober 2008

OB Jung schwenkt um "Pauliner-Glaswand überflüssig!"

Leipzig - Noch gibt es sie nur auf dem Papier, und doch trennt die geplante Plexiglaswand in der Paulinerkirche schon jetzt die Stadt in wenige Befürworter (wie Uni-Rektor Franz Häuser) und viele Gegner (wie Pfarrer Christian Wolf und Christian Führer, Star-Trompeter Ludwig Güttler, die Bürgermeister Bettina Kudla und Uwe Albrecht).
Zwischen den Fronten steht OB Burkhard Jung (50, SPD) - und fühlt sich in seiner Rolle sichtlich unwohl. Denn wie BILD berichtete, hatte sich Jung in einem Schreiben an den Pauliner-Verein hinter den Uni-Rektor gestellt und Pro-Plexiglaswand positioniert. Zitat: "Der Beschluss der Baukommission wurde mit klarem Votum gefasst!"
Doch so richtig glücklich scheint er nun doch nicht mehr zu sein. Jung gestern zu BILD: "Selbstverständlich ist der Beschluss der Baukommission zu respektieren." Seine "persönliche Meinung" sei aber eindeutig. "Ich halte die Glaswand für überflüssig. Auch die klare Position von Ludwig Güttler sollte allen Beteiligten zu denken geben."
Güttler hatte diese Woche dem Uni-Rektor "Verrat an der Geschichte" und "proletarische Gedanken" vorgeworfen.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11./12. Oktober 2008 (Hauptseite/Lokales - Seiten 18/19)
© Leipziger Volkszeitung

Unikirche: Jung lehnt trennende Glaswand ab

Streit um Neubau spitzt sich zu / Musikdirektor Timm: Symbol der Spaltung

Leipzig (mi/K. S.). Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat sich in die Diskussion um den Einbau einer Plexiglaswand in der neuen Unikirche auf dem Augustusplatz eingeschaltet. „Ich halte ganz persönlich die Glaswand für überflüssig“, sagte der Rathauschef. Auch Universitätsmusikdirektor David Timm lehnte sie ab.

Jung betonte gestern gegenüber der LVZ, selbstverständlich seien die Beschlüsse der Baukommission und der Universität zu respektieren. Schließlich gelte die Hochschulautonomie. Unabhängig davon sei jedoch seine persönliche Haltung, dass die Glaswand nicht notwendig sei. Das Stadtoberhaupt rief alle Beteiligten dazu auf, die Diskussion sachlich zu führen: „Ich bitte darum.“ Es gehe schließlich um die Würde der Personen „und des wunderbaren Gebäudes“, das entstehe.

Universitätsmusikdirektor David Timm nannte die Wand ein „Symbol der Spaltung“. Sie bringe keine Vorteile. „Sie wirft im Gegenteil große akustische Probleme auf“, sagte er. Defizite in diesem Bereich schadeten dem Ansehen der Alma mater. Eine unverrückbare Trennwand sorge zudem immer für Unverständnis, „weil sie Abgrenzungsbedürfnisse, Befürchtungen symbolisiert, die angesichts der täglich erlebbaren Universitätswirklichkeit nicht plausibel sind.“

Die 16 Meter hohe Plexiglaswand soll die künftige Hochschulaula von einem Andachtsraum abtrennen, in dem künftig auch Gottesdienste stattfinden werden. Der vom Freistaat Sachsen finanzierte Neubau nach den Plänen des niederländischen Star-Architekten Erick van Egeraat erinnert an die 1968 gesprengte Universitätskirche St. Pauli. Die Leitung der Uni begründet den Einbau mit dem Raumklima. Die Trennwand sei notwendig, um die aus der alten Unikirche geborgenen Grabplatten, die im Andachtsraum ausgestellt werden, zu schützen.

In der kommenden Woche will sich ein regionales Aktionsbündnis gründen. Mehr als 40 zum Teil namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Religion haben bereits an die Uni appelliert, auf den Einbau der Wand zu verzichten.

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„Symbol der Spaltung“

Uni-Musikdirektor David Timm über Neubau, Glaswand sowie Trennung von Wissenschaft und Kirche

Die Universität sollte sich in ihrem Jubiläumsjahr „nicht mit einem Symbol der Spaltung“ ins Gespräch bringen, sagt Universitätsmusikdirektor David Timm. Der 39-Jährige wirbt dafür, auf den Einbau der umstrittenen Plexiglaswand im Uni-Neubau am Augustusplatz zu verzichten.

Frage: Herr Timm, für den 6. November lädt Generalbundesanwältin Monika Harms die Streitparteien zu einem Konsensgespräch über die Glaswand im Uni-Neubau ein. Wie könnte ein Kompromiss für Sie aussehen? Muss die Glaswand weg, oder haben Sie einen anderen Vorschlag?
David Timm: Für die Universitätsmusik, die nach über 40 Jahren ihre Hauptwirkungsstätte wiedergewinnt, mehr als 200 aktiv musizierende Studierende umfasst und im Laufe eines Jahres tausende Studierende anspricht, bringt die Glaswand keine Vorteile. Sie wirft im Gegenteil große akustische und veranstaltungspraktische Probleme auf: Durch die große Fläche würde der Schall sehr hart zurückgeworfen, es könnte zu Flatterechos kommen. Der Platz für Mitwirkende beziehungsweise Zuhörer würde stark eingeschränkt. Diese Position vertrete ich seit Bekanntwerden der entsprechenden Planungen. Auch die vom Rektoratskollegium eingesetzten Sachverständigen der Orgelkommission lehnen die Glaswand ab.
Ein Grund für ihre Errichtung, die speziellen Klimaanforderungen für die Epitaphien, ist jedoch ernst zu nehmen, ebenso die verschiedenen Bespielungsszenarien für die universitäre Nutzung, die auch eine Abtrennung der Raumteile vorsehen. Diese Nutzungsvielfalt ist durch einen Beschluss des akademischen Senates bestimmt worden, der sowohl die Abtrennung als auch die Öffnung des Raumes vorsieht. Meiner Meinung nach ist die Öffnung des Raumes jedoch nicht gegeben, wenn die Hälfte der geplanten Glasfläche fest eingebaut und nicht zu öffnen sein soll. Insofern ist der Senatsbeschluss noch nicht vollständig umgesetzt. Ein Vorschlag: Verschiedene Vorhänge könnten den jeweiligen Trennungsbedarf erfüllen – klimatisch und auch optisch, was mit der Glaswand ja nicht möglich wäre. Auch die Akustik könnte so gesteuert werden.

Hat für Sie die Leipziger Unikirchen-Tradition Vorrang vor einer Trennung zwischen Wissenschaft und Kirche?
Ja. Eine Trennung zwischen Universität und Kirche ist nicht denkbar: der Erste Universitätsprediger, der Universitätsorganist und der Universitätsmusikdirektor, zu dessen Aufgaben die regelmäßige Aufführung der bedeutendsten Werke der Kirchenmusik gehört, sind Angestellte der Universität. Die Universitätsgottesdienste sind Veranstaltungen der Universität Leipzig – wie wollen Sie trennen, was seit fast 600 Jahren zusammengehört? Eine unverrückbare Trennwand wird immer für Unverständnis sorgen, weil sie Abgrenzungsbedürfnisse, Befürchtungen symbolisiert, die angesichts der täglich erlebbaren Universitätswirklichkeit nicht plausibel sind. Die Universität sollte sich im Jubiläumsjahr als Einheit von Forschung, Lehre, Spiritualität und Kultur präsentieren, nicht mit einem Symbol der Spaltung, welches jetzt schon deutschlandweit ins Gespräch kommt und die positiven Botschaften zu überdecken droht.

Bei dem Streit geht es auch um die Frage, ob die Universität in erster Linie für ihre Angehörigen oder für alle Leipziger gebaut wird. Was ist Ihre Ansicht dazu?
An erster Stelle steht der universitätseigene Bedarf – dafür lässt der Freistaat bauen. Der große Standortvorteil der Universität Leipzig ist allerdings ihre Präsenz im Leipziger Stadtzentrum, und die Neubauten werden diese Präsenz verstärken. An den Fragen zur Universitätskirche wird gegenwärtig besonders stark das Ansehen der Universität gemessen – dies wird auch mit dem Abschluss der Bautätigkeit nicht enden. Im Gegenteil: An der Akustik und Bespielbarkeit des Raumes wird sich entscheiden, ob zum Beispiel die geplanten Konzerte des Bachfestes und des MDR-Musiksommers zu regelmäßigen Veranstaltungen werden. Defizite in diesem Bereich können uns nur schaden. Positiv gesagt: Die Chance, mit einem einmaligen, in sich stimmigen Gebäude, mit hervorragender Akustik – Aufgabenstellung des Qualifizierungsverfahrens vom Oktober 2003 – weltweit Anerkennung zu finden, ist noch groß.

Interview: Florian Bamberg

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LVZ-TED vom 11. Oktober 2008

Sind Sie für eine Glaswand in der Unikirche?

Stimmen Sie ab:

Wählen Sie die Rufnummer
0137 10 60 20 und die 1 für „ja“
0137 10 60 20 und die 2 für „nein“

Ein Anruf (die Aktion läuft von 8 bis 18 Uhr) kostet 14 ct./Anruf aus dem dt. Festnetz, abweichender Mobilfunktarif.

Die Ergebnisse werden am Montag auf der Lokalseite veröffentlicht.

Diskutieren Sie mit in unserem Leserforum unter http://www.lvz-online.de

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Ergebnis der TED-Befragung vom Samstag

Sind Sie für eine Glaswand in der Unikirche?

  •    Ja: 31,1 %
  • Nein: 68,9 %

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Leserbriefe

Ein Kulturkampf der besonderen Art

Zum Streit um die Glaswand im Paulinum der Leipziger Universität:

Einen Kulturkampf besonderer Art erleben wir derzeit in Leipzig. Als ob es die von Bismarck eingeleitete, in der Weimarer Republik erstmals in Verfassungsrang erhobene und im Grundgesetz der Bundesrepublik eindeutig fixierte Trennung von Staat und Kirche nie gegeben hätte, versuchen kirchliche Kreise Replikate der 1968 gesprengten Paulinerkirche als geistliches, christliches Zentrum der neuen Universität zu etablieren.
Nicht genug, dass dieser im Jahre seiner Fertigstellung 2009 neueste Universitätsneubau Deutschlands in Teilen schon aussehen wird wie eine riesige Kirche, soll nun auch noch gesichert werden, „...dass sich die Universität zur Universitätskirche als geistiges Zentrum bekennt“.
Mit Sicherheit wünscht die Mehrheit der Leipziger, der Studierenden und der Verantwortlichen der Hochschule selbst, eine weltoffene Uni, unabhängig von deren religiösen und politischen Bindungen. Mit diesen unangemessenen Forderungen an die Uni, sich quasi als eine christliche Universität zu verstehen, verbunden mit verbalen Attacken auf Andersdenkende, manövrieren sich die missionierenden Eiferer selbst ins Abseits und finden sich wieder außerhalb jeder vernünftigen Diskussion.

Johannes Schroth, 04155 Leipzig

Ich finde es hervorragend, wenn der Paulinerverein nacheinander Star-Trompeter und andere Berühmtheiten aus dem Hut zaubert und diese dann in schöner Reihenfolge den Rektor der Universität Leipzig beleidigen. Mal ganz simpel: Was geht einen Dresdner Trompeter der große Veranstaltungsraum des Neubaus der Universität Leipzig an?
Einen Raum, der sowohl von außen als auch von innen fast mehr architektonische Verweise auf die Paulinerkirche bietet, als es ein Kirchennachbau könnte? Seit wann legen wir denn in Leipzig Wert auf Meinungen aus Dresden?

Jan Woitas, 04275 Leipzig

Mit großem Zorn habe ich die Mitteilung gelesen, dass Uni-Rektor Häuser die Glaswand in der Universitätskirche doch durchgesetzt hat. Hier geht es wahrscheinlich nicht mehr um vernünftiges Abwägen von Argumenten, sondern um das Durchsetzen von Macht. Wenn auch der Lehrkörper schweigt und die Uni-Leitung, wird er Kraft seiner Position auch den Namen „Paulinum“ küren. Was nützen da alle Diskussionen. Professor Franz Häuser geht eben als ein Ignorant in die Universitätsgeschichte der Stadt Leipzig ein. Sein Verhalten lässt übrigens mehr Rückschlüsse zu, als dieser vielleicht wahrhaben möchte.

Matthias Klemm, 04349 Leipzig

Informieren Sie sich:
Universitätskirche bleibt vorerst Streitobjekt Nummer Eins [Video]
LVZ-online - 08.10.2008


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 10. Oktober 2008 (Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Thesenanschlag am Uni-Bauzaun

Wand-Gegner schließen sich zusammen / Oberbürgermeister zum Handeln aufgefordert / Kritik an Güttler

Der Paulinerverein und die Landesdirektion Leipzig wollen mit einem „regionalen Aktionsbündnis“ den Einbau einer Plexiglaswand in die künftige Paulinerkirche auf dem Universitätscampus am Augustusplatz verhindern. Das kündigten Vereinsvorsitzender Ulrich Stötzner und Direktionspräsident Walter Christian Steinbach gestern an.

Die Liste ihrer Sympathisanten wächst täglich. Damit ist der personelle Grundstein für das Bündnis gelegt. Inzwischen unterzeichneten 40 zum Teil namhafte Wandgegner einen öffentlichen Aufruf an die Universität. Musiker, Rechtsanwälte, Politiker, Wissenschaftler und Theologen sind darunter, ebenso Finanzbürgermeisterin Bettina Kudla (CDU) und Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU). Gestern forderten Stötzner und Steinbach auch von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) „sichtbare und deutliche Aktivitäten“, um die Teilung des an die 1968 gesprengte Unikirche St. Pauli erinnernden Neubaus in einen sakralen und weltlichen Raum abzuwenden. „Sie widerspricht der Tradition der Universität Leipzig, sie zerstört die Ästhetik des Raumes und verschlechtert die Akustik erheblich“, argumentieren die Wandgegner.

Einer ihrer Wortführer ist Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff. Er plant am Reformationstag, 31. Oktober, einen Thesenanschlag am Zaun der Uni-Baustelle. Ein Plakat mit fünf Thesen gegen die Glaswand soll nach dem Gottesdienst in der Thomaskirche durch die Grimmaische Straße zum Augustusplatz getragen werden. Wolff, der SPD-Mitglied ist, rief auch seine Partei auf, Position zu beziehen. Er vermisse „eine deutliche Haltung der SPD-Stadtratsfraktion und auch des SPD-Kreisverbandes“. Die Leipziger SPD-Bundestagsabgeordneten Rainer Fornahl und Gunter Weißgerber weiß er dagegen schon auf seiner Seite. „Es waren Kirchenleute, es waren religiöse Menschen, die uns – und sich selbst – halfen“, erinnerte Weißgerber an die Gründung der SPD in der DDR am 7. November 1989. „Und denen wollen wir ihr Gotteshaus und eines unserer Widerstandssymbole von 1968 nicht in einer angemessenen Form zugestehen?“, fragte der Sozialdemokrat.

Universitätsprofessor Alfonso de Toro vom Institut für Romanistik warf indessen dem Dresdner Star-Trompeter Ludwig Güttler vor, „sich zum Lager von Demagogen, Hetzern und Diffamierern geschlagen“ zu haben. Wie berichtet, appellierte der Mitinitiator des Wiederaufbaus der Dresdener Frauenkirche an die Uni, auf die Glaswand zu verzichten. Uni-Rektor Franz Häuser warf er „Proletenkult“ vor. „Wer Häuser kennt“, erklärte de Toro, „und die Möglichkeit hatte, diese Diskussion etwas näher zu verfolgen, weiß, dass er sich wie kaum ein anderer vorgenommen hatte, Kompromisse zu suchen und zu finden, die aber auch den Bedürfnissen der Uni entsprechen. Und er steht nicht für ein Entweder-Oder, sondern für ein Sowohl-als-Auch von Erinnerungskultur und Internationalität.“ In Leipzig sollten „sowohl die Belange der Universität, die ein Ort par excellence der Pluralität, der Vielfalt und der Freiheit ist, und die Erinnerung an die Paulinerkirche berücksichtigt werden.“ Die sei mit dem postmodernen Entwurf des holländischen Architekten Erick van Egeraat „bestens gelungen“.

Klaus Staeubert

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Fünf Leipziger Thesen

  1. Das SED-Regime ließ 1968 die Universitätskirche sprengen, um einen Ort des freien Wortes zu beseitigen. Auch heute brauchen Stadt und Universität einen solchen Ort.
  2. Die Trennung von Kirche und Staat regelt, aber verhindert nicht die Begegnung von Glauben und Wissenschaft im kritischen Dialog. Wir fordern die dreifache Nutzung der Universitätskirche: gottesdienstlich, akademisch, musikalisch.
  3. Namen sind mehr als Schall und Rauch. Darum "Universitätskirche St. Pauli".
  4. Die vorgesehene Glaswand trennt künstlich, was zusammengehört: Aula und Kirche. Wir fordern, auf den Bau der Trennwand zu verzichten.
  5. Am Augustusplatz entsteht eine neue Kirche. Sie findet ihre Vollendung in der Aufstellung von Altar und Kanzel. Das steht der vielfältigen Nutzung der Universitätskirche nicht im Wege.

Aktionsbündnis "Neue Universitätskirche St. Pauli"
31. Oktober 2008

Lesen Sie auch den Offenen Brief des Bundestagsabgeordneten Gunter Weißgerber zum Brief des Parrers Christian Wolff an den Rektor der Universität Leipzig.

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Hier können Sie den Brief als PDF-Datei abfordern und ausdrucken.


BILD Leipzig, 09. Oktober 2008, S. 6

TROTZ ALLER PROTESTE GEGEN DAS HÄSSLICHE, 630 000 EURO TEURE GLASMONSTRUM IN DER NEUEN PAULINERKIRCHE AM UNI-CAMPUS

OB Jung knickt im Wand-Streit ein

Von ERIK TRÜMPER

Leipzig - Die entscheidende Phase im Streit um die hässliche Plexiglaswand in der Paulinerkirche hat begonnen. Trompeten-Virtuose Ludwig Güttler (65) rief alle Leipziger auf, sich gegen diesen "Verrat an der Geschichte" stark zu machen (BILD berichtete).
Aber ausgerechnet Oberbürgermeister Burkhard Jung (50, SPD) knickt nun als Erster ein.
Trotz mahnender und bittender Worte bekannter Leipziger Bürger (u.a. Thomaskantor Biller) will Uni-Rektor Franz Häuser (63) den Altarraum durch eine 630 000 Euro teure Plexiglaswand vom Rest des Raumes abschotten - um den dann besser vermarkten zu können. Außerdem könnten "ausländische Studenten Anstoß an einer Kirche" auf dem Campus nehmen, so Häuser. Für den OB scheint dieser Frevel kein Problem. In einem Brief an den Vorsitzenden des Paulinervereins, Dr. Ulrich Stötzner (71), schreibt er: "Der Beschluss der Baukommission wurde nach langer und schwieriger Diskussion mit klarem Votum gefasst. Dies sollte von allen akzeptiert werden. Ich bin überzeugt: Die geistige und geistliche Spiritualität dieses Ortes wird bestimmt von den Menschen, die sich seiner annehmen."
Fragt sich nur, wie. Den Kirchenvertretern wird noch nicht mal jede Woche ein Gottesdienst garantiert.
Stötzner: "Wir hatten immer die Hoffnung, dass sich OB Jung durchringt, für unsere Sache einzutreten. Im Interesse der Stadt. Jetzt bin ich sehr enttäuscht."


© - DIE ZEIT Nr. 42, 9. Oktober 2008, S. 68

Bunker-Uni

Wie die Leipziger Universität sich gegen Kirche und kritischen Geist sträubt

VON CHRISTIAN WOLFF

1989 fiel in Berlin die Mauer. Doch in Leipzig wird ein neuer Schutzwall errichtet. Nach Beschluss einer Baukommission soll die neue Universitätskirche St. Pauli nun tatsächlich eine Plexiglaswand erhalten, die den gottesdienstlich zu nutzenden Teil vom akademischen Raum abtrennt (ZEIT Nr. 23/08). Und der Grund? Man könne es ausländischen Studierenden und Wissenschaftlern nicht zumuten, sich in einem christlich geprägten Raum zu versammeln. 1968, als die Universitätskirche gesprengt wurde, hieß es: Die Kirche steht als reaktionäres Relikt dem wissenschaftlichen Fortschritt im Weg und hat im sozialistischen Städtebau keinen Platz. Und jetzt das: wieder Angst vor einem kritisch-heiligen Geist, ohne den wir Menschen verrohen.
Man fragt sich, was ist los in einer Universität, die 1968 der Zerstörung ihrer Kirche zugestimmt, die sich 1989 vor dem Aufbruch zur Demokratie verschanzt hat und die jetzt die neue Universitätskirche als einen ihr von außen oktroyierten "Sühnebau" arrogant bedauert. Gnädig gesteht sie ihren paar Christenmenschen einen "Andachtsraum" zu. Um jedem Missverständnis vorzubeugen: Die Kirche in Leipzig braucht diese Universitätskirche nicht. Aber die Universität braucht ein geistliches Zentrum, in dem sie daran erinnert wird, dass der Mensch nicht das Maß aller Dinge ist und dass 1968 in der größtmöglichen Ohnmacht die Keimzelle der friedlichen Revolution lag! Wer eine Trennung zwischen Glauben und Vernunft propagiert, sollte bedenken, dass die Zerstörung von Synagogen, Kirchen und Moscheen immer Ausdruck der Verkommenheit einer Gesellschaft ist. Das war 1938, das war 1968 so. Darum ist der Neubau der Universitätskirche ein sichtbares Signal gegen die gewalttätige Maßlosigkeit ideologischer Verblendung.
Angesichts des ethischen Analphabetismus in unseren Bildungseinrichtungen und der Beliebigkeit im Gewande weltanschaulicher Neutralität benötigen wir eine Auseinandersetzung um die Werte, von denen unsere Gesellschaft getragen ist und die menschenwürdiges Zusammenleben erst ermöglichen. Denn sonst erzeugen wir nur Meinungslosigkeit und angepasstes Duckmäusertum. Die sind in deutschen Hochschulen schon verbreitet genug und kommen eine Gesellschaft, wie diese Tage lehren, teuer zu stehen. Unter den Talaren mag es nicht mehr miefen, dafür geht es 2008 erschreckend steril zu. Heute müsste der Entwicklung ethischer Maßstäbe ein viel stärkeres Gewicht zukommen. So hat Universitätskirche die Aufgabe, die Wechselbeziehung zwischen Wissenschaft und Religion als intellektuelle Herausforderung, aber auch als Notwendigkeit anzumahnen. Dem wird die neue Leipziger Kirche gerecht werden, wenn sie so genutzt wird, wie es seit der Reformation der Fall war: gottesdienstlich, akademisch, musikalisch und das im interreligiösen Kontext. Anstatt sich hinter eine Glaswand zurückzuziehen, sollte die Universität stolz darauf sein, eine Identität stiftende Denk- und Glaubenswerkstatt zur Verfügung zu haben. Sie sollte zeigen, worauf wir in der Bildung nicht verzichten können: die letzte Verantwortung vor Gott in der Offenheit des wissenschaftlichen Diskurses.

Christian Wolff, 1949 in Düsseldorf geboren, ist seit 1992 Pfarrer an der Thomaskirche Leipzig


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 9. Oktober 2008 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

LESERBRIEFE

Bei der Glaswand geht es nicht nur um Ästhetik Zu „Paulinerkirche wird sich als Name durchsetzen“ und „Uni-Glaswand: Harms vermittelt“ vom 4. Oktober:

Es gibt wohl keinen Standpunkt der LVZ in den letzten Jahren, über den ich mich so gefreut hätte, wie über den Ihren zur Paulinerkirche. Er ist klug, weitsichtig, ja weise. Noch ist es hoffentlich nicht zu spät, die nationale wie internationale Blamage zu verhindern, auf die unsere Kultur- wie Musikstadt Leipzig unweigerlich zusteuern würde, wenn die zukünftige Universitätskirche (und Aula) unsinniger- und verhängnisvollerweise durch eine Trennwand entzweit werden würde.

Evelyn Fischer, 04316 Leipzig

Die anmaßenden Diskussionen und Einmischungen Leipziger Kirchenvertreter in Universitätsentscheidungen finde ich einfach widerlich. So werden ein Thomaspfarrer und ein -kantor zu armen Würstchen, die die Welt nur einzig und allein durch ihre rosarote Kirchenbrille begreifen können und wilde Beschimpfungen gegen fröhlich Andersdenkende abschießen. Intoleranz gegen Andersdenkende ist das größte Ar- mutszeugnis dieser Leute. Hingegen bereichert mich Gedankenaustausch mit toleranten Gläubigen und Nichtgläubigen jeder Couleur. Es geht beim Neubau am Campus Augustusplatz nicht um die alte Paulinerkirche.
Dass wir Menschen uns als Eintagsfliegen auf dieser Erde immer wieder gegenseitig die Köpfe für unsere geglaubten Wahrheiten einschlagen wollen, ist nur dämlich.

Frank Gerth, 04179 Leipzig

Ich gratuliere Ihnen zu diesem sehr mutigen Standpunkt. Sie denken weise voraus. Herzlichen Dank dafür!

Anne-Kristin Mai, 04299 Leipzig

Dem Standpunkt kann man nur zustimmen, in fast allen Punkten. Nur: Warum soll diese teure Glaswand erst gebaut werden, wenn doch mit fast 100-prozentiger Sicherheit damit zu rechnen ist, dass sich die Vernunft später doch noch durchsetzt und die Glaswand wieder entfernt wird? Bei der Glaswand geht es bei weitem nicht nur um Ästhetik, sondern um das Verhältnis von Religion und Wissenschaft oder, wie es Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede ausführte, um das Verhältnis von Glaube und Vernunft: Die Verabsolutierung des Glaubens allein führt in die Barbarei ebenso wie die Verabsolutierung von Vernunft. Das hat in der Geschichte mehrfach so stattgefunden, in Deutschland zuletzt bei den Nationalsozialisten und den Realsozialisten. Die Trennung von Kirche und Wissenschaft ist keineswegs im Grundgesetz festgelegt, wie es die Sprecherin des Studentenrates hier sagt. Religion ist keine Privatsache, und sie gehört in den öffentlichen Raum.
Bei den Marxisten gab es übrigens keine Trennung von Kirche und Religion. Die haben den Marxismus zur ultima ratio erklärt und als Staatsreligion verordnet.

Henrike Dietze, 04109 Leipzig

Ich gebe Ihnen insofern recht, dass es wahrscheinlich niemanden kalt lässt, was da am Augustusplatz derzeit wächst. Leider kann ich ihre Euphorie nicht ganz teilen. Ich halte die dem Augustusplatz zugewandte Frontseite der Paulinerkirche in Bezug auf die nicht vorhandene Symmetrie zwischen dem Spitzportal und darüber liegenden kreisförmigen Ausschnitt für völlig misslungen. Bisher war ich der Meinung, dass es sich um einen Baufehler handelt, musste aber feststellen, dass offensichtlich weiter gebaut wird. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dieser unmögliche Zustand vom Architekten so gewollt war, oder?
Über Geschmack lässt sich zwar nicht streiten, aber dieser Anblick muss jeden ästhetisch empfindenden Menschen gelinde gesagt ungemein stören.

Werner Röhr, 04425 Taucha

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 8. Oktober 2008 (Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Star-Trompeter Güttler: Uni-Rektor betreibt „Proletenkult“

Kritik am Einbau von Trennwand in neuer Paulinerkirche / Streitgespräch mit Studenten in Thomaskirche

Die Unterzeichner des offenen Briefes gegen die geplante Plexiglaswand in der neuen Paulinerkirche am Augustusplatz haben einen weltbekannten Fürsprecher gefunden. Wortgewaltig schaltete sich gestern der Dresdener Star-Trompeter Ludwig Güttler in den Streit ein und forderte die Leipziger zum öffentlichen Protest auf. Wie die LVZ berichtete, hatte Uni-Rektor Franz Häuser den Einbau der Trennwand vor zwei Wochen in der Baukommission gegen den Willen des Freistaats durchgesetzt.

„Das ist Proletenkult“, sagte Güttler vor einem Konzert in Leipzig. Er warf der Uni-Führung „Gestaltungs- und Machtmissbrauch“ vor. Dies verletze die „Gefühle, Überzeugung und Identität jener, die unter diesem barbarischen Akt der Sprengung gelitten haben.“
Güttler lebte lange Zeit in Leipzig, studierte hier und leitete sieben Jahre lang den evangelischen Studentenchor.

Die Universität forderte er auf, sich zu ihrer Geschichte zu bekennen. Zu der gehöre die 1968 zerstörte Universitätskirche St. Pauli. Dass in dem Neubau, der der Paulinerkirche weitgehend nachempfunden ist, 19 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer eine 16 Meter hohe ideologische Trennwand errichtet werden soll, nannte er einen „Irrwitz der Geschichte“. Offenbar habe die Hochschulleitung Angst vor etwas, „was die Universität geprägt hat“. Im Gegensatz zur jetzigen Führung habe DDR-Staatschef Walter Ulbricht seinerzeit begriffen, „was die Universitätskirche wert war“. Nur ließ er sie aus Furcht vor der Freiheit des Geistes abreißen.

Die Universität hatte bislang den Einbau der Wand mit raumklimatischen Argumenten begründet. Sie soll die großen Veranstaltungssaal von einem Raum für Gottesdienste trennen. In diesem will die Uni Grabplatten aus der gesprengten Kirche zeigen.

Doch darin sieht Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff nur einen Vorwand. In der Baukommission, habe Häuser zuletzt die Wand damit begründet, so Wolff, „dass es dem international besetzten Lehrkörper und der ausländischen Studentenschaft schwer vermittelbar sei, der christlichen Religion den Vorrang zu geben.“ Der Pfarrer beklagte in diesem Zusammenhang die „devote Meinungslosigkeit eines großen Teils des Lehrkörpers“. „Wir müssen erreichen, dass aus der Universität Widerspruch kommt“, so der Pfarrer. Er lud zu einem Streitgespräch über die neue Paulinerkirche mit dem Studentenrat in die Thomaskirche ein. Es findet am 20. Oktober, dem Vorabend des Richtfestes auf dem Uni-Campus, statt. Beginn ist um 20 Uhr.

Klaus Staeubert

BILD Leipzig vom 08. Oktober 2008, S. 3

Star-Trompeter Güttler soll die Paulinerkirche retten

Damit diese hässliche Glaswand niemals kommt

Von ERIK TRÜMPER

Leipzig - Dresden verdankt ihm den Wiederaufbau der Frauenkirche. Professor Ludwig Güttler (65) sammelte 100 Millionen Euro an Spenden für das ehrgeizige Projekt, wurde für seine Verdienste sogar zum Ritter geschlagen.
Jetzt soll der Star-Trompeter für eine andere Kirche einspringen - und retten, was zu retten ist.
Es geht um die Paulinerkirche und den Streit um die unsägliche Plexiglaswand, mit der Uni-Rektor Franz Häuser (63) den Altarraum abschotten will (BILD berichtete). Das 630 000 Euro teure Ungetüm hilft ihm, die Pauliner-Aula für viel Geld zu vermarkten. Außerdem könnten "ausländische Studenten Anstoß an einer Kirche" auf dem Campus nehmen, so Häuser …
Inzwischen laufen Leipziger Bürger (u.a. Thomaskantor Biller, CDU-Chef Achminow) Sturm gegen die Glaswand. Mit Ludwig Güttler haben sie jetzt wohl den prominentesten Mitstreiter. Und der greift Uni-Rektor Häuser frontal an: "Das Einziehen der Glaswand ist ein eindeutiger Gestaltungs- und Machtmissbrauch des Rektoren. Ulbricht hat mehr begriffen, was die Kirche wert war. Deshalb wollte er sie weg haben."
Auch, dass die Kirche nicht Kirche "St. Pauli" heißen darf, sondern den kalten Namen "Paulinum" bekommen soll, ist für Güttler ein Skandal. "Sollte Herr Häuser bei seinen Entscheidungen bleiben, wird er Leipzig mehr schaden, als uns heute klar sein kann. Es ist ein Verrat an der Geschichte. Nach der Diktatur des Proletariats erleben wir jetzt proletische Gedanken. Ich sage: Bis hier hin und nicht weiter! Wir dürfen keine Ruhe geben!"
Jetzt will er Ministerpräsident Tillich und Finanzminister Unland um Hilfe bitten. Am 6. November soll es noch einmal zu einem Vermittlungsgespräch kommen. Thomas-Pfarrer Christian Wolff (59) siegessicher: "Zur Eröffnung 2009 steht Unikirche St. Pauli am Neubau!"


