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Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 27. März 2008 (Lokales - Seite 19)
Einmalige FotodokumenteDie Sprengung der Paulinerkirche aus bisher nicht bekannter Perspektive40 Jahre ist es in diesem Jahr her, dass die Universitätskirche St. Pauli gesprengt wurde. Weil der SED-Staat seine neue sozialistische Universität auch mit einem Neubau präsentieren wollte, musste die Jahrhunderte alte Paulinerkirche weichen. Die Dokumente zu diesem Akt der kulturellen Barberei sind mittlerweile vielfältig und wurden, so meinte bis dato auch der Leipziger Fotograf Armin Kühne, in den vergangenen Jahren eigentlich erschöpfend veröffentlicht. Die ihm aber jüngst von dem in Berlin lebenden Neurologen i. R. Otto Andree übergebenen Fotodokumente beweisen das nicht nur den Fotochronisten Kühne überraschende Gegenteil. Die nun erstmals publizierten Aufnahmen dokumentieren vom noch kompakt dastehenden Kirchenbau, dem Neigen des Turmes bis zur riesigen Staubwolke den Fall des Gotteshauses an jenem 30. Mai 1968, 10 Uhr, aus einer ungewöhnlichen Perspektive. Kühne: „Aufgenommen wurden die Fotos mit Blick aus dem Stadtzentrum. Der Fotograf, der uns nicht bekannt ist, muss in einem Obergeschoss oder auf einem Dach der Häuser am Neumarkt postiert gewesen sein.“ Otto Andree kann sich wie die ehemalige Medizinstudentin Charlotte Stuhr, von der er wiederum vor Jahren die Bilder bekam, nicht mehr daran erinnern, wer der Autor der Aufnahmen war. Andree: „Die Dokumente lagen bei mir über Jahre vergessen in einem Karton. Als ich den mal aussortierte, fielen sie mir wieder in die Hände. Ich rief meinen Freund Armin Kühne an und fragte ihn, ob das denn nicht für ihn von Interesse wäre.“
Charlotte Stuhr, seit langem in Aschersleben zu Hause, kann sich noch an die letzten Gottesdienste in der Kirche erinnern. Noch am Tag vor der Sprengung war sie auf dem Augustusplatz und sah Leipziger, die nicht glauben wollten, was geschehen soll. Diese Blicke, dieses Gefühl der Ohnmacht, so Stuhr heute, werde sie nie vergessen. Stadt-Fotograf Kühne und alle anderen Beteiligten wüssten 40 Jahre später nur zu gern, wem die besagten Fotodokumente, die ja eigentlich gar nicht aufgenommen werden durften, zu verdanken sind. Thomas Mayer
Fotos: Hans Bleier_____________________ Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 29./30. März 2008 (Lokales - Seite 20)
Die Fotos des Hans BleierBild-Dokumente von der Sprengung der Paulinerkirche werden von Lesern identifiziertBilder können Geschichten erzählen. Das klingt wie eine Plattitüde, ist aber wahr. Auf die Veröffentlichung von bis dato unbekannten Fotos von der Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968 (siehe LVZ vom 25.3.) gab es eine breite, so wirklich nicht zu erwartende Resonanz und dabei auch die Beantwortung der Frage, wer denn die Zerstörung derart im Bild festhielt. „Die Fotos hat doch dein Hans gemacht hat“, sagte sich beim Lesen der Leipziger Volkszeitung Ruth Bleier aus Gohlis. „Ihr Hans“ ist ihr 1993 verstorbener Ehemann Hans Bleier, 1968 Geschäftsführer des in Leipzig ansässigen Schreibgerätewerkes Garant. Bleier war begeisterter Hobbyfotograf und als solcher für die damaligen Zeiten bestens ausgerüstet. Da er als Kirchenvorstand der Leipziger Friedenskirche Bruno Kötz, den Amtmann der Thomaskirche gut kannte, ermöglichte der ihm an jenem Vormittag den Aufstieg auf den Turm. Ruth Bleier war mit dabei. Auch sie wollte das „schreckliche Schauspiel“ erleben und erinnert sich: „Hans legte die Kamera mit dem Teleobjektiv auf die Brüstung und löste in schneller Folge aus. Noch am selben Tag hat er dann den Film mit der Post zu Freunden nach Frankfurt/Main gesandt, um ihn dort entwickeln zu lassen. Er traute es sich nicht, das in Leipzig in Auftrag zu geben. Sie wissen, die Stasi ...“ Später sind in Leipzig Abzüge gemacht worden, so dass nicht nur der Fotograf selbst im Besitz der Foto-Dokumente war. An die Öffentlichkeit waren seine Bilder aber auch nicht in neuen Zeiten gekommen. Ruth Bleier dazu: „Daran haben wir nie gedacht. Jetzt ist es doch um so schöner, damit an meinen Mann erinnert zu werden.“
Thomas MayerDokumentation Zerstörte Grabstätten der Universitätskirche ____________________ |