Quelle: http://de.news.yahoo.com/
© ddp - Dienstag, 7. Oktober, 18:54 Uhr

Güttler gegen Glaswand in Leipziger Universitätskirche

Leipzig (ddp-lsc). Mit deutlichen Worten hat sich der Trompeter Ludwig Güttler gegen die geplante Glaswand in der neuen Leipziger Universitätskirche ausgesprochen. «Das ist ein Verrat an der Gestaltung der Geschichte», sagte er am Dienstag vor Journalisten in Leipzig. Gegen den Beschluss der Baukommission der Universität, Aula und Kirchenraum in dem Neubau durch eine Glaswand voneinander zu trennen, hatten sich zuvor auch andere Persönlichkeiten wie Thomaskantor Georg Christoph Billler, Schriftsteller Erich Loest, Theologe Friedrich Schorlemmer und der Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff, ausgesprochen.

Güttler äußerte sein Unverständnis über die Pläne zur Errichtung der Glaswand. Sie verletzten die Gefühle der Menschen, die seit der Sprengung der Leipziger Universitätskirche 1968 darunter litten. In dem Neubau eine solche Abtrennung vorzunehmen, sei ein «Irrwitz der Geschichte». Die Universitätskirche St. Pauli war am 30. Mai 1968 auf Geheiß des damaligen DDR-Staatsratschefs Walter Ulbricht gesprengt worden, was bereits damals eine Welle des Protestes ausgelöst hatte. Bemühungen um einen originalgetreuen Wiederaufbau scheiterten in den vergangenen Jahren. Anstelle der Kirche wird zurzeit der Entwurf des niederländischen Architekten Erik van Egeraat realisiert, der im Äußeren an die Kirche erinnert.

«Es ist einfach Verachtung - die gleiche Verachtung, mit der Ulbricht diese Sprengung angeordnet hat», sagte Güttler. Zugleich warf er einem Großteil des Lehrkörpers und der Studenten der Leipziger Universität eine «devote Meinungslosigkeit» vor. Güttler rief die Öffentlichkeit dazu auf, gegen den Beschluss zum Bau der Glaswand zu protestieren.

(ddp)

Quelle: http://www.welt.de/
© WELT.de - 7. Oktober 2008, 02:22 Uhr

"Späte Rache Ulbrichts"

Von Dankwart Guratzsch

Die Leipziger Paulinerkirche soll nur unvollständig wieder aufgebaut werden

Die Paulinerkirche in Leipzig, von Ulbricht abgerissen, von vielen Leipzigern als Wiedergutmachung zurückgewünscht, wird nur als eine demontierte Kirche wiederaufgebaut. Das ist nach der jüngsten Sitzung des Bauausschusses unter Beteiligung von Regierungsvertretern die offizielle Beschlusslage. Nicht nur, dass die Säulen, die das Kreuzrippengewölbe tragen sollten, unten abgesägt werden und nur noch wie Stalagtiten von der Decke hängen; nicht nur, dass die berühmte Kanzel nicht wieder aufgehängt wird - auch die Reste kirchlicher Nutzung werden nun noch abgetrennt: Altar und Epitaphien verschwinden hinter einer Plexiglaswand und werden wie in einer christologischen Rumpelkammer zusammengeschoben.

Die Wogen gehen hoch, denn es wird immer deutlicher, dass der frühere Architektenwettbewerb und mühsam errungene Kompromiss, in die auch der Paulinerverein als Vertretung der Wiederaufbauanhänger eingewilligt hatte, damit endgültig gekippt worden sind - offenbar unter Duldung der sächsischen Regierung.

Gegen die Verunstaltung des Kirchenraums, der künftig nur noch als Aula firmieren soll, wenden sich führende Persönlichkeiten der Stadt jetzt in einem offenen Brief an Universitätsrektor Franz Häuser. Sie kritisieren vor allem die Behauptung Häusers, dass der Einbau einer Trennwand unumgänglich sei, weil es "dem international besetzten Lehrkörper und der ausländischen Studentenschaft schwer vermittelbar sei, der christlichen Religion den Vorrang zu geben." Der in der deutschen Hochschulpolitik bisher noch nie gehörten Meinung eines auf Zeit gewählten Hochschulchefs zu einem universitären Bauprojekt halten sie entgegen, "dass dieses Haus nicht allein der Universität, sondern auch den Leipzigern und ihren Gästen gehören soll."

Unterschrieben ist das vom Thomaskantor Georg Christoph Biller, vom Dekan der Theologischen Fakultät Prof. Rüdiger Lux, vom Ersten Universitätsprediger Prof. Martin Petzoldt, vom Vorsitzenden der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig Prof. Martin Oldiges sowie von Pfarrern, Seelsorgern und CDU-Politikern. Zuvor hatten bereits die Studierenden der Theologischen Fakultät appelliert, "dass der nach außen deutlich als Kirche konzipierte Bau" auch seinen Namen "Universitätskirche St. Pauli" beibehält.

Schützenhilfe erhielten die Leipziger vom Rektor der Hochschule für Musik Detmold, Prof. Martin Christian Vogel, der den Abriss der Kirche unter Ulbricht miterlebt hatte. Er beklagt, dass der Neubau der Kirche zu einer "späten Rache Ulbrichts" gerate, indem mit der Abtrennung des Sakralbereichs der Auffassung gehuldigt werde, "dass das Weltliche im Geistlichen und das Geistliche im Weltlichen nichts zu suchen haben." Bitter fügt der Musiker, einst selbst Mitglied des Leipziger Thomanerchors, hinzu, dass "die Musik nie wieder diesen Kirchenraum so füllen wird, wie sie es 800 Jahre getan hat."


Quelle: http://www.landeskirche-sachsen.de/aktuelles/nachrichten/10334.html
© Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens - 6. Oktober 2008

Erklärung des Leipziger Pfarrertages zur Universitätskirche St. Pauli

Universitätskirche sollte auch in Zukunft als ungeteilter Raum nutzbar sein

LEIPZIG - Auf dem Leipziger Pfarrertag wurde am 2. Oktober gegenüber dem Landesbischof und dem Vertreter des Landeskirchenamtes u. a. der Neubau der Universitätskirche auf dem Campus der Universität Leipzig am Augustusplatz angesprochen. Im Verlaufe der Diskussion kam es zu einer Meinungsbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer aus den Kirchenbezirken Borna und Leipzig. Mit Zustimmung der übergroßen Mehrheit der Versammelten wurden folgende Erwartungen ausgesprochen:

  • Das neu entstehende Gebäude der Universitätskirche muss auch so heißen: Universitätskirche St. Pauli.
  • Die Integrität des Raumes muss gewahrt bleiben. Darum wird der Bau einer trennenden Glaswand abgelehnt.
  • Die historische Kanzel soll wieder aufgestellt werden.

Der Pfarrertag tritt dafür ein, dass die neue Universitätskirche auch in Zukunft als ungeteilter Raum so genutzt wird, wie das in ihrer Geschichte üblich war: gottesdienstlich, akademisch und musikalisch. Nur so kann sie wieder zum Ort und Symbol werden für das freie Wort und den fruchtbaren Diskurs von Wissenschaft, Kunst und Religion. Der Pfarrertag bittet den Landesbischof, in seinen Gesprächen mit der Landesregierung, der Stadt Leipzig und der Universität Leipzig diese Erwartungen mit Nachdruck vorzutragen. Der Pfarretag erwartet, dass das Rektoratskollegium der Universität Leipzig seine Position in diesen Fragen überprüft.

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BILD LEIPZIG vom 2. Oktober 2008, S. 5

WARUM DIE PLEXIGLASWAND WIRKLICH KOMMT …

Uni-Rektor will Paulinerkirche vermieten!

Von JACKIE RICHARD

Leipzig - Die Plexiglaswand in der Paulinerkirche - niemand will sie außer Uni-Rektor Franz Häuser (63). Angeblich geht es ihm dabei um die strikte Trennung zwischen Religion und Wissenschaft. Doch es gibt noch einen anderen Grund, über den so gern niemand spricht …
Stets hatte der Uni-Rektor beteuert, die 630 000 Euro teure Glaswand sei nötig, um im Neubau den Andachtsraum von der Aula zu trennen, um damit sowohl eine geistliche wie auch weltliche Nutzung möglich zu machen.
Doch die andere Wahrheit ist: Mit einer solchen Plexiglasscheibe lässt sich die Pauliner-Aula einfach besser vermarkten! Als exklusiver Tagungsort für finanzkräftige Unternehmen. Wie BILD erfuhr, ist das Konzept dafür fix und fertig - in Zusammenarbeit mit der Neuen Messe!
Messe-Sprecherin Heike Fischer: "Na klar kann die Uni mit der Aula gutes Geld verdienen. Die Wissenschaftler bemühen um die entsprechenden Kongresse, wir kümmern uns um die Vermarktung und Organisation."
Kongresse und Bankette in der Paulinerkirche - das geht natürlich nur, wenn der Altar durch den 16 Meter hohen Raumteiler separiert werden kann. Heike Fischer: "Das ist doch ein schönes Konzept. Wir freuen uns auf die Aula, so ein eigenwilliger Raum lässt sich gut vermieten."
Die Absprachen zwischen Messe und Uni sind getroffen, der Vertrag allerdings noch nicht konkret. Fischer: "Wir können die Aula erst aktiv verkaufen, wenn sie fertig ist, aber es ist großes Interesse da."
Was die Vermietung des sakralen Prachtgewölbes einbringen wird, ist noch unklar. Uni-Sprecher Tobias D. Höhn (38): "Die Preis-Kalkulation habe ich noch nicht vorliegen."
Auch Rektor Häuser wollte sich gestern nicht zum Thema äußern. Doch klar ist, dass er sich mit seinem Wunsch nach der umstrittenen Scheibe im Finanzministerium durchgesetzt hat. Eine Sprecherin gestern zu BILD: "Wir sind dem ausdrücklichen Wunsch der Universität nachgekommen."


Quelle: http://www.jungefreiheit.de/
© JUNGE FREIHEIT - Montag, 29.09.2008

Leipziger Paulinerkirche: Gegen Beschlußlagen hat der Genius loci keine Chance

Verspätete Helden der Arbeit

Von Thorsten Hinz

An die Stelle der 1968 gesprengten Paulinerkirche (Universitätskirche) im Zentrum Leipzigs wird gerade ein Glasbau gesetzt, wie er heute in monotoner Einfalt fast alle deutschen Städte ziert. Die Hoffnung war, daß wenigstens der Innenraum eine historische Anmutung erhalten und den 700jährigen Genius loci, für den Namen wie Luther, Bach und Mendelssohn Bartholdy stehen, erahnen lassen würde.

Nun teilt der Leipziger Paulinerverein mit, daß die Große Baukommission beschlossen hat, eine Trennwand aus Plexiglas zu errichten, die den kirchlichen vom profanen Teil trennt. Raum- und Klangwirkung sind damit verdorben. Ausschlaggebend sei, daß es „ausländischen Studenten nicht zugemutet werden kann, während universitärer Veranstaltungen auf einen Altar schauen zu müssen“.

Warum denn nicht? Schon die historische Kirche hatte als Aula gedient. Die Theologie gehört zu den Gründungsfakultäten der europäischen Universität. Die Beschäftigung mit dem christlichen Glauben gehört zu den Traditionen, auf denen der Ruf und die weltweite Wirkung der Universität sich gründen.

Sprache geist- und seelenloser Verwalter

In der Kommission sind die Sächsische Staatsregierung und die Universität in der Person ihres Rektors Franz Häuser vertreten. Im Januar 2008 schrieb diese Zeitung über den Auftritt des Rektors auf einer Bürgerversammlung in Leipzig (JF 04/08). Häuser, ein Spezialist für Bank- und Kapitalmarktrecht, der bis 1989 unauffällig in Mainz und Bielefeld tätig gewesen war, personifizierte den Opportunismus und die Mittelmäßigkeit der aktuellen deutschen Universität.

Wo der Paulinerverein sich auf Kultur, Geschichte, auf den Genius loci eben, berief, da verfiel Häuser in die Sprache des geist- und seelenlosen Verwalters, redete von „Beschlußlagen“, vom „gottesdienstlich zu nutzenden Teil“ und „technischen Abläufen“. Dazu paßt, daß er bei anderer Gelegenheit die erhalten gebliebene Kirchenkanzel, von der Kirchenmänner von Luther bis Martin Niemöller gepredigt hatten, ein „barockes Scheißding“ nannte.

Die Linke jubelt. Der frühere DDR-Bürgerrechtler und heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz hatte anläßlich der Leipziger Querelen über das Zusammenspiel von alten Ost- und zugezogenen West-Eliten geschrieben: „Die neue Freiheit haben jene am besten für sich genutzt, die sie vorher am rigorosesten bekämpft haben: die alten Eliten der untergegangenen DDR.

Die besenreine Übergabe der deutschen Immobilie

Sie waren uns an Herrschaftswissen, Führungserfahrung, Personalkenntnis, materieller Ausstattung, Frechheit und Dreistigkeit weit überlegen. Sie rekrutierten Komplizen aus den westdeutschen Apparaten. Diese halfen ihnen zunächst, sie zu adaptierten. Als Dank durften sie sich die Lebensträume ihrer Eitelkeit erfüllen und in Ostdeutschland Führungspositionen übernehmen, die sie im Westen nie erlangt hätten.

Dort nahmen sie – manus manum lavat – in feiner Witterung die Herzensanliegen der alten ostdeutschen Eliten auf und setzten sie mit dem Eifer verspäteter Helden der Arbeit um.“

Doch ihre Arbeit ist ohne Geist und rein destruktiv. Sie läuft in der Tat auf die besenreine Übergabe der deutschen Immobilie hinaus.


Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum
Paulinerverein

Leipzig, den 31. März 2008

Pressemitteilung

Leipziger Universitätsleitung verweigert Restaurierung der wertvollen Barockkanzel aus der gesprengten Universitätskirche trotz dafür zugesagter Kostenübernahme

Der Paulinerverein hat der Universität Leipzig seit 2005 mehrfach einen Betrag von 50.000 € zur Restaurierung der wertvollen aus der Universitätskirche geretteten Barockkanzel angeboten. Zog es der derzeitige Rektor der Universität beim ersten Angebot noch vor, dieses nicht einmal zu beantworten, so lehnt er das erneute Angebot des Paulinervereins, welches diesmal sogar die Übernahme der Restaurierungskosten anbot, mit der Begründung ab, die Kanzel sei nicht in der "kurzfristigen Prioritätensetzung des Kunstkonzepts" enthalten, sondern als "langfristige Aufgabe" eingestuft.

Abgesehen davon, dass die Universitätsleitung die Kanzel ganz offensichtlich nicht will, dürfte ein Zeitraum von vier Jahren wohl hinreichend für die Restaurierung gewesen sein. Auch das bis zum Jubiläum verbleibende Jahr dürfte genügen. Schließlich handelt es sich nach Einschätzung des ehemaligen sächsischen Chefkonservators der Denkmalspflege, Professor Hans Nadler, bei Kanzel und Paulineraltar um "die wichtigsten Ausstattungsstücke" der Universitätskirche. In seinem 1981 noch unter den Bedingungen der DDR-Diktatur verfaßten Schreiben an die damalige Karl-Marx-Universität heißt es: "An der Wiederaufstellung der Stücke [Kanzel und Altar] (...) ist uns insbesondere gelegen."
Innenraum Nadler-Brief

In Anbetracht der bereits bis jetzt angefallenen Mehrkosten beim Universitätsneubau mutet es an wie eine Provinzposse - ja es ist ein Skandal -, dass eine von Bürgern angebotene, zweckgebundene Spende von nicht unbeträchtlicher Höhe für ein Kulturgut nationalen Ranges nicht angenommen wird. Es ist einfach nicht mehr vermittelbar und hinzunehmen, wieso eine Universität, die ihr 600-jähriges Bestehen feiern will, auf die Präsentation ihrer wertvollsten Kunstschätze - nämlich Kanzel und Altar - verzichtet, während gleichzeitig die durch Steuermittel finanzierte Wiederaufstellung eines fragwürdigen Propagandawerkes aus der Zeit der zweiten deutschen Diktatur vehement verfochten wird. Hierbei spielt das Geld (300.000 € bis 500.000 €) offenbar überhaupt keine Rolle.

Die Ablehnung der Spende offenbart unmissverständlich eine Politik der Verdrängung der jüngsten Universitätsgeschichte, die mit der Sprengung der Universitätskirche, des Augusteums und des Albertinums einen traurigen Höhepunkt fand. Woher, fragt man sich, nehmen die meist zugereisten Entscheidungsträger eigentlich das Recht, darüber zu befinden, ob eine Kanzel, die Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Max Reger schon kannten, auf der einst Friedensnobelpreisträger Nathan Söderblom und der erste sächsische Landesbischof Ludwig Heinrich Ihmels Gottes Wort verkündeten, von der später Dedo Müller, Ernst Sommerlath, Siegfried Schmutzler, Pater Gordian und viele andere gegen den DDR-Zeitgeist predigten, aufgestellt wird oder in Einzelteile zerlegt im Magazin liegen bleibt? Studentenpfarrer Schmutzler beispielsweise wurde seiner mutigen Verkündigung wegen von der SED-Justiz zu fünf Jahren Zuchthaus wegen "Boykotthetze" verurteilt. Spielt es für die Universitätsleitung tatsächlich keine Rolle, dass diese Kanzel weithin als Symbol des freien und unzensierten Wortes in einer unfreien Zeit gilt und dass sie neben ihrer kunsthistorischen Bedeutung deshalb für so viele Bürger eine so hohe Bedeutung besitzt?

Es ist nunmehr endlich an der Zeit, dass die Entscheidungen über Gestalt und Funktion der künftigen Universitätskirche von autorisierten Persönlichkeiten und kompetenten Fachleuten getroffen werden. Die derzeitige Leipziger Universitätsleitung ist dazu ganz offensichtlich weder willens noch in der Lage.

Es gibt ein berechtigtes Interesse der Bürger dieser Stadt und des ganzen Landes, dass die neu entstehende Universitätskirche ein Symbol gegen geistige Repressionen und gewaltsame Zerstörung wird und dass die vor vierzig Jahren hier verwirklichten politischen Ziele heute auch nicht ansatzweise eine späte Rechtfertigung finden. Dies setzt - neben vielem anderen - auch die Restaurierung und Wiederaufstellung der 1968 aus der Universitätskirche geborgenen Barockkanzel voraus.

Dr. Ulrich Stötzner


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 21. Juli 2008 (Lokales - Seite 15)
© Leipziger Volkszeitung

Bach-Wettbewerb mit Protest für Uni-Kirche

Wie vor 40 Jahren: Plakat im Abschlusskonzert entrollt


Foto: André Kempner

Überraschende Protestaktion am Sonnabend in der Thomaskirche: Während des Abschlusskonzerts des 16. Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs hat eine Gruppe um Thomaskirchenpfarrer Christian Wolff ein Protestplakat entrollt. Es zeigt den Neubau des Architekten Erick van Egeraat am früheren Standort der Paulinerkirche, die 1968 gesprengt worden war. Unter der Grafik zu lesen ist die Forderung „40 Jahre danach – Neue Universitätskirche muss Universitätskirche St. Pauli heißen“.

Mancher Konzertgast vermutete, hinter der Aktion stecke der Paulinerverein. Doch die Initiative für das Plakat gehe von der Thomaskirche aus, sagte Wolff. Auch Thomaskantor Georg Christoph Biller gehöre der Gruppe an. Der Paulinerverein habe jedoch mitgewirkt und zur Finanzierung des Plakats beigetragen.
„Wir wollten damit das Konzert nicht stören, sondern es zum Anlass nehmen, auf das zu verweisen, was vor 40 Jahren geschehen ist“, so Wolff. Zudem habe die Initiative der großen Öffentlichkeit, die der Bach-Wettbewerb nun einmal mit sich bringe, ihre Forderungen darstellen können. Diese seien identisch mit der Haltung der evangelischen Landeskirche. Demnach müsse der Neubau Universitätskirche St. Pauli und nicht, wie von der Alma Mater bevorzugt, Paulineraula heißen. Zudem dürfe es keine trennende Glaswand im Inneren geben und solle die historische Kanzel wieder aufgestellt werden. Wolff: „Das Gebäude ist damals gottesdienstlich, musikalisch und akademisch unter dem Namen Universitätskirche genutzt worden. So soll es auch in Zukunft sein.“

Die Aktion hat ein historisches Vorbild: Am 20. Juni 1968 protestierten Studenten während des Abschlusskonzerts des dritten Internationalen Bach-Wettbewerbs gegen die am 30. Mai 1968 erfolgte Sprengung der Uni-Kirche. Auf der Bühne der Kongresshalle entrollte sich per Automatik ein Plakat mit der Forderung nach Wiederaufbau des Gotteshauses. Die Brüder Dietrich und Eckhard Koch hatten dafür den Auslösemechanismus gebaut. Dietrich Koch wurde 1972 verhaftet und kam für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

Peter Krutsch

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 14. Mai 2008 (Lokales - Seite 19)
© Leipziger Volkszeitung

Aufruf für Uni-Kirche: Gegen Glaswand und neuen Namen

Christian Führer kündigt Demo zum Gedenktag am 30. Mai an

„Eine Glaswand, die den Innenraum der Universitätskirche trennt, ist abstrus. Und natürlich gehören Kanzel und gerettete Kunst wieder hinein“, sagt Thomaskantor Georg Christoph Biller. „Das Wichtigste aber ist, dass die Leipziger die Kirche annehmen und allsonntäglich füllen. Das wäre mein persönlicher Wunsch.“ Biller ist der erste Prominente, der in den vergangenen 14 Tagen seine Unterschrift unter den Aufruf „Für die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ setzte. Jetzt sitzt er neben Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, der bei einer Pressekonferenz am Dienstagvormittag das Papier erstmals der Öffentlichkeit vorstellt.

Drei wesentliche Punkte beinhaltet der Aufruf, der den Aula-Kirchen-Neubau von Architekt Erick van Egeraat begrüßt, jedoch im Inneren auf Veränderungen drängt: Die Trennung von Ostchor und Kirchenschiff durch eine Glaswand soll aus den Bauplänen gestrichen werden, gerettete Kunst, Kanzel und Altar sollen in der Kirche ihren Platz finden. Und das Gebäude, so die Forderung, müsse den Namen des Hauses tragen, auf dessen Grundrissen es wieder errichtet wird – der Universitätskirche. Die Alma mater will das Objekt dagegen Paulinum nennen. Die Theologische Fakultät schließt sich allerdings den Forderungen des Bürgervereins an. Auch Landesbischof Jochen Bohl ist gegen eine Glaswand, für die Kanzel und den Namen Universitätskirche.

Der Aufruf wird an 2000 Freunde des Vereins versendet, mit der Bitte um Vervielfältigung. Neben Biller haben ihn unterzeichnet: Ex-Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, Trompetenvirtuose Ludwig Güttler, Schriftsteller Erich Loest, MDR-Intendant Udo Reiter, Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer, Maler und Grafiker Arnd Schultheiss sowie Arnold Vaatz, stellvertretender Fraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. „Und am Morgen war in der Post ein Brief von Schriftsteller Rainer Kunze. Er ist auch mit dabei“, sagt Stötzner. Mancher möge, so der Vereinsvorsitzende, vielleicht fragen, was das jetzt, wo der Bau bereits voranschreite, noch solle. „Aber wir haben trotz aller Freude über den Neubau erhebliche Bedenken über Innenraum und Nutzung. Wir versuchen zu retten, was zu retten ist.“

Zu diesem Wir gehört auch Mitunterzeichner Christian Führer. Der ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche schlägt heftige Töne an. „Der alte Name muss bleiben. An diesem Ort war nie das Paulinum. Und wer die geretteten Kunstgegenstände nicht wieder im Inneren anbringt, der gibt im Nachhinein dem barbarischen Akt der Kirchensprengung von 1968 Recht.“

Letztere jährt sich am 30. Mai zum 40. Mal. Und während Führer über dieses Datum spricht, kommt ihm ad hoc eine Idee: „Sie werden jetzt vielleicht lächeln. Aber ich denke, der Druck muss von der Straße kommen.“ Er rufe deshalb spontan für den Gedenktag zu einer Demonstration rund um den Campus auf. Es gebe kein günstigeres Datum als dieses. „Die Uni steht nicht im luftleeren Raum. Sie hat eine Geschichte. Die gilt es so gut wie möglich darzustellen. Wenn Studenten sagen, das geht uns nichts an, habe ich dafür kaum Verständnis. Die Studenten sind ja nach fünf Jahren wieder weg.“

Peter Krutsch

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Hier können Sie den Aufruf „Für die Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“ als PDF-Datei abfordern und mit Ihrer Unterschrift versehen per Fax (0341/9839978) an die Geschäftsstelle des Paulinervereins senden.

For the University Church of St Paul at Leipzig


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. Mai 2008 (Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Resolution zur Sprengung umstritten

Jung erinnert an Paulinerkirche / Zur Nedden: Keine Umgestaltung des Augustusplatzes

Eine Woche vor dem Tag, an dem sich die Sprengung der Paulinerkirche zum 40. Mal jährt, hat Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) gestern an „diesen Akt der Willkür und Missachtung des freien demokratischen Willens“ erinnert und ihn mit einer Rede im Stadtrat verurteilt.
Gleichzeitig bat er um Unterstützung für eine von ihm vorgeschlagene Resolution, mit der sich das Hohe Haus vom damaligen Ratsbeschluss zur Sprengung distanziert und für eine Restaurierung der sichergestellten kulturhistorisch bedeutsamen Objekte aus dem Gotteshauses einzusetzen bereit erklärt.
„Das sind genau die Intentionen meines Antrags“, zeigte sich DSU-Stadtrat und Mitglied des Paulinervereins, Karl-Heinz Obser zufrieden. Er hatte am 19. März einen Entschließungstext in das parlamentarische Verfahren gebracht, in der Hoffnung, dass der Stadtrat sich noch vor dem 30. Mai zur Kirchenzerstörung positioniert. Wochenlang feilschten seitdem die Mitglieder des Kultur- und Bauausschusses um den Text, doch die wenigsten waren bereit, den Antrag des rechtskonservativen Obser zu votieren. So warteten sie schließlich auf einen Verwaltungsstandpunkt, den die Rathausspitze jedoch erst am Dienstag dieser Woche beschloss. Im Bauausschuss steht nun sogar noch eine dritte Lesung bevor. „Warum das so lange rausgezögert wurde, ist mir unerklärlich“, sagte Obser. Umso positiver war er gestern vom Oberbürgermeister überrascht. „Jung hat die Notbremse gezogen und die Ehre des Stadtrates gerettet, in dem er das Thema noch vor dem 30. Mai in den Stadtrat gebracht hat“, sagte der DSU-Mann.
Aber noch ist nicht sicher, ob Jungs Resolutionstext mit Obsers Handschrift im nächsten Monat im Rat eine Mehrheit findet. Selbst Jungs Partei verweigert dem Rathauschef die Gefolgschaft. Zwar verurteilte SPD-Fraktionsvorsitzender Axel Dyck gestern „die barbarische Zerstörung der Paulinerkirche“ und stufte sie als „Verbrechen“ ein. Doch seine Fraktion sehe „keine Veranlassung“, sich von dem Sprengungs-Beschluss der damaligen Stadtverordnetenversammlung vom 23. Mai 1968 zu distanzieren. Es könnte dann der Eindruck entstehen, argumentierte Dyck, „dass andere Beschlüsse dieses Gremiums auf demokratischem Wege zustande gekommen seien“.
Baubürgermeister Martin zur Nedden schloss gestern zudem eine Umgestaltung des Augustusplatzes im Zuge des Aufbaus der Paulineraula kategorisch aus. „Kurz- und mittelfristig ist es nicht möglich, hier eine Veränderung herbeizuführen“, sagte er. Wie berichtet, war in vergangenen Monaten immer wieder darüber debattiert worden, die Restaurantzeile abzureißen, die Luftschächte und die Einfahrten der Tiefgarage zu versetzen, um einen unverbauten Blick auf die entstehende Paulinerkirchen-Nachbildung herzustellen. Laut zur Nedden sei dies vertrags- und urheberrechtlich nicht zu realisieren. Die Baumaßnahmen, sagte er, würden sechs Millionen Euro kosten, und dazu kämen noch Entschädigungszahlungen.

Klaus Staeubert

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Informieren Sie sich!
Abstimmungsverhalten im Leipziger Stadtrat im Jahr 2003
Ein Blick hinter die Kulissen
Die Stellung der Stadtverwaltung und des Stadtrates zum Wiederaufbau der Leipziger Universitätskirche

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 27. Juni 2008 (Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

STADTGEFLÜSTER

War es nun Abseits oder nicht? Diese Frage wird momentan bei der Fußball-EM auf Millionen Sofas sowie in ebenso vielen Kneipen diskutiert. Das Ergebnis ist oft strittig, der Schiedsrichter hat sowieso keine Ahnung … Der Leipziger Stadtrat hingegen hat es da relativ einfach. Zwei Abgeordnete haben sich selbst ins Abseits mänovriert und werden daher oft attackiert. Prominentestes Beispiel ist Volker Külow, der Chef der Leipziger Linken. Weil viele Stadträte wegen seiner Stasi-Belastungen nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen, löste sich im vorigen Herbst sogar der Kulturausschuss auf – und arbeitet bis heute amtierend.
Immer mehr ins Rampenlicht rückt derweil Karl-Heinz Obser (DSU). Kürzlich lehnte der Stadtrat eine Resolution ab, bei der es um die Universitätskirche St. Pauli ging. Die war zwar ohnehin umstritten, weil der demokratisch gewählte Stadtrat sich nicht vom Sprengungsbeschluss der damaligen Stadtverordnetenversammlung vom 23. Mai 1968 distanzieren wollte. Es herrschte zwar Konsens, dass die Zerstörung ein „barbarischer Akt“ sowie ein „Verbrechen“ gewesen sei. Eine offizielle Distanzierung davon kam trotzdem nicht zustande. Denn die hätte den Eindruck erweckt, dass andere Beschlusse des Gremiums demokratisch gewesen wären. Problematisch war für viele außerdem, dass die Initiative von Obser ausging. SPD, Grüne, Linke werfen ihm „rechtstendenzielle Äußerungen“ sowie „geistige Brandstiftung“ vor.
„Sie segeln unter einer Flagge, unter der wir nicht segeln wollen“, wurde Grünen-Mann Roland Quester recht deutlich. So hätte der Gescholtene sich beispielsweise in einem Interview für die Republikaner über „kriminelle Ausländer“ geäußert, keinerlei Distanz zu diversen Äußerungen erkennen lassen. Sogar die CDU, deren Fraktion der DSU-Mann sich im Stadtrat angeschlossen hat, bekommt häufig von ihm ihr Fett weg. Deshalb hat Grünen-Fraktionschef Leuze seinen Kollegen Alexander Achminow (CDU) aufgefordert, Obser aus der Fraktion auszuschließen. CDU-Stadträte sehen aber keinen Handlungsbedarf, heißt es. „Bei uns ist Herr Obser noch nicht durch rechtsradikale Äußerungen aufgefallen“, betonte Fraktionsgeschäftsführer Ansbert Maciejewski.
Apropos Fußball. Das Halbfinale der Deutschen konnten viele Stadträte nach der Sondersitzung zur Job-Situation in Leipzig zu Hause gucken. Die Versammlung dauerte nicht bis zum Anpfiff. Die CDU lud trotzdem alle ein, sich das Spiel gemeinsam bei ihr in der Rathausstube anzugucken. Von den anderen Fraktionen schaute aber keiner vorbei. Das wiederum hat wohl eher was mit Politik als mit Abseits zu tun.

Mathias Orbeck

Quelle: DER SONNTAG
© DER SONNTAG - 22. Mai 2008 [Sachsen]

Zankapfel Paulinerkirche

Am 30. Mai jährt sich der Tag der Sprengung der Leipziger Paulinerkirche zum 40. Mal.

Der 30. Mai 1968 ist ein sonniger Frühjahrstag. Auf dem Leipziger Augustusplatz ist es still. Dann dröhnt ein Warnsignal, 700 Kilogramm Sprengstoff detonieren. Der Dachreiter kippt, der Turm knickt, die Westseite stürzt ein, am Schluss fällt die Giebelrosette. Erst ist der Staub zu sehen, Sekunden später folgt das Grollen. Die Universitätskirche St. Pauli, in der Luther predigte und Bach Orgel spielte, ist ein Trümmerhaufen.

Der junge Geophysiker Ulrich Stötzner soll die Erschütterungen messen. Doch das Gerät funktioniert nicht. Heute ist Ulrich Stötzner Vorsitzender des Paulinervereins, der sich seit 1992 zunächst für den Wiederaufbau, dann für eine »angemessene Erinnerung« an das spätgotische Gotteshaus einsetzt.
Mehr als 400 Jahre hatte die Kirche als geistiges Zentrum der Universität gedient. »Ihre Zerstörung war grausam und sinnlos«, sagt Stötzner.
Das Schrillen des Telefons unterbricht ihn, eine Radiostation will ein Interview zum 40. Jahrestag der Sprengung. Der Streit um den Campus-Neubau sorgt für Zündstoff. Nach den Plänen der Universität soll ein »modernes Paulinum« entstehen. »Wir fordern, dass das Haus in baulicher und funktionaler Einheit als Kirche und Aula dient und Universitätskirche heißt«, sagt Stötzner ins Telefon.

Er ist ein gefragter Mann in diesen Tagen. Universitätsrektor Franz Häuser geht es nicht anders. Immer wieder teilt er die Position der Hochschule mit: »Eine Kirche, die nebenbei als Aula genutzt wird, ist seitens der Universität nicht gewünscht.«

Derweil wächst am Augustusplatz der Zankapfel in die Höhe. Die Pläne sehen ein modernes Gebäude vor, das an die Gestalt der Kirche erinnern soll. Zum 600. Geburtstag der Leipziger Universität 2009 soll der neue Campus fertig sein.
Das »moderne Paulinum« beherbergt eine Aula mit Chorraum. Universität, Stadt, Landesregierung und auch der Paulinerverein hatten sich 2004 auf den Vorschlag des Architekten Erick van Egeraat geeinigt. Doch seitdem hat die Universität die Innengestaltung des Raumes mehrfach geändert. Säulen sind aus dem Entwurf entfernt, Aula und Chorraum sollen nun durch eine Glaswand getrennt werden. »Wir haben uns täuschen lassen«, sagt Stötzner.

Auch Landesbischof Jochen Bohl schaltete sich ein: Den von der Universität gewünschten Einbau einer Glaswand zwischen Kirchenschiff und Chorraum könne die Landeskirche »keinesfalls mittragen«.

»Erinnern kann man auch mit einer Glaswand«, meint dagegen Thomas Dudzak, Sprecher des Studentenrats der Universität. »Das Paulinum wird ein Gebäude für die Zukunft«, sagt er. Es sei in erster Linie ein akademisches Gebäude und keine Kirche. Das multikulturelle Spektrum der Studierenden verlange nach einem multikonfessionellen Andachtsraum.

Der Leipziger Öffentlichkeit ist der Streit schwer zu vermitteln. Wir haben genug Kirchen, sagen die einen. Die anderen erinnern sich, wie sie Holzbalken zum Heizen aus dem Haufen klaubten, wo das Regime den Schutt der zerstörten Kirche abgeladen hatte. Heute erinnert dort ein verwittertes Kreuz an das Kirchengrab.

Der ehemalige Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer ist sich sicher, dass die Mehrheit der Leipziger die Kirche – in moderner Gestalt – zurückwill. Für den 30. Mai hat er zur Demonstra­tion aufgerufen: »Wir brauchen den Druck von der Straße – jetzt!«

Dietrich Koch wird hingehen. Weil er gegen die Kirchensprengung protestiert hatte, war er zu 30 Monaten Haft mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie verurteilt worden. 1972 wurde Koch in die BRD abgeschoben. Auch er will, dass die Universität künftig angemessen an St. Pauli erinnert. Den Streit um die Glaswand im Inneren hält er allerdings für übertrieben. »Ob es tatsächlich wieder eine Universitätskirche gibt, wird sich durch die Nutzung des Gebäudes zeigen«, sagt Koch. »Wenn regelmäßig hunderte Gläubige das Paulinum zum Gottesdienst nutzen, dann wird auch der ganze Raum eine Kirche sein.«

Ellen Reglitz

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2 Lesermeinungen vorhanden

1. Henrike Dietze am 23. Mai 2008 um 0:22
“auch der Paulinerverein hatten sich 2004 auf den Vorschlag des Architekten Erick van Egeraat geeinigt”
Diese Aussage in Ihrem Text ist definitiv falsch. Frau Dr. Schrödl hat den Vorschlag begrüßt. Ihre Position wurde aber vom Paulinerverein in einer Abstimmung mehrer einzelner Punkte nicht unterstützt.

2. Koch, Dietrich am 23. Mai 2008 um 3:10
Vor dem Bau van Egeraats sollte die Roßbachfassade wiedererrichtet werden als ein Leipziger Denkmal für Freiheit und Einheit. Auch dafür werde ich am 30. Mai 2008 eintreten.


Quelle: Hallo-Zeitung vom 17.5.2008 (Seite 1 und Seite 3)

Aufruf zur Demo gegen Pauliner-lnnenausbau

Die Fronten sind verhärtet. Während die Universität auf ihr Recht als Hausherr pocht, kämpft der Paulinerverein um einen historisch angelehnten Innenausbau der neuen Aula/Kirche am Augustusplatz. Bislang war keine Lösung des Konflikts in Sicht. Anlässlich des 40. Jahrestages der Sprengung der Paulinerkirche startet der Paulinerverein (hallo berichtete) jedoch einen weiteren Versuch, Universität und das Land Sachsen als Geldgeber zu überzeugen: 2.000 Bürger haben einen offenen Brief des Vereins bekommen. Darin wird gefordert, dass der neue Name des umstrittenen Baus "Universitätskirche St. Pauli" lauten soll. Gestalterisch müsse man sich an die ersten Entwürfe von 2004 halten. Dazu gehört die Verhinderung einer Glaswand, das Anbringen von historischer Kanzel und Altar, durchgängige Pfeiler für eine gute Akustik und so genannte Chorschranken, um alle Epitaphien (Grabplatten) anzubringen. Unterschrieben sollen diese Briefe an den sächsischen Ministerpräsidenten gehen.

"Druck muss von der Straße kommen"
Pfarrer Führer ruft zur Demo gegen Pauliner-lnnenausbau auf

An der Spitze der Initiative stehen Thomaskantor Georg Christoph Biller, Schriftsteller Erich Loest, der ehem. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, MDR-Indendant Udo Reiter und der ehem. Nikolaipfarrer Christian Führer. Letzterer gehört zu den Kritikern von Universitäts-Rektor Prof. Dr. Franz Häuser, der sich "weltanschaulich neutral" in Bezug auf die Paulinerkirche verhalten will. "Zu manchen Dingen muss man einfach Stellung beziehen", betont Führer. Er habe zudem wenig Verständnis dafür, wenn Studenten sich nicht mit der Vergangenheit der '68er (dem Jahr der Sprengung) und ihrer Universität auseinandersetzen wollen und statt dessen eine religiös neutrale Aula befürworten. Studentensprecher Thomas Dudzak wehrt sich dagegen und fordert, dass das Interesse der Studierenden im Mittelpunkt stehen solle, Führer kontert: "Wir brauchen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wenn wir eines weglassen, kippelt die Sache". Die wenigen historischen Reste nicht zu zeigen sei "barbarisch". Wenn sich dagegen Kirche, Kunst und Wissenschaft vereinten, würde die Gesellschaft einen Sprung nach vom machen. Spontan rief Führer deshalb zu einer Demonstration für historischer und kirchliche Bezüge in der neuen Universitätsaula auf: "Der Druck muss von der Straße kommen". Am 30. Mai gibt es deshalb 10 Uhr einen Gedenkgottesdienst mit dem Landesbischof in der Nikolaikirche, dem 11 Uhr eine Gedenkveranstaltung am Uni-Bauzaun folgt. Ludwig Güttler, Friedrich Schorlemmer und Oberbürgermeister Burkhard Jung werden Statements abgeben. Anschließend können die Leipziger während der Demonstration ihre Meinung kundtun. Abends sind ab 20 Uhr in der Nikolai- und in der Thomaskirche Gedenkkonzerte geplant.
Unterstützt werden diese von Thomaskantor Biller. "Die Universität ist nicht nur ein öffentlich-rechtliches, sondern auch ein geistiges Gebilde. Und wenn es um Geist geht, gehört die Religion dazu", erklärte er diese Woche. Für ihn wäre es scheinliberal, wenn das Gebäude - an dessen Stelle eine Kirche stand - nur als Aula und nicht auch als Kirche genutzt würde. Ulrich Stötzner, Vorsitzender des Paulinervereins, weist zudem auf die theologische Fakultät und die Studentengemeinden hin, die in einer Universitätskirche eine neue Heimat fänden. Für ihn sei die Grenze des guten Geschmacks erreicht, wenn das Gebäude wie angedacht für Feiern mit Tanz genutzt würde. Immerhin sei hier früher eine Begräbnisstätte gewesen.
Ob seine und die Proteste der anderen viel bewegen ist unklar. Denn noch bleibt die Innengestaltung Sache der Uni. Neben Protesten der Leipziger könnte jedoch das Land Sachsen Rektor Häuser einen Strich durch die Rechnung machen, indem es die Gelder für die umstrittene Glaswand und hängende Lichtsäulen verweigert. Der Paulinerverein will dann 50.000 Euro für die Sanierung des Altars spenden. Doch um sich durchzusetzen müssten möglichst alle 2.000 Empfänger des offenen Briefs diesen unterzeichnen und nach Dresden schicken.

ST

BILD vom 14.5.2008

UNIVERSITÄTSKIRCHE

Führer kämpft für St. Pauli

Von JACKY RICHARD

Leipzig - Neue St.-Pauli-Offensive: Leipziger Prominente fordern jetzt, dass aus dem geplanten "Paulinum" eine echte Universitätskirche wird.
Der kurz vor dem 40. Jahrestag der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai und ein Jahr vor der Einweihung des Campus-Neubaus am Augustusplatz veröffentlichte Aufruf wurde unterschrieben u.a. von Ex-Nikolai-Pfarrer Christian Führer, Thomaskantor Georg Christoph Biller und MDR-Intendant Udo Reiter.
Ihre zentrale Forderung: "Dieses wiederzugewinnende Haus soll sich besonders in der Innengestaltung an das Vorbild des verlorenen Vorgängerbaus halten (...) und wieder 'Universitätskirche St. Pauli' heißen."
Christian Führer: "Der historische Kern muss doch erhalten bleiben, auch Altar und Kanzel müssen integriert werden. Wer das nicht akzeptiert, gibt der barbarischen Sprengung recht!"


Quelle: http://www.welt.de/
© WELT.de - 14. Mai 2008, 04:00 Uhr

Leipziger Kirchenstreit spitzt sich zu

Leipzig - Im Streit über einen Ersatzbau für die abgerissene Leipziger Universitätskirche geht der ehemalige Leipziger Nikolaikirchenpfarrer und Bürgerrechtler Christian Führer in die Offensive. Führer hat für den 40. Jahrestag der Sprengung der Paulinerkirche zu einer Demonstration aufgerufen. Die Aula auf dem neuen Campus der Leipziger Hochschule müsse "Universitätskirche St. Pauli" heißen, forderte Führer am Dienstag. Auf Geheiß der SED-Führung war die Universitätskirche in Leipzig am 30. Mai 1968 gesprengt worden.

Führer gehört zu den Unterzeichnern eines jetzt veröffentlichten Positionspapiers des Leipziger Paulinervereins. Darin fordert die Bürgerinitiative auch, das geplante Gebäude am Universitätscampus "in baulicher und funktionaler Einheit als Kirche und Aula" zu nutzen. Die Pläne der Universität sehen dagegen eine Glaswand vor, die Aula und Chorraum voneinander trennen soll. Weitere prominente Unterzeichner des Paulinerverein-Aufrufs sind der MDR-Intendant Udo Reiter, der bekannte Trompeter Ludwig Güttler, der Schriftsteller Erich Loest sowie der Wittenberger evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer.

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl hatte die Pläne der Universität zur Innengestaltung der Aula Anfang April scharf kritisiert. Den Einbau einer Glaswand zwischen Chorraum und Aula könne die Landeskirche "keinesfalls mittragen". Universitätsrektor Franz Häuser hatte entgegengehalten, dass "eine große Kirche, die auch als Aula genutzt wird", seitens der Hochschule nicht erwünscht sei. Zudem sei die Glaswand für eine gute Akustik und die Klimatisierung des Raumes notwendig.

Der umstrittene Universitätsneubau am Augustusplatz geht auf einen Entwurf des holländischen Architekten Erick van Egeraat zurück. Das "moderne Paulinum" soll nach Plänen der Universität zum zentralen Veranstaltungsort der Hochschule werden. In seiner äußeren Gestalt soll es an die 1968 gesprengte Universitätskirche erinnern.

epd

Kreuzer 05.2008

"Wir sollten den Mut haben, Grenzen auszutesten"

Universitätsmusikdirektor David Timm über das geplante Gedenkkonzert in der Thomaskirche

Informieren Sie sich.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 15. Juli 2008 (Lokales - Seite 16)
© Leipziger Volkszeitung

Leserbriefe

Kirche auch als Konzertraum

Zum Beitrag „Uni wird zur 600-Jahr-Feier fertig“ vom 2. Juli:
Als Universitätsangehörige bin ich immer wieder erfreut, Universitätsbelange von öffentlichem Interesse auch öffentlich diskutiert zu sehen. Ich bedanke mich für die diesbezüglichen Beiträge, doch sachgemäß müssen sie sein. Zu einigen Stellen des Interviews gestatten Sie mir bitte folgende Richtigstellungen:
Epitaphe bestehen meist aus Stein und bedürfen keiner Sonderkühlung. Wenn sie aber Holzelemente enthalten, ist etwa dieselbe Klimatisierung nötig wie für die Holzbauteile der Orgel. Der Standort der Orgel ist die Westseite des Aula/Kirche-Raumes, für die Aufstellung der Epitaphe sieht die Kustodie den östlichen Teil vor. Da also Ost- und Westteil annähernd gleiches Klima brauchen, scheint mir die Klimatisierung des Gesamtraumes eher sinnvoll, wobei sich die Betriebskosten durch Verwendung geeigneteren Baumaterials reduzieren ließen.
Die Trennwand ist also nicht wegen der Klimatisierung nötig. Ihr Wegfall hätte, von den frei werdenden Geldern abgesehen, weitere Vorteile: Der Gesamtraum, der in Höhe und Breite der Kirche entspricht, die dort länger als 700 Jahre stand, würde erfahrbar werden und könnte so die Erinnerungsfunktion übernehmen, da ja nach den gegenwärtigen Plänen sonst nichts nachgebaut wird. Er wäre darüber hinaus auch als Konzertraum nutzbar, was vor wenigen Jahren noch eine der wichtigsten Nutzungsanforderungen war.
Eine Kanzel unterstützte die Schallausbreitung des gesprochenen Wortes in großen Räumen, so dass ein Redner nicht auf eine Verstärkeranlage angewiesen war. In einem kleinen Raum, wie vom Kanzler vorgeschlagen, hat die Kanzel nicht die geringste Funktion. Das ist in den entsprechenden Gremien der Universität bereits diskutiert worden.
Nur einzelne Teile der Kanzel sind stark restaurierungsbedürftig. Für die Restaurierung braucht aber die Universität keine weiteren Geldgeber, da die Sächsische Landeskirche und der Paulinerverein zugesagt haben, die Kosten zu übernehmen.

Helga Hassenbrück, 04155 Leipzig

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. September 2008 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Leserbriefe

Eine Bildung ohne Tradition

Zum Artikel „Uni verteidigt Aula-Namen“ vom 6. August:
Die Entscheidung des Universitätsrektors im Einvernehmen mit dem Studentenrat bestätigt nachträglich den von Kommunisten verübten Akt öffentlicher Ausgrenzung von Kirche und christlichem Glauben aus Wissenschaft und Gesellschaft und vergibt so – indem traditionelle Sinnbezüge als nicht mehr zeitgemäß entwertet werden – die Chance des Widerstands und der befreienden Kraft gegen Indoktrination.
Welche Bildungskonzeption, die sich die Leipziger Universität damit zu Eigen macht, steht dahinter? Es ist eine Bildung ohne Tradition, die Arnold Gehlen als eine „Bildung und Erziehung der bloßen Daseinsgefräßigkeit“ bezeichnet. Und eine solche Bildung, die Herkunft und Zukunft bewusst auseinander reißt, bedeutet nichts anderes als eine Verweigerung von Identität. Nach wie vor gilt dagegen der Satz des Philosophen Martin Heidegger „Zukunft ist Herkunft“. Und es ist ein Zeichen von Ungebildetsein, dies zu vergessen und einem Absolutismus des gegenwärtigen Modernen zu überlassen. Wie herrlich weit haben wir es doch gebracht!

Hans-Henning Rößler, 04827 Gerichshain

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 6. Mai 2008 (Lokales - Seite 18)
© Leipziger Volkszeitung

Leserbriefe

Abänderungen führen vom Entwurf weg Zum Beitrag „Ein perfekter Kompromiss“ vom 10. April:

Kann der viel beschäftigte Architekt sich nicht erinnern, wofür er in Leipzig einen Preis bekam? Fand er vor dem Interview nicht die Zeit, sein Erinnerungsvermögen an den Akten zu prüfen, auf die er sich beruft, oder ist er sich gar zu sicher, dass er eine falsche Darstellung der Sachlage dem uninformierten Publikum als wahr unterschieben kann? Das hat ja bei diesem Bauvorhaben schon öfter funktioniert. Nach meiner Erinnerung ging es im Wettbewerb 2003/2004 um den Entwurf eines Raumes auf den Grundmauern der 1968 zerstörten Kirche, der gleichberechtigt als Aula und als Kirche genutzt werden kann und der an die gotische Hallenkirche auch mit einer hervorragenden Akustik erinnert.
Das leistete Egeraats Entwurf aber nur zum Zeitpunkt der Prämierung. Die Abänderungen führen weit weg davon und erhöhen die Kosten. Statt sie zurückzunehmen, wird so getan, als seien sie in der Ausschreibung begründet.

Helga Hassenrück, 04155 Leipzig

Quelle: DER SONNTAG Nr. 14 - 6. April 2008
© DER SONNTAG

Leipziger Uni-Kirche

Glaswand raus, Kanzel rein

Der Landesbischof will den Gesamtraum als Kirche, der Universitäts-Rektor will es nicht

Keine Glaswand, dafür soll die alte, barocke Kanzel von 1740 wieder in die neue üniversitätskirche. So lautet übereinstimmend die Botschaft von Landeskirche und Theologischer Fakultät an den Bauherren Freistaat Sachsen und die Hausherren von der Universität Leipzig. "Den von der Universitätsleitung gewünschten Einbau einer Glaswand zwischen dem Kirchenschiff und dem Chorraum kann die Landeskirche nicht mittragen", sagte Landesbischof Jochen Bohl am vergangenen Montag vor Journalisten in Leipzig. Seine Position sei der Universität seit langem bekannt, doch eine Antwort habe er von Rektor Franz Häuser darauf bisher nicht erhalten.

Die gab der Rektor auf Nachfrage der Nachrichtenagentur epd; "Eine große Kirche, die auch als Aula genutzt wird, ist seitens der Universität nicht gewünscht", wird Häuser zitiert. Landesbischof Bohl kritisiert, dass eine Glaswand den Eindruck erwecken könnte, "als sei eine Trennung der geistlichen und wissenschaftlichen Nutzung erforderlich". Es entspreche nicht der lutherischen Tradition, dass die Weihe eines Gotteshauses mit der Vorstellung eines "heiligen Ortes" und ausschließlich geistiger Nutzung verbunden sei. Eine Nutzung auch zu weltlichen Zwecken sei in Luthers Zwei-Reiche-Lehre begründet.

Die Universitätsleitung will durch eine gläserne Wand Aula und Gottesdienstraum trennen. "Die Entscheidung für eine Glaswand ist zwar gefallen, wäre aber sofort rückgängig zu machen", sagte der Dekan der Theologischen Fakultät, Rüdiger Lux. Im Blick auf den Einbau Kanzel der 1968 gesprengten Universitätskirche St. Pauli sei zu hoffen, dass sich die Universität erklärt, so der Dekan. Bisher habe sich die Universitätsleitung dem Wunsch immer verwehrt, sie in das Gesamtkonzept des Raumes einzubeziehen. Für die Restaurierung der Kanzel, die in einem Depot der Universität eingelagert ist, sind bei Paulinerverein und Universitätsgottesdiensten jeweils 50 000 Euro zusammengekommen. Doch die Universität lehnt Spenden für diesen Zweck bisher ab.

Nun hat sich auch die Landeskirche bereit erklärt, "für die Aufstellung der Kanzel und die damit verbundenen Kosten Sorge zu tragen", wie Landesbischof Bohl versichert.
Für ihn gibt es keinen Zweifel daran, dass das neue Gebäude, das die Universität "Paulinum" nennen will, vor seiner Nutzung als Kirche geweiht wird. Angesichts des Schmerzes, der mit den Ereignissen vor 40 Jahren verbunden sei, würden viele Bürgerinnen und Bürger Leipzigs auch in Zukunft von der üniversitätskirche sprechen. "Ich schließe mich ihnen an", so Bohl.

Christine Reuther

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 4. April 2008 (Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

LESERBRIEFE

Architektur Egeraats eröffnet Chance

Zum Beitrag „Landesbischof legt sich mit Uni an“ vom 1. April:

Nur halb so viel Engagement, wie für das Marx-Relief, dann sollte es mit der Kanzel werden. Nicht auf Zeit spielen, dass das 600-jährige Jubiläum 2009 ist, sollte seit etwa 599 Jahren bekannt sein.
Die Architektur van Egeraats eröffnet eine großartige Chance, daher auch die Entscheidung des Paulinervereins 2004 für Egeraat. Kanzel rein, Glaswand raus!

Roman Schulz (2004 stellvertretender Vorsitzender Paulinerverein), 04249 Leipzig

Es ist erfreulich, dass sich nun auch Landesbischof Bohl zum Neubau der Paulinerkirche zu Wort meldet, dass er den Entwurf van Egeraats als außergewöhnliche Leistung würdigt, und dass er die geplante Glaswand zwischen Hauptschiff und Altarraum ablehnt. Denn diese Glaswand wird bei 17 Metern Höhe eben nicht, wie Rektor Häuser sagt, einfach transparent sein wie eine Glasscheibe im Fenster: sie braucht eine sehr massive Unterkonstruktion aus Stahl, an der die Glasscheiben aufgehängt werden. In geschlossenem Zustand wird das die Transparenz stark beeinträchtigen. Und wenn sie nur bis auf acht Meter zu öffnen ist, wird der obere feste Teil von sieben Metern die Sicht in den Altarraum und das Kreuzgewölbe noch immer erheblich behindern. Die Glaswand dürfte aber auch die Raumakustik stören, vor allem bei (Orgel-)Konzerten, die den ganzen Raum füllen sollen.
Das harte Glas ist ohnehin akustisch nur schwer beherrschbar. Wo der akustische Vorteil liegen soll, den der Rektor anspricht, ist mir unerfindlich. Die hohen Kosten für die Glaswand sollte man einsparen und dafür lieber die Barockkanzel als eins der wenigen originalen Ausstattungsstücke der gesprengten Kirche restaurieren und zum Uni-Jubiläum wieder aufstellen!

Niels Gormsen, 04109 Leipzig

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. April 2008 (Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

Landesbischof legt sich mit Uni an

Neuer, alter Streit um den Innenraum des Aula-Kirche-Baues am Augustusplatz

Am Augustusplatz wächst der Neubau der Universität sichtbar in die Höhe. Das Schaffen von in Beton gegossenen Tatsachen hält freilich so manch einen Kritiker nicht davon ab, den Neubau im Detail unverändert in Frage zu stellen. Das beginnt schon beim Namen: Die Universität will ihn „Paulinum“ nennen, die Theologen der Universität, der Paulinerverein und nun auch die Landeskirche Sachsen „Universitätskirche St. Pauli“. Landesbischof Jochen Bohl, der gestern mit einer Erklärung in Leipzig vor die Presse trat, schließt sich, auch wenn er den Bezug auf den Apostel Paulus eigentlich ganz treffend findet, der Wortwahl „Universitätskirche“ an.

Bohl teilte mit, dass er am kommenden 30. Mai, dem 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche, in der Nikolaikirche predigen wird. Vor dem Hintergrund dieses Gedenkens begrüße er es, wenn es zu einem Einvernehmen mit der Universität in noch offenen Gestaltungsfragen des Kirche-Aula-Baues komme. Der oberste evangelisch-lutherische Christ der Landeskirche Sachsen attestiert dem Architekten Erick van Egeraat „eine ganz außergewöhnliche Leistung“.
„Allerdings kann die Landeskirche den von der Universitätsleitung gewünschten Einbau einer Glaswand zwischen dem Kirchenschiff und dem Chorraum nicht mittragen und äußert hierzu Bedenken“, sagte Bohl. Die Bedenken werden noch verstärkt, weil eine – wenn auch gläserne – Trennwand in einem stimmigen Baukörper den Eindruck erwecken könnte, als sei eine Trennung der geistlichen und der wissenschaftlichen Nutzung erforderlich. Bohl bittet die Universität, von ihrer Forderung Abstand zu nehmen, ansonsten wäre es ein „fataler Rückzug auf längst überwundene Antagonismen“.

Franz Häuser – der Rektor der Universität war zur Pressekonferenz nicht geladen – gestern auf Anfrage dieser Zeitung zur Erklärung des Landesbischofs: „Die Glaswand trennt nicht, sie schafft Transparenz, bekanntlich ist ja Glas durchsichtig.“ Der Universität vorzuwerfen, sie wolle die Wissenschaft von der Religion trennen, sei abwegig. Genau umgekehrt werde ein Schuh daraus. Häuser zu Sinn und Zweck der Glaswand: „Sie wird auf einer Höhe von acht Metern zu öffnen sein und ist aus zwei Gründen erforderlich: aus akustischen und aus konservatorischen.“
Zweiter Kritikpunkt von Bohl: die barocke Kanzel der Paulinerkirche, die vor der Sprengung gerettet werden konnte, aber restaurierungsbedürftig ist. Er fordert deren Aufstellung an der ersten Säule im Aularaum. „Auch hier gelte“, so der Landesbischof, „dass im lutherischen Sinn die Kanzel nicht allein der geistlichen Rede vorbehalten ist, sondern überhaupt die Bedeutung des ,freien Wortes‘ symbolisiert und daher auch für Vorträge genutzt werden kann.“ Er sehe keinen Grund, warum die Kanzel nicht aufgestellt werden soll. Die Landeskirche Sachsen erklärt die Bereitschaft, für die Aufbringung der damit und mit der Restaurierung verbundenen Kosten Sorge zu tragen, wobei bekannt sein müsste, dass der Paulinerverein schon 50 000 Euro für die Restaurierung der Kanzel gesammelt hat.

Die Bürgerinitiative war beim Pressetermin präsent und verteilte unter der Überschrift „Leipziger Universitätsleitung verweigert Restaurierung der wertvollen Barockkanzel trotz zugesagter Kostenübernahme“ ihrerseits eine Erklärung. Dazu Rudolf Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität: „Die Restaurierung der Kanzel ist extrem aufwändig und zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu realisieren. Auf unserer Prioritätenliste stehen die kunsthistorisch sehr viel bedeutenderen Epitaphe ganz oben. 40 von ihnen sollen im Chorraum angebracht werden. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wichtig ist. Wir haben dem Paulinerverein vorgeschlagen, sich bei der Restaurierung der Epitaphe einbringen zu können. Das ist scheinbar nicht gewollt.“ Im Übrigen sei es schon erstaunlich, wer sich nun alles berufen fühlt, die Universität einrichten zu wollen. Er gehe ja auch nicht in fremde Wohnzimmer und hänge die Bilder um, so der Kustos.

Thomas Mayer

Quelle: http://www.landeskirche-sachsen.de/aktuelles/themen/9203.html
© Landeskirche Sachsen (31.3.2008)

Stellungnahme des Landesbischofs zur Leipziger Universitätskirche

Universitätskirche - Keine Trennung von geistlicher und wissenschaftlicher Nutzung

Landesbischof Jochen Bohl ging am 31. März in Leipzig in einer Stellungnahme aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 2008 auf die Gründe der Zerstörung, auf das Gedenken und auf offene Gestaltungsfragen des Neubaus ein. Die damalige Universitätskirche ist seiner Ansicht nach in erster Linie wegen der religions- und kirchenfeindlichen Ideologie der SED zerstört worden, weil die Sphäre der Wissenschaft mit der des Glaubens als unvereinbar angesehen wurde. Bohl: „Für viele christliche Bürgerinnen und Bürger der DDR wurden spätestens durch den barbarischen Akt der Sprengung die wahren Ziele des sozialistischen Staates offenkundig und seine Legitimation tief erschüttert.“ In der sächsischen Landeskirche seien die Ereignisse unvergessen, zumal Repressionen und Willkür sich gegen einzelne, heute noch lebende Personen richteten. Für deren damaliges „unerschrockenes Bekenntnis weiß die Landeskirche sich unverändert zu Dank verpflichtet“, so der Landesbischof.

Vor dem Hintergrund des Gedenktages Ende Mai begrüße er es sehr, wenn es zu einem Einvernehmen mit der Universität in den noch offenen Gestaltungsfragen des Neubaus komme. Immerhin sei der Architektenentwurf „eine ganz ungewöhnliche Leistung“, für die Bohl der Universität und dem Freistaat Sachsen als Bauherrn und zu deren Mut für ihre Entscheidung und die Realisierung des Entwurfs gratuliere.
Allerdings könne die Landeskirche den von der Universitätsleitung gewünschten Einbau einer Glaswand zwischen dem Kirchenschiff und dem Chorraum nicht mittragen und äußert hierzu Bedenken. Diese würden verstärkt, weil eine – wenn auch gläserne – Trennwand in einem in sich stimmigen Baukörper den Eindruck erwecken könnte, als sei eine Trennung der geistlichen von der wissenschaftlichen Nutzung erforderlich. „Die eine oder andere Äußerung in dem Diskurs der vergangenen Monate“ könne so verstanden werden, als wäre gerade dies beabsichtigt.

Der Bischof weist darauf hin, dass sich die Auffassung, der christliche Glaube sei mit der wissenschaftlichen Weltsicht der Moderne unvereinbar, infolge des Gesprächs der Theologie mit den Naturwissenschaften während der letzten Jahrzehnte „weitgehend überlebt“ habe. Daher könne er auch in dieser Perspektive keine Gründe für den Einbau einer Trennwand erkennen, die letztlich die Botschaft transportieren würde, dass die Sphäre der Wissenschaft von der des Glaubens getrennt gehöre. Bohl bittet die Universität, von ihrer Forderung an den Bauherrn Abstand zu nehmen, denn ansonsten wäre es ein „fataler Rückbezug auf längst überwundene Antagonismen“.

Dies gelte auch für die historisch wertvolle Kanzel, deren Aufstellung nicht vorgesehen sei. Auch hier gelte, so Bohl, dass im lutherischen Sinn die Kanzel nicht allein der geistlichen Rede vorbehalten sei, sondern überhaupt die Bedeutung des „freien Wortes“ symbolisiere und daher auch für Vorträge genutzt werden könne.
Der Landesbischof vermag daher keinen Grund zu sehen, warum die Kanzel nicht aufgestellt werden sollte und erklärte die Bereitschaft, für die Aufbringung der damit und mit der Restaurierung verbundenen Kosten Sorge zu tragen.
Zum Ende seines Statements zum gegenwärtigen Neubau am Augustusplatz ging Bohl auf den Schmerz, der für viele Bürgerinnen und Bürger Leipzigs nach wie vor mit den Ereignissen vor 40 Jahren verbunden sei, ein. Sie würden weiterhin von der „Universitätskirche“ sprechen. Ihnen schließe er sich in der Wortwahl an.

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Stellungnahme von Landesbischof Jochen Bohl
aus Anlass des bevorstehenden
40. Jahrestags der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 2008

  1. Der 30. Mai 1968 bezeichnet, wie auch der Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR wenig später, ein Ereignis von historischer Bedeutung. Die Universitätskirche St. Pauli wurde in erster Linie wegen der religions- und kirchenfeindlichen Ideologie der SED zerstört, die davon ausging, dass die Sphäre der Wissenschaft mit der des Glaubens unvereinbar sei. Diesem komme an einer Universität kein Platz zu, weil die Religion den gesellschaftlichen "Fortschritt" hemme und ohnehin in Kürze "absterben" werde. Demzufolge habe das Gotteshaus der "neuen Zeit" nicht im Wege zu stehen. Es sollte eine geistige Tradition abgeschnitten werden, aus der über Jahrhunderte fruchtbare Wechselwirkungen erwachsen waren, die nicht zuletzt die langjährige Doppelnutzung der Kirche als Gottesdienstraum und als Aula veranschaulichte.

    Für viele christliche Bürgerinnen und Bürger der DDR wurden spätestens durch den barbarischen Akt der Sprengung die wahren Ziele des sozialistischen Staates offenkundig und seine Legitimation tief erschüttert. In der sächsischen Landeskirche sind die Ereignisse unvergessen, zumal Repressionen und Willkür sich gegen einzelne, heute noch lebende Personen richteten. Für deren damaliges unerschrockenes Bekenntnis weiß die Landeskirche sich unverändert zu Dank verpflichtet.

    Es ist mir sehr daran gelegen, das Gedenken des Jahrestages in würdiger Form zu gestalten. So bin ich dankbar, dass die Universität dies auch im Rahmen eines Universitätsgottesdienstes am 30. Mai um 10.00 Uhr in der St. Nikolaikirche tun wird. Die Einladung des ersten Universitätspredigers, in diesem Gottesdienst die Predigt zu übernehmen, habe ich gern angenommen.

  2. Vor dem Hintergrund dieses Gedenktages würde ich es sehr begrüßen, wenn es zu einem Einvernehmen mit der Universität in den noch offenen Gestaltungsfragen des Neubaus kommen kann.

    Zunächst darf ich in Erinnerung rufen, dass die Landeskirche aus wohlerwogenen Gründen den originalgetreuen Wiederaufbau der Universitätskirche nicht gefordert hat. Der gelegentlich herangezogene Vergleich mit dem Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche vermochte wegen der in vielfacher Weise unterschiedenen Situation nicht zu überzeugen. Ich sehe mit großer Dankbarkeit auf die Baustelle am Augustusplatz, wo in diesen Tagen ein bemerkenswertes Gebäude entsteht. Es ist erfreulich, dass nun in einer eigenständigen Architektursprache ein Bauwerk errichtet wird, das weder "neu" noch "alt" ist und doch den Besucher nicht im Zweifel lässt, eine Kirche betreten zu haben. Die gotische Bautradition und die moderne Formensprache werden in spannender Weise aufgenommen und verbunden. Ich meine, dass der Architekt Erick van Egeraat eine ganz ungewöhnliche Leistung vollbracht hat und gratuliere der Universität und dem Freistaat Sachsen als Bauherrn zu dem Mut, den sie mit ihrer Entscheidung für die Realisierung seines Entwurfs bewiesen haben. Insofern denke ich, dass die intensiven Diskussionen und Auseinandersetzungen doch zu einem guten Ergebnis geführt haben. Ich will auch klarstellen, dass ich die Lösung mit den drei nicht vollständig ausgeführten Säulenpaaren angesichts des zu erwartenden Raumeindrucks im Gesamten nunmehr im Sinne eines Kompromisses für vertretbar halte.

  3. Den von der Universitätsleitung gewünschten Einbau einer Glaswand zwischen dem Kirchenschiff und dem Chorraum kann die Landeskirche jedoch nicht mittragen. Auf der Sachebene darf ich darauf verweisen, dass sie die Raumakustik insbesondere in Bezug auf die Orgel beträchtlich verschlechtern und kaum beherrschbare Probleme aufwerfen würde. Zudem ist ein differenziertes Klimaregime zwischen den (dann getrennten) Gebäudeteilen mit Blick auf die Epitaphien nach den in anderen sächsischen Kirchen vielfach gemachten Erfahrungen nicht nur nicht erforderlich, sondern würde weitere Erschwerungen für die verschiedenen Nutzungen nach sich ziehen. Auch bedeutete der Einbau in Bezug auf die vorgesehenen Universitätsgottesdienste und Konzerte im gesamten Raumkörper eine erhebliche Minderung der Funktionalität. Nicht zuletzt würde die Trennung mit vermeidbaren Kosten verbunden sein, für die es m. E. keine hinreichende Begründung gibt. In Zeiten knapper Kassen sind mehrere hunderttausend Euro für eine solche Maßnahme wohl kaum zu begründen.

    Diese Bedenken werden verstärkt, weil eine - wenn auch gläserne - Trennwand in einem in sich stimmigen Baukörper den Eindruck erwecken könnte, als sei eine Trennung der geistlichen von der wissenschaftlichen Nutzung erforderlich; wobei ich nicht verhehlen will, dass die eine oder andere Äußerung in dem Diskurs der vergangenen Monate so verstanden werden konnte, als sei gerade dies beabsichtigt. Dies entspricht aber zum einen nicht der lutherischen Tradition unserer Kirche, in der die Weihe eines Gotteshauses nicht mit der Vorstellung eines "heiligen" Ortes und der exklusiven Nutzung für das geistliche Leben verbunden ist. Um ein Beispiel zu geben: im vergangenen Sommer hat die Bundeskanzlerin Dr. Merkel in der Dresdener Frauenkirche einen vielbeachteten Vortrag gehalten. Eine solche Nutzung ist möglich und theologisch begründet in der Lehre von den "Zwei Reichen", die wohl voneinander zu unterscheiden, aber um des Lebens willen aufeinander bezogen sein wollen.

    Ich erlaube mir zum anderen den Hinweis, dass in der neueren und neuesten philosophischen Diskussion der Beitrag der Religion für das Gelingen des Zusammenlebens intensiv diskutiert und in einer Weise gewürdigt wird, wie dies über lange Zeiträume hinweg kaum vorstellbar war. Die Auffassung, der christliche Glaube sei mit der wissenschaftsbasierten Weltsicht der Moderne unvereinbar, hat sich nicht zuletzt infolge des Gespräches der Theologie mit den Naturwissenschaften während der letzten Jahrzehnte weitgehend überlebt. Insofern kann ich auch in dieser Perspektive keine Gründe für den Einbau einer Trennwand erkennen, die letztlich die Botschaft transportieren würde, dass die Sphäre der Wissenschaft von der des Glaubens getrennt gehöre. Das wäre ein fataler Rückbezug auf längst überwundene Antagonismen. Ich bitte die Universität, von ihrer Forderung an den Bauherrn Abstand zu nehmen.

  4. Vor der Sprengung der Kirche war es gelungen, die historisch wertvolle Kanzel der Universitätskirche zu bergen. Ihre Aufstellung an der ersten Säule des Kirchenschiffs ist bautechnisch ohne weiteres möglich. Auch hier gilt, dass im lutherischen Sinn die Kanzel nicht allein der geistlichen Rede vorbehalten ist, sondern überhaupt die Bedeutung des "freien Wortes" symbolisiert und daher auch für Vorträge etc. genutzt werden kann. Ich vermag keinen Grund zu sehen, warum die Kanzel nicht aufgestellt werden sollte und erkläre die Bereitschaft, für die Aufbringung der damit und mit der Restaurierung verbundenen Kosten Sorge zu tragen.
  5. Die Universität hat sich entschieden, den Baukörper zukünftig als Paulinum zu bezeichnen und damit die auf den Apostel Paulus bezogene Tradition in veränderter Form aufzunehmen. Angesichts des Schmerzes, der nach wie vor mit den Ereignissen vor 40 Jahren verbunden ist, werden viele Bürgerinnen und Bürger Leipzigs auch in Zukunft von der Universitätskirche sprechen. Ich schließe mich ihnen an.

Jochen Bohl, 31.3.2008


Leipzig, den 31.03.08

Presseerklärung der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und des Universitätspredigers anlässlich des bevorstehenden 40. Jahrestages der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli

  1. Mit der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968 sollte nicht nur ein historisch wertvolles und traditionsreiches Kirchengebäude im Herzen der Universität und Leipzigs vernichtet werden, sondern vor allem das, was in ihm gepflegt wurde, die Universitätsgottesdienste, die Gottesdienste der Studentengemeinden und der katholischen Propsteigemeinde. Der SED und ihren kirchenfeindlichen Kadern in der Universität waren die Gottesdienste als Ort der freien, unzensierten Rede ein Dorn im Auge, weil sie sich der Vereinnahmung, Gleichschaltung und Entmündigung durch die marxistisch-leninistische Ideologie entzogen.
  2. Mit der Entstehung des Universitätsneubaus am Augustusplatz wird der Universitätsgottesdienst künftig wieder einen Platz in der Mitte der Universität finden. Wir sind dankbar und freuen uns darüber, dass die Universität sich mit ihren Entscheidungsgremien klar zu dieser Zielstellung bekannt hat.
  3. Der im Jahr 2004 vorgelegte und prämierte Entwurf des Architekten Erik van Eggerat hat mit seiner unübersehbaren Erinnerungshaltung gegenüber der vernichteten Universitätskirche die volle Zustimmung der Theologischen Fakultät gefunden. Die in der Ausschreibung formulierte Aufgabenstellung ("Wesentlich ist dabei die Nutzung als Aula und als Kirche.") haben wir in vollem Umfang als erfüllt angesehen.
  4. Inzwischen ist es in der Überarbeitung und Qualifizierung des Entwurfs zu Veränderungen gekommen, die wir nicht in jedem Falle für zweckmäßig und sinnvoll halten. Über die kostenträchtige Glaswand, die zwischen dem Hauptschiff, das als Aula dienen soll, und dem Chorraum, der den Gottesdiensten vorbehalten bleibt, sollte noch einmal nüchtern und emotionslos nachgedacht werden. Sie bringt erhebliche akustische Probleme mit sich und steht daher einer Nutzung des Gesamtraumes für Universitätsmusiken und größere Gottesdienste eher im Wege.
  5. Darüber hinaus symbolisiert die Teilung des Raumes in einen säkularen und einen sakralen Bereich ein überholtes positivistisches Wissenschaftsverständnis. Sie steht für eine Trennung rationalwissenschaftlicher Deutungen der Lebenswirklichkeit von religiösen und künstlerisch-ästhetischen Deutungen. Unserer Universität würde es alle Ehre machen, wenn sie sich zu einem Raumprogramm bekennen könnte, in dem bereits durch seine Architektursprache die zu un-terscheidenden, nicht aber voneinander zu trennenden Deutungen von Welt komplementär aufeinander bezogen bleiben. Die Nutzung des Ge-samtraumes als Aula und Agora einerseits, auf der ein lebendiger, kontroverser und konstruktiver Diskurs zwischen Wissenschaft, Religion und Kunst gepflegt wird, sowie als Raum für Gottesdienste, Universitätsmusiken und Ausstellungen andererseits würde einer modernen Universität des 21 Jh. eher gerecht
  6. Mit der Entscheidung für den Entwurf Erik van Eggerats hat sich die Universität eindeutig zur Tradition und Geschichte des Ortes bekannt, was von uns dankbar zur Kenntnis genommen wird. Dieses Bekenntnis ist u. E. mit der Verpflichtung verbunden, die aus der ehemaligen Universitätskirche geretteten Kunstschätze einschließlich der barocken Kanzel, die in der Zeit der SED-Diktatur zu einem Symbol für das freie Wort geworden ist, möglichst vollständig wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir begrüßen es, dass die Evang.-Luth. Landeskirche Sachsens ihre Bereitschaft erklärt hat, die für die Restaurierung und die Aufstellung der Kanzel notwendige Finanzierung zu übernehmen.
  7. Predigerkonvent und Beirat des Universitätsgottesdienstes werden sich mit einem namhaften Beitrag an der Finanzierung der Ausstattung beteiligen, die für die gottesdienstlichen Vollzüge notwendig sind. Die Finanzierung der Restaurierung und sachgemäßen Hängung der Epitaphien und einer notwendigen Schwalbennestorgel ist bisher offen. Da der Beschluss des Stadtrates zur Sprengung der Kirche 1968 von der SED initiiert und den Funktionsträgern der Blockparteien CDU, LDPD, NDPD u.a. mit exekutiert wurde, hat sich der Dekan der Theologischen Fakultät Mitte Februar in einem Brief an den Oberbürgermeister der Stadt sowie die Nachfolgeparteien gewandt. Darin wurde darum gebeten, durch ein deutliches auch finanzielles Engagement ein Zeichen zu setzen und sich auf diese Weise zu der Mitverantwortung für den damaligen Sprengungsbeschluss zu bekennen. Erste ermutigende Signale von der Stadt und der Partei Die Linke haben uns inzwischen erreicht. Wir würden uns freuen, wenn sich CDU und FDP, die bisher noch keine Zeit fanden den Brief zu beantworten, diesen Signalen anschließen könnten. Darüber hinaus bitten wir auch die Leipziger Bürgerschaft, sich durch Spenden an diesem Projekt zu beteiligen.
  8. Das Gesamtgebäude (Aula, Gottesdienstraum und die darüber liegenden Funktionsräume im Dachgeschoss) soll nach den Vorstellungen des Rektoratskollegiums den Namen "Paulinum" tragen. Damit wird zwar nicht exakt an den ursprünglichen Ort des ehemaligen Paulinums angeknüpft, wohl aber an die sakrale Tradition des ehemaligen Gebäudekomplexes der Universität. Für die Theologische Fakultät wird der Gesamtraum von Aula und Kirche auch künftig die "Universitätskirche St. Pauli" sein. Wir gehen nach Gesprächen mit dem Rektor davon aus, dass der Eingang zum Gottesdienstraum auch nach außen zum Augustusplatz hin deutlich als "Universitätskirche St. Pauli" ausgeschildert wird.

Prof. Dr. Rüdiger Lux, Dekan
Prof. Dr. Martin Petzoldt, Universitätsprediger


BILD Leipzig vom 1. April 2008

LANDESBISCHOF BOHL FORDERT VON DER UNI
Paulinerkanzel wieder aufbauen!

Von JACKIE RICHARD

Leipzig - Fast 40 Jahre sind seit der Sprengung der Paulinerkirche vergangen. Und noch immer bewegt das auf Geheiß des SED-Regimes zerstörte Gotteshaus die Gemüter.
In die Dauer-Debatte um den Umgang mit der Erinnerung an diese Barbarei hat sich jetzt Landesbischof Jochen Bohl (57) eingeschaltet. Er forderte die Uni gestern auf, die gerettete Kanzel von St. Pauli im Neubau am Augustusplatz wieder aufzustellen!
Das hölzerne Barock-Stück von 1738 ist einer der wichtigsten Schätze, die vor der Sprengung am 30. Mai 1968 gerettet werden konnten - doch seit Jahren sperrt sich Uni-Rektor Franz Häuser (61) dagegen, das wertvolle Stück in das neue „Paulinum" zu integrieren.
„Dafür habe ich kein Verständnis. Ich sehe keinen Grund, warum die Kanzel nicht aufgestellt werden könnte", so der Bischof.
Außerdem: Es würden keinerlei höhere Kosten entstehen. Bereits vor drei Jahren hat der Paulinerverein der Uni-Leitung eine Spende von 50 000 Euro zur Restaurierung der Kanzel angeboten - und wurde abgekanzelt...
Paulinervereins-Chef Ulrich Stötzner (62) „Unser Angebot wurde abgelehnt, weil es nicht in 'der kurzfristigen Prioritätensetzung des Kunstkonzepts' enthalten sei."
Seit Jahren ist das reich ornamentierte Schnitzwerk des Bildhauers Valentin Schwarzenberger in der Kustodie der Uni eingelagert.
Doch Jochen Bohl übt noch mehr Kritik an der Art und Weise, in der die Uni St. Pauli wieder auferstehen lassen will.
Er will auch, dass die Uni ihre Forderung nach einer gläsernen Trennwand zwischen Kirchenschiff und Chorraum zurückzieht: „Das verschlechtert nicht nur die Akustik, sondern trennt auch symbolisch die Sphäre des Glaubens von der Wissenschaft."
Zum 600-Jahr-Jubiläum der Uni im nächsten Jahr soll der neue Zentralcampus fertig sein - und die neue Uni-Kirche geweiht werden.


Quelle: http://www.lvz.de/aktuell/content/58580.html
© LVZ-Online vom: Montag, 31. März 2008

Landeskirche kritisiert Wiederaufbau des Paulinerkirchen-Inneren

Leipzig: Im Vorfeld des 40. Jahrestages der Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli hat die sächsische Landeskirche die Pläne für den Wiederaufbau des Kircheninneren kritisiert. Die Universitätsleitung solle ihre Forderung an die Landesregierung als Bauherrn zurückziehen, eine gläserne Trennwand zwischen Kirchenschiff und Chorraum einzubauen, sagte Landesbischof Jochen Bohl am Montag. Die Wand symbolisiere eine Trennung der „Sphäre der Wissenschaft von der des Glaubens“. Sie wäre ein „fataler Rückbezug auf längst überwundene Antagonismen“ und würde auch den Raumklang der Orgel verschlechtern. Universitätsrektor Franz Häuser wies dies zurück.

Die Hochschule solle nicht die „großartige Chance im Zentrum der Stadt“ vergeben, in der Universitätskirche einen „Diskurs zwischen Wissenschaft und Religion zu führen“, sagte der Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig, Martin Henker. In der Thomaskirche sei bereits die musikalische Tradition verankert, in der Nikolaikirche der offene Diskurs über gesellschaftliche Fragen.

Landesbischof Bohl und der Paulinerverein fordern zum anderen den Wiedereinbau der Kanzel, die vor der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968 gerettet wurde. „Auch hier gilt, dass im lutherischen Sinn die Kanzel nicht allein der geistlichen Rede vorbehalten ist, sondern überhaupt die Bedeutung des „freien Wortes“ symbolisiert“, sagte Bohl. Der Paulinerverein kritisierte die Hochschulleitung zudem dafür, dass sie Spenden für die Kanzel zurückgewiesen hat.
Rektor Häuser sagte, die Glaswand sei für die Klimatisierung der Kunstschätze und die Minimierung des Nachhalls notwendig. Darüber sei Bohl und der Paulinerverein vor zwei Jahren informiert worden. Gremien der Universität und die ministerielle Baukommission hätten die Innengestaltung abgesegnet. „Offensichtlich soll der Jahrestag für ihre Forderungen in den Dienst genommen werden“, kritisierte Häuser die Landeskirche und den Paulinerverein. Ihre „Salamitaktik“ sei ein Versuch, die Aula nicht rechtzeitig eröffnen zu können. Häuser forderte Toleranz für den „religiös-weltanschaulichen neutralen“ Charakter der Universität.

Der Umbau des Zentralcampus der Universität zum 600-jährigen Jubiläum 2009 hat immer wieder Streit zwischen Kirche, Politik, dem Paulinerverein zum Kirchenwiederaufbau und der Universität entfacht. Hauptkritikpunkt ist die Gestaltung der neuen Aula „Paulinum“, die das neue Zentrum der Universität werden soll. Die Landeskirche geht davon aus, dass das Gebäude geweiht wird. Laut Rektor Häuser ist die Weihe entbehrlich, „weil die Kirche nach der Sprengung nie entwürdigt wurde“. Zuletzt sorgte die Wiederaufstellung des Karl-Marx-Reliefs für eine heftige Debatte im Landtag.

dpa

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22. März 2008 (Lokales - Seite 20)
© Leipziger Volkszeitung

Das Alte im Neuen

Ex-Landeskonservator Magirius: Gerettete Kunst, Kanzel und Pfeiler gehören in Paulinerbau

Für Rektor Franz Häuser ist es die Paulineraula, für den Paulinerverein die Paulinerkirche – jenes Objekt, das am Augustusplatz nach Plänen des Architekten Erick van Egeraat gebaut wird. Seitdem die Diskussion über eine Rekonstruktion nach historischem Vorbild beendet worden ist, streiten sich beide Seiten um das Innere des Gebäudes, das derweil schon in die Höhe wächst (und zwar so, wie es die Alma mater will). Pfeiler, Kanzel und gerettete Kunst müssten den Raum prägen, fordert der Paulinerverein. Es entstehe in erster Linie eine Aula, keine Kirche, entgegnet die Uni. Jetzt schaltet sich ein Experte aus Dresden ein: der ehemalige Landeskonservator Sachsens, Heinrich Magirius. Er plädiert für einen historischen Innenraum, in dem das Vergangene zum gegenwärtigen Erlebnis wird.
„Die Sprengung der Universitätskirche St. Pauli am 30. Mai 1968 ist der traurigste Fall, den ich in meinem Beruf als Denkmalpfleger erleben musste“, erinnert sich Magirius. Nichts könne diese Vernichtung rückgängig machen. Dennoch bleibe nicht nur die Erinnerung an das Gotteshaus, „geblieben sind auch die geretteten Ausstellungsstücke.“ Darunter Kunstwerke wie das Epitaph für Magister Johann Goritz, das im Chorraum der Universitätskirche hing. Es sei, so der Experte, dem Bauherrn der neuen Universitätsgebäude und dem entwerfenden Architekten zu danken, „dass der Neubau der Universitätsaula an historischer Stelle an die Universitätskirche erinnern soll.“ Im modernen Komplex werde der alte Kirchenbau zu erkennen sein. „Dass das neue Bauwerk im Äußeren auch aus dem Geist der neuen Architektur der Universität heraus geschaffen werden muss“, sei verständlich. Jedoch sollten andere Anforderungen an die Gestaltung des Innenraums gestellt werden. Die Geschichte des Ortes müsse deutlich zum Ausdruck kommen, das Alte im Neuen seinen Platz finden.
Magirius spricht sich dafür aus, „den dreischiffigen Hallenraum mit einem Chor, der nach der Tradition der Bettelordenskirchen gegenüber den Seitenschiffen abgeschrankt ist“, nach dem historischen Vorbild zu gestalten. Der Chorraum eigne sich vorzüglich für kleine gottesdienstliche Feiern. „Seine seitlichen Schranken waren seit der Reformation, besonders aber seit ihrer Erhöhung im 19. Jahrhundert, der angemessene Anbringungsort für die zahlreichen Epitaphe, die hier wieder ihren angestammten Platz finden sollten.“
Magirius schlägt vor, den Chorraum nicht vom Langhaus abzutrennen, da deren baukünstlerische Einheit wichtig für das Erlebnis des Innenraums sei. Die Uni will das Langhaus aber vor allem als Aula nutzen. Magirius hält entgegen: Ein „heute üblicher Mehrzweckraum“ ergebe sich aus dem weitgehend in der historischen Kubatur geplanten Raum keinesfalls. So wäre es auch konsequent, der dreischiffigen Halle die Reihen ihrer Achteckpfeiler wiederzugeben. Der Idee, die Stützen durch Lichtsäulen zu ersetzen, erteilt der ehemalige Landeskonservator eine Abfuhr: „Solche Effekte erschienen meist schon nach wenigen Jahren überholt.“ Von einer Glaswand zwischen Halle und Chor rät er ebenfalls ab – aus akustischen Gründen. Dagegen solle die gerettete Kanzel wieder aufgestellt werden.
„Die Wehmut über das Verlorene müsste zu einer gewissen Demut führen, die notwendig ist, um an Vergangenes glaubhaft erinnern zu können“, sagt Magirius. „Wenn es gelänge, die Trümpfe im Spiel um Effekthascherei noch einmal beiseite zu legen, hätten die Stadt und ihre Universität ihr kulturelles Ansehen bewahrt, das hier ernstlich gefährdet erscheint.“

Peter Krutsch

Stadt Leipzig
Antrag Nr. IV/A 250 vom 12.03.08
zur Aufnahme in die Tagesordnung der Ratsversammlung am 19. März 2008

Stadtrat Karl-Heinz Obser, DSU

Entschließung der Ratsversammlung zum 40. Jahrestag der Sprengung von Universitätskirche St. Pauli und Augusteum

Beschlussvorschlag

  1. Die Ratsversammlung bringt öffentlich ihr Bedauern über den im Jahre 1968 stattgefundenen Akt der Zerstörung der durch Kriegseinwirkungen unversehrt gebliebenen Universitätskirche St. Pauli sowie des teilweise erhalten gebliebenen Augusteums zum Ausdruck. Sie distanziert sich entschieden von den Beschluss (Drucksache Nr. 69, Beschluss Nr. 121) der damaligen Stadtverordnetenversammlung, der am 23. Mai 1968 von allen Fraktionen bei nur einer Stimmenthaltung gefasst worden war und der den Abbruch der historischen Bauten zur Folge hatte.
  2. Die Ratsversammlung verpflichtet sich nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten, Bestrebungen zu unterstützen, die der Restaurierung und dem Erhalt der geborgenen Gegenstände sowie der Suche nach bisher verschollenen Objekten von historischer Bedeutung aus den genannten Gebäuden dienen.

Begründung:

Aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages der Sprengung der Leipziger Universitätskirche am 30. Mai 1968 und der sich kurz darauf anschließenden Beseitigung des ehrwürdigen Universitätsgebäudes, haben die gewählten Vertreter der Stadt Leipzig nunmehr die historische Gelegenheit, öffentlich Stellung zu diesem Akt der Kulturbarbarei zu beziehen. Im zurückliegenden Zeitraum seit dem Ende der DDR-Diktatur kam es für die interessierte Öffentlichkeit, die weit über die Grenzen der Stadt Leipzig hinausgeht, wiederholt diesbezüglich zu Irritationen und Fehlinformationen. Mit dem vorliegenden Beschlussvorschlag soll klargestellt werden, dass auch eine teilweise Solidarisierung mit dem unverantwortlichen Verhalten der damaligen Stadtverordneten nicht möglich ist, die nicht nur einem auferlegten Zwang folgten, sondern teilweise selbst an der Verfolgung von Bürgern mitwirkten, die ihre Kritik an der Zerstörung dieser historischen Bauten zum Ausdruck brachten.

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Stadt Leipzig

Verwaltungsstandpunkt
zu Antrag Nr. IV/A 250 vom 12.03.2008 eingereicht von Stadtrat Karl-Heinz Obser, DSU

Dienstberatung des Oberbürgermeisters
Datum: 20.0508 - TOP: 5.1 - vertagt auf:

Entschließung der Ratsversammlung zum 40. Jahrestag der Sprengung von Universitätskirche St. Pauli

[X] Alternativvorschlag

Eingereicht von
Beigeordneter für Kultur, Dr. Georg Girardet
21.05.2008

1. Die Stadt Leipzig bedauert zutiefst die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968. Die Ratsversammlung distanziert sich angesichts des 40. Jahrestages der Sprengung entschieden von dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am 23. Mai 1968 zur „Perspektivkonzeption der Stadt Leipzig bis 1970", soweit er den Abriss der Universitätskirche St. Pauli zum Inhalt und zur Folge hatte.

2. Die Stadt Leipzig wird im Rahmen ihrer Möglichkeiten Bestrebungen unterstützen, die der Restaurierung, der Sicherung und dem Erhalt der kunsthistorisch bedeutsamen Objekte dienen, die vor der Sprengung der Universitätskirche geborgen werden konnten und wird gleichfalls bei der Suche nach bisher verschollenen Stücken von historischer Bedeutung behilflich sein.

Begründung:

Die Universitätskirche St. Pauii überstand den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt. Nach Ende des Krieges war zunächst der Erhalt der Universitätskirche Konsens. Noch 1958 fordert Walter Ulbricht, damals 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED, den systematischen Wiederaufbau der teilzerstörten Innenstadt. Bereits 1959 wurde aber auf einer Sitzung des Politbüros der SED festgelegt, dass die Kirche „zurückzunehmen ist" - der Kirchenbau passte nicht mehr zum Konzept eines sozialistischen Platzensembles. Zunächst gab es noch Pläne, die Universitätskirche zu versetzen, diese erwiesen sich jedoch als technisch zu kompliziert und zu teuer.

Seit 1960 verfestigen sich die Pläne für den Abriss. Im Herbst 1960 werden die Pläne für die Neubebauung des Karl-Marx-Platzes im Rahmen einer Bauausstellung im Neuen Rathaus vorgestellt - ein existierender Entwurf, der den Erhalt der Universitätskirche vorsah, wurde nicht gezeigt. Im Rahmen dieser Ausstellung beziehen viele Besucher gegen den Abriss Stellung. In der Folge war die Öffentlichkeit daher weitgehend von der Diskussion um die Neugestaltung des Platzes ausgeschlossen.

In Plänen zum weiteren Aufbau des Stadtzentrums, die der Stadtverordnetenversammlung 1963 vorgelegt werden, ist die Universitätskirche nicht mehr enthalten. Insbesondere aus kirchlichen Kreisen, aber auch von Denkmalpflegern und Kunstwissenschaftlern, gibt es immer wieder Protest gegen die Abrisspläne.

Auch die Universitätsleitung setzt sich nicht für den Erhalt der Kirche, in deren Rechtsträgerschaft sie sich befindet, ein. Widerstand gibt es aus der Theologischen Fakultät, von Studenten und von einzelnen Universitätsangehörigen.

Am 7. Mai 1968 beschloss das Politbüros des Zentralkomitees der SED auf Vorschlag des Rates der Stadt Leipzig die städtebaulich-architektonische Neugestaltung des Karl-Marx- Platzes, bei der die Universitätskirche nicht mehr vorgesehen war. Der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung am 23. Mai 1968 zur „Perspektivkonzeption der Stadt Leipzig bis 1970" sollte nur noch einer längst gefallenen Entscheidung einen demokratischen Anstrich geben. Obwohl die Universitätskirche in den Beschlüssen nirgendwo namentlich genannt wird, dürfte allen Beteiligten klar gewesen sein, dass die Sprengung der Kirche wesentlicher Inhalt war. Der Beschluss ist mit einer Gegenstimme gefasst worden, die allerdings - wie neuere wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben - in Abstimmung und mit Zustimmung des Ministeriums für Staatssicherheit abgegeben wurde.

Nach dem Beschluss der Stadtverordneten kommt es zu öffentlichen Protesten der Bevölkerung. Meist waren ein- bis zweihundert Menschen in überwiegend stummem Protest auf dem Karl-Marx-Platz versammelt, am Abend des 27. Mai wächst die Menschenmenge aufdrei- bis vierhundert an.

Am 30. Mai 1968 wurde die Kirche um 10 Uhr morgens gesprengt. An diesem Tag waren mehrere tausend Leipziger in der Innenstadt. Hinter den Absperrungen drängten sich die Menschen.

Das teilzerstörte Augusteum wurde wenig später abgerissen, um die Neubaupläne zu verwirklichen. Aus heutiger Sicht wäre auch ein Erhalt des Augusteums wünschenswert gewesen. Der Abriss dieses Gebäudes kann in seiner politisch-ideologischen Dimension aber nicht dem Abriss der Universitätskirche gleichgestellt werden. Der Respekt vor historischer Architektur war in damaliger Zeit in Ost und West wenig ausgeprägt.

Obwohl es im Vorfeld der Entscheidung zur Sprengung der Universitätskirche Protestaktionen gegeben hatte, war man von einer Kraft zur Veränderung, wie sie die Leipziger Bevölkerung 1989 aufbrachte und die zur Friedlichen Revolution führte, weit entfernt. Durch die Friedliche Revolution wurde der Abriss der Universitätskirche, der ein tiefer Einschnitt in das städtische

Leben und die Historie der Stadt war, erneut zum Mittelpunkt zahlreicher Diskussionen und zu einem Kristallisationspunkt der Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte.

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 27. Juni 2008 (Lokales - Seite 17)
© Leipziger Volkszeitung

STADTGEFLÜSTER

War es nun Abseits oder nicht? Diese Frage wird momentan bei der Fußball-EM auf Millionen Sofas sowie in ebenso vielen Kneipen diskutiert. Das Ergebnis ist oft strittig, der Schiedsrichter hat sowieso keine Ahnung … Der Leipziger Stadtrat hingegen hat es da relativ einfach. Zwei Abgeordnete haben sich selbst ins Abseits mänovriert und werden daher oft attackiert. Prominentestes Beispiel ist Volker Külow, der Chef der Leipziger Linken. Weil viele Stadträte wegen seiner Stasi-Belastungen nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen, löste sich im vorigen Herbst sogar der Kulturausschuss auf – und arbeitet bis heute amtierend.
Immer mehr ins Rampenlicht rückt derweil Karl-Heinz Obser (DSU). Kürzlich lehnte der Stadtrat eine Resolution ab, bei der es um die Universitätskirche St. Pauli ging. Die war zwar ohnehin umstritten, weil der demokratisch gewählte Stadtrat sich nicht vom Sprengungsbeschluss der damaligen Stadtverordnetenversammlung vom 23. Mai 1968 distanzieren wollte. Es herrschte zwar Konsens, dass die Zerstörung ein „barbarischer Akt“ sowie ein „Verbrechen“ gewesen sei. Eine offizielle Distanzierung davon kam trotzdem nicht zustande. Denn die hätte den Eindruck erweckt, dass andere Beschlusse des Gremiums demokratisch gewesen wären. Problematisch war für viele außerdem, dass die Initiative von Obser ausging. SPD, Grüne, Linke werfen ihm „rechtstendenzielle Äußerungen“ sowie „geistige Brandstiftung“ vor.
„Sie segeln unter einer Flagge, unter der wir nicht segeln wollen“, wurde Grünen-Mann Roland Quester recht deutlich. So hätte der Gescholtene sich beispielsweise in einem Interview für die Republikaner über „kriminelle Ausländer“ geäußert, keinerlei Distanz zu diversen Äußerungen erkennen lassen. Sogar die CDU, deren Fraktion der DSU-Mann sich im Stadtrat angeschlossen hat, bekommt häufig von ihm ihr Fett weg. Deshalb hat Grünen-Fraktionschef Leuze seinen Kollegen Alexander Achminow (CDU) aufgefordert, Obser aus der Fraktion auszuschließen. CDU-Stadträte sehen aber keinen Handlungsbedarf, heißt es. „Bei uns ist Herr Obser noch nicht durch rechtsradikale Äußerungen aufgefallen“, betonte Fraktionsgeschäftsführer Ansbert Maciejewski.
Apropos Fußball. Das Halbfinale der Deutschen konnten viele Stadträte nach der Sondersitzung zur Job-Situation in Leipzig zu Hause gucken. Die Versammlung dauerte nicht bis zum Anpfiff. Die CDU lud trotzdem alle ein, sich das Spiel gemeinsam bei ihr in der Rathausstube anzugucken. Von den anderen Fraktionen schaute aber keiner vorbei. Das wiederum hat wohl eher was mit Politik als mit Abseits zu tun.

Mathias Orbeck

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Stadtrat Karl-Heinz Obser - DSU

PRESSEERKLÄRUNG

Eklat im Leipziger Stadtrat am 18. Juni: Ratsversammlung verweigerte mit großer Mehrheit Oberbürgermeister Burkhard Jung die Zustimmung für dessen Entschließung zum 40. Jahrestag der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli!
„Heldenstadt" Leipzig damit weiter auf Demontagekurs: Grüne, SPD, FDP und die Nachfolgepartei der SED sahen keinen Grund für ein angemessenes öffentliches Bedauern des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung am 23. Mai 1968, der den barbarischen Akt der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968 zur Folge hatte!
Nicht nur für die Leipziger DSU steht in diesem Zusammenhang fest, dass die Quelle des politischen Ungeistes von 1968 im Leipziger Neuen Rathaus auch im Jahre 2008 in merkwürdiger Weise weiter sprudelt!

Zum Abstimmungsergebnis des Verwaltungsstandpunktes zu einer Resolution des Bedauerns über die Sprengung der Uni-Kirche am 30. Mai 1968 durch den Leipziger Stadtrat, die mit einer Willensbekundung für städtische Unterstützung zu Erhalt und Suche nach verschollenen Kunstschätzen dieser Kirche verbunden war und in beiden Punkten von einer beschämend großen Mehrheit in der Ratsversammlung abgelehnt wurde, erklärt die Leipziger DSU durch ihren Stadtrat Nachfolgendes:

1. Die Verweigerung dieser Resolution durch eine politisch eigentümliche Konstellation in der Leipziger Ratsversammlung am 18. Mai diesen Jahres, die auf Grundlage eines Antrages der DSU im Stadtrat in der modifizierten Fassung des Verwaltungsstandpunktes auf der Tagesordnung zur Abstimmung stand, ist aus Sicht der DSU ein unerhörter Skandal für das Ansehen der Stadt Leipzig! Darüber hinaus stellt diese Stadtratsentscheidung eine beispiellose Brüskierung desjenigen Teils der Leipziger Bürgerschaft dar, der mit dem Schicksal der von den Kommunisten 1968 gesprengten Universitätskirche leidenschaftlich verbunden ist.

2. Damit wurde die einmalige Chance einer klaren Positionierung anlässlich der 40. Wiederkehr des Jahrestages der Sprengung auf der Grundlage der vom Oberbürgermeister bereits zur Ratsversammlung am 21. Mai vorgetragenen Resolutionsfassung politisch in engstirniger Weise im Leipziger Stadtrat vertan. Bisher wartete die Leipziger Öffentlichkeit nämlich durchaus vergebens auch auf ein wie immer geartetes politisches Signal von Seiten der Partei der Sprengmeister - der mehrfach gewendeten SED-Nachfolgepartei Die Linke! Stattdessen benutzte vor allem die Fraktion der Grünen die Debatte in sachlich völlig unzulässiger Weise zu beleidigenden politischen Ausfällen gegen die Person von DSU-Stadtrat Obser - von der politischen Kultur her wohl einmalig in der jüngeren Stadtratsgeschichte! Die Leipziger DSU verwahrt sich mit aller Entschiedenheit gegen derartige Angriffe und stellt zum Spektrum unterschiedlicher politischer Auffassungen - auch im Leipziger Stadtrat - fest, dass seit der friedlichen Revolution 1989/90 weder eine sozialistische noch eine grüne Demokratie bestehen, sondern eine bürgerliche - und dies mit allem Nachdruck!

Leipzig, 26. Juni 2008
Karl-Heinz Obser

eMail: khobser@primacom.net


Quelle: DER SONNTAG - 3. Februar 2008
© DER SONNTAG

Für Unikirche

Leipzig (epd) - Rund 250 Menschen haben am 28. Januar in der Nikolaikirche an einem Friedensgebet für die Universitätskirche St. Pauli teilgenommen. Dabei sprach sich der Theologieprofessor Christoph Michael Haufe erneut für einen originalgetreuen Wiederaufbau des 1968 gesprengten Bauwerks aus. »Nur die Wiedergewinnung der Paulinerkirche kann ihre Zerstörung ausgleichen und heilen«, sagte er in einer Ansprache. Er erneuerte damit die Forderung der Theologischen Fakultät, am Ort der alten Paulinerkirche eine neue Kirche in den Universitäts- campus am Augustusplatz zu integrieren. »Diese Kirche muss als solche erkennbar sein und genutzt werden« sagte Haufe.
Im Rahmen des Universitätsneubaus in der Leipziger Innenstadt ist derzeit ein »modernes Paulinum« geplant, das von außen an die zerstörte Paulinerkirche erinnern und im Inneren eine Aula mit angeschlossenem Andachtsteil erhalten soll.


Quelle: THOMASBRIEF 1/08 (Februar/März 2008)
© THOMASBRIEF

Liehe Leipziger Mitchristen,
wer die Pläne für den Neubau der Universität Leipzig am Augustusplatz betrachtet, kann nur zu einem Schluss kommen: an der Stelle der 1968 gesprengten Universitätskirche entsteht ein neues Kirchgebäude - Gott sei Dank! Das ist ein stolzes Ergebnis der jahrelangen Bemühungen um eine angemessene Antwort auf das Verbrechen der Zerstörung der Universitätskirche vor 40 Jahren. Am Augustusplatz wird also - unabhängig von der jetzigen Debatte - ein geistliches Zentrum der Universität gebaut, das ab 2009 hoffentlich so genutzt werden wird. wie die zerstörte Universitätskirche immer genutzt wurde: geistlich, musikalisch, akademisch. Und 2009 wird natürlich der gesamte Raum als Kirche geweiht werden - wie es 1545 durch Martin Luther geschah.
Bleibt die Frage: was veranlasst die derzeitige Universitätsleitung dazu. so krampfhaft und verbissen den Namen "Universitätskirche" für den Neubau abzulehnen und zwischen dem sog. Andachtsraum und der Aula eine Glaswand als beide Bereiche trennendes architektonisches Monstrum zu errichten? Befürchten da einige, dass sich Glaube und Vernunft begegnen und in einen kritischen Diskurs geraten könnten? Will man den Erfolg der Befürworter eines geistlichen Zentrums für die Universität nun konterkaneren. indem mit dem museal bestückten Andachtsraum eine Art theologisch-kirchliche "Spielwiese" gebaut wird, die aber mit dem Wissenschaftsbetrieb nichts zu tun haben soll?
Einmal abgesehen von dem architektonischen, klimatischen und akustischen Unsinn der Glaswand - einer Wissenschaft, die sich der religiösen Frage verschließt und sich nicht auf ihre gesellschaftliche Verantwortung befragen lässt, mangelt es an Wahrhaftigkeit. Und wie steht es um den Bildungsauftrag der Universität, wenn sie sich nicht auch um die ethischen Grundlagen und Werte kümmert, von denen unsere Gesellschaft getragen ist und die menschliches, auch das interreligiöse und interkulturelle, Zusammenleben erst ermöglicht? Es führt kein Weg daran vorbei: auch die Universität Leipzig benötigt das geistliche Zentrum Universitätskirche - 40 Jahre nach ihrer Sprengung notwendiger denn je.
Namens der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Kirchgemeinde grüße ich Sie herzlich

Christian Wolff, Pfarrer


Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum
Paulinerverein

Leipzig, den 6. Januar 2008

Pressemitteilung

Am 30. Mai 2008 jährt sich zum 40. Mal der Tag der Sprengung der Universitätskirche. Zur Vorbereitung dieses Gedenktages und zur Versachlichung der anhaltenden Debatte um einen Wiederaufbau veranstaltet der Paulinerverein am Donnerstag, dem 10. Januar 2008, um 20 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig, Grimmaische Straße 6 eine Podiumsdiskussion zum Thema

"Die Universitätskirche in Leipzig - Gotteshaus und Politikum.
Ort des Bekennens"

Kulturbarbarei, Unrecht und brutale Gewalt führten zur Zerstörung eines 700 Jahre alten Denkmals, das alle Kriege heil überstanden hatte. Allein daraus leitet sich ein Anspruch, ja eine moralische Pflicht zur Wiedergutmachung ab. Die Entscheidung gegen einen originalgetreuen Wiederaufbau war eine politische. Gebaut wird nun ein neues Haus an derselben Stelle, das eine " multifunktional nutzbare" Halle und einen kleinen Andachtsraum beherbergen soll. Die äußere und innere Gestalt soll lediglich an den Vorgängerbau "erinnern", in welcher Form auch immer.

Mit der Sprengung wurde ein Gotteshaus zerstört, das Heimstatt für die evangelische Universitätsgemeinde, den Universitätschor, die katholische Propsteigemeinde und die Studentengemeinden war. Die öffentlichen Proteste vor der Sprengung waren eine der größten politischen Demonstrationen in der DDR zwischen dem 17. Juni 1953 und dem 9. Oktober 1989. Das Bekenntnis für die Kirche, die kulturellen Werte dieser Stadt, die Geschichte der Universität und gegen politische Willkür haben viele mit z.T. hohen Gefängnisstrafen bezahlt.

Die Auseinandersetzung um eine Wiedergewinnung der Universitätskirche ist inzwischen wiederum zu einer Bekenntnisfrage geworden.
Warum wird die Kirche nicht wieder aufgebaut?
Warum muss der Neubau unbedingt mit neuen, fremden Funktionen überfrachtet werden, obwohl die Kirche in ihrer Geschichte auch schon als Aula diente und dafür auch wieder zur Verfügung stände?
Warum will die Universität partout keine Kirche, keine Kanzel und keinen Altar?
Welche politischen Überlegungen und Überzeugungen begründen diese Haltung?
Wird es in Leipzig wieder eine "Universitätskirche St. Pauli" geben, oder bleibt es bei dem offiziellen Arbeitstitel "Aula-/Kirchenbau" bzw. der historisch falschen Bezeichnung "Paulinum"?
Gibt es überhaupt noch die Chance einer Rettung?

Diese und ähnliche Fragen werden in einem Podiumsgespräch diskutieren:
der Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Prof. Dr. Rainer Eckert,
der Rektor der Universität, Magnifizenz Prof. Dr. Franz Häuser,
der Theologe Prof. Dr. Christoph Michael Haufe,
der Direktor des Museums in der Runden Ecke Tobias Hollitzer,
der Kabarettist und Autor Bernd-Lutz Lange,
der Dekan der Theologischen Fakultät Prof. Dr. Rüdiger Lux,
der Mediziner OMR Prof. Dr. med. Wolfgang Schmidt
der Vorsitzende des Paulinervereins Dr. Ulrich Stötzner und
der Pfarrer an der Thomaskirche Christian Wolff.
Die Moderation des Gesprächs übernimmt Alexander Mayer vom MDR.

Im Anschluss an die Veranstaltung besteht die Möglichkeit, mit den Teilnehmern des Podiums Interviews zu führen.

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Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum
Paulinerverein

Leipzig, den 22. Januar 2008

Pressemitteilung

In Vorbereitung des 40. Gedenktages der Sprengung der Leipziger Universitätskirche fand am 10. Januar eine weitere Podiumsdiskussion statt, diesmal zum Thema "Gotteshaus und Politikum. Ort des Bekennens". Auf dem Podium diskutierten Prof. Eckert, Magnifizenz Prof. Häuser, Prof. Dr. Christoph Michael Haufe, Tobias Hollitzer, Bernd-Lutz Lange, der Dekan Prof. Dr. Lux, OMR Prof. Wolfgang Schmidt und Pfarrer Christian Wolff. Kernfragen standen im Mittelpunkt: Warum wird die Kirche nicht wieder aufgebaut? Warum will die Universität keine Kirche, keine Kanzel, keinen Altar - und welche politischen Überlegungen und Überzeugungen begründen diese Haltung? Wird es in Leipzig wieder eine Universitätskirche St. Pauli geben? Und vor allem: Was ist angesichts der verhärteten Fronten noch zu retten?

Professor Häuser bekräftigte die Ablehnung des Wiederaufbaues durch Stadt und Universität. Seit den neunziger Jahren habe sich daran nichts geändert. Auf den ursprünglich hochgelobten Entwurf van Egeraats von 2004 und dessen inzwischen erfolgte Veränderung bis zur Unkenntlichkeit angesprochen, verwies Häuser auf eine vom Bauherrn angenommene Juryempfehlung von 2005, zusätzliche "Qualifizierungen im Sinn einer Aula" vorzunehmen. Dass der Wortlaut dieser Empfehlung (die so allgemein gehalten war, dass die Uni im Grunde machen konnte, was sie wollte) von ihm selbst stammte, erwähnte er nicht. Der nunmehr geplante Neubau ohne Paulineraltar, ohne Kanzel, dafür mit trennender Glaswand zwischen großer Aula und kleinem Andachtsraum sowie mit Säulenattrappen aus Glas und Leuchtstoffröhren werde "Paulinum" heißen, die Theologische Fakultät könne ihn nennen, wie sie wolle. Im übrigen lasse sich die Universität nicht von außen sagen, was ihr gut tue. Die Meinungsbildung habe in den Gremien stattgefunden, und er sei nicht befugt, auch nur einen Millimeter davon abzuweichen.

Professor Haufe machte deutlich, dass die Universität ein vitales Interesse an der Wiederherstellung ihrer Kirche habe. Dort liegen ihre Wurzeln. Die Wunde, die das politische Gemeinwesen empfangen habe, sei erst geheilt, wenn die Universitätskirche wieder erstehe. Grund und Boden seien schließlich einem Zweck gewidmet, der mit dem Verschwinden des Gebäudes nicht verschwunden sei. Prof. Lux, Dekan der Theologischen Fakultät, stellte fest, dass hinter der Sprengung Ideologie stand: es wurde nicht nur ein Gebäude, sondern auch eine christliche Gemeinde gesprengt. Der Neubau müsse symbolisch der Bedeutung des Ortes gerecht werden und dürfe sakrales und profanes nicht trennen. Die Theologische Fakultät würde es begrüßen, wenn auf die Glaswand verzichtet und die noch zu restaurierende Kanzel aufgestellt würde. Die Kanzelfrage blieb von Professor Häuser unbeantwortet. Stattdessen machte er sich Gedanken über die Wiederaufstellung des umstrittenen Marxreliefs und musste sich sagen lassen, das zeige, wo sein Herz schlage. Pfarrer Wolff sprach aus, was die meisten bewegte: Der gesamte Raum müsse Universitätskirche sein und auch so heißen.

Im folgenden wurde das Versagen der Universität in zwei Diktaturen festgestellt. Das sei Teil ihrer Geschichte. Momentan versage sie erneut politisch wie moralisch. Glaswand und Unkenntlichkeit des Kirchenraumes seien politische Entscheidungen. Der Kabarettist Bernd-Lutz Lange meinte zugespitzt, die Montagsdemos von 1989 seien die späte Rache der Leipziger für den Kirchenabriss von 1968: "Mit dem Herbst 89 haben wir uns erkämpft, dass es eine Unikirche wieder geben könnte." Und es könne nicht sein, dass sich die alten Funktionäre heute totlachen. Die wollten ja auch keine Kirche.

Abschließend stellte Dr. Stötzner, fest, dass die Bedeutung der Universitätskirche weit über die Stadt hinausgehe. Man habe versucht, durch Sachargumente zu überzeugen. Ungeachtet dessen werde die Forderung der Universität nach Veränderung des Raumes durchgezogen. "Dieses Haus stand über Jahrhunderte für christliche Werte, Reformation, Aufklärung , Humanismus, Toleranz und Widerstand gegen Diktatur. Die jetzt vorgesehene multifunktionale Nutzung lässt eine Beliebigkeit befürchten, die der Bedeutung und der Würde des Ortes nicht mehr gerecht werden kann. Sollte dieser Unsinn tatsächlich noch gebaut werden - was kaum vorstellbar ist - würde Ideologie über Ästhetik, Zeitgeist und unbewältigte jüngere Vergangenheit über Geschichte und Zukunft siegen."

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Quelle: DER SONNTAG - 20. Januar 2008
© DER SONNTAG

»Es muss eine Kirche sein«

Leipziger Paulinerverein sieht sich beim Neubau des Universitätsgebäudes getäuscht

»Eine Glaswand hat in diesem Raum nichts zu suchen.«

Wie soll sie heißen und wird es überhaupt eine Kirche? Diese Frage hatte über 300 Leipziger am 10. Januar ins Zeitgeschichtliche Forum getrieben zur Podiumsdiskussion über »Die Universitätskirche in Leipzig - Gotteshaus und Politikum«.

Am 30. Mai jährt sich die Sprengung der gut erhaltenen Kirche zum 40. Mal. Das ist Anlass für eine Reihe von Diskussionsveranstaltungen des Paulinerverelns. Dieser setzt sich für die Wiedererrichtung der Universitätskirche ein - ein Vorhaben, das in Stadt und Universität nicht uneingeschränkte Unterstützung findet.

Ging es bei der Veranstaltung im November um die Präsentation geretteter Kunstwerke, drehte sich die Diskussion dieses Mal um Namen und Funktion. Es war ein sehr kontroverses Gespräch auf dem Podium. Vertreter des Paulinerverelns und der Theologischen Fakultät, die für eine uneingeschränkte Kirche in der Universität plädieren, saßen Universitätsrektor Franz Häuser als dem Hausherren des zu errichtenden Gebäudes gegenüber. »Wir haben uns täuschen lassen«, sagte Ulrich Stötzner vom Pmillnerverein. Gegenüber dem ursprünglichen Entwurf des Architekten Erick van Egeraat, der das Innere der Paulinerkirche im wesentlichen widerspiegelte, seien die Baubeschlüsse mit gravierenden Veränderungen gefasst worden.

Dem hielt Rektor Häuser entgegen, dass nach der Ausschreibung der Egeraatsche Entwurf nachgebessert und den Anforderungen der Universität angepasst werden musste. Außerdem könnten Nutzung und Gestaltung des Gebäudes nur im Konsens mit allen Fakultäten umgesetzt werden.

Das jetzt im Bau befindliche Gebäude ist äußerlich der gesprengte Paulinerkirche nachempfunden. Jedoch soll es als Aula und Andachtsraum zugleich dienen, getrennt durch eine Glaswand. Im Juni ist das Richtfest geplant.

»Es muss eine Kirche sein, der Name muss klar sein und eine Glaswand hat in diesem Raum nichts zu suchen«, so die Forderung von Thomaskirchenpfarrcr Christian Wolf.

Universitätsrektor Franz Häuser betonte, dass diese Variante in den Gremien der Universität »nicht vermittelbar« sei. Dass die Zerstörung der Paulinerkirche eine barbarische Untat war, stehe außer frage. »Dennoch spricht die Beschlusslage innerhalb der Universität sowohl gegen einen Wiederaufbau der alten als auch gegen die Errichtung einer neuen Kirche«, so Häuser.

Die Universität nennt den Bau »Paulinum«, ein Name, den ein früheres Gebäude auf der Universitätsstraße einst hatte. »Paulinerkirche« könne er nicht mehr heißen, weil er auch die Fakultät der Wirtschaftswissenschaften in den oberen Stockwerken beherberge, so der Rektor.

Keinen Zweifel ließ Rüdiger Lux, Dekan der Theologischen Fakultät, daran, dass »der Gesamtraum als Kirche geweiht wird«. Wie das Gebäude heißen werde, sei Sache der Leipziger, wenn sie es als Universitätskirche nutzen wollten. Doch könne es kein Bau sein, in dem sakraler und profaner Bereich getrennt würden. »Ein Ort, wo Religion gelebt wird und Diskussionen zwischen Wissenschaften und Religion geführt werden, würde einer Universität des 21. Jahrhunderts gut anstehen«, so der Theologe.

Der Kabarettist Bernd Lutz Lange hatte zu Beginn seine Erinnerungen an den Tag der Zerstörung vorgelesen. Er richtete schließlich die Bitte an den Rektor, dem Senat klar zu machen, was die Kirche den Bürgern der Stadt bedeute. Dass die politische Wende 1989 ihren entscheidenenden Ausgang in Leipzig genommen habe, sei schließlich »eine späte Rache für die Sprengung der Unikirche«.

Zur Erinnerung an die Sprengung werden am 30. Mai in Leipzig um 10 Uhr alle Glocken läuten. In der Nikolaikirche wird es einen Universitätsgottesdienst mit Landesbischof Jochen Bohl geben.

Christine Reuther

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Quelle: JUNGE FREIHEIT Nr. 4/08 - 18. Januar 2008, KULTUR, SEITE 11
© JUNGE FREIHEIT

Zeit der Heimsuchung

Die Barbarei geht weiter: Leipzigs spirituelle Mitte soll als Aula wiedererstehen

Die Wellen der Erregung schlagen hoch an diesem Abend des 10. Januar 2008 in Leipzig. Der Paulinerverein hofft, eine Kulturbarbarei der SED wenigstens noch teilweise korrigieren zu können, und hat zu einer Podiumsdiskussion darüber geladen. Der Saal des Zeitgeschichtlichen Forums ist übervoll.

Fast 40 Jahre ist es her, daß die SED die spätgotische Paulinerkirche (auch Universitätskirche genannt), die den Bombenkrieg unbeschadet überstanden hatte, sprengen ließ. Der Verein hat sich damit abgefunden, daß es keinen originalgetreuen Wiederaufbau geben wird. Die Pläne für die Neubebauung des Universitätskomplexes sehen äußerlich nur ein architektonisches Zitat vor. Aber bis vor kurzem durfte man glauben, daß wenigstens der neue Innenraum so aussehen würde wie der alte.

Nun hat die Universitätsleitung die Pläne verändert. Die Säulen sollen ganz oder teilweise entfallen, eine Glaswand soll den Profan- vom kleineren Sakralbereich trennen. Das Argument lautet, eine Aula, kein Kirchenraum werde benötigt. Dabei hatte schon die historische Kirche als Aula gedient. Die Wahrheit lautet: Die Barbarei von 1968 kam nicht nur aus dem Geist der SED. Man hätte es wissen können. "Die Auslöscher sind am Werk, die Umbringer!" So steht es im letzten Roman von Thomas Bernhard, "Auslöschung. Ein Zerfall", der im Jahr der glorreichen Revolution auch in der DDR erschien, die in Leipzig ihren Ausgang nahm.

Wer hat wegen der Paulinerkirche nicht schon alles geschrieben, geredet, protestiert: der Schriftsteller Erich Loest, der Maler Bernhard Heisig, der Gewandhauskapellmeister a. D. Herbert Blomstedt. Der Nobelpreisträger für Medizin, Günter Blobel, appellierte: "Die Paulinerkirche ist ein Schrein. Luther, Bach, Leibniz, Goethe, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Wagner, Heisenberg und viele andere haben in dieser Kirche gewirkt oder sie gekannt." 26 Nobelpreisträger aus dem In- und Ausland haben seinen Aufruf unterzeichnet. Und Blobels Aufzählung ließe sich fortsetzen. Der Ablaßverkäufer Johannes Tetzel, der Luther zu seinem Thesenanschlag reizte, hat in der Kirche die letzte Ruhe gefunden. Nachfahren Luthers, auch der erste Rektor der Leipziger Universität wurden hier vor fast genau 600 Jahren beigesetzt. Doch sie alle zählen so wenig wie die Tatsache, daß außer Martin Luther auch Pfarrer Martin Niemöller auf der Kirchenkanzel stand, der tapfere, gottesfürchtige Hitler-Gegner und spätere Streiter wider die deutsche Teilung. Gepredigt hat hier Studentenpfarrer Siegfried Schmutzler, der von der SED-Justiz zu fünf Jahren Zuchthaus wegen "Boykotthetze" verurteilt wurde. An diesem Ort tobte sich zum Schluß die Willkür der Macht aus - und hatte sich Widerstand gegen sie formiert. Hier ist die Keimzelle der Leipziger Universität und - neben der Thomaskirche, in der die Gebeine Bachs ruhen - die spirituelle Mitte Leipzigs.
Der Trompeter Ludwig Güttier, der die Wiedererrichtung der Dresdener Frauenkirche vorangetrieben hatte, äußerte sich fassungslos über die "Übereinstimmung zwischen der ehemaligen SED, die sich an der Paulinerkirche störte, und denen, die heute sagen, sie paßt hier nicht mehr hin. Ich verstehe nicht, daß sich eine so offene Stadt wie Leipzig ihrer Universitätskirche berauben läßt."

Doch die Auslöscher haben das Wort, die Umbringer. Nicht, daß der Rektor der Universität, Franz Häuser, der böse Doktrinär und Kulturbarbar wäre, zu dem ihn zornige Kirchenanhänger an diesem Abend erklären. Und daß man ihn einen "Wessi" schimpft, ist der Gipfel der Peinlichkeit. Auch Pfarrer Christian Wolff von der Thomaskirche, Häusers schärfster Widerpart an diesem Abend, wird von der Gegenfraktion ein "Wessi" genannt, doch er antwortet freundlich: "Seit 16 Jahren lebe ich in dieser Stadt, und ich versuche, zu ihrem Besten zu wirken." Man glaubt es ihm, und vermutlich bezieht Häuser diese Worte auch auf sich.

Natürlich kann er an diesem Abend keine private Position beziehen, er vertritt eine Institution und muß deren Beschlüsse in sachlicher Weise darlegen. Als Privatmann, sagt der Juraprofessor, würde er sich - und zwar mit dem Instrumentarium Carl Schmitts - zu wehren wissen. Man möchte beinahe Sympathie für ihn empfinden, weil er sich freiwillig und zu schlechten Bedingungen in diese Veranstaltung begeben hat, in der er hoffnungslos in der Minderheit ist. Die Leipziger Volkszeitung wird ihn zwei Tage später als Opfer eines "Tribunals" beschreiben, "das von einem aus den Fugen geratenen Publikum" veranstaltet worden sei.

Doch das trifft es auch wieder nicht. Franz Häuser personifiziert an diesem Abend bloß das Elend, den Opportunismus, die Mittelmäßigkeit der geisteswissenschaftlichen Universitätsszene in Deutschland. Wie konnte dieser Spezialist für Bank- und Kapitalmarktrecht, es wagen, Carl Schmitt in den Mund zu nehmen, in dessen selbst sprödesten Texten noch gewaltige geistes- und kulturgeschichtliche Horizonte aufgerollt werden? Wo der Paulinerverein sich auf Kultur, Geschichte, den Genius loci beruft, da führt Häuser die "Beschlußlage", den "gottesdienstlich zu nutzenden Teil" der Kirche oder die "technischen Abläufe" im Mund.
Das aber unterscheidet nach Max Weber den verantwortungsbewußten, geistigen Menschen vom Bürokraten-Funktionär: "Bringt er es aber nicht fertig, seinem Herrn (es sei der Monarch oder Demos) zu sagen: entweder erhalte ich jetzt diese Instruktion oder ich gehe, so ist er ein elender 'Kleber' (...) und kein Führer." Von geistiger Führung durch die Universität, personifiziert durch ihren Rektor, ist an diesem Abend keine Spur. Wie lächerlich wirkt da die Rede über deutsche "Eliteuniversitäten"!
Häuser beruft sich auf den Demos. Im Lehrkörper gebe es keine Mehrheit für den Kirchenbau, in der Studentschaft ebenfalls nicht. Ja, die Studentenschaft. Sofern sie nicht passiv und desinteressiert ist, wird sie vom Studierendenrat (StuRa) vertreten, der schon mal äußerte, statt einer Kirche solle man doch lieber eine Moschee errichten.
Also sprach Martin Luther am 12. August 1545 in der Paulinerkirche: "Liebe Freunde, ihr habt am vergangenen Sonntag gehört, wie Christus über die Stadt Jerusalem geweint und ihre entsetzliche Zerstörung verkündet hat, weil sie die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannte. Und wie er danach in den Tempel gegangen ist und anfing, die Käufer und Verkäufer daraus zu vertreiben und sagte: 'Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt es zu einer Mördergrube gemacht."'
Demnächst noch mehr aus diesem Theater.

THORSTEN HINZ

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Quelle: Sächsische Zeitung - 12. Januar 2008
© Sächsische Zeitung

Neuer Streit um die Paulinerkirche

Der Paulinerverein ist empört, dass in der neuen Universitätskirche ein Andachtsraum durch Glas abgetrennt werden soll.

Manfred Schulze

Längst ist die Bodenplatte am Leipziger Augustusplatz gegossen, der neue Universitäts-Campus wächst sichtbar aus der Tiefe - und damit auch jenes Gebäude, das an die vor fast 40 Jahren gesprengte Universitätskirche erinnern soll.

Der Streit um einen Wiederaufbau oder eine moderne Wiederaufnahme der früheren Kirche, in der schon Luther predigte und die den Krieg als nahezu einziges Gebäude am Platz unversehrt überstanden hatte, schien längst ausgestanden. Nachdem sich Universitätsleitung, Stadtverwaltung und auch der Freistaat als Bauherr für einen Entwurf des Holländers Erick van Egeraat entschieden hatten, waren die Weichen gestellt. Doch seit etwa zwei Jahren versucht der Paulinerverein, wenigstens im Inneren weitgehend das Original wieder herzustellen.

Die Pauliner sehen im Zweck des neuen Bauwerkes vorrangig eine Kirche, die dreischiffig errichtet und mit Altar, Kanzel und sämtlichen Epithaphien, den alten Grabplatten, ausgestattet werden müsse. Dass dafür nur ein kleiner, durch eine Glaswand abgetrennter Andachtsraum dienen soll, erregt ihren Unmut ebenso wie der vom Architekt auf Wunsch des Bauherren geplante Verzicht auf durchgehende Säulenreihen.

Für Unirektor Franz Häuser ist das aber eine ebenso pragmatische wie spannende Architektur „Wir brauchen in der Aula für Festveranstaltungen mehr als 700 Plätze, das wäre mit den Säulen nicht möglich gewesen". Und so hängen im jetzigen Entwurf transparente Baukörper von der Decke bis wenige Meter über den Boden, die an die alten tragenden Säulen erinnern.

Dass die Frage „Kirche mit Aula oder Aula mit Kirche?" längst entschieden ist, lässt die Pauliner dennoch nicht ruhen. Sie suchen statt dessen die Öffentlichkeit, wie am Donnerstagabend. Zu einer Podiumsdiskussion strömten vor allem die Befürworter einer Kirchennutzung; darunter Thomaspfarrer Christian Wolf und auch der Kabarettist Bernd-Lutz Lange. Über das Gotteshaus als Ort des Bekennens wollte der Verein dabei sprechen.

„Nähe zu braunen Zeiten"

Rektor Franz Häuser musste dabei jedoch erleben, „dass an diesem Abend Maximalforderungen militant vorgetragen wurden und die Universiät in die geistige Nähe zu braunen und roten Zeiten gerückt wurde", erboste er sich. Vor allem Pfarrer Wolf sei mit Aggressivität und einem Ultimatum aus der Rolle gefallen, bis Mai 2008 dafür zu sorgen, dass die Kirche im Inneren weitgehend originalgetreu errichtet werde. »Da wehte nicht gerade der Geist Gottes und der Nächstenliebe", so Häuser. Der Baufortschriit werde zwischen Freistaat, Uni und Stadt besprochen. „Wir werden das jetzt nicht stoppen, nur weil ein paar Leute etwas dagegen haben." Der Altar der Universitätskirche, für den im Neubau kein Platz vorgesehen ist, steht sinnigerweise als Leihgabe der Universität in der Thomaskirche. „Ich glaube kaum, dass Herr Wolf den herausrücken möchte", sagt Franz Häuser.

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 12. Januar 2008 (Lokales - Seite 21)
© Leipziger Volkszeitung

Der Rektor auf der Anklagebank

Beim Forum des Paulinervereins wird heiß debattiert, doch auch der Anstand vergessen

Rainer Eckert, Hausherr im Zeitgeschichtlichen Forum, kennt ruhigere Abende. Der Paulinerverein hat unter dem Thema „Die Universitätskirche in Leipzig – Gotteshaus und Politikum. Ort des Bekennens“ in das Geschichtshaus geladen. Geladen ist von Beginn an die Stimmung – und das Podium ist polarisiert. Auf der einen Seite Mitglieder und Sympathisanten der Bürgerinitiative, die sich noch immer nicht mit dem Bau, der bis 2009 mit dem neuen Universitätscampus am Augustusplatz entsteht und nach jetziger Diktion „Paulinum“ heißen soll, anfreunden wollen. Auf der anderen Seite und als durchaus mutiger Einzelkämpfer Universitätsrektor Franz Häuser.

Ihm die Leviten zu lesen, ist die Pauliner-Familie zahlreich erschienen. Zunächst liest Bernd-Lutz Lange eine Episode aus seinem Buch „Mauer, Jeans und Prager Frühling“, sodann werden Ausschnitte aus einem Film gezeigt, den die Universität rekonstruierte und dem Veranstalter zur Verfügung stellte. Der stumme Streifen zeigt Szenen aus dem Leben der Universität vor der Sprengung der Paulinerkirche am 30. Mai 1968 und auch noch die Schandtat selbst. Es ist das einzige Mal, dass im prall gefüllten Auditorium Stille herrscht. Was sich in Folge unter Regie des mit dem Thema überforderten Moderators Alexander Mayer (MDR) abspielt, ist, vorweg gesagt, kein Ruhmesblatt demokratisch gesinnter Gesprächskultur.

Auf der Anklagebank sitzt der Rektor der Universität. Er hört Ulrich Stötzner, den Vorsitzenden des Paulinervereins: „Wir sind getäuscht worden, die baulichen Veränderungen im Innern sind nicht hinnehmbar.“ Als Ankläger tritt Pfarrer Christian Wolff auf, sonst mit Wortbeiträgen in der Thomaskirche befasst. Irritiert von dessen schon einpeitschender Art vernimmt Häuser Forderungen. Es gibt laut Wolff gegenüber der Verantwortung zur Geschichte gar keine andere Wahl, als den Neubau am Augustusplatz Universitätskirche zu nennen. Auch die den Kirche-Aula-Raum teilende Glaswand muss weg. Natürlich viel Beifall im Saal.
Häuser verteidigt die Universität. Nur für sie sitze er hier. Ein Drittel der Aula wird ein gottesdienstlich zu nutzender Raum, in dem es nach jetziger Sachlage 250 Plätze geben wird und in dem die vor der Sprengung geretteten Epitaphien angebracht werden. Wenn notwendig, kann die umstrittene Glaswand, die auch aus konservatorischen Gründen sein muss, zurückgeschoben werden, so dass ein einheitlicher Kirchenraum entsteht. Eine große Orgel wird eingebaut, und für den Andachtsraum ist zudem eine Schwalbennestorgel vorgesehen. Häuser: „Es ist doch eine Wahrnehmungsstörung, zu behaupten, es würde keine Kirche entstehen.“ Wolff fordert trotzdem Gespräche mit Dekanen und mit den Studenten, will sie sogar einbestellen.

Ultimaten werden gestellt. Bis zum 30. Mai, dem Gedenktag an die Sprengung, müsse entschieden sein über Namen und Glaswand, notfalls eben mit noch einem Bürgerentscheid. Der Rektor soll sich dafür in seinen Gremien stark machen. Häuser: „Nichts wird verändert. Schon gar nicht, wenn der Universität etwas vorgeschrieben werden soll. Da ist so eine Institution viel zu unabhängig.“ In einer weitgehend säkularisierten Alma mater sei das, was gebaut wird, nur nach komplizierten Debatten durchzusetzen gewesen. Über der Aula werde in zwei Etagen die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät ihren Sitz haben. Also verbinde der Name Paulinum die unterschiedlichsten Interessen an der Uni.

Aus dem Publikum hört der Rektor Rücktrittsforderungen, und Thomaskantor Georg Christoph Biller bezichtigt ihn der Lüge. Zwischendurch wird es Hausherr Eckert zu viel. Er mahnt zum fairen Umgang. Sein Ruf bleibt ungehört. Nein, Häuser kommt nicht so leicht davon: „Was passiert mit dem Altar der Uni-Kirche, der in der Thomaskirche steht?“ – „Warum wird das Marx-Relief nicht eingeschmolzen?“ – Und: „Die alte Kanzel muss rein!“

Die Szene ist ein Tribunal mit einem makabren Abschluss. Nicht nur, dass von einem aus den Fugen geratenen Publikum die Glaswand in der Aula mit der Mauer, mit der fast 40 Jahre Deutschland geteilt war, verglichen wird. Als Krönung ertönt der Aufruf zu neuerlichen Montagsdemos. Und das ausgerechnet von einem ehemaligen IM. Das Thema der Debatte wird übrigens gründlich verfehlt. Schade. Man denke nur an die geistlich-geistigen Debatten, die es in der Paulinerkirche gab. Der Moderator ist zum Finale nur noch eins – hilflos: „Es ist ja gar nichts dabei heraus gekommen.“

Thomas Mayer

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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 19. Januar 2008 (Lokales - Seite 18)

„Geistige Unabhängigkeit verteidigen“

Zum Beitrag „Der Rektor auf der Anklagebank“ vom 12. Januar:

Nach dem Lesen des Beitrages in der Leipziger Volkszeitung möchte ich ausdrücklich die Position des Rektors Häuser unterstützen. Hoffentlich lässt er sich nicht beirren, die geistige Unabhängigkeit der Uni Leipzig gegen Versuche geistlicher Bevormundung weiterhin zu verteidigen. Ich dachte bisher, die Gegenreformation sei Geschichte; bei Auftritten des Paulinervereins kommen mir allerdings zunehmend Zweifel.

Joachim Tesch, 04155 Leipzig

Die knallroten Hausherren der Uni Leipzig haben sich gegen den Wiederaufbau der Paulinerkirche, aber sehr wohl für den Aufbau des hässlichen Reliefs entschieden. Bitte aber konsequenterweise auch dann den alten Namen „ Karl-Marx-Universität“ beibehalten.

Gerd Konrad, 04107 Leipzig

Der Paulinerverein – gibt es ihn tatsächlich immer noch? – erinnert an einen Ochsenfrosch, der sich noch verzweifelt aufzublasen versucht, weil er einfach nicht wahrhaben will, dass er längst geplatzt ist. Mein Respekt (und Mitgefühl) gilt Professor Häuser dafür, dass er als Einzelkämpfer auf dem Podium die Interessen der Universität gegen ein aufgeputschtes Auditorium so konsequent vertreten hat.

Heiner Bennemann, 04317 Leipzig

Der Versuch der Legitimation des Einbaus einer Glastrennwand, um abzutrennen, was nicht getrennt werden kann und darf, war mehr als fragwürdig. Die Paulinerkirche war immer eine bauliche Einheit mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten. Der Versuch, durch die Bezeichnung Paulinum die über fünf Jahrhunderte prägende Paulinerkirche endgültig auszulöschen, grenzt an Geschichtslosigkeit.
Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass mit Blick auf den 40. Jahrestag der barbarischen Kirchensprengung am 30. Mai die beteiligten Personen der Universität Leipzig endlich ihrer Verantwortung, die sich aus der Sprengung 1968 und dem Herbst 1989 ergibt, umfänglich, nachhaltig und für die Stadtgeschichte befriedend gerecht werden, und ihre Positionen, die einer „zweiten geistigen Sprengung“ sehr nahe sind, verlassen!

Roman Schulz, 04249 Leipzig

Rainer Eckert hatte als Hausherr die Wogen rasch geglättet, der Moderator war so schlecht nun auch nicht. Ich danke herzlichst Pfarrer Wolff, solche Menschen wünschte ich mir hier gerne mehr. Demokratisch war die Diskussion letztendlich doch, sonst wäre der zeitweise sehr aufbrausende Rektor eher gegangen. Wo war das zuständige und geladene sächsische Ministerium mit zumindest einem Stellvertreter?

Henry Zimmer, 04683 Albrechtshain

Der Rektor der Universität sagt einerseits „Es ist doch eine Wahrnehmungsstörung zu behaupten, es würde keine Kirche entstehen“ – doch stellt er kategorisch fest, dass das von Architekt Egeraat entworfene Bauwerk Paulinum heißen wird. Einzige Begründung an diesem Abend für diesen geschichts- und erinnerungslosen Namen: Es ist den in den Geschossen über der Kirche untergebrachten Instituten eine Hausanschrift Universitätskirche unzumutbar.
Der Rektor der Universität stellt in entlarvender Eindeutigkeit heraus, dass von den Gremien der Universität bis zur Fertigstellung des Baus keinerlei Bewegung mehr in der Frage zu erwarten ist, ob die Einheitlichkeit des entstehenden Rau- mes als geistig-geistliches Zentrum der Universität hergestellt werden wird. Die einen unnötig hohen, sechsstelligen Eurobetrag teure Glaswand werde – allen architektonischen, akustischen und nicht zuletzt geschichtlichen Argumenten zum Trotz – gebaut.

Jost Brüggenwirth, 04683 Belgershain

Ich bedanke mich ausdrücklich bei Professor Häuser für seine Standhaftigkeit bei dem Forum zum Paulinum. Das, was von Seiten der Universität in der vergangenen Zeit an Konstruktivität und hoher Kompromissbereitschaft gezeigt wurde, steht dem durch Demagogie und fehlende Konsensbereitschaft geprägten Verhalten des Paulinervereins diametral entgegen. Das Verhalten des Paulinervereins nähert sich gewaltig einem Despotismus. In unserer heutigen Zeit hat er einfach nichts verloren. Es handelt sich bei dem jetzt entstehenden Bauwerk Paulinum an erster Stelle um eines, an dem die Universität repäsentiert wird und repräsentieren kann. Die Universität, und damit auch dieses neue Bauwerk, muss auf einem soliden geistigen Fundament, muss für Innovation, Zukunftszugewandtheit und Offenheit stehen. Und zwar auf einem geistigen Fundament, das den bewussten Umgang mit den gesamten 600 Jahren Universität sichert.
Bewusster Umgang mit Historie ohne Verklärungen als geistiges Fundament für das jetzige und sich immer weiter entwickelnde gesellschaftliche Leben sind meine Intentionen und Ziele zu diesem Thema.

Gerhard Rohr, 04209 Leipzig

Was die Pauliner und ihre Vertreter sich auf diesem Forum erlauben, ist unverschämt. Die Meinungen vieler Bürger der Stadt in jahrelanger Diskussion werden einfach ignoriert. Der letzte Entwurf von Erik von Egeraat mit dem Kompromiss zur Paulinerkirche wurde akzeptiert. Die ständig geforderten Veränderungen durch den Paulinerverein haben bereits zu Bauverschiebungen geführt. Was Leipzig dringend braucht, ist eine moderne Universität, die den heutigen wissenschaftlichen Anforderungen gerecht wird. Eigentlich brauchte Leipzig keine neue Kirche, wir haben bereits 38. Bei Pfarrer Wolff scheint noch keine Klarheit vorhanden zu sein. Befremdend wirkte auf mich die diktatorischen Anforderung, die er an den Universitätsrektor Franz Häuser stellte. Den Pfarrer hatte ich aus vergangenen Jahren als sachlichen, für die Rechte der Bürger kämpfende Persönlichkeit in Erinnerung. Das ist scheinbar Vergangenheit. Joachim Glasow, 04157 Leipzig Wo 700 Jahre lang die Universitätskirche St. Pauli stand, bevor sie von Ulbricht gesprengt wurde, soll wieder eine Universitätskirche St. Pauli stehen: als Bachstätte und Besuchermagnet, als musikalisches, geistiges und geistliches Zentrum einer traditionsreichen Universität, nutzbar auch für die verschiedensten akademischen Veranstaltungen, wie das jahrhundertelang der Fall war. Da sich Uni und Stadt schon 1999 vehement gegen einen Wiederaufbau wehrten, akzeptierten die Freunde der Universitätskirche schließlich den Egeraat-Entwurf als Kompromiss. Auf Betreiben der Universität wurde dieser Entwurf jedoch verwässert, bis eine gesichtslose Mehrzweckhalle übrig blieb. „Qualifizierung des Kirchenraumes im Sinne einer Aula“ nennt Rektor Professor Häuser diese Täuschung der Öffentlichkeit. Und daran hält er im Forum eisern fest: „Nichts wird verändert!“ Er beruft sich auf Senatsbeschlüsse, von ihm selbst formuliert, und beschimpft Pfarrer Wolff, der das nicht für hinnehmbar hält, als „schlaumeierisch“. Den Leipzigern, die im nunmehr geplanten Profanbau mit Andachtseckchen keinen Ersatz für die zerstörte Kirche sehen, bescheinigt er „Wahrnehmungsstörungen“.

Gerd Mucke, 04103 Leipzig

In der Auseinandersetzung zwischen Universität und Paulinerverein muss mehr Sensibilität und ein fairer Umgang miteinander gefordert werden. Der Paulinerverein ist daran zu erinnern, dass die Baugeschichte der Paulinerkirche in den vergangenen Jahrhunderten durch kontinuierliche Um-, Ein- und Ausbauphasen geprägt war. Zum Beispiel wurden die gotischen Fresken des Dominikanerklostern bereits beim Abbruch 1893 ausgebaut. Im Zusammenhang mit der Diskussion der Innenraumgestaltung des Aulaneubaus stellt sich die Frage, inwieweit deren bauhistorische Komplexität auch nur annähernd darstellbar ist und mit welchem Recht ein bestimmter, oft nur kurze Zeit währender Zustand wiederhergestellt werden soll?
Anknüpfend an die im Zeitgeschichtlichen Museum geführte Diskussion, muss darauf hingewiesen werden, dass der Aula-Neubau am Augustusplatz in erster Linie für die originären Aufgaben der Universität, die Lehre und Forschung, genutzt werden soll. Dazu gibt es rechtsgültige Beschlüsse. Deshalb sind Vorstellungen einer Aula, in der vorrangig Gottesdienste stattfinden sollen, im Interesse der mit über 30 000 Leipziger Studierenden wichtigsten Nutzergruppe, nicht tragbar. Es ist völlig unverständlich, dass bei den kontroversen Gesprächen, die Anforderungen der Studierenden an eine zweckbestimmte Ausbildung, kaum eine Rolle gespielt hat. Pfarrer Wolff spricht von der Verantwortung für die Geschichte. Wie wäre es, wenn er die Interessen der Studentenschaft und der Leipziger Bürger vertreten würde?

Helga Schmidt, 04275 Leipzig

Es war ja an dem Abend mitnichten so, als wäre dort unisono die Maximalposition des Paulinervereins (Wiederaufbau der Universitätskirche) vertreten worden. Völlig daneben ist es, wenn der „Täter“, der ja alles tut um zu verhindern, dass es auf dem Campus wieder zu einer Universitätskirche kommt, die als geistlicher und akademischer Raum genutzt wird, als bemitleidenswertes Opfer dargestellt wird. Der Rektor saß nicht auf der Anklägerbank, sondern noch sitzt er an den Schalthebeln – und deswegen kann er nicht erwarten, mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Es geht nicht mehr um Wiederaufbau, auch nicht um die Anzahl oder die Gestaltung der Säulen oder architektonische Einzelfragen. Es geht vor allem um das geistliche Zentrum der Universität, genannt Universitätskirche, und es geht um die Integrität des gesamtes Raumes (deswegen keine Glaswand).

Christian Wolff, Pfarrer, 04109 Leipzig

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Meinungen aus einem Internet-Diskussionsforum

Quelle: http://paulinerkirche.phpbbx.de/veranstaltung-10-1-2008-20-00-uhr-t200.html

Verfasst von webflash am: 10.01.2008 23:03

Bei der heutigen stark überfüllten Veranstaltung geriet Rektor Häuser immer mehr in die Defensive, reagierte mit haßverzerrtem Gesicht, als Pfr. Wolff ihm mangelnde Kenntnis über die Unikirche vorwarf. Wolff trat als schärfster Gegner eines getrennten Aula-/Andachtsraums auf und forderte unter frenetischem Beifall den Fall der Glasmauer und die Bezeichnung des neuen Gebäudes als Universitätskirche. Den Paulineraltar gäbe er als Leihnehmer selbstverständlich vor Ablauf des Leihvertrags zurück, wenn dies gewünscht würde. Dies nutzte Prof. Häuser, um den jetzigen Standort zu loben. Unter zahlreichen Zwischenrufen verteidgte er die Wiederaufstellung des Marxreliefs.
B.-L. Lange las aus einem seiner Bücher über das Sprengerlebnis und erhielt viel Beifall für seine Kritik an der Uni.
Theologe Prof. Christoph Michael Haufe wies auf die Bedeutung der Religion im 21. Jahrhundert hin und übte ebenfalls scharfe Kritik an der Uni.
Der amt. Dekan der Theol. Fakultät Prof. Lux kleidete seine in der Sache ebenfalls vehemente Kritik an den Unigremien in diplomatische Worte.
Prof. Häuser macht eiskalt deutlich, daß an den jetzigen Planungen kaum noch etwas zu ändern sei. Das seiner Meinung nach aggressive Auftreten der Wiederaufbaubefürworter verhärte die Fronten nur.
Seitens des Publikums wurde ihm Arroganz und Machtgier vorgeworfen. Es wurde kritisiert, daß kein Vertreter der Studentenschaft erschienen sei.
Häuser wies m. E. zurecht darauf hin, daß nicht von einer Bevölkerungsmehrheit für einen Wiederaufbau der Kirche gesprochen werden dürfte. und auch die jetzigen Diskussionen über die Benennung ("Paulinum") des neuen Gebäudes und seine Gestaltung nicht aus der Mitte der Stadt kämen.
Ich persönlich vermißte einen Vertreter der Stadt; war keiner eingeladen? Wozu ein Mediziner im Podium?
Ein offenbar weithin bekannter Hr. Drefahl (o.ä.) rief zu einer Demonstration am 30.05.2008 auf.


Quelle: BILD Leipzig vom 4. Januar 2008

Warum findet St. Pauli keinen Frieden?

Schon wieder Streit um Leipzigs schönsten Neubau!
Diesmal geht es um eine Wand und 350 000 Euro

Von JACKIE RICHARD

Leipzig - So schön, so umstritten: Der neue Pauliner-Palast am Augustusplatz!

Vier Monate, bevor sich die Sprengung der Paulinerkirche zum 40. Mal jährt, erregt eine geplante Trennwand im Innenraum des Neubaus die Gemüter. Streitwert: 350 000 Euro - so viel soll die rund 17 Meter hohe und breite Glaswand kosten.

Paulinervereins-Chef Dr. Ulrich Stötzner (69) tobt: "Diese hundeteure Wand soll das Kirchenschiff vom Chor trennen. Das entstellt doch den ganzen Innenraum und wirkt wie eine Mauer. Nur, weil die Uni 'multifunktionale Veranstaltungen' machen will. Absolut überflüssig!"

Es scheint, als versuche die Uni mit allen Mitteln, das 52 Mio. Euro teure Paulinum (Richtfest ist im Juni) von der historischen Vorlage der 1968 gesprengten Paulinerkirche zu entfernen. Dabei war die einstmals Grundlage der Ausschreibung. Und nur, weil er sich daran hielt, hatte Star-Architekt Erick van Egeraraat mit seinem Entwurf das Rennen gemacht.
Doch die Uni äußert sich nicht mehr zum Reizthema, verweist auf die bauausführenden Firmen...
Dabei gäbe es statt einer Luxus-Trennwand nach Ansicht von Ulrich Stötzner ein drängenderes Problem. "Die damals aus der Kirche geborgenen, teilweise Jahrhunderte alten Kunstschätze und Epithaphien könnten dringend eine Klimaanlage gebrauchen!" Sonst drohen sie von Temperaturschwankungen ruiniert zu werden.

Doch der Bauherr, das sächsische Finanzministerium, hat nur eine Belüftungsanlage für 70 000 Euro eingeplant.
Eine Klimaanlage wurde abgelehnt - aus Kostengründen.


Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum
Paulinerverein

Leipzig, den 5. Dezember 2007

Pressemitteilung

"Universitätskirche Leipzig - Gotteshaus und Kunstwerk"
Retten, was gerettet worden ist

Am 27. November fand in der Alten Börse in Leipzig auf Einladung des Paulinervereins das zweite Diskussionsforum über "Die Universitätskirche St. Pauli" statt, diesmal zum Thema "Gotteshaus und Kunstwerk". Das Podium war mit ausgewiesenen Architekten und Kunstwissenschaftlern wiederum kompetent besetzt. Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch von der Zeitung DIE WELT moderierte das Gespräch vor über zweihundert interessierten Bürgern. Gegenstand der Debatte war, ob und wie die gerettete Ausstattung aus der gesprengten Kirche in dem Neubau einen ihr angemessenen Platz finden kann.

Professor Heinrich Magirius, Landeskonservator in Sachsen, machte deutlich, dass der Wiederaufbau der Universitätskirche nach der Barbarei der Zerstörung eine moralische Frage ist, dass die Kunstwerke für genau diesen Raum gestiftet sind und ein Recht auf Wiederaufbau besteht, auch wenn die politische Entscheidung anders gefallen ist: "Was ist unter den gegebenen Umständen noch machbar?" fragte er und gab folgende Antwort: "Der Innenraum! Die exakte Wiederherstellung der Dimensionen mit seinen Strukturen!" Auch angesichts des skandalösen Umgangs mit den in der Kirche bestatteten Persönlichkeiten und der Plünderung ihrer Gräber sei eine Architektur nötig, "die den Epitaphien und damit den Toten eine gewisse Würde zurückgibt."

Professor Peter Findeisen, Landeskonservator in Sachsen-Anhalt, berichtete von der Bergung der sakralen Kunstwerke Ende Mai 1968, die er selbst miterlebt hat. Nicht einmal ein Gerüst habe ihm zur Verfügung gestanden. Unter extremem Zeitdruck - das Datum der Sprengung wurde zunächst geheim gehalten und sei vermutlich von der für das Bohren der Sprenglöcher benötigten Zeit bestimmt worden - musste er eine Auswahl treffen. Er habe mit weißer Farbe an nicht sichtbaren Stellen die z. T. zerbrochenen Teile fortlaufend nummeriert.

Die so geborgenen, künstlerisch sehr wertvollen Epitaphien aus Holz, darin waren sich die Sachverständigen einig, würden in einem nicht klimatisierten Raum Schaden nehmen. Für eine Klimaanlage und auch für die Restaurierung fehle aber das dringend benötigte Geld, so Dr. Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität. Der Bauherr habe dafür nichts eingeplant.

"Jetzt ist der Innenraum bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Warum baut man überhaupt ein solches Gebäude? Was erinnert dabei noch an die 600 Jahre Universitätsgeschichte?" gab Christoph Schneider, einst kommissarischer Leiter des Universitätschores, zu bedenken und schlug unter starkem Beifall vor, auf die sinnlose, mit 350 000 € veranschlagte Trennwand zwischen Chor und Schiff zu verzichten und das so eingesparte Geld für die Klimatisierung zu verwenden.

Kontrovers wurde diskutiert, was sachgemäß ist, wenn der Raum, für den die Kunstwerke geschaffen waren, verloren geht: von der archäologischen Rekonstruktion der Kirche bis zur musealen Präsentation und Aufteilung des Bestandes. Sowohl aus dem Podium als auch aus dem Publikum wurde die Wiederaufstellung sämtlicher geborgener Kunstwerke, allen voran die Barockkanzel und der Paulineraltar, gefordert. Dankwart Guratzsch lenkte den Blick auf andere Bauten mit vergleichbaren Problemen und auf die noch andauernde Debatte über den Wiederaufbau untergegangener Symbolbauten, die immer öfter zugunsten der Rekonstruktion entschieden wird, besonders dort, wo Unrecht zur Zerstörung geführt hatte.

In diesem Sinne soll die Debatte zur Universitätskirche am 10. Januar 2008 im Zeitgeschichtlichen Forum unter dem Thema "Gotteshaus und Politikum" fortgesetzt werden.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29. November 2007 (Lokales - Seite 22)
© Leipziger Volkszeitung

Paulinerverein
Debatte ohne Gegner

Zunächst spielt die Musik. Pianist Ulrich Urban bietet eine Rhapsodie von Johannes Brahms. Sie sei wirklich etwas schroff komponiert. Der unparteiische Zuhörer des Paulinervereins-Forums „Die Universitätskirche St. Pauli – Gotteshaus und Kunstwerk“ stutzt da ein erstes Mal. Und die Verwunderung nimmt ihren Lauf, als Pauliner-Vereinschef Ulrich Stötzner darauf verweist, dass es derzeit in Sachsen drei problembeladene Baustellen gibt: den Dresdner Neumarkt, die Waldschlösschenbrücke und den Neubau der Universität in Leipzig.

Leider, so Stötzner, sei der Architekt Erick van Egeraat nicht gekommen, was in dem Fall fast wie eine Anklage klingt. So diskutieren unter der Pro-Pauliner-Moderation des Architektur-Kritikers Dankwart Guratzsch (Die Welt) bis auf Rudolf Hiller von Gaertringen, Kustos der Universität, eigentlich nur eingefleischte Pauliner. Die von ihnen häufig angegriffene Gegenseite – warum sitzt nicht Finanzstaatssekretär Wolfgang Voß im Podium? – ist nicht vertreten. Also wird die Kritik in den Raum der Alten Börse gesandt, der eh nur mit mehr oder weniger großen Wiederaufbau-Sympathisanten gefüllt ist.

Peter Findeisen, vor dem 30. Mai 1968 in kühner Mission mit dabei, um in letzten Stunden die Kunstwerke zu bergen, heute Landesdenkmalpfleger Sachsen-Anhalts, spricht merklich mit Bedacht und mahnt die moralische Verantwortung heutigen Tuns an. Der Uni-Kustos sendet einen so noch nicht gehörten Hilferuf bezüglich der Realisierung des von der Universität beschlossenen Kunstkonzeptes samt der in Frage stehenden Kosten für die Epitaphien-Restaurierung und für die Klimatechnik im Kirche-Aula-Bau. Ohne sie können nun mal die wertvollen Zeugnisse der Stadt- und Alma-Mater nicht auf Dauer bewahrt werden.

Und sonst? Die Pauliner lecken – wieder mal – die eigenen Wunden. Und draußen vor der Tür ist nicht nur schon fast Weihnachten, was eigentlich nicht die Zeit zum Streiten ist. Nur wenige Meter weg stehen schon die Kräne als Zeichen für den Neubau der Universität inklusive einer gar nicht unbedeutenden Erinnerung an die gesprengte Kirche.

Thomas Mayer

_____________

geschrieben von webflash in einem Diskussionsforum am 29.11.2007 00:13

Die heutige sehr gut besuchte Veranstaltung brachte durchaus Neues:

    Die Glaswand soll 350.000 € kosten.
    Der Kustos meinte, der Architekt van Egeraat berichte nicht umfassend über seine Pläne.
    Die ca. 45 geplant aufzustellende Kunstwerke bedürften unbedingt einer Entfeuchtungsanlage, die 75.000 € kostete und deren Finanzierung nicht gesichert sei. Außerdem sei er die falsche Adresse für Vorwürfe aus dem Publikum. Es werde auch keine Kirche gebaut; dafür gäbe es kein Geld aus Berlin.
    Der Vertreter der ev. Kirche wies jegliche Möglichkeit der Einflußnahme von sich.
    Hr. Zumpe sprach gewohnten Klartext und wartete mit seinen fundierten Kenntnissen in Wort und Bild bes. über die in der Universitätskirche Bestatteten auf.
    Hr. Magirius setzte sich ebenfalls wie Hr. Schmelzer vehement für einen Wegfall der Glaswand ein.
    Hr. Dr. D. Koch trug sein Vorhaben vom Einbeziehen der Roßbachschen Rosette vor und erntete verhaltenen Beifall.

Hr. Guratzsch ließ es leider an einer straffen Leitung mangeln, so daß kaum noch Zeit für das Eingehen auf die engagierten Publikumsbeiträge, u. a. des früheren Stadtplaners Gormsen, blieb.

Alles in allem doch eine gelungene Veranstaltung.


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Leipzig, den 12. November 2007

Pressemitteilung

Am 30. Mai 2008 jährt sich zum 40. Mal der Tag, an dem die völlig intakte Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig, die alle Kriege und Luftangriffe unbeschadet überstanden hatte, auf Anordnung der SED und persönlichen Wunsch Walter Ulbrichts gesprengt wurde. Am künftigen Standort neuer Universitätsgebäude war kein Platz mehr für eine Kirche, auch wenn sie über Jahrhunderte hinweg Stadt-, Universitäts- und Musikgeschichte repräsentierte.

Im Blick auf dieses Ereignis und auf die Bemühungen um einen Wiederaufbau, der sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt vor allem auf eine möglichst originalgetreue Innenausstattung konzentriert, plant der Paulinerverein nun ein zweites Diskussionsforum, diesmal zu Fragen der Kulturgeschichte und der Architektur von gestern und morgen.

Welcher Schatz der Stadt und der Universität Leipzig mit der Vernichtung der Kirche verloren ging, wird in Wort und Bild dokumentiert - ebenso die Chancen für die Wiedergewinnung einer Bachstätte und eines geistig/geistlichen sowie musikalischen Zentrums von Stadt und Universität. Beiträge von Fachleuten, unter denen sich profunde Kenner und Zeitzeugen der abenteuerlichen Bergung von Kunstgegenständen aus der Paulinerkirche befinden, sollen die Geschichte und Bedeutung dieses Bauwerkes beleuchten und zum Verständnis unterschiedlicher Positionen beitragen.

Die Veranstaltung findet am Dienstag, dem 27. November 2007, 20 Uhr in der Alten Börse am Naschmarkt statt.
Das Thema lautet:

"Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Kunstwerk"

Als Teilnehmer an der Diskussion im Podium begrüßen wir:

  • Prof. Dr. Peter Findeisen (Landesdenkmalpfleger Sachsen-Anhalt)
  • Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen (Kustos der Universität Leipzig)
  • Dipl.-Ing. Roy Kreß (Baupfleger beim Bezirkskirchenamt Leipzig)
  • Prof. Dr. Heinrich Magirius ( Landesdenkmalpfleger Sachsen)
  • Dipl.-Ing. Peter Schmelzer (Stadtplaner)
  • Wieland Zumpe (Kulturwissenschaftler)
  • Erick van Egeraat (Architekt) - angefragt -

Die Moderation übernimmt Dankwart Guratzsch von der Zeitung DIE WELT.

Musikalische Einstimmung: Professor Ulrich Urban, Klavier

Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V. (Paulinerverein)
Der Paulinerverein ist eine Bürgerinitiative, die sich als Fernziel den Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum gesetzt hatte. Sie tritt nach wie vor für eine Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli als Ganzes ein.
Zweck und Aufgabe des Vereins ist deshalb, die Erinnerung an den barbarischen Willkürakt der Zerstörung der Universitätskirche in der Bevölkerung zu bewahren und die Universität Leipzig bei der Erhaltung und Pflege der erhaltenen Kunstwerke aus der Universitätskirche zu unterstützen. Das Gebäude soll wieder wie früher für kirchliche und musikalische Zwecke und als Aula der Universität Leipzig genutzt werden.

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Leipzig, den 24. Oktober 2007

Pressemitteilung

Unter reger Anteilnahme Leipziger Bürgerinnen und Bürger fand am 23.10.2007 auf Einladung des Paulinervereins in der Reformierten Kirche das Gesprächsforum "Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Bachstätte. Die Zukunft der Universitätsmusik" statt. Vor mehreren hundert Anwesenden waren sich die Podiumsteilnehmer - u.a. Thomaskantor Georg Christoph. Biller, der Organist Matthias Eisenberg, Universitätsmusikdirektor David Timm und Universitätsprediger Martin Petzoldt - einig darin, daß im zukünftigen Bau am Ort der gesprengten Universitätskirche gerade auch für die Leipziger Universitätsmusik, die 1968 durch die Sprengung der Universitätskirche auf brutale Weise ihre angestammte Heimstatt verloren hat, wieder optimale Bedingungen geschaffen werden müßten.

Scharfe Kritik wurde in diesem Zusammenhang u.a. an der geplanten Trennwand zwischen Ostchor und Schiff in der zukünftigen Universitätskirche/Aula geäußert. Auch wenn die Trennwand teilweise geöffnet werden könne, seien akustische Beeinträchtigungen zu befürchten. Diese wären mit einer einstigen Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs, Felix Mendelssohn-Bartholdys und Max Regers unvereinbar. "So wie es derzeit geplant ist, kann es nichts werden", äußerte sich der sechzehnte Nachfolger Bachs im Amt des Leipziger Thomaskantors, Professor Georg Christoph Biller.

Die Veranstaltungsreihe wird fortgesetzt am 27.11.2007 unter dem Titel "Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Kunstwerk" in der Alten Börse sowie am 10.01.2008 "Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Politikum" im Zeitgeschichtlichen Forum.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 25. Oktober 2007 (Kultur - Seite 12)

Universitätskirche

Eine Glaswand,
die mehr scheidet als nur den Raum

An der Kirchenwand sind noch die Liednummern des vergangenen Sonntags angeschlagen. „Jesu, geh voran“ etwa, Nummer 391. Der rote Vorhang hinter der Kanzel ist zugezogen, am Predigen aber wird das niemanden hindern. Auch der wenig heilige Dienstag wird das nicht. Die Reformierte Kirche am Ring ist gut gefüllt, besser vielleicht als zu manchem Gottesdienst. Der Paulinerverein hat geladen, es soll über die Universitätskirche St. Pauli diskutiert werden und über die Zukunft der Universitätsmusik.
Das Podium ist gut besetzt. Neben Gastgeber Ulrich Stötzner ist Thomaskantor Georg Christoph Biller gekommen, Organist Matthias Eisenberg, der Theologieprofessor und erste Universitätsprediger Martin Petzold, Chordirektor Detlef Schneider und natürlich Universitätsmusikdirektor David Timm. Ansonsten hat sich die Universität nicht mit Ruhm bekleckert für diesen Termin. Kanzler Frank Nolden hat abgesagt, er glaube nicht an einen sachlichen Beitrag zur Debatte durch ein solches Podium. Der Kontakt zum Ingenieurbüro der Bauten am Augustusplatz – und damit auch zum zuständigen Akustiker – wurde dem Paulinerverein durch den Sonderbauleiter untersagt.

Nicht ohne Emotionen

Moderator Thomas Bille vom MDR wird sich bewusst gewesen sein, dass eine Diskussion über St. Pauli nicht ohne Emotionen vonstatten gehen kann. Auch dieser Abend beweist das. Stötzner bekundet, er und der Verein seien in Sorge über das, was am Augustusplatz geschieht, Schneider bekräftigt seine Auffassung, der derzeitige Innenraum lasse von Anklängen an die Orginalkirche nicht mehr viel übrig. Womit der Streitpunkt für den Abend gefunden ist: Mitten durch den Kirchenneubau, vor dem Altarraum, soll eine Glaswand eingezogen werden. An diesem Objekt scheiden sich die Geister, lassen sich Diskussionen hochziehen. Stört ein solcher Einbau die Akustik? Scheppert das Glas gar unangenehm bei Konzerten? Kann ein solcher Raum wirklich noch zu einer – von vielen Seiten angestrebten – Bachstätte werden? Und wozu braucht es eine solche Wand überhaupt?

Vertrauen ins Gotteshaus

Die Antworten darauf sind nur teilweise einfach. Laut Bauherr soll das Glas die Klimatisierung der aus der alten Paulinerkirche geretteten Epitaphien ermöglichen, ohne die aufwendige Technik auf die ganze Kirche ausweiten zu müssen. Über die Breite des Mittelschiffs soll sie zu öffnen sein. „Ich bin auch kein Freund dieser Wand“, gibt Timm zu. „Doch es gibt auch noch Argumente von anderen Nutzern.“ Man müsse eben kompromissbereit sein. Woraufhin Stötzner das erste Mal an diesem Abend deutlich wird: „Hier gibt es keine Kompromisse, es gibt nur gute oder schlechte Akustik.“ Doch Timm bekundet sein „Vertrauen in das Gotteshaus, das wir bekommen.“
Zu einem Ergebnis kommt die Runde nicht. Die recht sachliche Diskussion wird ab und zu durch kleine und große Ansprachen aus dem Publikum unterbrochen, die mal der Uni vorwerfen, eigentlich keine Kirche zu wollen, mal die Bürger Leipzigs aufrufen, für ihr Gotteshaus auf die Barrikaden zu gehen. Für Ansprache Nummer eins gibt es Zuspruch von Biller, für Nummer zwei betretenes Gemurmel im Saal. Wohltuend wirkt da die Ruhe Matthias Eisenbergs. „Das Wichtigste ist der Geist, der in einem solchen Raum herrscht.“ Zufriedenstellend scheint das jedoch nicht für alle zu sein. Womit der Blick wieder auf den Liederanschlag fällt, auf Nummer 391. „Oh so gib Geduld“, heißt es darin.

Florian Blaschke

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Leipzig, den 1. Oktober 2007

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie Sie wissen, wurde - was den Innenraum betrifft - das Wettbewerbsergebnis vom März 2004 inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet.

Die Ankündigung des Leipziger Amtsblattes aus dem Frühjahr 2004, "Im Inneren aber entsteht die gotische Paulinerkirche wieder in Anlehnung an ihr Original mit Pfeilern und Kreuzrippengewölbe ", gilt nicht mehr.
Geplant ist nunmehr eine Mehrzweckhalle mit "zuschaltbarem Andachtsraum" - mit einer die Akustik des Raumes zerstörenden Glaswand.

Eine Wiederaufstellung der beiden wichtigsten Ausstattungsstücke der Kirche, der Barockkanzel sowie des Paulineraltars ist nicht mehr vorgesehen.
Statt der ursprünglich im Siegerentwurf enthaltenen gotischen Pfeiler sollen überwiegend - von der Decke hängende, 5 Meter über den Boden gekappte - Pfeilerattrappen entstehen. Mit der Funktion, Würde und Aufgabe eines Kirchenraumes sowie der Geschichte der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig sind diese Veränderungen nicht vereinbar.

Wir können und werden dies nicht mittragen.
Dringend bitten wir Sie, uns darin zu unterstützen!
Über die in der Baugrube am Ort der gesprengten Universitätskirche entstandene archäologische Situation informiert Sie das beiliegende Schreiben.
Sie können daraus entnehmen, wie gegenwärtig mit der Geschichte und Zukunft der Universität Leipzig und der Universitätskirche St. Pauli umgegangen wird.
Bitte kommen Sie zu den von uns organisierten Diskussionsforen, bringen Sie sich dabei ein - und bringen Sie andere mit.

Mit herzlichen Grüßen

Dr. Ulrich Stötzner      Dr. Christian Jonas      Gerd Mucke

___________

Einladung

Am 30. Mai 2008 jährt sich um 40. Mal der Tag der Sprengung der Universitätskirche. Im Blick auf dieses Ereignis und auf die Bemühungen um einen Wiederaufbau plant der Paulinerverein eine Reihe von Diskussionsforen, die noch einmal die Geschichte und Bedeutung der Universitätskirche beleuchten und die durch Beiträge von Fachleuten zur Versachlichung der Debatte beitragen sollen.

1.   Dienstag, 23. Oktober 2007 20 Uhr Reformierte Kirche
Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Bachstätte

Die Zukunft der Universitätsmusik

Teilnehmer an der Diskussion im Podium:
Thomaskantor Prof. Georg Christoph Biller, Prof. Matthias Eisenberg, Kanzler Dr. Frank Nolden (angefragt), Prof. Dr. Martin Petzold, Detlef Schneider, UMD David Timm
Moderation: Thomas Bille, MDR
Zur Einführung spielt Matthias Eisenberg , Orgel

2.   Dienstag, 27. November 2007 20 Uhr Alte Börse
Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Kunstwerk

Kultur und Architektur gestern und morgen

Teilnehmer an der Diskussion im Podium:
Prof. Dr. Peter Findeisen, Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen, Herr Baupfleger Kreß, Prof. Dr. Heinrich Magirius, Dipl.-Ing. Peter Schmelzer, Wieland Zumpe,
Angefragt: Erick van Egeraat, ,
Moderation: Dankwart Guratzsch, DIE WELT

3.   Donnerstag, 10. Januar 2008 20 Uhr Vortragssaal im Zeitgeschichtlichen Forum
Die Universitätskirche St. Pauli - Gotteshaus und Politikum

Ort des Bekenntnisses

Teilnehmer an der Diskussion im Podium:
Rektor Prof. Dr. Franz Häuser Prof. Dr. Christoph Michael Haufe, Tobias Hollitzer, Bernd-Lutz Lange, Dekan Prof. Dr. Rüdiger Lux, Prof. Dr. med. Wolfgang Schmidt , Pfarrer Christian Wolff
Moderation: Angela Elis, MDR (angefragt)


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Leipzig, den 1. Oktober 2007

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Universitätskirche,

im Zuge der Öffnung der Baugrube für den Universitätsneubau traten im Umfeld der Universitätskirche eine Reihe von archäologischen Funden zutage. Bei den gefundenen Mauern handelt es sich um Reste der Thümmelschen und der Leimbachschen Familiengrüfte, die mit zwei anderen Begräbniskapellen an die Nordseite der Paulinerkirche angebaut waren und bereits im 19. Jahrhundert abgerissen wurden. Diese Kapellen waren über Jahrhunderte Bestandteil der Kirche und gehören zur Geschichte der Stadt und der Universität. Auch wurden Reste des Fürstenhauses, des Mauritianums, zwei mittelalterliche Brunnen, weitere Grüfte im Bereich des klosterzeitlichen Friedhofs und des Kreuzganges sowie zahlreiche Gebeine gefunden.

Unser Mitglied Herr Zumpe hat in dankenswerter Weise und mit hohem Zeiteinsatz die Situation fast täglich, an manchen Tagen auch mehrmals, durch Fotos von außen dokumentiert. Für eine Interpretation und Zuordnung der sichtbaren Funde waren wir zunächst überwiegend auf Vermutungen und Annahmen angewiesen.

Der Vorstand hat im Mai um eine Vorortbegehung ersucht, die zwar erfolgte, aber seitens der betreuenden Archäologin wenig brauchbare Informationen erbrachte. Ein zweiter Besichtigungstermin wurde wegen einer Diskussion im Intemetforum, die sich kritisch mit der archäologischen Situation in der Baugrube auseinandersetzte, abgesagt. Am 22. Juni schrieben wir einen Brief an den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, in dem wir voller Sorge auf Art und Bedeutung der archäologischen Funde hingewiesen und auf eine sachgerechte wie gesetzeskonforme Erschließung gedrängt haben. Der bisherige Umgang mit den archäologischen Funden wurde in mehreren Artikeln der Bildzeitung sowie in der WELT und in der Sendung Aspekte des ZDF angeprangert.

Am 26. Juli gab es auf unseren Wunsch ein Gespräch mit dem Leiter des Landesamtes für Archäologie in unserer Geschäftsstelle. Die Informationen waren hierbei wiederum in hohem Maße ungenügend und auch widersprüchlich.

Eine Pressemitteilung des Finanzministeriums vom 31.07.07, die sich auf Aussagen des Landesamtes berief, bagatellisierte und behauptete fälschlicherweise, die gefundenen Mauerreste stünden in keinem Zusammenhang mit der Kirche. Unsere Antwort darauf am 07.08.07 sollte u.a. klarstellen, dass unsere Vermutung ("Thümmelsche Kapelle") richtig war. Inzwischen hatten wir durch eigene Recherchen auch die genaue Zuordnung der Neubauten von 1970 zu der vorhergehenden Bebauung ermittelt. Danach ist die Fläche der Universitätskirche (ohne Nordkapellen) vollständig überbaut worden. Dass unter diesem Neubau noch sehr tief liegende Reste von Grüften sein könnten, wird nicht ausgeschlossen. Diese würden aber bei der jetzigen Gründung angeblich nicht berührt.

Am 5. September hatten die Vorstandsmitglieder Dr. Stötzner und Dr. Jonas eine Baustellenbesichtigung mit dem Leiter des Landesamtes. Dabei wurden die zu diesem Zeitpunkt noch sichtbaren Funde gezeigt.
Am 11. September fand auf Drängen unserer Bürgerinitiative im Landesamt für Archäologie ein Gespräch zwischen Dr. Stötzner, Dr. Douffet und Herrn Richard mit dem Leiter des Landesamtes und anderen Mitarbeitern statt, wobei alle Funde mit räumlicher Zuordnung und die Karte der Bestandsaufnahme erläutert wurden.

Das Landesamt für Archäologie hat lediglich eine sogenannte baubegleitende Dokumentation der während der Bauarbeiten auftauchenden Funde vorgenommen. Eine systematische archäologische Erschließung, die auch die Geschichte der Vernichtung und die Baugeschichte der Kirche einschlösse, war nicht vorgesehen und kann nun auch nicht mehr erfolgen. Die Arbeiten beschränkten sich nach eigenen Angaben auf den Schutz der Bodendenkmale, wobei zu beobachten war, dass diese auch teilweise vernichtet wurden. Eine mögliche Integration der Funde in den Neubau - wie es an anderen Orten geschichtsbewusst und ganz selbstverständlich geschieht - war und ist nicht vorgesehen.

Besonders die teilweise erfolgte Vernichtung jahrhundertealter Zeugnisse schmerzt uns sehr.

Im Gespräch am 11. September wurde seitens des Landesamtes für Archäologie erstmals zugegeben, dass sich unter den Funden auch Reste der Thümmelschen und Leimbachschen Begräbniskapellen befanden. Damit wurde zugleich zugegeben, dass die Pressemitteilung des Finanzministeriums vom 31. Juli in ihrer zentralen Aussage falsch war.

Die Öffentlichkeit wurde jedoch bis heute - nach inzwischen monatelangen Bauarbeiten - weder vom Bauherren noch vom Sächsischen Landesamt für Archäologie konkret über Art, Umfang, Zuordnung und Bedeutung dieser Funde informiert. Es stellt sich die Frage, warum dies unterlassen wurde.

Diese Vorgehensweise wird der Bedeutung des Ortes in keiner Weise gerecht. "Der Fortgang der Bauarbeiten ist nicht berührt" sagte der Bauherr, nachdem erste Funde zutage traten.

Die Bürgerinitiative hat mit Erschrecken und Bestürzung ohnmächtig zur Kenntnis nehmen müssen, mit welcher Brutalität in dieses geschichtsträchtige Areal eingegriffen wurde und bislang von der Vernichtung verschonte Reste der Universitätskirche endgültig verschwanden.

Der Vorstand hat die Möglichkeit einer einstweiligen Verfügung für einen Baustopp durch ein Anwaltsbüro für Baurecht intensiv prüfen lassen, um ggf. noch etwas zu retten und in das Baugeschehen konkret eingreifen zu können. Das Ergebnis dieser Prüfung war die dringende Empfehlung, davon Abstand zu nehmen, da kaum eine Chance für einen Erfolg bestehe und ein Baustopp aufgrund der für den Bau veranschlagten Investitionssumme unverantwortbar hohe finanzielle Risiken für uns sich bergen würde. Dies wird uns jedoch nicht davon abhalten, das weitere Baugeschehen am Ort der gesprengten Universitätskirche St. Pauli und des vernichteten Augusteums weiterhin intensiv im Blick zu haben und unsere Forderungen zu erheben.

Vor allem aber wird es uns nicht davon abhalten, uns weiterhin für die Wiedergewinnung der Universitätskirche St. Pauli einzusetzen. Bitte unterstützen Sie uns darin tatkräftig und bleiben Sie der Sache der Universitätskirche - trotz vieler und schmerzlicher Rückschläge - treu.

Denn nach wie vor gilt: Leipzig braucht die Universitätskirche!

Mit den besten Grüßen

Dr. Ulrich Stötzner      Dr. Christian Jonas      Gerd Mucke

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Lesen Sie:
Wie die SED die Totenruhe störte
Über die Entsorgung der Gebeine aus der Paulinerkirche


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Leipzig, 15. September 2007

Pressemitteilung

Gedeckelte archäologische Funde im Umfeld der Universitätskirche

Öffentlichkeit wurde bisher nicht über Art, Umfang und Zuordnung der Funde informiert

Im Zuge der Öffnung der Baugrube für den Universitätsneubau traten im Umfeld der Universitätskirche eine Reihe von archäologischen Funden zutage. Bei den gefundenen Mauern handelt es sich um Reste der Thümmelschen und der Leimbachschen Familiengrüfte, die mit zwei anderen Begräbniskapellen an die Nordseite der Paulinerkirche angebaut waren und bereits im 19. Jahrhundert abgerissen wurden. Diese Kapellen waren über Jahrhunderte Bestandteil der Kirche und gehören zur Geschichte der Stadt und der Universität. Auch wurden Reste des Fürstenhauses, des Mauritianums, zwei mittelalterliche Brunnen, weitere Grüfte im Bereich des klosterzeitlichen Friedhofs und des Kreuzganges sowie zahlreiche Gebeine gefunden.

Die Öffentlichkeit wurde bis heute weder vom Bauherren noch vom sächsischen Landesamt für Archäologie konkret über Art, Umfang, Zuordnung und Bedeutung dieser Funde informiert. Es stellt sich die Frage, warum dies unterlassen wurde.

1968 waren Kirche und Augusteum "wertlos". Die Universitätskirche wurde innerhalb von Tagen zu einem Ort der geschändeten Gräber. Der Fortgang der damaligen Bauarbeiten durfte nicht behindert werden. Die Sprengung der über siebenhundertjährigen Kirche und die damit einhergehende Zerstörung von ca. 800 Gräbern gilt inzwischen als das größte Kulturverbrechen der Nachkriegszeit in Deutschland. Die Geschichte der Vernichtung der Grabstellen von Rektoren, Professoren, Bürgermeistern und angesehenen Familien der Stadt liegt noch weitgehend im Dunkeln. Gerade deshalb kommt diesem verbliebenen Rest eine so große Bedeutung zu und erfordert eine hohe Sensibilität bei der Erschließung, Dokumentation und Bewahrung.

Sowohl im Brief an den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen vom 22. Juni als auch in seiner Pressemitteilung vom 7. August hatte der Paulinerverein voller Sorge auf Art und Bedeutung der archäologischen Funde hingewiesen und auf eine sachgerechte wie gesetzeskonforme Erschließung gedrängt. Das Landesamt für Archäologie hat lediglich eine sogenannte baubegleitende Dokumentation der während der Bauarbeiten auftauchenden Funde vorgenommen. Eine systematische archäologische Erschließung, die auch die Geschichte der Vernichtung einschlösse, war nicht vorgesehen und kann nunmehr auch nicht mehr erfolgen. Die Arbeiten beschränkten sich nach eigenen Angaben auf den Schutz der Bodendenkmale, wobei zu beobachten war, dass diese auch teilweise vernichtet wurden. Eine mögliche Integration der Funde in den Neubau - wie es an anderen Orten geschichtsbewußt und ganz selbstverständlich geschieht - war und ist nicht vorgesehen.

Diese Vorgehensweise wird der Bedeutung des Ortes in keiner Weise gerecht. "Der Fortgang der Bauarbeiten ist nicht berührt" sagte der Bauherr, nachdem erste Funde zutage traten. Die Bürgerinitiative hat mit Erschrecken und Bestürzung ohnmächtig zur Kenntnis nehmen müssen, mit welcher Brutalität in dieses geschichtsträchtige Areal eingegriffen wurde.

 


Quelle: http://www.welt.de/welt_print/article1137312/Leipzigs_unheimliche_Baugrube.html
© WELT.de: 27. August 2007, 00:00 Uhr

Von Dankwart Guratzsch

Kritiker sprechen von "gesetzwidrigen Maßnahmen": Die Debatte um den Neubau der Universitätskirche ist neu entflammt

Leipzigs unheimliche Baugrube

Von Dankwart Guratzsch

Es ist eine der heikelsten Baustellen Deutschlands - die Baugrube am Leipziger Augustusplatz. Und die Atmosphäre, in der hier gegraben, untersucht, ausgeschachtet und abgebaggert wird, scheint vergiftet. In Medien und auf Internetseiten kreiden erboste Bürger dem sächsischen Landesamt für Archäologie und dem sächsischen Finanzministerium die mutwillige Zerstörung "jahrhundertelang ungestörter Bodendenkmale", "Falsch- und Desinformation" und "Kulturvandalismus" an.

Der Argwohn gegen den Umgang mit dem Grundstück rührt aus der Zeit, als über den Neubau beschlossen wurde. Bis 1968 stand an dieser Stelle die prachtvolle gotische Universitätskirche, in der einst Luther gepredigt hat und Bach, Mendelssohn und Reger die Orgel spielten. Als geistiges Zentrum und Urzelle der Leipziger Universität hatte sie den Krieg unbeschadet überstanden. Aber exakt diese herausragende Rolle in der Geistesgeschichte Deutschlands war es, die Walter Ulbricht veranlasste, das Bauwerk zu sprengen. Abgedrängt durch starke Polizeikräfte, mussten die Leipziger hinter Bauzäunen ohnmächtig zusehen, wie der Zerstörungsakt generalstabsmäßig ins Werk gesetzt wurde und das Gotteshaus in einer riesigen Staubwolke versank Erich Loest bezeichnete es als "Eine Barbarei ohnegleichen".

Bis heute ist es eine Wunde im Stadtbild, die nicht heilen will, die durch den geplanten, 145 Millionen Euro teuren Neubau nur zugekleistert wird, untergründig aber weiter schwärt. Das hat viel damit zu tun, dass die Zeitzeugen noch leben, darunter Studenten, die damals in waghalsigen Aktionen mit Flugblättern protestiert hatten. Einige mussten es mit jahrelanger Einkerkerung in Zuchthäusern büßen. Mit der Kirche ging auch ihre Lebensplanung in Trümmer.

Doch entgegen Forderungen, die Kirche in gleicher Gestalt wiederaufzubauen, kehrt sie nur als verzerrte Umrisslinie in das Stadtbild zurück. Universitätsrektoren, die kein Hehl daraus machten, keine Bindung an die Geschichte des Ortes zu verspüren, setzten gegen den Widerstand alter Leipziger und zunächst auch der sächsischen Regierung durch, dass der größten und ältesten Universität Mitteldeutschlands eine - wie sie es nannten - "Zwangschristianisierung" erspart bleibt. Zwei Architektenwettbewerbe waren nötig, um zu einem "Kompromiss" zu kommen, zuletzt war es der amtierende Universitätspräsident Franz Häuser, ein Jurist aus Limburg/Lahn, der auch diesen umstieß. Nun wird, nach dem überarbeiteten Entwurf des Holländers Erick van Egeraat, der Altar hinter einer Glasscheibe weggesperrt. Die gotischen Säulen sollen - ein architektonisches Kuriosum - drei Meter über dem Boden gekappt werden, um "Sichtfreiheit" zu schaffen und aus der Kirche eine weltliche "Aula" zu machen.

Es ist diese sinnwidrige Verformung und Amputation des Bauwerks, die den Streit immer aufs Neue entfacht. Schon im Januar monierte der Innenstadtkonvent des Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirks Leipzig, dass "offensichtlich die Erinnerung an die gesprengte Universitätskirche auf architektonische Formen und Grabplatten" beschränkt werden solle. Der "mit der Sprengung der Universitätskirche verbundene Versuch, die auch im Wissenschaftskanon der Universität vertretenen und entwickelten Werte des christlichen Glaubens und den damit verbundenen kritischen Diskurs auszulöschen," finde eine späte Entsprechung - nun freilich unter einer christdemokratisch geführten Regierung.

Alle Versuche, die Kritik durch Beschwichtigung zum Schweigen zu bringen, haben nichts gefruchtet. Auch durch Ankündigung der aufwendigen Restaurierung wertvoller mittelalterlicher Epitaphien, die wahrscheinlich in dem entkirchlichten Raum ohnehin nur noch teilweise Platz finden, ist es Sachsens Regierung nicht gelungen, die Gemüter zu beruhigen.

Tatsächlich zeigen die inzwischen serienweise im Internet veröffentlichten Fotos, wie Räumbagger Mauerreste in der Baugrube des Neubaus zusammenschieben und abkippen. Dass die Archäologen deren Zuordnung, Umfang und Bedeutung teilweise nicht einwandfrei benennen können und im nachhinein eingestehen mussten, dass auch Reste des Dominikanerklosters darunter waren, auf denen die alte Kirche errichtet war, schürt den Argwohn, dass "staatsschädigende und gesetzwidrige Baumaßnahmen" in der Baugrube stattfinden - so der Leipziger Wieland Zumpe in Briefen an Ministerpräsident Georg Milbradt.

Im Gespräch mit der WELT wiegelt der kommissarische Leiter der sächsischen Landesarchäologie, Thomas Westphalen, ab. Bei den gefundenen Mauerresten handle es sich lediglich um "Fragmente" des Klostergemäuers. Was sich unterhalb der Sohle des unter Ulbricht errichteten Universitätsneubaus befinde, werde ohnehin nicht angetastet. Einige der spätmittelalterlichen Grabkapellen seien im Übrigen schon bei der Errichtung des alten Universitäts-Hauptgebäudes unter Arwed Rossbach im 19. Jahrhundert angeschnitten oder zerstört worden. Reste des "Mauretaniums" aus dem 19. Jahrhundert halte man generell für nicht bewahrenswert.

Allein, der Neubau soll zum 600-jährigen Universitätsjubiläum 2009 auf alle Fälle fertig sein - und durch Streitigkeiten mit Baufirmen ist ein Zeitverzug von Monaten eingetreten. So keimt der Verdacht, dass um der Erfüllung von Fristen willen Schindluder mit dem Kulturerbe getrieben und der geschichtsträchtige Untergrund der Kirche nicht sorgfältig genug erforscht wird. Wo z.B. sind die Grüfte jener 800 prominenten Persönlichkeiten geblieben, die unter der Kirche bestattet waren? Dass die SED nur das oberste Kellerschoss mit Bestattungen "ausgeräumt" hat, kam im April durch den Zeitzeugen und Brigadier Wolfgang Gey ans Licht. Was also ist mit den Gebeinen des Dichters Christian Fürchtegott Gellert, des Luthersohns Paul und des Ablasspredigers Johannes Tetzel?

"Bis heute fehlt jede Spur der Toten", hieß es schon 2003 in Berichten. Dass der Zugang zu ihnen durch eine Betonplatte für alle Zeiten versiegelt werden soll, ohne den Fragen auf den Grund zu gehen, ist vielen Leipzigern ein fast unheimlicher Gedanke.


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Bürgerinitiative zum Wiederaufbau
von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V.

Paulinerverein
Brühl 76 * D-04109 Leipzig
Email: paulinerverein@t-online.de
Internet: www.paulinerverein.de

Leipzig, 7. August 2007

Pressemitteilung

Archäologische Funde gehören selbstverständlich zur Universitätskirche

Das sächsische Landesamt für Archäologie hatte vor Baubeginn in einer Stellungnahme auf eine archäologische Erkundung im Umfeld der gesprengten Universitätskirche a priori verzichtet, "weil nichts mehr da ist". Eine genaue Zuordnung der jetzt gefundenen Mauern und Gräber dauert nach Aussage des Amtsleiters "Monate". Auch verfüge das Amt bislang nicht über Pläne der historischen Bebauung. Über Gründungstiefen sei nichts bekannt. Ein Bestandsplan der Funde existiere bisher nicht. Man ist somit zunächst auf Annahmen bzw. Mutmaßungen angewiesen.

Dennoch werden die über den Fund eines Brunnens hinausgehenden umfangreichen Mauerreste seitens des Landesamtes nach zuvor erfolgten Presseveröffentlichungen plötzlich "mit absoluter Sicherheit" dem ehemaligen Dominikanerkloster zugeordnet. Diese Aussage ist einfach falsch, denn die Gebäude der Klosteranlage befanden sich - wie übrigens bei anderen Klöstern auch, z.B. St. Thomas - im Süden der Kirche. Im Norden befand sich von jeher der Friedhof. Offenbar unterliegt hier das Landesamt dem gleichen peinlichen Irrtum wie Erick van Egeraat, bei dessen Entwürfen die Sonne seit 2004 immer von dieser Seite, also von Norden, in die Kirche scheint.

Bei den gefundenen Mauern könnte es sich aufgrund ihrer Lage beispielsweise um Reste der Thümmelschen Familiengruft von 1490 handeln, die mit drei anderen Begräbniskapellen an die Nordseite der Paulinerkirche angebaut war und später abgerissen wurde. Diese Kapellen waren nach Aussagen von Fachleuten über Jahrhunderte Bestandteil der Kirche und gehören zur Geschichte der Stadt und der Universität.

1968 waren Kirche und Augusteum "wertlos". Die Universitätskirche wurde innerhalb von Tagen zu einem Ort der geschändeten Gräber. Der Fortgang der damaligen Bauarbeiten durfte nicht behindert werden. Die Sprengung der über siebenhundertjährigen Kirche und die damit einhergehende Zerstörung von ca. 800 Gräbern gilt inzwischen als das größte Kulturverbrechen der Nachkriegszeit in Deutschland. Die Geschichte der Vernichtung der Grabstellen von Rektoren, Professoren und angesehenen Familien der Stadt liegt noch weitgehend im Dunkeln. Gerade deshalb kommt diesem verbliebenen Rest eine so große Bedeutung zu und erfordert eine hohe Sensibilität bei der Erschließung, Dokumentation und Bewahrung.

Nach den vorliegenden Erklärungen ist jedoch der Eindruck entstanden, dass Umfang und Qualität der gegenwärtigen archäologischen Arbeiten der Bedeutung des Ortes nicht gerecht werden. Am Augustusplatz, am Leuschner-Platz und am Thomaskirchhof wurde Monate lang erkundet. "Der Fortgang der Bauarbeiten ist nicht berührt" sagt der Bauherr. Damit nicht noch mehr verloren geht, wird umgehend eine Korrektur der Erkundungskonzeption erwartet, die eine systematische wissenschaftliche Erschließung und - soweit realisierbar - eine Einbeziehung der Funde in die künftige Bebauung, insbesondere die Universitätskirche, vorsieht.


7.8.2007 - Prof. Georg Milbradt - Handlungsbedarf SOFORT!

Geschrieben von Wieland Zumpe am 07. August 2007 16:20:24:

Hochverehrter Herr Prof. Milbradt,

es fällt mir schwer, die heutigen Fotos öffentlich zu machen. Nachdem der Evangelische Pressedienst überregional gemeldet hat, daß die gefundenen Bodendenkmale zur Paulinerkirche gehören, werden vorsätzlich weitere Mauerreste abgebaggert.

So bleibt nichts anderes übrig, als die erneuten, vorsätzlich geplanten und mutwilligen Gesetzesverletzungen zu dokumentieren und umgehend der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Sie wurden von mir in den vergangenen Jahren nach bestem Wissen und Gewissen über die Recherchen zur Leipziger Universitätskirche St. Pauli und weiteren Universitätsbauten unterrichtet. Sie kennen die wertvolle Bau- und Kulturgeschichte. Sie wissen, daß die Verbrechen von 1968 weitgehend unaufgeklärt sind. Ihnen ist bekannt, daß 800 der verdienstvollsten Bürger Sachsens und der Wissenschaftsgeschichte und mehrerer Jahrhunderte an einem bestimmten Ort anonym verscharrt sind. Sie wissen, daß wertvolles Kulturgut des Freistaates Sachsen verschwunden ist.
Sie wissen, daß die Etzoldsche Sandgrube problemlos geöffnet werden kann. Sie kennen die Weihepredigt von D. Martin Luther, in der er das, was Sie nun wider besseres Wissen unterschlagen und geschichtsfälschend kreieren wollen, wortwörtlich Mördergrube genannt wird.


Herr Westphalen verwies im Gespräch vom 26. Juli 2007 namentlich ausschließlich auf seinen obersten Dienstherren. Somit tragen Sie persönlich für das folgend dokumentierte Geschehen Verantwortung, weshalb sich dem Bürger zahlreiche Fragen stellen.

Woran sollen sich die Bürger bei einem derartigen Agieren bzw. Nichtagieren eines Ministerpräsidenten noch halten?

Ist Ihnen eine minderwertige Gewerbeimmobilie, die von den Leipziger Bürgern bereits hinlänglich abgelehnt wurde und die Leipzigs Innenstadt weiter verschandeln würde sowie die Studienbedingungen für die Universität Leipzig verschlechtert, mehr wert als eine jahrhunderte alte und bewährte Baukultur?

Warum wollen Sie z.B. an der Schrottimmobilie des asbestbelasteten, unpraktischen Seminargebäuderestes festhalten, das u.a. extra im Ergebnis der Sprengung dafür gebaut wurde, die bewährte Baukultur zu zerstören?

Haben Sie keinerlei Ehrfurcht vor dem Dominkanerkloster, das bereits im 13. Jahrhundert als eines der frühesten des Predigerordens gegründet wurde?

Haben Sie keine Achtung vor diesen kulturellen Werten, die über viele Generationen geschaffen wurden?

Hängt dieses unverständliche Verhalten mit dem Immobilientausch u.a. des Hochhauses der "Karl-Marx-Universität" zusammen, wo Beteiligte keine Aussagegenehmigung erhielten oder ums Leben kamen?

Wollen Sie wirklich die Geschichte im Sinne Paul Fröhlichs vollenden?

Daher fordere ich Sie erneut auf: BAUSTOP SOFORT!


Mit freundlichen Grüßen

Wieland Zumpe

Dokumente des Zerstörungsgeschehens vom heutigen 7.8.2007































 


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Bürgerinitiative zum Wiederaufbau
von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V.

Paulinerverein
Vorsitzender: Dr. Ulrich Stötzner, Leipzig
Stellvertreter: Dr. Christian Jonas, Leipzig
Stellvertreter: Gerd Mucke, Leipzig

 

Ministerpräsident des Freistaates Sachsen
Herrn Prof. Dr. Georg Milbradt
Sächsische Staatskanzlei
Archivstraße 1

01097 Dresden

Leipzig, den 22.06.2007

Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

in großer Sorge über die an der Baugrube am Augustusplatz, dem Standort der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig entstandene Situation, wenden wir uns an Sie und möchten Ihnen folgendes mitteilen:
Bei der Öffnung der wieder zu bebauenden Fläche hat sich gezeigt, dass Teile des Fürstenhauses, des Mauricianums und vermutlich Reste des Augusteums zutage traten.

Eine Besichtigung der Baugrube durch Mitglieder unserer Bürgerinitiative am 18.06.2007 ergab, dass offensichtlich Teile der Nordwestecke der Universitätskirche gefunden worden sind.

Dies stellt - ganz abgesehen von archäologischen Gesichtspunkten - insofern eine Sensation dar, als es der SED nicht gelungen zu sein scheint, die Universitätskirche vollständig zu vernichten.

Es besteht berechtigter Zweifel daran, dass dieser Fund die notwendige Beachtung findet, da bereits einen Tag später, am 19.06.2007, zuvor sichtbare Mauerreste planiert worden waren.

Nach der uns vorliegenden Dokumentation (s. Anlage) wurden auch in den letzten Wochen und Tagen aufgefundene Reste des Mauricianums sowie des Fürstenhauses teilweise zerstört.

Wir bitten Sie dringend, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, zu veranlassen, dass eine denkmalgerechte und gesetzeskonforme Erschließung und Bewahrung der aufgefundenen Reste der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig und der erwähnten Universitätsbauten stattfindet.

Mit vorzüglicher Hochachtung!

Dr. Ulrich Stötzner        Dr. Christian Jonas        Gerd Mucke

 

Anlage

Standort Universitätskirche St. Pauli

Foto 18. Juni 2007

Foto 19. Juni 2007

Standort Universitätskirche St. Pauli

Foto 18. Juni 2007

Foto 19. Juni 2007

Standort Universitätskirche St. Pauli

Foto 18. Juni 2007

Foto 19. Juni 2007

Standort Universitätskirche St. Pauli

Paulinerhof mit Westseite der Universitätskirche St. Pauli um 1910

_

Westseite vor 1890 und nach 1950 (Foto links Stadtgeschichtliches Museum, Foto rechts Prof. Dr. Hartmut Mai)

Standort Mauricianum

Foto 18. Juni 2007

Foto 19. Juni 2007

Standort Mauricianum

Foto 26. Mai 2007

Mauricianum

Standort Fürstenhaus

Foto 11. Juni 2007

Foto 12. Juni 2007

Standort Fürstenhaus

Foto 6. Juni 2006

Foto 12. Juni 2007

Standort Fürstenhaus

Foto 12. Juni 2007

Fürstenhaus (Foto Stadtgeschichtliches Museum)

Fotos und Sammlung: Wieland Zumpe


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 26. Juni 2007


© Leipziger Volkszeitung

Uni-Campus-Bau

Paulinerverein contra Archäologen

Der Paulinerverein hat an Ministerpräsident Georg Milbradt geschrieben: „In großer Sorge über die an der Baugrube am Augustusplatz, dem Standort der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig entstandene Situation, wenden wir uns an Sie und möchten Ihnen Folgendes mitteilen: Bei der Öffnung der wieder zu bebauenden Fläche hat sich gezeigt, dass Teile des Fürstenhauses, des Mauricianums und vermutlich Reste des Augusteums zu Tage traten. Eine Besichtigung der Baugrube durch Mitglieder unserer Bürgerinitiative am 18. Juni ergab, dass offensichtlich Teile der Nordwestecke der Universitätskirche gefunden worden sind. Dies stellt – ganz abgesehen von archäologischen Gesichtspunkten – insofern eine Sensation dar, als es der SED nicht gelungen zu sein scheint, die Universitätskirche vollständig zu vernichten. Es besteht berechtigter Zweifel daran, dass dieser Fund die notwendige Beachtung findet, da bereits einen Tag später, am 19. Juni, zuvor sichtbare Mauerreste planiert worden waren.“
Der Vereinsvorstand bittet Milbradt zu veranlassen, dass eine denkmalgerechte und gesetzeskonforme Erschließung und Bewahrung der aufgefundenen Reste der Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig und der erwähnten Universitätsbauten stattfinden kann. Paulinervereinschef Ulrich Stötzner: „Würden Reste der Paulinerkirche gefunden, müssten die in den Neubau integriert werden, wie man das bei ähnlichen Fällen in aller Welt macht.“
Thomas Westphalen, Chef des Landesamtes für Archäologie in Dresden, reagiert genervt ob der Anwürfe des Paulinervereins. Einige Mitglieder hätten wohl nichts bessereres zu tun, als den ganzen Tag am Bauzaun zu stehen und zu fotografieren. Die im Brief an Milbradt zitierten Vorwürfe sind für Westphalen „haltlos, man äußert Unterstellungen, die nicht zutreffen“. Laut des sächsischen Chef-Archäologen wurden bei den bisherigen Bauarbeiten keine bedeutenden Funde gemacht und schon gar keine, die mit der gesprengten Universitätkirche in Zusammenhang stehen. „Wenn was gefunden wird, wird das von uns wie üblich dokumentiert“, sagt Westphalen. Definitiv falsch sei auch die von den Paulinern aufgestellte Behauptung, wegen der mittlerweile höchst engen Zeitschiene für den Campusbau bis zum Uni-Jubiläum Anfang Dezember 2009 könne keine Rücksicht auf die entsprechende Bergung und Sicherung archäologischer Funde genommen werden. Westphalen: „Wir betreuen diese Baustelle so wie vorgeschrieben. Hier wird nichts bereinigt, nur weil der Bauherr Druck macht.“ Burkhard Beyer, Sprecher des Finanzministeriums: „Es werden Parolen in die Welt gesetzt, die nicht stimmen.“ Die Pauliner bleiben übrigens bei ihrer im Brief an Milbradt und mit einer Fotodokumentation belegten Meinung.

Thomas Mayer

Schriftsatz

 

Quelle: BILD Leipzig vom 31. Juli 2007

Das Wunder von ST. PAULI

Von JACKIE RICHARD

Leipzig - Dieser Fund stellt eine ganze Baustelle auf den Kopf! Denn drunter ist es plötzlich interessanter als drüber.

Die Archäologen haben am Unicampus auf dem Augustusplatz uralte Mauern und Knochen gefunden. Wahrscheinlich Reste der Paulinerkirche!
Noch vor drei Monaten hielt es Dr. Christoph Heiermann (45) vom Landesamt für Archäologie für ziemlich ausgeschlossen, nach dem Abriss unterm Uni-Schutt Wertvolles zu finden: "Die letzten Reste von St. Pauli werden beim Aushub für den Uni-Neubau Ende der 60er Jahre kaputtgegangen sein. WIR ERWARTEN HÖCHSTENS EIN PAAR STAHLTRÄGER UND BETONPLATTEN AUS DIESER ZEIT."
Jetzt klingt er ganz anders - schließlich sind Fachleute doch fündig geworden: "Wir haben Ziegelsteine geborgen, die Reste einer alten Mauer," so Dr. Heiermann.
Hinter diesem Satz könnte sich ein kleines Wunder verbergen! Thorsten Reich vom Paulinerverein: "Nicht ausgeschlossen, dass es sich um die Nordmauer von St. Pauli handelt."
Dr. Heiermann: "Das ist möglich. Wir haben die Funde nach Dresden gebracht, werden sie genau analysieren. DIE VERFAHREN SIND KOMPLIZIERT, ES WIRD DAUERN, BIS ERGEBNISSE VORLIEGEN."
Genug Arbeit haben die Archäologen: "Außerdem haben Grabungshelfer Knochen entdeckt, leider keine vollständigen Skelette." Auch die kommen ins Labor. Doch sie zuzuordnen, wird keine leichte Sache: Schließlich wurden mehrere Hundert Persönlichkeiten in der Paulinerkirche bestattet - vom ersten Uni-Rektor Otto von Münsterberg bis Luther-Gegenspieler Johann Tetzel.
Noch hat sich die Uni nicht zu den Funden geäußert, Schließlich steigert jeder Fund den Zeitdruck: Schon jetzt ist der Übergabetermin des Neubaus zur 600-Jahr-Feier 2009 so gut wie unhaltbar.

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Quelle: BILD Leipzig vom 1. August 2007

Rettet die Reste von St. Pauli

Von JACKIE RICHARD

Leipzig - Auf der Baustelle am Uni-Campus liegen ein paar Steine im Weg: Die Reste des uralten Dominikanerklosters, das zur Paulinerkirche umgebaut wurde. Doch die historischen Funde (BILD berichtete) sollen jetzt einfach zubetoniert werden!
Schon vor Tagen gruben die Archäologen an der Grimmaischen Straße zwei Mauerreste aus dem späten Mittelalter und einen im 14. Jahrhundert aufgegebenen Brunnen aus.
Doch auch ohne aufwendige Analyse sind sich die Verantwortlichen plötzlich sicher, dass die Funde ohne Bedeutung sind. Dr. Christoph Heiermann (45) vom Sächsischen Landesamt für Archäologie gestern: "Das sind keine Reste der Paulinerkirche, sondern gehören nur zum ehemaligen Kloster, das vorher dort stand." Die Fundamente des Uni-Neubaus sollen nun einfach drauf gesetzt werden.
Für unabhängige Fachleute ein ungeheuerlicher Frevel! Schließlich wurde das Kloster nie abgerissen, sondern nach der Reformation umgebaut, im Jahr 1545 von Martin Luther als Universitätskirche geweiht!
Luther-Nachfahre und Architekt Wolfgang Liebehenschel (71): "Die Reste des Klosters sind selbstverständlich der Paulinerkirche zuzuordnen und davon nicht zu trennen!"
Schließlich haben die Dominikanermönche noch mit Genehmigung des Papstes vier Begräbniskapellen wichtiger Leipziger Familien an die Nordseite der Paulinerkirche angebaut.
Liebehenschels dringender Appell: "Diese Mauerreste müssen untersucht werden - sie sind sächsische Geschichte! Das kann man nicht einfach deckeln."
Und was hätte sein berühmter Vorfahre zu diesem Vorgang gesagt? ..Martin Luther hätte harte Worte gefunden, wenn historische Tatsachen so mit Füßen getreten werden."
Doch der neue Frevel an St. Pauli lässt die Verantwortlichen kalt. Das Finanzministerium teilt als Bauherr lapidar mit: "Der Fortgang der Bauarbeiten ist davon unberührt."
Der große Luther - er würde ein Fass aufmachen...

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Quelle: BILD Leipzig vom 2. August 2007

Sind Leipzigs Uni ihre Ahnen egal?

Von Jackie Richard

Leipzig - Lieber Marx als Luther... Während das alte SED-Relief im neuen Uni-Campus wieder integriert wird, sollen die auf der Baustelle gefundenen Gruften zubetoniert werden.
Die Uni interessiert jedenfalls nicht, was Archäologen auf der Baustelle ausgruben! Der Fund alter Mauern und mehrerer Schädel und Knochen löst dort keine Emotionen aus. Uni-Rektor Franz Häuser (56) ließ BILD jedenfalls wissen, er sei noch nicht vor Ort gewesen. Dabei würde sich ein Besuch lohnen. Schließlich wurden in der 1968 von Walter Ulbricht gesprengten Paulinerkirche mehrere Hundert Persönlichkeiten begraben, viele aus dem Geistesleben der Uni: Wie Häuser-Vorgänger Otto von Münsterberg, Humanist Caspar Borner (eine nach ihm benannte Medaille verleiht die Uni regelmäßig) oder Luthers Sohn Paul.
Es könnten ihre Gebeine sein, die gefunden wurden. Sie werden jetzt erst mal nach Dresden geschafft.

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Quelle: BILD Leipzig vom 6. August 2007 - Seite 3

Liegt hier Martin Luthers Sohn Paul?

Ein Nachfahre fordert Gewissheit. Die Knochen sollen zum DNA-Test

Von JACKIE RICHARD

Ein ausgerissenes Haar könnte Archäologen jetzt auf die Spur von Martin Luthers Sohn Paul (1533-1593) bringen. Ausreißen müsste es sich dessen Nachfahre Wolfgang Liebehenschel (71).

Schließlich haben die Grabungstechniker auf der Baustelle des neuen Uni-Campus nicht nur Reste des uralten Dominikanerklosters freigelegt, aus dessen Mauern die Paulinerkirche entstand. Sondern auch zahlreiche Knochen und Schädel (BILD berichtete).

Ein einfacher DNA-Test könnte nun sogar belegen, ob auch Gebeine des Sohnes von Martin Luther, Paul darunter sind.

Sein Nachfahre Wolfgang Liebehenschel ist in 15. Generation mit ihm verwandt. Der Buchautor und Architekt aus Berlin:
"Selbstverständlich stehe ich für einen Abgleich zur Verfügung. Schließlich geht es um ein Stück sächsischer Geschichte."

Hunderte Persönlichkeiten, meist Geistesgrößen und Würdenträger der Stadt, wurden in der Paulinerkirche beigesetzt. Sie wurde 1968 von Parteibonzen gesprengt.

Einer von ihnen war Sohn des großen Reformators. Sein Vater Martin weihte selbst ein Jahr vor seinem Tod das Gotteshaus zur Universitätskirche.

Paul war nicht nur ein bekannter deutscher Mediziner, der mehrere Medikamente entwickelte. Als Alchemist versuchte er sich auch in der Goldherstellung. Im März 1593 raffte eine Epidemie den Heilkundigen dahin - seine letzte Ruhe fand er in St. Pauli.

Doch das Interesse der Archäologen an Aufklärung scheint nur gemäßigt. Sprecher Dr. Christoph Heiermann: "Der Aufwand wäre sehr groß, schließlich sind die Funde sehr verstreut. Aber Herr Liebehenschel kann natürlich gern Kontakt mit uns aufnehmen."

Abbildungstexte:
Grabungstechniker Sven Kretzschmar legt einen Schädel und Knochen frei
Wolfgang Liebehenschel ist in 15. Generation mit Luther verwandt

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Quelle: BILD Leipzig vom 7. August 2007 - Seite 3

Pauliner-Knochen sollen zur Charité!

Berühmter Pathologe will die Knochen vom Augustusplatz auf ihre DNA testen

Von JACKIE RICHARD
Leipzig/Berlin -

Er ist einer der renommiertesten deutschen Rechtsmediziner: Prof. Michael Tsokos (40), Chef der Pathologie an der Berliner Charite. Der Experte will jetzt die Knochen von St. Pauli untersuchen!

Säckeweise Knochen .und Schädel haben die Archäologen bei ihren Grabungen am Uni-Campus gefunden - und können (und wollen} sie nicht zuordnen: Hunderte Würdenträger, Professoren und Adelige wurden hier bestattet, bis am Augustusplatz 1968 die Paulinerkirche gesprengt wurde.

Einer davon: Martin Luthers Sohn, der Mediziner und Pharmazeut Paul Luther (1533-1595).

Die große Frage, ob seine Gebeine unter den Knochen sind, will nun Prof. Michael Tsokos beantworten! Mit einem DNA-Abgleich - der nur möglich ist, weil Luthers Nachfahre Wolfgang Liebehenschel (71) dafür zur Verfügung steht (BILD berichtete)! Tsokos: "Wunderbar, denn so können wir seine DMA mit den Knochenfunden vergleichen!"

Und so geht das: "Von möglichst großen Röhrenknochen oder Schädeln wird ein bisschen Fett abgeschabt. In feuchten Grüften bleiben oft kleine Restchen. Aus dessen auskristallisierten Säuren wird die DNA extrahiert und dann vervielfältigt. Das Ergebnis wird mittels Speicheltest mit der DNA von Herrn Liebehenschel verglichen."

Das geht noch Hunderte Jahre noch dem .Ableben des berühmten Urahnen - Liebehenschel ist in 15. Generation mit den Luthers verwandt.

Tsokos: "Alles, was wir brauchen, sind die Knochen. Das Testverfahren ist zwar aufwendig, aber wir würden das sehr gern machen."

Noch sind die gefundenen Gebeine in Dresden beim Landesamt für Archäologie. Aber dort rechnet man erst in einigen Monaten mit Ergebnissen.

Charite, übernehmen Sie!

Abbildungstexte:
Rechtsmedizin: Prof. Michael Tsokos will die Gebeine analysieren
Paulinerkirche: Die Besten der Stadt wurden jahrhundertelang hier beigesetzt
Alltag auf der Campus-Baustelle: Ein Grabungstechniker legt Gebeine frei

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Quelle: BILD Leipzig vom 10. August 2007 - Seite 3

Historiker fordert im Streit um St. Pauli-Funde

Prof. Milbradt, stoppen Sie diesen Frevel!

Von Jackie Richard

Leipzig - Schon wieder sind Bauarbeiter am Uni-Campus auf Mauerreste gestoßen. Doch obwohl niemand weiß, ob es Trümmer der 1968 gesprengten Paulinerkirche sind, werden sie einfach weggebaggert.

Das belegen Fotos, die Wieland Zumpe (41) vom Paulinerverein an der Baustelle gemacht hat. Er fordert in einem offenen Brief an Ministerpräsiden Georg Milbradt (62, CDU) einen Baustopp! "So bleibt nichts anderes übrig, als die erneuten, vorsätzlich geplanten und mutwilligen Gesetzesverletzungen zu dokumentieren...",heißt es in dem Schreiben.

Erst vor kurzem waren Grabungstechniker auf die Reste des Dominikanerklosters gestoßen, das später zur Paulinerkirche umgebaut wurde (BILD berichtete).

Jetzt dokumentiert der Paulinerverein, dass die Baggerschaufeln schon wieder auf neue, viel größere Mauerreste stießen. Schade ist, dass die Funde offensichtlich nicht mit den alten Bebauungsplänen oder dem Grundriss von St. Pauli verglichen werden.

Dadurch ist auch völlig unklar, welche historische Bedeutung der neuerliche Mauerfund hat. Dr. Christoph Heiermann, Sprecher des Sächsischen Landesamtes für Archäologie, wiegelt erst genervt ab: "Man muss den alten Krempel nicht mehr aufrollen!" Dann folgt doch noch ein Erklärungsversuch: "Die Mauerreste stammen wohl aus dem 17./18. Jahrhundert, sind wahrscheinlich Fragmente einer Grufteinfassung oder einer Randbebauung."

Doch weil er so sicher ist, dass sie nicht von den Resten des mittelalterlichen Dominikaner-Klosters stammen, können sie ja theoretisch fast nur noch von der Paulinerkirche stammen, die ja auf dessen Mauern fußt. Dr. Heiermann: "Das kann man so nicht sagen."

Und warum werden die Funde dann angebaggert, bevor es endgültige Sicherheit gibt? Der Uni-Neubau hinkt schon hintzerm Zeitplan hinterher...

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Quelle: BILD Leipzig vom 11. August 2007 - Seite 3

Neuer Fund auf Uni-Baustelle

"Fürstenhaus"-Keller entdeckt?

Von Jackie Richard

Leipzig - Manchmal wird man reich belohnt, wenn man wenig erwartet: Diese Erfahrung machen gerade die Archäologen in der Grimmaischen Straße...

Zu Beginn ihrer Grabungen haben die Experten vom Landesamt nicht geglaubt, unterm Uni-Campus Interessantes zu bergen. Eine Fehleinschätzung? Denn nachdem sie Teile des Dominikanerklosters freilegten, auf denen die Paulinerkirche fußt und Mauerzüge aus dem 17./18. Jahrhundert entdeckten, wurden sie nun wieder fündig: die frei gelegten Kellergewölbe könnten zum 1558 erbauten und im 2. Weltkrieg zerstörten „Fürstenhaus" gehören. Doch das müsste untersucht werden - stattdessen wurden Teile des Fundes schon wieder mit Beton verfüllt.


Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. August 2007 (Printausgabe - Seite 16)

Leserbrief

Details sind entscheidend

Zum Beitrag „Wir sind in einer guten Spur“ vom 12. Juli:

Irgendwie scheint etwas mit der Spur nicht zu stimmen. Architekt van Egeraat sagt, sein Entwurf werde „bis auf die Säulen und Details im Inneren“ genau nach Plan verwirklicht. Aber gerade an den Details entscheidet sich, ob anstelle der vernichteten Universitätskirche eine triste Mehrzweckhalle ohne Kanzel und Altar entsteht, oder ob die Identität des ursprünglichen Sakralbaues – der seit 1545 immer auch Bestandteil und geistiges wie geistliches Zentrum der Universität war – gewahrt bleibt: ohne Glaswand und hängende Säulen, dafür mit Kanzel und Altar als Zeichen für freies Wort und freien Glauben.
Aber soviel Freiheit scheint manchem unheimlich zu sein. Leipzig ist nicht Dresden. Leider.

Gerd Mucke, 04103 Leipzig

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 1. August 2007 (Printausgabe - Seite 16)
© Leipziger Volkszeitung

Keine Reste von St. Pauli

Uni-Campus-Bau von Funden nicht beeinträchtigt

Da war wohl doch der Wunsch der Vater des Gedankens: Beim Bau des neuen Universitäts-Campus am Augustusplatz wurden entgegen einer gestern anders verlautbarten Nachricht keine originalen Reste der 1968 gesprengten Paulinerkirche gefunden. Das „Wunder von St. Pauli“, wohl vor allem vom Paulinerverein sehnsüchtig herbei gesehnt, fand demnach bei den archäologischen Arbeiten nicht statt.

Christoph Heiermann vom Landesamt für Archäologie Dresden: „Was als Sensationsfund deklariert wird, ist ein Ereignis, dass uns schon vor zwei Monaten beschäftigte. Die Mauerreste gehören aber mit absoluter Sicherheit nicht zur ehemaligen Paulinerkirche und sondern sind dem ehemaligen Dominikanerkloster zuzuordnen.“ Es handele sich um einen im 14. Jahrhundert aufgegebenen Brunnen sowie um zwei Mauerreste aus dem späten Mittelalter, deren bauliche Funktion unklar ist.

Laut Heiermann werden diese Relikte auch nicht geborgen, sondern beim Campusbau als Bodendenkmal mit einer Platte überdeckt und gesichert. Bei vielleicht in 500 Jahren anstehenden neuen Aufschlüssen hätten die Fachleute dann sicher ganz andere technische Möglichkeiten, um Geheimnissen neu auf die Spur zu kommen. Heiermann wundert sich, wie eine an sich unspektakuläre Nachricht „so verfälscht werden kann“. Wahrscheinlich sei dies auch dem noch immer in Leipzig schwelenden Grundkonflikt über das Pro und Contra zum originalen Wiederaufbas der Universitätskirche geschuldet.

Auch das Sächsische Finanzministerium in Dresden bestätigte: „Entsprechende Medienberichte sind konstruiert und entsprechen nicht der Sachlage. Der Fortgang der Bauarbeiten am neuen Universitäts-Campus ist nicht berührt.“ Universitäts-Rektor Franz Häuser verweist auf denkmalschutzrechtlichen Maßgaben. Es sei davon auszugehen, dass der Freistaat danach verfährt.

tom

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Leipziger Internet Zeitung

Leipzigs wichtigste Ausgrabungsstätte: Kies drüber, fertig, schweigen?
Archiv Leipzig aktuell veröffentlicht von Ralf Julke am 06. Aug 2007
Ein Brunnen? Foto: Wieland Zumpe"Die auf der Campus-Baustelle der Universität Leipzig gefundenen Mauerreste sind keine Reste der ehemaligen Paulinerkirche. Entsprechende Medienberichte sind konstruiert und entsprechen nicht der Sachlage", teilte das Sächsische Finanzministerium am 31. Juli mit. Auch die LIZ nahm an: Die amtliche Nachricht wird schon stimmen. War ja nichts zu sehen auf der Riesenbaustelle. Aber genau das hätte zu denken geben müssen. Warum eigentlich nicht?

Waren die Bauarbeiter, die 1968 beordert worden waren, die Trümmer der gesprengten Paulinerkirche zu beseitigen, so gründlich gewesen, dass kein Stein, kein Fundament, kein Sockel mehr im Boden blieben? Für die Eile, mit der damals die Zeugen Leipziger Geschichte beseitigt wurden, eigentlich unvorstellbar. Davon gingen auch die Mitglieder des Paulinervereins aus, die seit Jahren um den Wiederaufbau der 800 Jahre alten Universitätskirche gekämpft hatten und auch alles zusammentrugen, was irgend noch an Zeugnissen zu finden war über die Kirche und mögliche Reste.

'GeborgeneDie Vermutung, dass 1968 nicht alles ausgebaggert und entfernt worden war, brachte den Verein immer wieder zum Insistieren beim bauzuständigen Finanzministerium. Am 18. Juni, als nach dem Abbruch der Ost- und Südbereiche im alten DDR-Uni-Campus die Schachtarbeiten begonnen hatten, erbaten sie sich eine Baustellenbesichtigung und konnten mit eigenen Augen feststellen, dass ihre Vermutungen stimmten: Teile der Nordwestecke der Kirche waren deutlich zu sehen. "Dies stellt - ganz abgesehen von archäologischen Gesichtspunkten - insofern eine Sensation dar, als es der SED nicht gelungen zu sein scheint, die Universitätskirche vollständig zu vernichten", schrieben Dr. Ulrich Stötzner, Dr. Christian Jonas und Gerd Mucke am 22. Juni an Sachsens Ministerpräsidenten Dr. Georg Milbradt. Nicht aus lauter Freude, sondern aus Besorgnis, denn schon am 19. Juni waren die Mauerreste augenscheinlich planiert worden.

Reste des Fürstenhauses - von Stahlpfeilern durchbohrt. Foto: Wieland ZumpeEs war nicht der erste Fall: Auch Mauerreste der einst westlich der Paulinerkirche stehenden Gebäude - Mauricianum und Fürstenhaus, waren derart schnell wieder unter Kies verschwunden. Thomas Westphalen, Chef des Landesamtes für Archäologie, bestritt die Vorwürfe der Pauliner in den nächsten Tagen, verlautbarte, alle gefundenen Reste würden von seinem Amt dokumentiert und niemand zwänge die Archäologen am Bauplatz zur Eile. Dass der Uni-Campus zum 600jährigen Jubiläum 2009 fertig sein müsse, sei kein Grund, die Baustelle nicht wie vorgeschrieben zu dokumentieren. Der Bauherr mache keinen Druck.

Doch die Aussagen scheinen in dieser Lesart nicht zu stimmen: Während in der Dresdener Altstadt, wo ein ganz ähnlicher "Bau-Boom" entfacht wurde wie in Leipzig, jede neue Baustelle als archäologisches Grabungsfeld erschlossen und mit höchster Prominenz eröffnet wird, geht der Freistaat just an einer der sensibelsten Stellen im historischen Untergrund der Stadt Leipzig mit der Brechstange vor. Ganze Fotoserien, die Wieland Zumpe mittlerweile für den Paulinerverein gefertigt hat, erzählen eine andere Geschichte als die trügerische Botschaft des Finanzministeriums. Deutlich sind Mauerreste, Gewölbe und Gruftreste zu sehen. Nicht nur in der Mitte der Baustelle, wo man jetzt den Fund eines mittelalterlichen Brunnens verkündet hat, sondern gerade dort, wo bis zum 30. Mai 1968 die Paulinerkirche stand.

Deutlich unterm Niveau der einstigen Kirche, wie auch Thomas Westphalen beteuert. Aber genau das ist der springende Punkt. Denn augenscheinlich bewegen sich die Bauarbeiten in der Tiefe der einstigen Grüfte unter der Paulinerkirche, die über Jahrhunderte die beliebteste Grabstätte für prominente Leipziger war - Bürgermeister, Professoren. Und einige der Aufnahmen belegen, dass auch die Landesarchäologen auf diese Reste stießen und in aller Eile verpacken, was sie aus dem Boden kratzen können, bevor die nächste Planierraupe kommt. Auch das zeigen die Fotos: Wie Funde in aller Eile vermessen werden und schon am nächsten Tag frischer Kies alles verbirgt. Oder wie gezielt Kiesberge aufgeschüttet werden, um Neugierigen in der Grimmaischen Straße den Einblick zu verwehren.

So machen auch die dichten Planen an den Bauzäunen Sinn: Kiebitze sind an dieser Stelle, an der 1216 das Dominikanerkloster gegründet wurde und zuvor Wehranlagen der Stadt standen, nicht erwünscht. Eine medienträchtige Ausgrabung gar wie auf dem Dresdner Altmarkt, schon gar nicht. Dass man durch monatelange Grabungen den Bauablauf nicht gefährden will, wäre verständlich. Aber genau das hat der Landesarchäologe abgestritten. Um so fragwürdiger ist also, wenn Stahlträger mitten durch die sichtbaren Mauerreste getrieben werden, Ziegel und Steine eiligst zugeschüttet und die gefundenen sterblichen Überreste im Laufschritt fortgeschafft werden.

Es ist - wie es die Mitglieder des Paulinervereins sehen - eine Zweitauflage dessen, was 1968 geschah: der staatliche Versuch, Geschichte zu retuschieren, ungesehen zu machen. Im besten Fall: das Eilig-Geborgene in den Kammern des Landesamtes für Archäologie zu sichern. Und auch damit für die Leipziger unsichtbar zu machen. Aber auch dann ist ein offizieller Satz von vorn bis hinten falsch: "Die auf der Campus-Baustelle der Universität Leipzig gefundenen Mauerreste sind keine Reste der ehemaligen Paulinerkirche."

Selbst die Reste von Fürstenhaus und Mauricianum wurden behandelt, als gäbe es an diesem über mindestens 800 Jahre besiedelten Fundort nichts zu finden. Kein Keller wurde freigelegt, keine Suche nach möglichen Bodenfunden gestartet. Kies drüber. Baustelle. Den Termin 2009 werden die Campus-Bauer auch bei der jetzt angeschlagenen Eile kaum halten können. Doch die Hatz passt ins Bild einer Verwaltung, die vorsorglich schon einmal 1.200 Quadratmeter Verkaufsfläche geplant hat an der Grimmaischen Straße. Shoppen statt Kirche ist die Devise. Es gibt ein paar Leipziger, die sich das nicht gefallen lassen wollen.



www.paulinerverein.de [1]

Keine Reste der Paulinerkirche auf Campus-Baustelle - dafür ein Fenster ins Mittelalter [2]



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Dokumentation Zerstörte Grabstätten der Universitätskirche

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